vonkirschskommode 01.02.2022

Kirschs Kommode

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Protokoll einer spiritistischen Sitzung vom 24. Februar 1993

[Eine tiefe Ratlosigkeit hatte, vor Beginn der Séance, sich unser bemächtigt: Wozu mit einem unberufenen Geist diskutieren, was ganz unzweifelhaft, nämlich Bedingung für seinen Kontakt mit uns war: sein Leben über den Tod hinaus und damit die Existenz einer Sphäre des Jenseits und des ewigen Lebens. Aber es seien nunmehr fast drei Wochen, die wir mit ihm redeten, wandte Frau Voigt ein, wir müssten eine Form finden, die uns gestatte, einander wieder loszulassen, er uns, aber wir auch ihn. Wir beschlossen, nach Entzünden der Räucherstäbchen mit der Planchette auf das Feld „Leb wohl!“ zu gehen, dann jedoch unsere Fingerspitzen von ihr zurückzuziehen, uns an den Händen zu halten und in Schweigen zu verharren, jeder für sich damit befasst, dem Geist Möllinger für sein regelmäßiges Erscheinen und seine vielen Auskünfte herzlich zu danken. Denn unser Wunsch „Gehe in Frieden!“, mahnte Frau Voigt, dürfe nicht einseitig gemeint sein.]
[Leb wohl!]
[Die Glut der Räucherstäbchen verglomm nach etwa zehn Minuten einträchtigen Schweigens. Deckenlicht, Löschen der Kerzen. Als Peters die bislang unberührte Planchette vom Beistelltisch nehmen wollte, um sie in ihr Etui zu legen, zuckte sie unter seinen Fingern und schrieb:]
ü ä ü, ü. ü, ä ä ü ä,, ä ä. , , , .
[Die Glühbirne der Deckenlampe zerflog mit einem Knall, der elektrische Funke entzündete, ungefähr fünf Zentimeter oberhalb der Dochte, den Kerzenrauch: Wir sahen die Flammen auf die Kerzen fallen und dort ruhig weiterbrennen. Die Planchette in Dr. Schoells Hand zuckte ebenfalls und Ehrmann, der Protokollbögen und Stift an sich genommen hatte, notierte unter die zuvor aufgezeichneten Umlaute und Satzzeichen:]
Unter dem neuen Himmel über der neuen Erde w_rden tats_chlich die bisherigen Naturgesetze aufgehoben sein m_ssen wenn sie den Anforderungen der Unendlichkeit gen_gen wollten Denn w_rde die Erde in ihrer Kugelgestalt wachsen risse fortw_hrend ihre Oberfl_che auf st_rzten H_user in entstehende Spalten vernichteten einbrechende Fluten oder aufsteigende Lava Ackerfl_chen und G_rten Um zu wachsen kann die neue Erde am Ende aller Zeiten nur flach sein und langsam um sich selbst kreisend Material aus dem Raum greifen und sich einverleiben
[Lücken und Unterstreichungen nachträglich vom Protokollanten eingefügt. E. O.]
[Es wurde eine der längsten Séancen, obwohl wir in ihrem weiteren Verlauf kein einziges Wort mehr sprachen.]
Ich will mein Haupt verhüllen, dass meine Vernunft sanft und dunkel gebettet werde. Und der Neuen Erde nicht im Weg steht.
[Schweigen.]
Helft ihr mir, Engel des Herrn, in Ermangelung von Musen, folgt meinem Gedankenstrom, schmiegt euch ihm an, lenkt ihn mir, dass jenen hier, die an einem beleuchteten Tisch meine Botschaft lesen sollen, ich die kommende letzte Welt, ohne zu viel auszuufern, richtig buchstabieren kann!
[Schweigen.]
Da alle Geister unsterblich sind – denn alles sich selber bewegende ist unsterblich, sagt Platon – findet alles immer statt: Eine Erde versinkt, eine andere geht auf. Der Fluss der Geister ist unentstanden und unvergänglich, was vergeht, ist das jeweilige Spiel des Geistigen im Stoff. Der Geist, ein milliardenstarkes Geisterheer, durchdringt den Staub und lässt ihn wieder; bemächtigt sich auf einer Erde einiger labiler Eiweißgruppen, treibt aus ihnen alle Lebewesen bis zu den Affen hervor, die er Sprechen lehrt, spricht aus ihrem Mund, lernt sich in ihrem Denken selber kennen, bekommt genug und richtet sein Werk – das ist dann ein Jüngstes Gericht.
