vonkirschskommode 16.04.2020

Kirschs Kommode

Komplett K: Kommodenfächer & Kurzwaren, Krimi & Kinder, Klasse & Küche, Kybris & Kirche, K-Wörter & Komfort.

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Was bisher geschah: Mit einem Telefongespräch mit dem Pathologen Dr. Siechner haben in der Folge 1 Wengaths Erinnerungen eingesetzt, genauer mit dessen gewaltsamer Unterbrechung. Den ganzen Fall der 240 Plastikwecker führt der Kriminalkommissar sich seitdem Folge für Folge vor Augen, alle Vorkommnisse während seiner Ermittlungsarbeit, bis hin zu dem letzten, als der Theaterinspizient Speichert ihm das Auto der S.A.F gezeigt hatte, mit der Bemerkung, liege ein Kranz darin, dann sei der für das Grab von Karajan, das als nächstes gesprengt werden solle. Aber in der Zeit unmittelbar vor Siechners Anruf war es still. Auf nichts, was Wengath angeleiert hat, ist irgendetwas zurückgekommen, nichs hat sich bewegt. Dann besagter Anruf. Bevor Wengath etwas sagen kann, hört er, wie am anderen Ende die Tür aufgerissen wird, hört eine Stimme, Brekers Stimme, und Breker brüllt:

Mit wem?! Mit Wengath?!
Und der Schuss. Unmittelbar an seinem Ohr. Scharfes Metall fraß sich in Plastik hinein, das kreischend auseinander flog, dann wieder Stille, aber der Raum verschwunden, gekappt, nur das weiße Rauschen des eigenen Gehörs, das sofort darauf in Klingeln überging, vieltönig und schrill, begleitet von einem, untergründigen, schmerzlichen Pochen: In die Sprechmuschel! Durch die Kabel bis zu ihm! Ein glatter Ohrdurchschuss war das, durch die unteren Lappen seines Hirns und zum anderen Ohr wieder hinaus: Er war liquidiert, fernliquidiert. Durch seinen Kopf konnte man hindurchsehen wie durch ein Pusterohr.
Der Hörer lag auf seinem Schreibtisch, gab unaufhörlich das Besetztzeichen von sich. Was war jetzt mit Siechner? Wo hatte er sich genau befunden, als der Schuss losging, der das Telefon zerschlug? War das Pusterohr am Ende auch in Siechners Kopf? Er konnte nicht denken, Liquidierte können nicht denken. Weg also mit den Gedanken an Siechner, das war ein Fall für die Feuerwehr, den Rettungshubschrauber, sollten die hingehen, anfliegen, die Tür aufbrechen, vielleicht lebte das Vieh ja noch, der bleiche Totentänzer! Und hatte mechanisch schon die Gabel des Telefons nach unten gedrückt, als das Freizeichen ertönte drei Nummern gewählt, Vorfall gemeldet, Ort, Uhrzeit, genauere Umstände, Schuss gehört durchs Telefon, die blieben ganz sachlich, hart im Nehmen: Aha, Schuss. Alles klar. Wir danken für Ihren Anruf. Tatütata.
Der ganze Fall zog ihm durch den Kopf, es war ein Gräuel, nicht denken zu können, 240 Plastikwecker, Dellmann unter seiner Plane, Paprika in Alufolie, die Uha und Balu-Balu, eine nicht zu stoppende Flut bunter Bilder. Das Schrillen im Ohr, das Pfeifen des Winds durchs Pusterohr im Hirn brachte sie mit sich. Und immer neue, die blasenspuckende Flasche, das dickflüssig schwarzkarierte Gehwegpflaster neben Nwgabe, die Nacht der Sanscoulotte im Amtszimmer: Kein Aufschluss. Er war ein bald vierundfünfzigjähriger Kriminalkommissar, gewissenhaft und langsam, aus gutbürgerlicher Familie (wobei freilich seine Mutter schon bessere Tage gesehen hatte), ohne akademische Laufbahn, aber belesen, und frisch verliebt in eine Frau, so alt wie er, die ebenfalls belesen war, sogar einen Doktor hatte, dafür aus denkbar kleinen Verhältnissen kam (wenn auch ihr Vater im Arbeiter- und Bauernstaat schnell aufgestiegen war), er schloss nicht so leicht eine Akte, sondern wartete lieber ab, ob sich nicht doch noch ein weiteres, vielleicht endlich aufschlussreiches Detail finden ließe: Immer noch kein Aufschluss, das half ihm jetzt auch nicht. Er erfuhr seit bald vier Wochen nichts von seinem Fall, das war es, was nicht stimmte: Wenn er nichts erfuhr, dann weil er nichts erfahren sollte.
Biminski, ganz Achselzucken, machmalhalblang, rote Haarkräusel obendrüber, pflückte sich schließlich die Brille von der Nase, als er immer noch nicht zu Wort kam, stützte sich mit den Ellbogen auf seinen Schreibtisch und putzte die Gläser:
Ist doch gaga, was du erzählst.
Ich kann doch wohl noch lesen. Nwgabe hat versucht, seine Schwiegermutter per Brief zu überzeugen, dass seine Ehe mit Frau Tochter Monika von Gott gewollt ist und dass sie sich bitte nicht dagegen stellen soll. Wieso geht ihr dem nicht nach?
Welche Ehe?
Biminski setzte die Brille wieder auf, lehnte sich zurück:
Ist doch völlig gaga. Die haben nie zusammen gewohnt, die waren ja zum Schluss noch nicht mal mehr befreundet. Angst hat sie vor ihm gehabt. Was denkst du, dass wir nicht mit Monika Dellmann reden. Na, selbstverständlich haben wir sie vernommen. Aber was du willst, ist so weit weg von allen ihren Aussagen, das haben wir aussortiert. Na, Entschuldigung, dass wir dir das nicht mitgeteilt haben! Du spinnst.
Schob den Drehstuhl, drehte ihm den Rücken zu, griff links in seine Papiere, wedelte rechts mit dem Daumen am angewinkelten Arm, Richtung Tür:
Komm, Wengath, halt mich nicht auf.
Aber das Protokoll stand ihm zu, das war dienstöffentlich, gippsher, Hohn Biminski, und ich troll mich. Nach der Haussuchung bei Nebelung fragte er lieber erst gar nicht. Sowieso war die Frage beantwortet: Er hatte seine Dienstpistole, hatten Kolbe und Breker ihre Waffen also auch.

