Latin@rama: Gold wird unter erheblichen Umweltbelastungen abgebaut. Der verbreitete Einsatz von Quecksilber führt zu gravierenden Gesundheitsschäden, vor allem bei der indigenen Bevölkerung in der Amazonasregion. Wald verschwindet, Flussläufe verändern sich, Überschwemmungen der Ortschaften nehmen zu.
Welche Dimensionen hat die Goldproduktion in Bolivien?
Zaconeta: Anfang des Jahrtausends erreichte die Produktion in Bolivien im Schnitt zwischen zehn und zwölf Tonnen Gold im Jahr. Im letzten Jahrzehnt nahm die Menge zu und 2022 hatten wir die Rekordproduktion von über 53 Tonnen. Die Regierung hat diesen Anstieg nie vernünftig erklären können. Man vermutete, dass das mit der zunehmenden Zahl an Kooperativen zusammenhängen würde. Oder dass mehr Gold aus Peru nach Bolivien geschmuggelt worden sei. Laut peruanischen Berichten wurde mehr als die Hälfte des peruanischen Goldes nach Bolivien gebracht. Dafür spricht auch manches, denn zeitweise exportierte Bolivien mehr Gold, als im Land selbst gefördert wurde.

Folgen der Wirtschaftskrise
Gibt es keine harten Fakten der Behörden?
Von den 53 Tonnen Gold im Jahr 2022 wurden 52 Tonnen laut Auskunft des Bergbauministeriums exportiert, während das Nationale Statistikinstitut von 69 Tonnen Gold Exporten sprach. Das ist in anderen Jahren ähnlich. Wir verfügen also über keine zuverlässigen Zahlen. Hinzu kommen die illegalen Exporte. Und vor allem die gehen auf Kosten der Regionen, in denen Gold gefördert wird, weil ihnen nicht die zustehenden Abgaben gezahlt werden.
Die registrierte Goldproduktion sank 2023 dann auf 46,6 Tonnen und 2024 auf 21 Tonnen. Da spielt auch die Wirtschaftskrise eine Rolle. Da keine Dollars auf dem Markt waren, sind auch die Goldimporte aus Peru zurückgegangen. Das dortige Gold wurde nach Ecuador geschafft. Und in Bolivien sah das neue Goldgesetz vor, dass die Hälfte der Produktion an den Staat verkauft werden muss. So wird viel Gold stattdessen ins Ausland geschmuggelt worden sein. Nach unserer Schätzung könnte die Goldproduktion im vergangenen Jahr bei circa 30 Tonnen gelegen haben. Denn die Fläche, auf der Gold produziert wird, steigt an. Und es ist unwahrscheinlich, dass die Flächen ausgeweitet werden, die Produktion aber sinkt. Denn die Goldproduktion dehnt sich auf Zonen aus, in denen bislang kein Bergbau betrieben wurde.
Wer sind die wichtigsten Akteure?
Zumindest bis 2024 haben die Kooperativen 99,5% des Goldes produziert. Sie sind steuerbefreit. Es gibt nur die Royalties. Aber es ist ein Mythos, dass die Kooperativen die gesamten Gewinne einstreichen. Tatsächlich arbeitet ein großer Anteil der Kooperativen mit ausländischem und auch inländischem Kapital zusammen. Zwar verbietet das Bergwerksgesetz Joint Ventures, aber sie deklarieren das als Dienstleistungsvertrag, bei denen die Kooperative das Unternehmen dafür unter Vertrag nimmt, dass sie die Bergbauaktivitäten durchführen. Und dafür bekommen sie dann zwischen 70 und 80% der Gewinne.

Auch indigene Gemeischaften sind im Goldbergbau aktiv
Bekannt ist, dass hinter den Investoren vor allem kolumbianisches, chinesisches oder brasilianisches Kapital steht. Wer sind die nationalen Akteure, die mit den Kooperativen zusammenarbeiten?
In Teoponte und Guanay gibt es viele bolivianische Bergwerksunternehmer, die ihre Gewinne in die Goldkooperativen reinvestieren. Auch viele Koka-Produzenten widmen sich jetzt, nach dem starken Preisrückgang der Koka der letzten Jahre, dem Goldbergbau. Hinzu kommen frühere Kleinbauern, die mit dem Preisanstieg auf dem Weltmarkt eine Chance im Goldbergbau sehen und sogar indigene Gemeinschaften. In Ixiamas haben wir schon vor drei Jahren Goldkooperativen der Tacana gesehen. Ganze Gemeinschaften sind teilweise involviert, so wie in Macagua, wo sie sich mit einer chinesischen Firma verbündet haben. In Ixiamas gab es eine andere Kooperative der Tacana, die mit chilenischem Kapital gearbeitet hat.
Näher in La Paz in Guanay und Teoponte leben die Lecos. Auch sie haben Joint Ventures mit Firmen. Ein Vertreter der Organisation der Leco sagte mir, dass 70 Prozent seiner Leute, Männer wie auch Frauen, als Kooperativenmitglieder im Goldbergbau aktiv seien. Manche sind auch dort beschäftigt. Wenn man sie fragt, warum sie sich darauf einlassen, gibt es viele Begründungen. Sie berufen sich auf ihr Recht auf Selbstbestimmung in einer Situation, in der ihr Überleben mit Hilfe von Agroforst, Ackerbau oder Viehhaltung aufgrund der Übergriffe und der Verschmutzung durch die Bergwerkswirtschaft nicht mehr gesichert ist. Andere betonen, dass wenn sie selbst nicht mit dem Bergbau beginnen, dann ein Chinese oder eine Kooperative auftauchen und sie verdrängen würde. Der Bergbau holt dich freiwillig oder unfreiwillig ein.

