vonkirschskommode 21.11.2019

Kirschs Kommode

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Was bisher geschah: Ein Mordfall im Zusammenhang mit einer Serie von Sprengstoffanschlägen auf Gräber alter Nazis soll aufgeklärt werden. Ein Berliner Polizist ist das Opfer; alle Spuren, über die Kriminalkommissar Wengath verfügt, führen in die Berliner Künstlerszene. Nach einer ersten Festnahme hält der leitende Staatsanwalt die Stunde für eine polizeiliche Großfahndung für gekommen. Die als Affen verkleideten Sprengstoffattentäter, eine Gruppe namens S.A.F., hatten sich die Wecker für ihre Zeitzünder auf einer Ausstellung besorgt, wo sie in einer Plastik verbaut waren. Wengath, dem der Zusammenhang zwischen den Attentaten und dem Polizistenmord unklar ist, überlässt seinem Kollegen Schwittmann die Vorbereitung der Großfahndung, um anderen Spuren nachzugehen. Zuerst aber geht er ins Archiv. Und dort zieht ihn seine Kollegin Frau Marcks sofort hinter ein Regal:

Komm Sie mal, ich hab was für Sie!
Es war ein Computerausdruck, den sie ihm unter die Nase hielt, blassgraue Reihen maschinell hingeratschter Buchstaben aus winzigen Pünktchen, die sie an einer Stelle mit einem Leuchtfarbenstift markiert hatte. Wengath beugte sich in den Lampenschein hinab, über den kleinen speckig-buchenfarben glänzenden Lesetisch, an dem sie standen, zwischen den verschatteten Regalen und Karteikästen des Archivs. Ihre braun besternte Haut dabei im Augenwinkel – halsabwärts bis in das handtiefe Tal zwischen den warmen Puddingen der Brüste feingeknittert und weich: Verdammt schlecht zu lesen, diese Schrift! Und musste die Nase noch ein Stück tiefer in den Lampenschein hängen, ihr bis an den Bauch. Aber da setzte sie sich und mogelte ihren blauen Blick ihm von unten in die Augen:
Nu?
João Nwgabe und Dellmann-Nwgabe, Monika, Lychener 7, 441 40 22, las Wengath die markierte Zeile. Ohne das Papier loszulassen, griff er mit seiner freien Hand unter den Tisch, zog den Hocker hervor, den er an den Füßen gespürt hatte, und setzte sich darauf. Langsam wie ein alter Mann, mit steifem Rücken und spitzem, hartem Po. Aber hinter seiner Stirn war auch alles ins Begreifen dieser Schriftzeile da vor ihm absorbiert:
Joh-ah-oh. Nnnn-wwh-gabe.
Mehr wie: Dschoang.
Sie klappste ihm mit den Fingern leicht auf den Unterarm. Ließ sie sogar einen Moment drauf liegen, während sie ihm ganz das Gesicht zuwandte:
Ist portugiesisch. Gute Arbeit, nicht?
Und auf Wengaths befriedigt stummes Nicken hin erklärte sie munter:
Es war ganz einfach. Ich bin mit dem Befehl Suche: Dellmann, Monika ein bisschen durch unsere Dateien gehüpft. Ich habe mich gefragt, in welchen Polizeikarteien ganz normale Leute stecken können. Eingefallen sind mir: Zeugen, Homos, Unfälle und Ausländer. Vielleicht noch Politische, weil die immer so groß ist und Otto Normalverbraucher eher apolitisch. Dachte ich, gehst du alphabetisch vor und hatte Glück.