Monika Dellmann-Nwgabe war immer noch im Krankenhaus, dort, wo DroOrg sie auch vernommen hatte. Nicht Neurologie, wie Wengath vermutet hatte, Gynäkologie. Zwischen Schwangeren, die ächzend auf ihren Geburtstermin zuwatschelten, und müden Müttern gerade geborener zerknautschter Säuglinge, im Geruch von saurer Milch und frischen Blumen. Sie saß vor ihm auf dem Krankenbett, im blauen Bademantel, den er schon kannte, hatte ein wenig gelächelt, als er zur Tür herein gekommen war. Die letzte Vernehmung galt ihr also als vertrauensbildende Maßnahme, so wundersam gings zu im menschlichen Leben. Die Zimmernachbarin trug ihren prominenten Bauch vor sich her zur Tür hinaus, als Wengath sich setzte. Eine rauchen. Oder die Blase. Nette Geste, jedenfalls. Aber Monika Dellmann-Nwgabe antwortete trotzdem nicht, auch das kannte Wengath schon. Starrte nur in ihren Schoß, auf das Geknäul von Nachthemd, Bademantel und Bettdecke.
Sie sind doch nicht schwanger?
Sie biss auf ihre Unterlippe, kniff die Lider zusammen, ließ Wasser die Wangen hinablaufen, sah ihn dann an, rote Augen, nasses Gesicht: Was soll ich mit nem Taschentuch? Issja doch gleich alles wieder betränt. (Zog nicht mal den Rotz mehr hoch):
Ich sollte ja abtreiben. Aber kannichnich, geht nicht. Jetzt bin ich unter Beobachtung.
Aber wieso sollen Sie abtreiben? Wer sagt denn das?
Sie hielt das nasse Gesicht nach unten, den Haarstrippenvorhang zugezogen. Es half nichts, er musste nachsetzen:
Das Kind ist von Dschoang?
Und bemühte sich, den Namen sanft und korrekt wie möglich auszusprechen, das D fast vollkommen aufgeweicht, am Ende das g wie in Klammern, wie vorhanden und nicht vorhanden, die ganze Frage kaum mehr als geflüstert. Und blieb dann stumm sitzen, starrte auf den Fußboden vor sich, bis Monika Dellmann aufhörte zu schluchzen, ihr rotes Gesicht ihm wieder entgegen hielt.
Aber das ist doch barbarisch. Wer will denn so etwas von Ihnen?
Sie schüttelte den Kopf. Musste er sich wieder was ausdenken, Vermutungen zu Tatsachen umdichten, zu einer rührenden Geschichte:
Sie müssen mir helfen, Frau Dellmann-Nwgabe. Sie müssen mir die Wahrheit sagen, jeder Hinweis hilft. Wissen Sie, warum Ihr Vater sich erschossen hat? Weil es Minuten, vielleicht nur Sekunden vor seiner geplanten Ermordung, die einzige Möglichkeit war zu sagen: Das, was ihr hier finden werdet, stimmt nicht, die Terroristen der S.A.F. haben mich nicht ermordet, jemand anderes wollte das tun. Ich nehme das sehr ernst. Und wissen Sie, wer die ganze Zeit versucht zu verhindern, dass ich die finde, die ihren Vater dahin getrieben haben? Mein Vorgesetzter. Ein Staatsanwalt. Nebelung.
Sie griff den Bettpfosten mit beiden Händen, starrte Wengath an:
Herr Nebelung.
Ich habe mir gedacht, dass Sie ihn kennen. Ein Studienfreund ihrer Mutter, vermute ich, alter Freund der Familie.
Sie legte die Arme wieder zurück auf ihren Schoß, nahm das Gesicht nach unten, versteckte es hinter dem dünnen Haar. Aber das Gezippel wippte ein bisschen auf und ab, sollte wohl heißen: Ja. War Nebelung also zusammen mit der Mutter bemüht, eine Familientragödie unter der Decke zu halten. Die er von Amts wegen hätte aufklären sollen: Na, warte! Aber er musste, bevor er sich grimmig freute, über das, was sich hier an Vermutungen bestätigte, sein Frage-Opfer weiter streicheln, lieb sein, sich die Familientragödie erzählen lassen. Und er fischte die Kopie von Nwgabes Entwurf eines Briefes an seine Schwiegermutter aus der Tasche.