Bergbaufreie Landkreise?
Die Munizipien von Palos Blancos und Alto Beni im Norden von La Paz, wo erfolgreich ökologische Landwirtschaft betrieben wird, haben sich zu bergbaufreien Zonen erklärt. Können sie den Goldrausch bremsen?
In Palos Blancos und Alto Beni gab es schon Bergbau, bevor man diese Munizipien zu bergbaufreien Zonen erklärt hat; das betrifft sowohl legalen wie illegalen Bergbau. Aber die Bergbauaktivitäten haben noch nicht die gesamte Fläche der beiden Gebiete erfasst. Das Ziel war vielmehr, deren weitere Ausbreitung zu verhindern. Es ist auch juristisch kompliziert, wo es vorherige Abbaurechte gibt, oder die Anträge vor der Verabschiedung der neuen Verfassung oder des Bergbaugesetzes gestellt wurden. Es gibt auch Konzessionen innerhalb von Naturschutzgebieten, die erteilt wurden, lange bevor das Naturschutzgebiet geschaffen wurde. Das führt zu noch mehr Spannungen und Spaltungen innerhalb der Gemeinschaften. Die einen verteidigen den Bergbau, die anderen sind strikt dagegen. Es gibt aber auch eine dritte Position, die meist in der Minderheit ist. Sie halten eine Koexistenz mit Bergbauaktivitäten im kleinen Rahmen für möglich.
Was bedeutet das in der Praxis vor Ort?
Die Erklärungen zu bergbaufreien Landkreisen gehen meines Erachtens in der Praxis nicht über Absichtserklärungen hinaus. Sie benötigen auch noch die Reglementierung und die Validierung durch die Regionalregierung und die nationale Regierung. Und da scheint es bislang trotz gerichtlicher Eingaben noch keine Fortschritte gegeben zu haben. Das liegt auch an der Tagespolitik. Viele Bürgermeister stellen sich derzeit zur Wiederwahl und wollen es sich deshalb mit keiner der Gruppen, egal ob für oder gegen den Bergbau, verderben. Und in den letzten Jahren haben diese Landkreise auch Abgaben der Bergwerkswirtschaft bekommen. Darauf zu verzichten führt zu Haushaltsproblemen. Denn viele andere Sektoren wie die Landwirtschaft bringen keine Steuereinnahmen. Hinzu kommt die Krise bei der Erdgasproduktion. Die direkte Steuer auf die Einnahmen kam bislang den Munizipien, Universitäten oder Regionalregierungen zugute. Und es gibt derzeit keine andere relevante Geldquelle, die die Verringerung der Zahlungen kompensieren könnte. Deshalb denke ich, drücken die Erklärungen nicht mehr als gute Absichten aus.

Was kann also getan werden?
Wir im CEDLA sind davon überzeugt, dass es besserer Regulierungen bedarf, wo Bergbau betrieben werden kann und wo nicht. Und wo es erlaubt ist, muss es nach den geltenden Gesetzen geschehen, einschließlich der vorherigen Konsultation der indigenen Bevölkerung, der Anwendung von Techniken, die die Umwelt weniger schädigen, und der Vermeidung von Quecksilber. Das wird nur mit einer Stärkung der Institutionen möglich sein. Der Kooperativensektor darf nicht selbst die Entscheidungen treffen. Und das ist kompliziert. Denn in den letzten 20 Jahren war er sehr präsent in den Behörden und hat sogar Bergbauminister gestellt. Da gab es keine Unabhängigkeit. Entscheidungen wurden zu Gunsten des Kooperativensektors getroffen. Jede andere Initiative wurde gestoppt. Jetzt haben sie sich sogar gegen eine Besteuerung mit bescheidenen 4,8% der Erlöse ausgesprochen, obwohl es ursprünglich ihr eigener Vorschlag war.
Mangelnde staatliche Kontrolle
Die Kooperativen waren eine der Basisorganisationen der Bewegung zum Sozialismus (MAS), die Loyalität mit Zugeständnissen erkauft bzw. auf massive und zum Teil gewaltsame Protestaktionen reagiert hat. Inzwischen ist eine andere Regierung an der Macht. Wie steht es um den Einfluss der Kooperativen heute?
Als die MAS an die Regierung kam, gab es gerade einmal 800 Bergbaukooperativen in Bolivien, von denen über 500 im Goldsektor tätig waren. Heute sind es 3200, von denen 2800 Gold fördern. 2500 arbeiten allein im Departamento La Paz. Ein Claim ist 25 Hektar groß. Und es gibt Kooperativen, die über mehr als 80 Claims verfügen. Auch wenn es Überschneidungen gibt, kann man sich vorstellen, wie groß das betroffene Territorium ist.

