vonkirschskommode 14.01.2020

Kirschs Kommode

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07.01.2020 – per Mail
Sehr geehrte Frau M.,

als weisungsgebundene Mitarbeiterin des Jobcenters im Landkreis A können Sie selbstverständlich nichts dafür, wenn Sie Zeit dafür aufwenden müssen, absurde Schreiben zu bearbeiten und zu verschicken. Ich bitte Sie also sehr herzlich, nichts, was ich hier vorbringe, in irgendeiner Hinsicht persönlich zu nehmen.

Ich bin inzwischen verzogen, Ihre Zahlungserinnerung hat mich nur über Umwege erreicht. Ein Widerspruch gegen sie, schreiben Sie mir, sei unzulässig. Darauf folgt ein „wichtiger Hinweis“ in schönstem Amtschinesisch, aus dem schlau zu werden mittels einer dreiwöchigen Schulung sicherlich möglich ist. Die Forderung, sagenhafte 12, 50 €, die zu begleichen ich seit vielen Jahren ganz sicher nicht aufgefordert worden bin und die ich von daher auch nicht übersehen habe, datiert vom – bitte festhalten: 29. 06. 2011, in Worten: vom neunundzwanzigsten sechsten zweitausend und elf. Entschuldigen Sie bitte, aber Sie, bzw. Ihre Behörde, treiben es für mein Empfinden ein bisschen bunt.

Ich habe immer bereitwillig gezahlt, was ich musste, aber ob diese Forderung nun berechtigt ist oder nicht, kann ich nach so langer Zeit schlicht nicht mehr nachprüfen. Ich erinnere mich dunkel, dass es verschiedener Rückforderungen wegen einmal eine Vereinbarung gegeben hat, ich dürfe in Raten zahlen. Als ich dann, vor auch schon einigen Jahren, etwas Geld über hatte, habe ich mich von mir aus an das Jobcenter im Landkreis gewandt und angeboten, sämtliche noch offenen Forderungen mit einem Mal zu begleichen. Darauf hat sich Ihre Behörde gerne eingelassen und so wie das Ganze vonstatten ging, konnte und musste ich davon ausgehen, dass Sie, bzw. Ihre Behörde, und ich in Zukunft miteinander nichts mehr zu regeln hätten. Ich sehe jetzt, mit einer gewissen Bestürzung, dass darauf kein Verlass ist.

Wenn Sie, bzw. Ihre Behörde, wie es den Anschein hat, die Zeit und die Ressourcen haben, nach vielen Jahren, und trotz der oben erwähnten Einigung mit mir, noch einmal alles das durchzurechnen, was zwischen uns an kleinen Geldbeträgen hin- und her geflossen ist, um dabei ein doch noch fehlendes Beträgchen zu entdecken, dann ist das sicher schön für Sie, bzw. Ihre Behörde. Vielleicht hilft es ja, interne Abläufe zu optimieren. Ich frage ich mich allerdings, was es mich noch angeht. Ihre Abrechnungen, bzw. die Ihrer Behörde, müssen nicht in jedem Fall richtig sein und waren auch früher schon manchmal fehlerhaft. Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, hatte ich damit durchaus gelegentlich Ärger. Möglich wäre mithin, dass auch Sie, bzw. Ihre Behörde, mir im Grunde noch etwas schuldeten, selbst wenn ich, im Gegensatz zu Ihnen, bzw. Ihrer Behörde, kein Recht mehr hätte, davon etwas einzufordern. Was mich nicht stört. Denn es gibt ohnehin einen Punkt, ab dem es einfach abwegig wird, sich mit kleineren Abrechnungsfehlern der Vergangenheit weiter abzugeben. Und in unserem Fall liegt dieser Punkt auf der Zeitachse deutlich weiter vorn. Oder darf ich mich auf die Aussicht freuen, dass ein Jobcenter, von dem man einmal Leistungen bezogen hat, einen über Jahrzehnte und bis ans Grab mit geharnischten amtlichen Anschreiben verfolgen darf? Und zwar letztlich wegen Nichtigkeiten?

Denn es muss Ihnen, bzw. Ihrer Behörde, doch auffallen, dass die seit 2011 fehlenden, sagenhaften 12, 50 € weder Ihre Arbeitszeit, noch sonst irgendjemandes Arbeitszeit, noch das Briefpapier, noch die Druckertinte, noch den Briefumschlag, noch das Porto, noch den Ärger, den Sie, bzw. Ihre Behörde, sich mit meiner verärgerten Reaktion prompt einhandeln dürften, auch nur im entferntesten wert sind. Ich halte es für eine Zumutung, dass man Sie zu solchen Arbeiten anhält, und kann Ihnen nur freundlich anraten, sich an das interne Qualitätsmanagement Ihrer Behörde zu wenden, damit Sie von derart sinnwidrigen Tätigkeiten in Zukunft verschont bleiben.

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen ein friedliches und erfolgreiches, gesundes neues Jahr!

Mit freundlichen Grüßen,

Nachtrag, 09.01.2020:

Manchmal hab ich zu viel Galle.
Anderntags denk ich dann, alle
diese Leute sind mir voll-
kommen gleich. Und doch, in Moll
klingen selbst die frechsten Lieder
an der nächsten Ecke wieder:
Es sei schnurz, hab ich geglaubt.
Meine Zeit, sie bleibt geraubt.
Wenn es auch ein weites Feld is‘,
das tatsächliche Verhältnis,
wer wen ärgert, wer wen nicht,
ist am Ende scheußlich schlicht.
Wer was leicht nimmt, wer dran leidet:
Wirtschaftliche Macht entscheidet.

 

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