[Schweigen.]
Der Geist sagt sich aber einen neuen Himmel und eine neue Erde voraus. Und eine Auferstehung im Fleisch. Das heißt, er möchte sich einmal mehr als flüchtig mit der Materie verbinden, sie soll näher an ihm leben und mit ihm wachsen.
[Schweigen.]
Die im Chaos schwebende Materie wächst jedoch nicht, das Endliche kann sich nur umformen, nicht zunehmen. An einigen Stellen des Alls brüten Sonnen Blei aus Gasen, schwarze Löcher sammeln Staub, um ihn in Strahlen zu verwandeln. Doch an den meisten andren Stellen fliegt der Stoff weitgehend ungenutzt herum.
[Schweigen.]
Wohlan, spricht der Geist, in einigen Milliarden Geistern, wie lange kann ich Körper haben, wenn aller Stoff im Chaos mir zum Wachsen zur Verfügung stände?
[Schweigen.]
Und er verwarf den Gedanken der Fliehkraft, schuf die Neue Erde als Scheibe, gab ihr einen kleinen Schubs und sagte: Dreh dich und wachse mit allem, woran du im Drehen stößt. Doch damit man auf dieser neuen Erde auch stehen könne, schuf er ihr ein unteres Gewicht, eine Gegenscheibe, die in die andere Richtung drehte, stieß seine Zeigefinger tief in die Mitten beider Scheiben, und stellte die Spitzen der entstandenen unteren Ausstülpungen aufeinander. In die Löcher, die seine Finger hinterlassen hatten, goss er Wasser. Und über jede Erdscheibe setzte er die Scheibe einer Sonne.
[Schweigen.]
Gut, jetzt wissen wir doch schon mal ein Bisschen über das Aussehen der Erde nach dem letzten Jüngsten Gericht. Dass es nicht nachtet und nicht tagt, zum Beispiel. Die Sonne steht im Zenit, die kleinen Lebewesen schlafen im Schatten der größeren. Oder bei geschlossenen Fensterläden.
[Schweigen.]
Wir haben die Fliehkraft durch die der Adhärenz ersetzt, durch Anklebkraft. Diese muss immer größer werden, je weiter der Rand der Erde sich ins All vorschiebt und die Geschwindigkeit, mit der er den Raum durchschneidet, zunimmt. Mit wachsender Klebkraft nimmt auch die Masse der Stücke zu, die der gegenläufige Erddoppelkreisel an sich zieht. Die Landschaft der Erdscheiben wird deshalb von ihrem Mittelpunkt aus zu ihren Rändern hin immer zerklüfteter und gewaltiger werden; die Scheiben konnten zu Beginn ihres Rotierens kaum mehr als Staub und Sand ergreifen, später aber verleiben sie sich Felsbrocken, dann Asteroiden groß wie Berge, schließlich auch mond- oder plantetengroße Materialansammlungen ein.
[Schweigen.]
Um diesen Lebensraum besiedeln, formen die Pflanzen der Erdscheibe Samen verschiedener Größe aus. Aus den leichtesten, die der Wind am weitesten trägt, wachsen die mächtigsten Exemplare heran, für deren Wurzeln auch Felsen nichts als Sandkörner sind. Aus den schwersten Samen, die der Wind kaum ein paar Meter fortschleppen kann, wachsen Pflanzen, die ihre Eltern kaum überragen.
[Schweigen.]
Die Humusdecke auf der Neuen Erde war noch lange nach ihrer Entstehung recht dünn. Denn nur Blätter, Blüten, Samen und Früchte sind hier sterblich und verrotten. Stängel und Holz tun es nicht; jede Pflanze lebt für immer. Die überlebenden Samen dienen den Pflanzen zu ihrer Verbreitung, nicht dazu, sie zu ersetzen.
[Schweigen.]
Ebenso wenig wie die Pflanzen sterben Tiere und Menschen. Sie wachsen bis zur Geschlechtsreife schnell, danach in Schüben, die zunehmend selten werden. Das Klimakterium und die Altersschwäche sind unbekannt. Die ältesten Tiere und Menschen sind die größten.
[Schweigen.]
