vonkirschskommode 09.04.2020

Kirschs Kommode

Komplett K: Kommodenfächer & Kurzwaren, Krimi & Kinder, Klasse & Küche, Kybris & Kirche, K-Wörter & Komfort.

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Was bislang geschah: Schöne Alte Fahrzeuge! Barbara Jakomir, mutmaßliche Beteiligte an Anschlägen auf Gräber alter Nazis verübt von einer Gruppe namens S.A.F, arbeitet in einer Nischenfirma namens Schöne Alte Fahrzeuge! Die spöttliche Vorsehung, die den auf einem gesprengten Grab ermordet gefundenen Polizisten Dellmann heißen ließ, den intriganten Staatsanwalt Nebelung, zwei muskulöse Wachmänner Kolbe und Breker sowie den Pathologen Siechner, schlägt sie hier wieder zu? Der immerzu über alles und jeden informierte Theaterinzspizient Speichert hat Kriminalkommissar Wengath getroffen, oder ihm aufgelauert, ihm alles über Frau Jakomir erzählt, was er wusste, was einiges war, und ihn während des Erzählens mitgenommen zu dem unwirtlichen Ort, an dem die Verdächtigte ihr Geld verdient: ein Wohnwagen auf einem unbefestigten Autostellplatz. Welche Rolle Speichert selbst spielt, wird Wengath nicht klar. Auch eine Recherche in den Datensätzen der Polizei fördert nichts zu Tage.

