Madrid, Bogotá (epd). Der nicaraguanische Schriftsteller Sergio Ramírez ist in die Königlich-Spanische Akademie der Sprache aufgenommen worden. Wie die oberste Instanz zur Pflege der spanischen Sprache am Donnerstagabend in Madrid mitteilte, wird Ramírez den Sitz L einnehmen, den der peruanische Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa bis zu seinem Tod 2025 innehatte.
Ramírez gehört zu den wichtigsten Autoren der lateinamerikanischen Gegenwartsliteratur. Er hat mehr als 70 Bücher verfasst oder herausgegeben, darunter Romane, Erzählungen und Essays. Sein Werk wurde in über 20 Sprachen übersetzt. Um der Verfolgung durch die Ortega-Diktatur in Nicaragua zu entgehen, lebt er seit 2021 im Exil in Madrid.
Nach der Veröffentlichung des Krimis „Tongolele konnte nicht tanzen“, einer fiktionalen Verarbeitung des blutig niedergeschlagenen Volksaufstandes 2018, hatte die nicaraguanische Justiz einen Haftbefehl gegen Ramírez erlassen. Von 1979 bis 1990 hatte er wie der heutige Diktator Daniel Ortega der sandinistischen Revolutionsregierung angehört, weshalb seine Nominierung von rechtsextremen Vertretern der nicaraguanischen Opposition heftig kritisiert worden war.
Manch eineR handelt Sergio Ramírez bereits für den Literatur-Nobelpreis. Ein Porträt.
Der 83-jährige Sergio Ramírez Mercado entspricht ziemlich genau dem klassischen Bild des engagierten lateinamerikanischen Intellektuellen: Von 1984 bis 1990 amtierte er als Vizepräsident des sandinistischen Nicaragua unter dem heutigen Machthaber Daniel Ortega, mit dem er sich bereits 1995 überwarf. Seit jenen Jahren widmet er sich wieder fast ausschließlich dem Schreiben – als Autor von Romanen, Kurzgeschichten, Essays oder Kolumnen der spanischen Tageszeitung El País.
Er gehört jener Autor:innen-Generation an, die dem „Boom des lateinamerikanischen Romans“ mit Mario Vargas Llosa, dem Kolumbianer Gabriel García Márquez oder Julio Cortázar aus Argentinien nachfolgten. Dem „magischen Realismus“ setzte Sergio Ramírez auch in seinen zahlreichen, oft unterbewerteten Kurzgeschichten einen illlusionslosen „realistischen Realismus“ entgegen, seine Sympathien gehören den Helden des Alltags.
In dieser Woche nimmt er in Panama am Literaturfestival „Zentralamerika erzählt“ teil, das er 2013 gegründet hatte. In einem Interview verriet er, dass er gerade an einem neuen Kriminalroman und dem Memoirenband „Familienporträt mit Vulkan“ arbeitet – über seine Kindheit und Jugend in der nicaraguanischen Kleinstadt Masatepe. Seine Werke auf deutsch verlegt der Schweizer Kleinverlag Edition 8.
Deutschland ist Ramírez besonders verbunden: Seinen Roman „Die Spur der Caballeros“ schrieb er Mitte der 1970er Jahre als DAAD-Stipendiat in Berlin, anschließend begleitete er den bewaffneten Kampf der Sandinistas als führendes Mitglied der zivilen „Gruppe der 12“, ein Solidaritätsschreiben von Willy Brandt im Gepäck, dem Präsidenten der Sozialistischen Internationale.
Sergio Ramírez 1984. Foto: GD.
Nach dem Sturz der Somoza-Familiendiktatur (1934-1979) war Ramírez bis zur Wahlniederlage der linken Sandinisten führendes Regierungsmitglied, eine Erfahrung, die er 1999 kritisch in „Adiós Muchachos“ aufarbeitete.
Frühaufstehen, Morgenlauf, bis zu zwei Stunden am Schreibtisch – so verfasste er als Vizepräsident den Roman „Strafe Gottes“ über einen Kriminalfall im Nicaragua der 1930er. Dieser Mischung aus vordergründig unpolitischem Krimi und hochpolitischer Gesellschaftssatire ist er bis heute treu geblieben – der dritte Fall des Inspektors Dolores Morales (wörtlich: „Moralische Schmerzen”) spielt im Jahre 2018, als Daniel Ortega und seine Frau Rosario Murillo einen monatelangen Volksaufstand brutal niederschlugen.
Heute behauptet Ramírez, die Machthaber Zentralamerikas ließen sich durch Literatur nicht aus dem Konzept bringen. Das ist ein wenig kokett, beweist sein Schicksal doch das Gegenteil: Die mexikanische Ausgabe von „Tongolele” wurde 2021 vom nicaraguanischen Zoll beschlagnahmt, gegen den Autor ein Haftbefehl wegen „Anstachelung zu Hass und Gewalt, Verschwörung, Geldwäsche und Untergrabung der nationalen Identität” verhängt. Seither wohnt er mit seiner Frau im Madrider Exil.
Dennoch protestierten ultrarechte Angehörige der nicaraguanischen Opposition jetzt gegen die Aufnahme des Sozialdemokraten in die Akademie – sie werfen ihm seine Beteiligung an der angeblich „kommunistischen” sandinistischen Revolution vor, die 1990 durch eine jahrelange US-Militärintervention in die Knie gezwungen wurde.
„Ein Roman kann kein kollektives Bewusstsein herstellen”, meint Ramírez, der 2017 mit dem Cervantes-Preis ausgezeichnet wurde, der höchsten Auszeichnung der spanischsprachigen Literatur. Romane könnten jedoch die „Leser verändern”, so dass jene „lernen, die Realität in einem anderen Licht zu sehen”, hofft der Schriftsteller: „Die größte Revolution ist es, die Welt so zu sehen, wie sie der Andere sieht”.
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