Da das Fleisch unsterblich ist, kann niemand es verdauen. Nüsse, Hülsenfrüchte, Fruchtkörper von Pilzen und Milchprodukte sind die wichtigsten Eiweißlieferanten dieser Erde; alle auf ihr lebenden Tiere sind Friedtiere. Viele Großkatzen haben sich auf das Reißen von verschiedenen, auf die Fruchtkörper am Laub von Riesenbäumen wachsender Trichterpilze spezialisiert, ähnlich dem Judasohr, bloß nicht auf Holz siedelnd, deren äußere Haut lederartig ist und deren Fleisch bei Verletzung rot blutet. Während Tiere wie Wölfe, die im Rudel jagen, eher Schoten auflauern, die eine ausschießende, gigantische Linse, beziehungsweise Erbse, Bohne oder Erdnuss über den Boden schleift. Um an solche Beutestücke zu gelangen, dringen sowohl Großkatzen als auch Wölfe weit in die äußeren Zonen der Erde vor, wo sie sich ausnehmen wie pirschende Spitzmäuse oder agil durch Gras und Laub hüpfende Käfer.
[Schweigen.]
Andere Tierarten würden gleich ganz fehlen, wäre der alles durchdringende Geist, in Milliarden Geistern, nicht so ungeheuer einfallsreich beim Finden von Nischen gewesen. Spinnen etwa. Deren Netze jetzt dazu taugen, Sporen, Samen oder Früchte zu fangen. Denn unsterbliche Insekten sind ja ebenfalls unverdaulich.
[Schweigen.]
Aber kein Tier, den Menschen mit inbegriffen, auf der Neuen Erde, das nicht Brutpflege betriebe. An Brutpflege hat es auf allen irdischen Erden zuvor immer gefehlt, das sagen uns übereinstimmend und mit Nachdruck die vielen Gottesväter und Müttergottes. Und der Geist, in Milliarden Geistern, erfasst es: Ewige Elternschaft und ewige Kindschaft sind das Kennzeichen der Neuen Erde.
[Schweigen.]
Die Eltern wachsen mit ihren Kindern. Konzentrieren wir uns auf die Menschen, um diesen Vorgang zu verstehen: Die Kinder auf der Neuen Erde nehmen die ersten drei Jahre kaum mehr als Muttermilch zu sich. Ist der Zeitpunkt des Abstillens gekommen, macht sich ein Elternteil, meist der Vater auf, in der anliegenden nächstgrößeren Zone einen Sack Nüsse zu besorgen, den er unter vielen Mühen nach Hause bringt. Aus den Nüssen wird in der Sonne ein großer, trockener und überaus haltbarer Kuchen gebacken, den die Eltern bis zum Eintritt der Geschlechtsreife ihrer Kinder nach und nach aufessen. Diese Nahrung bewirkt, dass sie im gleichen Schritt mit ihrem Nachwuchs mitwachsen. Ein Kind der scheibenförmigen Erde kann deshalb auf dem Schoß seiner Eltern sitzen, wie auf der Planetenerde ein Dreijähriger darauf sitzt, ohne dass sich daran je etwas ändert, bis es selber Kinder hat. Und auch danach auch nicht viel, wie wir sehen werden.
[Schweigen.]
Wenn ihr Nachwuchs neun Jahre alt wird, erweitern die Eltern das Haus. Wenn er ungefähr fünfzehn ist, überlassen sie es ihm ganz und ziehen in die angrenzende Zone, oft in das Haus der Großeltern, die gleichfalls wegziehen, weil auch sie Nachwuchs hatten und aufgezogen haben. Im Regelfall leben daher die Kinder ab fünfzehn bis zu ihrer Hochzeit, anstatt mit ihren Eltern, mit ihrer älteren Schwester und dem Schwager oder mit Schwägerin und älterem Bruder zusammen. Es ist nicht üblich und wäre auch nicht praktisch, in einer Größenstufe mehrmals hintereinander Kinder zu bekommen. Die Tiere verhalten sich prinzipiell ähnlich, auch sie steuern ihr Wachstum durch das Verzehren bestimmter Kerne aus der nächstgrößeren Zone, in die sie zum Zeitpunkt der Geschlechtsreife ihres Nachwuchses ausweichen. Freilich ist bei den Tieren dieses Verhalten nicht in Traditionen oder Riten eingebettet, sondern im Instinkt angelegt.
[Schweigen.]
