Lange Jahre war die Trockenheit im Kami-Viertel das Hauptproblem. Die von der Nachbarschaft selbst gebohrten Brunnen drohten wegen sinkendem Grundwasserspiegel auszutrocknen. Die Gefährdung der Trinkwasserversorgung wurde noch verschärft durch einen eigenen Brunnen einer Fabrik im Viertel. Die gehört zum Unilever-Konzern. Heute hat sich auch aufgrund der Klimakrise das Blatt gewendet. In der Regenzeit setzen sintflutartige Regenfälle zahlreiche Grundstücke unter Wasser. Und auch hierbei gibt es Kritik an Unilever.
Etwa von Victor Ortíz Gómez, der in dem von Bergarbeitern und ihren Frauen gegründeten Viertel in Quillacollo nahe Cochabamba wohnt. Die meisten der Älteren haben als Kinder selbst noch in der Bergwerkssiedlung Kami auf fast 4000 Meter Höhe gewohnt, bevor sie in den 1970er Jahren während der Bergwerkskrise mit den Eltern in die Stadt zogen. Andere wurden von diesen in die Obhut von Geschwistern oder Verwandten in das neu entstehende Viertel „Kami“ geschickt. So auch Ortiz. Er ist heute Delegierter der Nachbarschaftsorganisation seiner Straße Asunción.

An dieser und der Nachbarstraße liegt die Fabrik des Weltkonzerns Unilever. Hier würden vor allem Waschmittel für den nationalen wie den internationalen Markt produziert, so Ortiz.
Das Kanalsystem ist veraltet und deckt den Bedarf nicht mehr
„Wir haben Probleme mit der Kanalisation. Die wurde vor 35 Jahren für damals zwei Viertel und 2500 Personen konzipiert und von einer katholischen Entwicklungsorganisation aus Deutschland mitfinanziert,“ berichtet Ortíz. Doch inzwischen würden 26 Nachbarschaften ihre Abwässer durch das alte Hauptrohr auf die andere Seite der Hauptstraße ableiten. Das seien zwischen 6000 und 7000 Personen. Hinzu kommt, dass die meisten Straßen heute asphaltiert sind. Dafür hat sich der gelernte Betriebswirt im Auftrag der Nachbarschaft gegenüber dem Bürgermeisteramt lange Jahre selbst eingesetzt.

Der Haken: So gibt es weniger Flächen, in denen das Wasser versickern kann, das in der Regenzeit in immer größeren Mengen vom Himmel stürzt. Auch Dank der Klimakrise. Und dann ist da noch die Fabrik: “Obwohl Unilever ein Weltkonzern ist, haben sie sich die Freiheit genommen, ihre Abwässer an unser Kanalsystem anzuschließen“, beklagt Ortiz. Das sei jedoch nur für häusliche Abwässer gedacht.
Von der grünen Wiese zu einem dichtbesiedelten Viertel
Die Fabrik gebe es schon seit den 1950er Jahren. Ursprünglich sollte dort Milch verarbeitet werden. „Doch dann wurde eine Chemiefabrik daraus. Es wurden Schwefel- und Chlorwasserstoffsäuren produziert und aus Tierfetten Seife hergestellt. Später kam Waschpulver hinzu.“

Früher, als die Firma noch in bolivianischer Hand war, wurde das Fabrikwasser in Bäche abgelassen, die seitlich der Wege durch das Viertel flossen. Das nutzten die Frauen, um im Abwasser ihre Wäsche zu waschen. Doch die Bäche sind mit der Urbanisierung ebenso verschwunden wie die grün bewachsenen Böschungen und Wiesenstreifen, die es anfangs vor den Häusern noch gab.
Mit der Übernahme durch Unilever um die Jahrtausendwende wurden auch flüssige Reinigungsmittel für den Inlandsmarkt und den Export hergestellt, so Ortiz. Der Firmenname Quimbol (Química Boliviana) ist als Ortsbezeichnung geblieben und gebräuchlicher als Unilever, wenn man aus Cochabamba kommend dem Busfahrer Bescheid gibt, das man am Fabrikgelände aussteigen will.