Die letzten Monate seines Lebens hatte der dicke Dellmann mit einer manischen Suche verbracht. Er blätterte die Kataloge der Staatsbibliothek durch, er erinnerte sich an alles, was ihm während des Computerlehrgangs der Polizei schwer gefallen war und suchte im Internet. Keinen Ausländerverein in der Stadt gab es, den er nicht anrief, mit der Frage, ob sie nicht etwas zum Thema wüssten. Er bekam heraus, dass die Wissenschaft vom Menschen sich Anthropologie nennt und telefonierte sich zu namhaften Anthropologen durch. Erfuhr von der Tempelprostitution im Kleinasien der Antike, bei der sich der Liebesgöttin geweihte Frauen Wildfremden hingaben, von den Eskimos (oder Inuit, wie er lernte), die dem Weithergereisten Frau und Bett anboten, ja, aufdrängten. Begann sogar eine Zeit lang von Brasilien zu schwärmen und wollte, Brasilianer sehen und sterben, unbedingt nach Rio reisen. Suchte schließlich Gleichgesinnte. Mitglieder für seinen Kampfbund. DKPVDA. Der Deutsche Kampfbund zur Planmäßigen und Vollständigen Durchrassung des Abendlandes. Postulierte: Die rein innerethnische Zuchtwahl müsse auf Dauer zur Verarmung, zu Erbkrankheiten, zur Schwächung führen, wie an Königshäusern und Hunderassen exemplarisch zu sehen sei. Ein kräftigeres, erbgesünderes und schöneres Menschengeschlecht hingegen könne nur durch Rassenvermischung entstehen. Den Deutschen, mit ihrer einzigartigen Fähigkeit, sich als ganzes Volk bedingungslos einem einmal von ihren Führern gefassten Plan zu unterwerfen, falle die historische Aufgabe zu, der Welt auch hierin voranzugehen. Kein wahrer Deutscher, keine wahre Deutsche im vermehrungsfähigen Alter dürfe sich künftig bei der Partnerwahl noch von den Zufälligkeiten leiten lassen, die bislang die Reproduktion der Menschheit in Gang gehalten haben. Sondern müsse bewusst und aufopferungsvoll von überall aus der Welt einen Partner wählen, dessen Hautpigmentierung, Gesichtszüge, Haarfarbe und Körperbau so unterschiedlich wie möglich zu den eigenen Merkmalen ausfielen. Innerhalb nur einer Generation könnte so ein genetisch verjüngtes, biologisch erstarktes Deutschland entstehen. Das überdies durch seinen überdurchschnittlichen Reichtum an Geburten und später an jungen Menschen (denn durch die systematische Einfuhr exotischer Partner würde sich die vermehrungsfähige Bevölkerung verdoppelt haben) den Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften der gesamten Europäischen Union decken würde. Dadurch würde Deutschland dann endgültig zur unangefochtenen Führungsmacht Europas aufsteigen, dabei die umgebenden Länder gleichsam mit hineinreißen in den Strom der fortschreitenden Durchrassung, bis zum endgültigen Erlöschen jedes innereuropäischen ethnischen Partikularismus. Und ein unter deutscher Führung neu-rassisch geeintes Europa, so postulierte Dellmann, wäre eben schon rein biologisch sowohl dem ethnisch zerrissenen Amerika wie dem beschränkt homogen alt-rassischen China haushoch überlegen. Was ihm die Weltherrschaft für tausend Jahre sichern würde.
Der dicke Polizist fand beim Pläneschmieden für diese große Zukunft allerdings nur einen einzigen geduldigen Zuhörer: João. Obwohl auch der ihm widersprach, weil ihm nur einfiel, was ihm immer einfiel, der liebe Gott. Das Reich Gottes sei doch durchrasst genug, meinte er. Aber da er sah, dass sein Schwiegervater nicht bis zum Jüngsten Gericht warten wollte, riet er ihm, seine Ziele doch erst einmal bescheiden mit der Gründung einer Fernheiratsagentur voranzubringen. Dabei könne er ihm bestimmt sogar helfen, jedenfalls was Mosambikaner angehe. Und als sich dann Anfang Oktober herausstellte, dass Monika Dellmann ein Kind erwartete, gab es wohl keinen Schwiegervater in Berlin, der glücklicher und einverstandener mit dem Mann seiner Tochter gewesen wäre als Dellmann.

 

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