Der Rand der Erdscheibe dürfte seinen Bewohnern immer einige tausend Jahre Tagesreisen voraus sein, ganz gleich mit welchen Mitteln sie versuchen würden, ihn zu erreichen. Erst Raketen wären geeignet, schnell und hoch genug zu fliegen, um jenen rotglühenden Rand in den Blick zu bekommen. Es ist aber fraglich, ob auf der Neuen Erde solche Fahrzeuge erfunden werden. Der technische Fortschritt ist hier sehr langsam; durch den steten Wegzug der Eltern, bleibt die Bevölkerungsdichte der einzelnen Generationenzonen relativ konstant. Große Mengen von Arbeitskräften, wie zum Betrieb einer Fabrik nötig, in der man Raketen bauen könnte, lassen sich daher kaum mobilisieren. Einzig die Tatsache, dass es sehr viel länger als auf unserer Planetenerde möglich ist, sich über Generationen hinweg auszutauschen, könnte kleine Erfindungen und Erleichterungen im Alltagsleben begünstigen, schlicht durch Vermeidung von Wiederholungsfehlern. Gleichzeitig dürfte eine Situation, in der niemand, den ich um etwas fragen könnte, jemals wegstirbt, das Herausbilden einer Schrift behindern.
[Schweigen.]
Der Mensch der Erdscheibe hat aber auch sonst kaum Anlass noch Grund, einen höheren Grad der Zivilisation anzustreben. Er kennt er das Feuer nicht, da Holz unsterblich, damit unbrennbar ist. Er vermisst es nicht, es ist immer Tag. Gott, in seiner Güte, wird ihm einige schwarze Felsbrocken hier und dort in die Landschaft gelegt haben, die sich in der Glut des nur ab und an von kurzen Regenfällen unterbrochenen Sonnenscheins so aufheizen, dass er auf ihnen Gemüse grillen und Brot backen kann. Seine Häuser haben keine Balken und sind, wenn nicht einfach aus Palmenwedeln oder anderen großen Blättern zusammengebunden, aus gestampftem Lehm aufgeschichtet oder in den Berg gegraben; mehr Schutz als den vor der Sonne und manchmal vor etwas Wind und Regen müssen sie nicht geben. Baumaterialien oder Werkzeuge, die den Gebrauch von Feuer zur Voraussetzung haben, kennt er nicht. Die Werkzeuge haben keinen Schaft, Stiel oder Griff und sind aus Stein.
[Schweigen.]
Theoretisch ist es möglich, dass der älteste Mensch der Erdscheibe sein Kind wie ein dreijähriges auf den Schoß hat, das wiederum sein Kind auf dem Schoß hat, welches sein Kind auf dem Schoß hat, welches sein Kind auf dem Schoß hat, bis zum jüngsten Menschen der Erde; das eben meint Ewige Elternschaft und Ewige Kindschaft. Tatsächlich sind die Beziehungen zwischen den Generationen, je weiter sie auseinanderliegen, umso komplizierter. Ein Ururgroßvater ist in der Regel etwa sechzehn mal so groß wie sein Ururenkel, was bedeutet, dass er in einer Zone lebt, in der alles ebenfalls sechszehn mal so groß ist. Und die Wege sechszehn mal so lang. So werden für die Jüngeren die Entfernungen schnell zu weit, die sie überwinden müssten, um die Älteren zu erreichen. Nähern dagegen die Älteren sich an, ist dies nicht ganz ungefährlich.
[Schweigen.]
Es wäre nämlich leichtsinnig anzunehmen, dass Unsterblichkeit auch Unverletzlichkeit bedeute und dass ein allgemeines Brutpflegeverhalten, bei dem die Eltern, ob Tiere oder Menschen, alles tun, um den Größenunterschied zwischen sich und ihrem Nachwuchs zu erhalten, sich ohne Not entwickelt habe. Die Hauptgefahr, sich auf der scheibenförmigen Erde schwere Verletzungen zuzuziehen, ist die zertreten zu werden. Eltern, die immer doppelt so groß wie ihr Sprössling sind und bleiben, stellen in dieser Lage keinen ganz schlechten Schutz dar.
[Schweigen.]