Abwasser quillt selbst aus den Toiletten

„Unilever müsste über ein eigenes Abwassersystem verfügen, das industriellen Anforderungen entspricht“, erklärt Ortiz. Die Fabrik sei so gewachsen, dass ein Teil des Lagers inzwischen an anderen Standorten sei. Doch die Produktion sei im Viertel geblieben. Dabei gebe es seit über zwei Jahrzehnten ein Gesetz, das industrielle Produktion nur in Industriegebieten erlaube. Eine Fünfjahresfrist habe es damals für den Umzug gegeben. Stattdessen sei die Produktion sogar noch erhöht und vor nicht langer Zeit auch noch eine weitere Überdachung gebaut worden. Auch deren Abflüsse werden nun direkt auf die davor liegende Straße geleitet. „Die Abwasserkanäle kollabieren und auf den Wohngrundstücken kommt es zu Überschwemmungen“, so der 65jährige.

„In 80 Prozent der Haushalte läuft das Wasser bisweilen sogar aus den Toiletten über. Selbst in der Querstrasse , in der ich wohne, steigt die Feuchtigkeit die Mauern hoch“. Das habe auch damit zu tun, dass die alten Rohre noch aus Zement seien und inzwischen Risse hätten. In der Regenzeit stünde das Grundwasser 50 Zentimeter unter der Erdoberfläche. Früher seinen es noch fünf oder sechs Meter gewesen.
Unilever verweist auf die gezahlten Steuern

Unilever würde von der Kommunalverwaltung protegiert, vermutet Ortiz. „Die Firma redet nicht mit der Nachbarschaftsorganisation oder wenn, dann bleibt es bei Ankündigungen,“ so der Betriebswirt. „Sie verhandeln direkt mit der Stadtverwaltung, die sie unter Kontrolle haben. Deshalb geht es nicht voran. Unilever verweist darauf, dass sie einiges an Steuern zahlen und delegiert die ganze Verantwortung an die Stadtverwaltung.“ Auch ist die Nachbarschaft keineswegs einig. Viele wohnen weiter entfernt etwas höher, wo das Problem nicht auftritt. Und einige arbeiten selbst in der Fabrik und haben vermutlich auch kein Interesse daran, dass sie in ein Industriegebiet verlegt wird.

Unilever hat auf mehrmalige Interviewanfragen zum Thema nicht reagiert. Bei einem Besuch am Werkstor waren die Verantwortlichen in Besprechungen. Man versprach, sich zu melden. Die Fragen waren nicht nur journalistischem Interesse geschuldet, sondern auch der Betroffenheit als jahrelangem Nachbarn. Das hatte wohl auch Unilever so verstanden. Am 10. März kam nach Monaten schließlich eine Antwort des Kundendienstes, mit dem Hinweis, dass dieser, und nicht die Presseabteilung die richtige Ansprechstelle sei: „Wir verstehen die Dringlichkeit deines Anliegens“, hieß es da “und die Bedeutung, die es für dich hat. Wir begreifen die Schwierigkeiten zum Thema Wasser im Umfeld der Fabrik von Unilever in Quillacollo.“ Man habe die Sorgen zur Kenntnis genommen und an die Verantwortlichen weitergeleitet, damit die Lage geprüft und notwendige Maßnahmen ergriffen werden könnten.

Es kommt Bewegung in die Sache
Beim Interview im März berichtete Ortiz noch von Gesprächen der Nachbarschaftsorganisation mit der Stadtverwaltung, das gesamte Abwassersystem für den Stadtbezirk zu erneuern. „Das würde zwischen 600.000 und 700.000 US-Dollar kosten. Vermutlich werden die sogar im nächstjährigen Haushalt eingestellt. Man will aber dem gleichen Verlauf der Kanäle wie bislang folgen. Das heißt an der Fabrik vorbei. Besser wäre es, einen direkten Abfluss vom Hauptkanal des Viertels Richtung Rocha-Fluss zu schaffen und dort eine Kläranlage einzubauen. Das würde jedoch das Dreifache kosten. Wir haben da keine große Hoffnung“, so Ortiz damals.

Im April – schon gegen Ende der Regenzeit – kam es dann zu weiteren Überschwemmungen. Wegen der Bodenfeuchtigkeit begann an der vierspurigen Hauptstraße, über die der ganze Verkehr von Cochabamba nach La Paz führt, der Boden abzusinken und der Asfalt zu brechen. Es kam zu Unfällen.
Nach Berichten im lokalen Fernsehen und Protesten der Nachbarschaft ließ die Stadtverwaltung nahe am Werksgrundstück ein neues großes Abflussrohr zwischen dem Viertel unter die Hauptstraße hindurch Richtung Rocha Fluss verlegen. Das Rohr bezahlte Unilever. Personal und Geräte stellte die Stadtverwaltung. „Es ist eine provisorische Lösung,“ meint Ortiz, „die erwartbaren Probleme der nächsten Regenzeit sind damit noch nicht gelöst.“