Das bedeutet allerdings nicht, dass alle legal etabliert wären. Wegen der bürokratischen Hürden entbehren viele einer Registrierung und können deshalb auch keine Konzessionen beantragen.Viele Kooperativen beginnen, bevor sie eine Erlaubnis haben. Ein Genehmigungsverfahren in der AJAM kann aufgrund der Bürokratie fünf Jahre dauern. Aber sie arbeiten trotzdem. Andere haben vielleicht eine Genehmigung zur Prospektion, aber sie beginnen trotzdem mit der Goldförderung. Und wenn man dann noch bedenkt, dass viele Staatsangestellte persönliche Verbindungen zum Bergwerkssektor haben, wird klar, wie schwer es ist, das alles zu kontrollieren.
Der Bergwerkssektor in Bolivien beschäftigt offiziell rund 150.000 Personen, 90 Prozent davon in den Kooperativen. Dabei handelt es sich um die Teilhaber der Kooperativen. Dazu kommen noch einmal rund 560.000 Arbeiter, die für die Kooperativen arbeiten. Das sind Größenordnungen, die die Regierung nicht durch andere Arbeitsplätze ersetzen kann. Und das gilt auch für die Indigenen, die in ihren Gemeinden im Bergbau Beschäftigung finden, weil sie keine Alternativen sehen. Nicht einmal von den Abgaben bekommen sie direkt etwas ab, da von denen 15 Prozent im Munizip bleiben, und 85 Prozent bei der Regionalregierung.
Wie wirksam ist die Umweltjustiz?
Inzwischen gibt es Urteile des Obersten Agrargerichtes, die den Goldbergbau am Tuichi im Madidi-Nationalpark, am Rio Beni und am Madre de Dios teilweise oder ganz verbieten. Haben die Gerichte die Macht, den Goldrausch zu bremsen?
Die Gerichtsbeschlüsse zum Tuichi, Madre de Dios und Rio Beni können noch auf höherer Ebene angefochten werden. Teilweise liegen die Anfechtungen derzeit beim Verfassungsgericht. Eines der Argumente ist, dass durch die Gerichtsbeschlüsse das Recht auf Arbeit verletzt werde. Die Gesetze in Bolivien hierarchisieren die Rechte nicht. Sie sagen auch nicht, ob eine altangestammte Siedlung mehr Rechtskraft hat als eine erteilte Bergbau-Konzession, die vielleicht noch aus Zeiten vor dem aktuellen Bergbaugesetz stammt. Allein in den Naturschutzgebieten Boliviens gibt es schon 74 Konzessionen aus früherer Zeit. Es gibt zwar internationale Menschenrechtsabkommen, die die indigenen Völker schützen, aber in den Kooperativen arbeiten auch Indigene, die aus der Zone kommen und ihr Recht reklamieren, genug zum Leben zu haben.