Wenn er ein V-Mann der Kripo wäre, müsste ich ihn finden. Tu ich aber nicht.
Lene Marcks gab ihrem Drehstuhl einen kleinen Schubs, ihre Schenkel parkten an Wengaths. Die Dunkelheit zwischen den langen Regalreihen des Archivs war nah an die kleine Glocke Lampenschein herangekrochen, in der sie saßen. Blau flimmerte das Fenster des Computerbildschirms auf dem Tisch neben ihnen. Im Moment waren sie allein, aber jederzeit konnte die Tür aufgehen, ein Luftsog unter den Regalen hindurch spürbar werden, Schwittmann hereinplatschen: Liebespaa, küsst euch maa! (Und schoben nur die Hände ineinander: Zehnkampf der Finger).
Er behauptet auch nur, er sei V-Mann bei euch gewesen. Den Kontakt hätte er über deine Kurse für Autoren geknüpft.
Nää.
Sie sammelte Gedanken von fern; Wengaths Bein kam plötzlich allein neben dem Stuhl stehen, kalte Luft kippte in die sich auftuende Lücke.
Das war anders. Er hat uns damals geholfen, den mysteriösen Tod einer Schauspielerin am Deutschen Theater aufzuklären, die von einer Kulisse erschlagen worden war. Das Stück musste abgesetzt werden, die Kulisse verschwand natürlich und wir standen ohne Möglichkeit der Rekonstruktion da. Bis wir auf Speichert kamen. Es gab eine Tonbandaufnahme der Aufführung und anhand von der konnte Speichert das Stück sozusagen trocken durchschalten, wir wussten danach, wo in welcher Sekunde welche Lampe gebrannt hatte und welcher Bühnenkran sich drehte. So haben wir das dann rekonstruiert. Und ich hatte bei Speichert angeregt, das ganze mal zusammen zu fassen, weil ich die Geschichte für Krimiautoren nicht uninteressant fand.
Dann lässt er durchblicken, er wäre darüber quasi zum Stasiagenten geworden. Jedenfalls in den Augen der anderen. Behandelt diese Geschichte als den Sündenfall seines Lebens, als den Hemmschuh für alles, was mal aus ihm hätte werden können.
Wie schön für ihn, dass wenigstens er weiß, woran es liegt.
Sie lehnte ihre Schenkel wieder an seine, diesmal wie zum Ausruhen:
Die Staatssicherheit hing allerdings tatsächlich mit drin in der Schoose. Die Schauspielerin hatte Westkontakte, sogar einen Ausreiseantrag gestellt, ihr Tod war ein Politikum. Und dass Speichert uns sauber nachweisen half, dass ein dummer Unfall ihr das Leben gekostet hatte, haben ihm viele übel genommen.
Und ist es ausgeschlossen, dass er immer noch für die Firma arbeitet? Umsonst zeigt der mir doch nicht, wo die Saff ihr Auto parkt.
Sie schüttelte den Kopf:
Die Stasi bezahlt heute keinen mehr, die sind längst alles arme Schlucker auf der Nehmerseite. Wie wärs mit Rache? Speichert hätte Motive. Vielleicht beachtet Jakomir ihn nicht, sie ist hübsch, er ein eitler Mann. Vielleicht ist er aber auch nur auf den, wenn du so willst, künstlerischen Erfolg der Saff eifersüchtig. Du bist ja selbst auf ihn gekommen, weil du fandst, die Saffler würden sich wie Schriftsteller benehmen. Aber noch nicht mal im Bombenverlag S.A.F. lassen sie ihn publizieren. Obwohl er die Leute lange kennt und sie ihn.
Bombenverlag S.A.F. – da steckten sie also, seine Künstler: Schöne Alte Fahrzeuge GbR. Gebrauchtwagen und Anderes von Privat zu Privat. Es war ein Witz. Das Langbein hatte Wengaths Verblüffung genossen angesichts des Firmenschilds: Vom Puppenwagen bis zum Laster: Alles was Räder hat: Wollt ihr mich verarschen?! Eine typische Nischenfirma für Wettbewerbsverlierer war das. Die höchstens ein paar hundert Mark im Monat abwarf Andererseits, zugegebenermaßen, weder viel Arbeit, noch größere Unkosten verursachte: Stellen Sie Ihr Auto ganz einfach auf unseren Parkplatz, sobald sich jemand dafür interessiert, rufen wir Sie an. Speichert hatte ihm noch einmal auf die Schulter geklopft:
Der Nissan, das ist deren Auto. Sobald nen Kranz drin liegt, ist der für Karajan. Mein Wort. Soll ich Sie noch eben mit Barbara bekannt machen? Die sitzt da im Wohnwagen und liest.
Wengath hatte abgelehnt. Was vielleicht ein Fehler war, er hätte sicher ein noch genaueres Bild gewonnen, wenn er die beiden zusammen im Gespräch erlebt hätte. Doch man trug ihm die Saff nach, Speichert, Kolbe, Breker: Hier greif zu, hab deinen Erfolg, lös deinen größten Fall! Und er wollte nicht. Nicht, bevor er nicht heraushatte, was Dellmanns Tod mit der Gruppe zu tun hatte. Ertappte sich bei der Gelegenheit dabei, dass er die Gruppe längst gegen den Mordvorwurf in Schutz nahm – aha, so weit war es mit ihm gekommen! War er nicht, seitdem der Fall vom Fall der 240 Plastikwecker zum Fall Dellmann mutiert war, schon immer Partei?:
Nein, danke. Den Rest kann ich alleine.
Und war was froh gewesen, als das lange Elend endlich auf und davon stakste. Jetzt mit hochgezogenen Schultern, angelegten Armen, die ausgestopfte Jacke leicht nach vorn gekippt: Wärst du bloß endlich in Australien!
Er stand auf, tauchte mit dem Kopf aus der Lichtglocke ins Dunkel der Regalfluchten:
Ich weiß nicht, ob es nur Speicherts Eifersucht ist. Aber ich werde langsam paranoid. Ich sehe nur Truppen unterwegs, allesamt dazu abgestellt, mich zu überwachen. Dass ich den Fall auch ja schnell abschließe.
Lene griff seine Hand, zog ihn näher zu sich heran (oder senkte die Stimme so, dass er automatisch näher heran musste):
Hör, in dem Zusammenhang: Du erinnerst dich an den andern armen Schlucker von der Nehmerseite? Der hat mir heute morgen Nachricht gegeben. Er hat sich für mich in den Zug gesetzt und ist nach Karlsruhe gefahren. Man kennt sich, von Tagungen, es war kein Problem. Die haben über das Projektil gefachsimpelt und es zu einer Waffe zuordnen können. Und jetzt halt dich fest: Es ist tatsächlich unsere Lady Protection, eine registrierte Kleinpistole, Familientragödie ohne Überlebende. Dellmann muss gute Verbindungen gehabt haben und sich die Waffe für seine Sammlung sichern können. Auch das fand sich in den Analen im BKA. Damit ist Dellmanns Selbstmord fast amtlich. Wie findstinn?
Er ließ sich wieder auf den Stuhl sinken. Sie grinste ihn an: Gelungener Streich! Zupfte ihre Kleider zurecht und fügte hinzu:
Der Mann will bescheidene 1500 Mark für seinen Dienst. Dafür ist er außerdem bereit, das Projektil zu verwahren und vor Gericht auszusagen. Wir werden ihm das Geld bloß leider privat geben müssen.
1500 Mark, das waren 50 bis 70 Flaschen gehobenen Weins. Einen erstklassigen Weinkeller, den musste er sich irgendwann einrichten. Das war er seiner Herkunft, seiner Abend für Abend trinkenden Mamá, seiner humanistischen Bildung war er das schuldig. Aber auf 50 Flaschen kam es wirklich nicht an, als Kommissar gehörte er ja wohl zu den Besserverdienenden:
Wenn du bereit bist, mit mir ein halbes Jahr Landwein zu trinken. Dann zahl ich das aus meinem Ersparten.
Sie schlang die schweren Taue ihrer Arme um ihn: Landwein! Auch Landwein! Sagte dann aber doch:
Wir verkaufen deinen Rokokoschrank, mein Lieber, wo denkst du denn hin!

