vonkirschskommode 14.04.2020

Kirschs Kommode

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Weil die Schreckstarre keine Ruhe bringt, ist die mit ihr eingetretene Stille laut, der ins gefühlt Unendliche ausgedehnte Nachhall des Schritts der Verheerung. Ich habe das bereits geschrieben (siehe Blogbeitrag vom 24. 03. 20 – Wider die Priester). Und bin dabei, wie nebenbei, auf ein Hauptthema zurückgekommen, zu dem sich in allen meinen Schubladen immer wieder Material findet. Wider die Priester, das hätte auch heißen können, wider die Illusion der Ewigkeit, wider den Traum der Unsterblichkeit, oder auch: wider die Unendlichkeit. Im Mittelpunkt unserer heutigen, kaum je bewusst als Religion wahrgenommenen Religion steht das Wachstum, dessen logische Voraussetzung die Unendlichkeit ist. Verkürzt gesagt, für die Anhänger des Wachstums ist die Erde nach wie vor eine Scheibe, an deren Rand zu gelangen unmöglich ist. Der Wunsch, den Weltraum als neuen Wirtschaftsraum zu erobern, ist nichts als eine Modifikation genau dieses Scheibendenkens, mit der den Erkenntnissen der Astronomie Rechnung getragen wird.

Ich schreibe das im Versuch, mich mit dem Corona-Virus etwas zu befreunden. No hay mal que por bien no venga, nichts Schlechtes gibts, das nicht sein Gutes hätte. Das Scheibendenken, die Eroberung des scheinbar unendlichen Raums als ewige Alternative zum tödlichen Gerangel um die besten bekannten Plätze, hat ein paar hunderttausend Jahre menschliche Erfahrung auf dem Buckel. Das erste Foto, das die Erde von außen, als kleinen Himmelskörper unter anderen Himmelskörpern zeigt, ist ungefähr so alt wie ich. Für die Kürze der Zeit, die es existiert, hat es viel bewirkt. Politische Bewegungen zum Schutz ökologisch wichtiger Ressourcen wären ohne es in jedem Fall schwächer.

Und nun das Virus – globale Existenz als körperliche Erfahrung. Was, noch scheibenhaft, als Umwelt empfunden wurde, drängt sich plötzlich als jeweils ganz eigene Mitwelt auf, in der An- und Abwesenheit vielleicht infizierter Mitmenschen; rudimentäres gemeinsames Handeln wird versucht, oft plump und ungeschickt, sowie beeinträchtigt vom zuvor als so normal unvermeidlich wie heilig wichtig genommenen und gepredigten Gegeneinander. Ob das die Erfahrung ist, die später ähnlich berührt wie das erste Foto der Erde im Raum?

***

Sich einen Reim auf das Virus in relativ abstrakten Gedanken zu machen ist in mancher Hinsicht leichter, als es konkret zu tun. Auf Virus reimt sich nichts. Aber einmal gedanklich ein klein wenig mit ihm befreundet, fiel es mir weniger schwer, zu dem Grad notwendiger Albernheit vorzustoßen, der dann doch Versuche ermöglicht. Ich kann das Wort in seine Silben teilen und Reime suchen für das ir und das us. Die erste Silbe, ir, muss immer betont bleiben, damit das Ergebnis klanglich überzeugt. Viel Sinn lässt sich dabei nicht abmelken, abgesehen vom Spaß, den die Versuche vielleicht machen. Ein Reimpaar, immerhin, hatte so viel Aussagekraft, dass ich es noch durch ein zweites sinnvoll ergänzen konnte.

Hinab den Schlund: Der Bierguss
spült es dir weg, das Virus.

Was Pflanze, Mensch und Tier muss,
ist sterben. Sagt das Virus.

Das Übelste am Virus?
Der salbungsvolle Wir-Stuss!
Die Seuche trifft nicht alle gleich:
Arm wird ärmer, Reich bleibt reich.

Jetzt ist mal mit der Gier Schluss!
Profit? Kassiert das Virus.

Ich fahr genau bis hier Bus,
auch wennchs mir hol, das Virus!

Sekrete, Rotz und Schmierfluss
gibts mit und ohne Virus.

Du knutschst mich trotz des Virus?
Du gibst mir den Vampirkuss!

Die Schützin weiß es: Ihr Schuss
trifft viel. Doch nicht das Virus.

Statt Zwei bloß eine Vier plus
in Mathe! Schuld hats Virus.

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