Sie wollen mir erzählen, dass die abgeschaffte Beobachtungskartei Homosexuelle im Computer weitergeführt wird?
Was man hat, hat man.
Sie kippelte mit ihrem Hocker ein wenig ins Dunkel der Regalfluchten und zeigte mit ausgestreckten Arm den Gang entlang:
Hier zwischen den Pappdeckeln gibts noch ganz andere Dinge. Zigeunerakten zum Beispiel bis weit vor dem Krieg. Mitsamt den Briefen der Versorgungsämter aus den Fünfzigern: Zigeuner Soundso hat Antrag auf Verfolgtenrente gestellt, bitten zu überprüfen, ob nicht Ausschlusstatbestände vorliegen. Ein Vorkriegs-Eierdiebstahl zum Beispiel. Ist ja Grund genug, dass so einem die ganze Familie ins Gas wandert. Alles rechtens. Vorne drauf heutzutage natürlich dick ein Stempel: AKTE VER­NICHTET. Witzig, nicht?
Und wie kommt der Portugiese in den Computer?
Dürfte Angolaner sein. Oder Mosambikaner. Wer ihn reingesetzt hat, weiß ich nicht, da gibt es einen Code, müsste ich nachsehen. Aber ich schätze mal, das geht über den KOB auf Streife.
Können Sie mir das bis morgen raussuchen? Ist vielleicht ein Zeuge, den ich brauchen kann. Und wenn Ihnen etwas einfällt zu Affenkostümen in größerer Anzahl.
Sie stützte den Kopf auf ihre zwei Fäuste. Stand jetzt gegen den dunklen Hintergrund des schattigen Raums wie auf kurzen Beinen ihr Gesicht, das Lächeln mit der Wangenhaut nach oben verzogen und die Falten um die Augen tiefer geschoben. Langes Anschauen:
Wissen Sie, was ich an Ihnen mag? Sie stutzen nicht einmal, wenn ich sage, normale Leute findet man in der Ausländerkartei. Jeder andere hätte meine unorthodoxe Fantasie gelobt.
Lobe ich Sie nicht genug?
Die Gesichtsbeine flogen weg: Sie verschränkte die Hände im Nacken und lehnte sich in ihre Arme zurück. Lachte:
Überhaupt nicht loben Sie mich! Ihre Anerkennung muss ich mir ganz allein aus dem zusammenlesen, wie sie mich anschauen.
Nahm dann ganz sachlich ein Blatt Papier und einen Stift:
Also Affenkostüme. Typ Gorilla wahrscheinlich.
Wengath nickte.
Und wie viele?
Sechs. Aber bitte: Schaue ich Sie denn wenigstens anerkennend genug an?
Sie stand auf und zupfte ihren weiten Angora-Pullover wieder an seinen Platz:
Für eine Großmutter, wie ich es bin, nicht schlecht. Übrigens war das jetzt keine so große Leistung von mir. Schon unsere haben jeden bis ins Schlafzimmer hinein kontrolliert, der mit einem Ausländer zu tun hatte. Meine Tochter hatte, als sie so achtzehn, zwanzig war, eine Weile eine vietnamesischen Freund. Vor der Wende und aus einem Bruderland. Doch fragen Sie nicht nach Sonne.