Kooperativen und (internationales) Kapital
Die neue bolivianische Regierung plant, künftig Joint Ventures zwischen Kooperativen und anderen Unternehmen zu genehmigen. Ist das mehr als nur die Akzeptanz der illegalen Praxis, indem man das Verbot aufhebt?
Die Genehmigung von Joint Ventures zwischen Kooperativen und Firmen könnte mit der entsprechenden Regulierung hilfreich sein. Wie sonst sollte die Ausbreitung illegaler Aktivitäten gestoppt werden? Im Bergwerksgesetz steht im Artikel 151, Absatz 1 zwar, dass ein Joint Venture zwischen Kooperativen und Privatunternehmen verboten ist. Aber kaum jemand liest den Absatz 2. Da steht, dass, falls es doch zu Gemeinschaftsaktivitäten kommt, diese offiziell mit der Höhe und der Herkunft des eingebrachten Kapitals registriert werden müssen. Die Kooperative verliert während der Laufzeit des Vertrags ihren Charakter als Kooperative und damit auch die Steuerprivilegien. Die Vereinigung muss ihre Produktion offenlegen. Und dann müssen auch die Gewinn- und anderen Steuern bezahlt werden. Damit könnte auch Geldwäsche von Kapital illegaler Herkunft verhindert werden.
Es gibt begründete Vermutungen, dass die brasilianische Drogenbande PCC (Primeiro Comando da Capital) im bolivianischen Goldsektor aktiv ist. Es gibt auch viel kolumbianisches Kapital, dessen Herkunft unklar ist. Niemand vor Ort fragt danach, weil dieses Geld die lokale Wirtschaft antreibt. Erst wenn ein Gleichgewicht der Akteure hergestellt ist, wird man den Sektor etwas mehr zu Gunsten des Staates und der lokalen Gemeinden regulieren können, auch im Sinne des Umweltschutzes. Das ist wie bei dem Goldgesetz, das eigentlich gut gedacht war. Aber am Ende war es so formuliert, dass es nur dazu führte, dass die Regierung die Goldreserven verkaufen darf. Denn der Staat kann mit den Goldhändlern nicht konkurrieren.
Es gibt verschiedene Goldhandelsunternehmen in Bolivien. Die drei oder vier größten setzen um die 150 Millionen Dollar im Jahr um. Es ist Kapital aus Indien, den arabischen Staaten oder den USA. Aber sie arbeiten über Zwischenhändler und Aufkäufer und werden kaum kontrolliert. In Bolivien ist es nicht möglich, die Lieferkette beim Gold nachzuvollziehen. Besser wäre es, den gesamten Goldhandel in Staatshand zu legen.
Würde das nicht noch zu mehr Schmuggel ins Ausland führen?
Von Guanay bis zur Grenze ist es relativ weit. Von Ixiamas, im Nordosten oder Cobija an der nördlichen Grenze, wo es illegale binationale Betriebe gibt, ist das einfacher. Da wären starke staatliche Institutionen nötig. Wegen der Korruption geschieht aber nichts dergleichen. Es gibt auch einen innerbolivianischen Schmuggel. 2018 gelangte das meiste Gold von La Paz in den Beni, um Abgaben zu umgehen.
Bolivien benötigt ein umfassendes Gesetz für den Goldsektor
Aber das Hauptproblem ist, dass die Gemeinden, in denen Gold produziert wird, nichts von den Royalties abgekommen und deshalb die Präsenz illegaler Akteure tolerieren. Nur so bekommen sie etwas ab, zum Beispiel den Strom der Generatoren oder eben eine Beschäftigung. Es ist Zeit, dass Bolivien ein umfassendes Gesetz zur Regulierung des Goldsektors bekommt. Das müsste Umweltfragen, Abgaben, soziale und territoriale Themen sowie die Rolle des Staates einschließen. Wir haben dafür Richtlinien ausgearbeitet.
Man darf nicht nur auf den Goldverkauf schauen, sondern muss den gesamten Sektor als strategisch für den Staat verstehen. Man sollte auch nicht auf ein neues Bergwerksgesetz warten, denn das ist viel zu kompliziert. Beim Gold kann man schon einen Monat nach einer Investition Gewinne einstreichen. Bei Zinn oder Mineralienkomplexen braucht man zehn Jahre. Diese unterschiedlichen Logiken haben auch dazu geführt, dass sich der Goldkooperativenverband vom Verband der Bergbaukooperativen unabhängig machen will.

Was ist sonst noch wichtig?
Der Staat sollte sich mehr um die Finanzierung kümmern. Es gibt zwar einen Fonds für Bergwerkskooperativen, aber die Abläufe sind komplizierter als bei einer kommerziellen Bank. So nehmen nur wenige Kooperativen dort einen Kredit auf. Stattdessen suchen sie eine Kooperation mit privaten Investoren. Auch die Goldhandelsunternehmen investieren inzwischen selbst in die Kooperativen. Das führt aber zu mehr Illegalität und Informalität. Dagegen könnte der Fonds günstige Kredite etwa mit der Bedingung vergeben, dass kein Quecksilber und auch kein Zyanid mehr verwendet wird. Aber das Wichtigste bleibt, dass die Gemeinschaften vor Ort einen Nutzen haben müssen, damit sie sich nicht mit illegalen Akteuren zusammen tun.
Das Interview führte Peter Strack mit Alfredo Zaconeta im Februar 2026 in La Paz für die Märzausgabe der Lateinamerikazeitschrift ila zum Thema „Gold und Silber“. Siehe auch den dortigen Überblicksbeitrag „Es ist nicht immer drin, was draufsteht – Goldkooperativen auf dem Vormarsch“.