In der zweiten Novemberhälfte wurde Bettina Mayer aus der Untersuchungshaft entlassen. Ohne Auflagen und mit Anspruch auf Entschädigung für die erlittene Haft. Wengath nahm es mit Erleichterung zur Kenntnis. Auch wenn damit längst nicht das Desaster aus der Welt war, das Nebelungs überzogener Polizeieinsatz den Künstlerinnen verursacht hatte: Von 21 Frauen war eine tot und die anderen 20 wohl unwiderruflich aus ihrem Beruf gekickt. Die Senatsverwaltung des Innern weigerte sich indes standhaft, wenigstens die materiellen Schäden zu ersetzen: Wer wisse schon, argumentierte die Verwaltung, ob nicht manches, was den Frauen zerstört worden war, nicht schon vorher Müll gewesen sei oder jedenfalls keine Kunst. Es sei mehr als unklar, ob eine der Künstlerinnen auch nur eines ihrer zerstörten Werke jemals hätte verkaufen können. Für Unverkäufliches könne und dürfe es aber kein Geld geben. Wenn die Künstlerinnen dennoch welches verlangten, dann nur, um sich auf Kosten der Steuerzahler gesund zu stoßen.
Darüber hinaus hörte Wengath nichts von seinem Fall. Nichts von den Ergebnissen der Razzia im Büro von Staatsanwalt Nebelung, von der er nur wusste, dass sie stattgefunden hatte. Nichts, von Nebelung selbst. Nichts auch von Inspektor Biminski, der den Tod von Nwgabe untersuchte. Biminski hatte versprochen, Wengaths Hinweisen auf einen Konflikt zwischen Nwgabe und seiner Schwiegermutter nachzugehen. Aber Monika Dellmann-Nwgabe, die er dazu hätte befragen müssen, war nach dem Tod ihres Mannes zusammengebrochen. Und es gab keinen Grund, nicht abzuwarten, bis sie sich ein wenig erholt hatte. Eine Befragung der Schwiegermutter verbot sich von selbst, bevor man nicht eine Aussage der Ehefrau hatte. Der Nissan-Lieferwagen der S.A.F. wurde durch einen unauffällig dort angebrachten Sender überwacht. Auch kontrollierte die Streife regelmäßig, ob sich auf dem Gelände von Schöne Alte Fahrzeuge etwas tat. Doch der Lieferwagen wurde nicht bewegt und es tat sich auch sonst nichts. Es gab bloß Kleinkram zu erledigen, das meiste war technische Unterstützung der Arbeit der uniformierten Polizei, Besichtigen von Tatorten, Spuren sichern lassen, Daten vergleichen und weiterleiten, Strafanträge zusammenstellen, telefonieren.
Er ließ die Schlösser an der Tür zu seiner Wohnung austauschen. Das half ein bisschen gegen die Taubengefahr, obwohl es an der Durchlässigkeit der Wände nichts änderte. Lene Marcks schlief viel bei ihm. Das half gegen die Durchlässigkeit der Wände etwas besser. Es kostete sie beide, Lene und ihn, Überwindung, zum ersten Mal von einer ihrer Wohnungen aus zusammen zur Arbeit zu fahren und dort vor aller Augen als Paar zu erscheinen. Aber es war, als hätten alle Kollegen längst damit gerechnet. Lene und er waren ganz einfach die Letzten gewesen, die bemerkt hatten, was sich zwischen ihnen anbahnte. Die Tage wurden weiter immer kürzer, dunkler, nasser, Frosteinbrüche, Schneematsch und Regen wechselten sich ab. O du fröhliche dudelte in allen Geschäften, Stille Nacht, die Fenster in den Häusern begannen bunte Blinkzeichen zu senden, das übliche Weihnachts-SOS vor dem Aufschneiden der gebratenen Gänse. Sie nahmen sich vor, den Rest des von Wengaths Mutter ererbten Weins auszutrinken, die vier oder fünf letzten Flaschen, und kamen noch nicht einmal dazu. Sie gingen zur Arbeit einerseits und andererseits zusammen ins Bett. Hätten sie Urlaub gehabt, wären sie gar nicht mehr aus dem Bett gekommen. Winterschlaf hätten sie gehalten. Wirklich ein Urlaub, das wäre gewesen, was sie gebraucht hätten.
Aber dann, ein Splitter Erinnerung, der seitdem in seinem Kopf saß wie hineingesprengt: Siechner war am Apparat gewesen, ganz plötzlich Siechner, der mit seiner typischen halb verschluckten Stimme ihm ins Ohr jappte:
Herr Wengath, ich lass mich einweisen. Ich komm hier sonst nicht raus. Es tut mir leid, ich …
Dann Stille, wie Unterdruck saugte sie sein Ohrläppchen an der Hörmuschel fest, es dauerte Sekunden, bis Wengath verstand, dass jemand auf der anderen Seite die Tür zu dem Zimmer aufgerissen hatte, in dem Siechner war. Er hörte Schritte, schnell und schwer wie das Aufprallen einen stumpfen Gegenstandes auf einer weicher werdenden Schädeldecke, dann Breker, wie er schrie, mit sich überschlagender, wutverzerrter Stimme:
Mit wem?! Mit Wengath?!

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