Kaum wieder draußen im Flur, dampfwalzte ihm Schwittmann entgegen. Im hellblauen Hemd und beigen Hosen übers rostrote Linol zwischen den halbhoch seifengrün gepinselten Wänden (= So trostlos kann Bunt sein!). Parkte mit einem Schnaufer vor ihm:
War dich grad suchen, Dänni.
Rosa fleckig angelaufenes Gesicht, die Lippen gingen ins Violett. Und die Leuchtstoffröhre ließ ein paar Reflexe in dem flüchtig verriebenen Schweißfilm auf seiner Stirn.
Dr. Siechner! Die Befunde der Sektion.
Nein, großer Kommissar. Sie wollen eine Sonderkommission machen. Für die Sucheinsätze. Soll Rammholdt mit rein für die Kasernierte und Hammes für die SEK. Und einer von der Mordkommission Dellmann.
Die kasernierte Schutzpolizei und die Sondereinsatzkommandos: Hopp, allen Hasen das fünfte Bein absägen!, schon springt die Truppe. Natürlich sägen sie erst und zählen dann: Eins, zwei, drei, oh! Jungs, ein kleiner Fehler, aber macht nichts, das Sägen hat astrein geklappt.
Einsatzvorbesprechung noch heute Nachmittag, Dänni!
Geh du. Aber halte mich auf dem Laufenden über alles. Keine überstürzten Aktionen, nichts ohne Rücksprache mit mir, verstehst du? Bei den meisten der Damen wirst du an alle Informationen ohne Hausdurchsuchung herankommen. Und erhältst sie dir als Zeuginnen.
Also gut.
Großer Schnaufer. Hieß wahrscheinlich: Also dann darf tatsächlich ich gehen!. Sekundenanflug des Zweifelns:
Aber du bist der Kommissar.
Ich bin schon der Leiter der Mordkommission, Micha.
Walzte ab, wichtiger Mann. Der Herr der Grünen Truppe. Wie sie die Aktion wohl nennen würden? Bildersturm? Keine Kunst? Na, das war wohl noch nicht raus. Zehn, vierzehn Tage würden sie ohnehin brauchen, um alles zu organisieren. Zehn bis vierzehn Tage würden sie ihn nicht weiter stören.

Im Klinikum echote das Klingelsignal durch die Drahtverzweigungen des Hausnetzes. In allen Kurven der Kabel elektrisches Knistern. Bis er sie vor sich sah: Die Telefondrähte ohne das Haus drumherum. Eine Landschaft von Farngestrüpp, das Blattgrün ausgerauft und die nackten Zweige übereinander rechte Winkel wiederholend. Das ganze Klinikum aus Luft und Draht. Dieser Zweig, die Pathologie der Gerichtsmedizin. Um diese Ecke, zur Dose. An der hing das Telefon. Noch ein Mal klingeln lassen:
Dr. Siechner.
Matt, mit halb verschluckter Luft gesagt. Und als Wengath Namen und Anliegen nannte, jappte es schnell und ungeduldig zurück:
Ich habe den Autopsiebericht der Staatsanwalt doch bereits zugeleitet. Tod durch Blutverlust, Zeitpunkt um Null Uhr dreißig. Bis zu fünfzehn Zentimeter tiefe Wunden im Leistenbereich bis kurz oberhalb der Nabellinie durch scharfkantiges Gesteinmaterial aus der geborstenen Grabplatte. Verbrennungen ersten, zweiten und dritten Grades, je nach Ort, als auch welche an den Kleidern. Keine Fesselspuren, toxikologische Prüfung negativ, keine Hinweise auf Gewalteinwirkung abseits der Explosionsfolgen. Weiter nichts. Ich weiß nicht, was Sie noch von mir wollen.
Wir haben am Tatort eine Patronenhülse gefunden, Herr Dr. Siechner. Aus einer kleinkalibrigen Waffe, Lady Protection, seltenes amerikanisches Fabrikat.
Der Strom rannte knisternd durch das Krankenhaus, durch zwei Stadtbezirke bis zu dem Gebäude der Dienststelle, Siechners schwer gehender Atem blies ihm ins Ohr.
Wir würden sehr gerne wissen, ob es Dellmann war, der geschossen hat, verstehen Sie? Bei diesem Typ Waffe kann es zu einer Verletzung der Schießhand kommen, wenn der Schlitten zurücksaust. Das wissen Sie natürlich. Uns interessiert, ob Sie Befunde hatten.
Für zwei Sekunden rannte die Leitung ganz leer. Ganz fern im Gezweig das Echo von Anrufen, die niemand entgegennahm.
Hallo? Herr Siechner?
Entschuldigen Sie mich bitte. Ich bin um sechs Uhr mit meiner Mutter verabredet. Vor Karstadt Neukölln, sie kauft da ein. Bis dahin habe ich noch zwei Sektionen. Ich habe keine Zeit. Es tut mir leid.
Wengath lauschte nach dem Klack in den stillen Hörer, bis das Besetztzeichen ihm von nah ins Ohr platzte.

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