Auf der anderen Seite gehören die Zertretenen fest in das Ökosystem der Neuen Erde. Ob Mensch oder Tier, ihr Fleisch verwest nicht, bleibt also rosig und, altirdisch ausgedrückt: ap­petitlich in der Landschaft liegen, bis Gras und Moose es überwuchern. Es scheint, als habe es die Möglichkeit, in Wasser gelöste pflanzliche Stoffe zu assimilieren, wodurch den von einem Riesenfuß zermalmten Wesen genug Nahrung zugeführt wird, um in einem, unter Umständen Jahrhunderte andauernden Komaschlaf alle anfallenden Reparaturen durchzuführen und weiterzuwachsen. Wie viele, gerade der kleineren Hügel im Grunde von Pflanzen besiedelte Tiere oder Menschen sind, dürfte sich kaum sagen lassen. Es können auch große Berge einen Rekonvaleszenten verbergen, zum Beispiel, wenn eine Judasohren jagende Katze sich in das Ohrläppchen eines auf dem Waldboden schlafenden Ältervaters verbeißt und dieser sie in seinem Zorn mehrere Generationszonen erdeinwärts schleudert, wo sie dann als Fleisch- und Knochensack liegen bleibt.
[Schweigen.]
Wie auch immer, Samen, hatte ich gesagt, sind essbar und der mit seinem geschlechtlichen Gegenstück noch unverschmolzene tierische Keim ist auch. Unverweslichkeit nimmt das Fleisch erst nach der Verbindung der Keime an, mit dem Zirkulieren des Bluts, so wie die Unverrottbarkeit des Holzes im Sprössling durch das Steigen der Säfte entsteht. Deshalb stellen die in der Landschaft eingewachsenen Körper eine wichtige Nahrungsquelle für die übrigen Lebewesen dar: Bei im Koma liegenden Tieren oder Menschen kommt es zu Pollutionen; wir finden an vielen Orten regelmäßig speiende, nahrhafte Geysire, die gern und viel besucht werden. Auch Milchquellen kommen vor. Letztere, bis auf wenige Ausnahmen, nicht einzeln.
[Schweigen.]
Allerdings ist das Austreten von nahrhaften Körpersekreten aus der Grasnarbe eines Hügels ganz sicher ein Signal dafür, dass ein darunter liegendes Lebewesen sich bald wieder erheben könnte. Doch fürchte ich, bei der Zivilisationsstufe, die Menschen auf der Erdscheibe erreichen, dürfte dieser Zusammenhang selbst den Klügsten von ihnen verschleiert bleiben. Und das Aufstehen eines Riesen, ob in menschlicher oder tierischer Gestalt, sein schlaftrunkener Abmarsch in die Größenzone, in die er nach langem unterirdischen Wachstum gehört, wird jedes Mal etliche neue Hügelkeime aus unverweslichem Fleisch hinterlassen.
[Schweigen.]
Aber ich sehe, trotz der geschilderten Schönheiten von grünen Hügeln, aus denen Milch und Eiweiß fließt, einen Fehler in unserem Plan, den wir kaum reparieren können: Wenn jede Generation in Richtung Erdrand fortzieht und ihrem Nachwuchs Platz macht, sobald er geschlechtsreif wird, muss es in der Erdmitte eine Urzeugung geben. Eine Evolution, von der Archebakterie bis zum Menschen, kann diese Urzeugung nicht sein. Hier ist jedes entstandene Lebewesen unsterblich, somit ist es, kleine Fehler mit inbegriffen, auch perfekt. Das jeweils allerjüngste Paar einer Spezies der Erdscheibe kann keine Vorfahren haben, es muss geschaffen werden. Sitzt in der See in der Mitte der Neuen Erde ein Schöpfergott auf einer schwimmenden Insel und produziert, nach festgestanzten Schablonen, aus Wasser, Staub und Hauch in Serie? Die Notwendigkeit der Urzeugung ist das Aus für unseren Plan einer unendlich fortbestehenden Erde. Ein logisches Aus.
[Schweigen.]
Und selbst wenn Sie sich damit nicht geschlagen geben und die immerwährende Urzeugung erlauben, das Aus kommt doch. Physisch. Irgendwann fängt sich eine der beiden gegenläufigen Erdscheiben einen Himmelskörper ein, der so groß ist, dass sie zu eiern beginnt, sich an der andern verhakt und beide auseinanderreißen. Die Anklebkräfte lassen sie ineinander stürzen und erst ein neuer Big Bang bringt sie danach wieder auseinander.
[…]

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