Dass ein Werk eines deutsch-österreichischen Komponisten erst viele Jahrzehnte nach der Entstehung seine deutsche Uraufführung erlebt, ist ungewöhnlich, kommt aber vor, etwa wenn Musikwissenschaftler*innen „vergessene“ Werke (wieder)entdecken. Auch manche Ensembles machen auf der Suche nach selten aufgeführten und noch nicht eingespielten Kompositionen immer wieder spannende Funde. Bei der „Cantata Bolivia“ von Erich Eisner ist es vor allem dem Engagement des Sohns des Komponisten, dem inzwischen 90 Jahre alten Schriftsteller Manfred Eisner, und dessen Frau Anke zu verdanken, dass das Werk dem Vergessen entrissen wurde. Gert Eisenbürger berichtet aus Lübeck.
Von Gert Eisenbürger
Wie kam ein Komponist aus München 1941 dazu, eine „bolivianische Kantate“ zu komponieren? Nun, er tat das, weil er damals in dem südamerikanischen Land lebte und ihm musikalisch dafür danken wollte, dass es seiner Familie 1939/40, als die meisten Staaten ihre Grenzen für jüdische Flüchtlinge geschlossen hatte, Zuflucht vor dem Naziterror gewährte.
Der 1897 in Böhmen geborene und in München aufgewachsene Erich Eisner war in den 1920er Jahren bei verschiedenen Orchestern in Deutschland und Österreich als Kapellmeister tätig. Ab 1930 lebte er wieder in München. Eine zugesagte Verpflichtung als Dirigent in Stuttgart konnte er nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten nicht mehr antreten.
Im Oktober 1933 gehörte Eisner zu den Mitbegründern des Jüdischen Kulturbundes in Bayern. Vereinigungen dieses Namens wurden nach der Machtübernahme der Nazis überall in Deutschland aufgebaut, um Juden und Jüdinnen Zugang zu kulturellen Veranstaltungen und jüdischen Künstler*innen Auftrittsmöglichkeiten zu geben, als ihnen alle anderen Kulturinstitutionen verschlossen wurden. Eisner leitete als Chefdirigent das Kulturbundorchester in München und war Organist der Münchener Hauptsynagoge. Nach der Reichspogromnacht im November 1938 wurde er verhaftet und im KZ Dachau inhaftiert. Nach knapp zwei Wochen kam er frei, weil er ein Einreisevisum für Großbritannien erhielt. Er selbst hätte dort bleiben können, aber für seine Frau Elsa und den Sohn Manfred gab es keine Chance, Aufnahme in England zu finden. Erich Eisner konnte in London für alle drei Visa für Bolivien beschaffen. Er emigrierte 1939 dorthin, Elsa und Manfred Eisner konnten ihm ein Jahr später nachfolgen.

Kombination europäischer und lateinamerikanischer Werke
Ab 1941 lehrte Erich Eisner an der Pädagogischen Hochschule (Escuela Nacional de Maestros) in Boliviens verfassungsmäßiger Hauptstadt Sucre. Dort gründete er ein Kammerorchester und einen ambitionierten Chor. 1944 wechselte er ans Konservatorium in La Paz. In der damals größten Stadt Boliviens, in der auch die wichtigsten staatlichen Institutionen angesiedelt waren, erhielt er den Auftrag, das erste Symphonieorchester des Landes aufzubauen. Nach mehrjährigen Vorbereitungen trat das Orquesta Sinfónica Nacional 1947 erstmals mit einem Konzert an die Öffentlichkeit. Dabei erklangen das Vorspiel der Meistersinger von Nürnberg von Richard Wagner, die fünfte Symphonie von Pjotr Iljitsch Tschaikowski sowie eine Schauspielmusik des bolivianischen Komponisten Teófilio Vargas Candia. Die Kombination europäischer und lateinamerikanischer Werke blieb bis zum Tod Erich Eisners 1956 ein Merkmal der Konzerte des von ihm geleiteten Orquesta Sinfónica Nacional.
Die „Cantata Bolivia“ entstand 1941. Bereits kurz nach seiner Ankunft in dem lateinamerikanischen Land hatte Erich Eisner Zugang zu Kreisen bolivianischer Künstler*innen und Intellektuellen gefunden, zu denen auch die junge Lyrikerin Yolanda Bedregal de Cónitzer (1916-1999) gehörte. Ihr Gedicht „Bolivia“ bildete die Textgrundlage der Kantate für Orchester, Chor und vier Solostimmen (Sopran, Alt, Tenor und Bass-Bariton). 1942/43 studierte Eisner das Werk mit dem Chor und Orchester in Sucre ein. Zur geplanten Aufführung am 6. August 1943, dem Nationalfeiertag Boliviens, kam es jedoch nicht, weil politische Unruhen die Premiere verhinderten.
Die Cantata bleibt jahrzentelang in der Schublade
Nach dieser geplatzten Darbietung gelang es Erich Eisner bis zu seinem Tod nicht, die „Cantata Bolivia“ zur Aufführung zu bringen. Das Werk lag jahrzehntelang in der Schublade. Ab den 1990er Jahren starteten Manfred und Anke Eisner mehrere Anläufe, sie dem Publikum vorzustellen. Im April 2003 wurde sie schließlich in Rishon El Zion in Israel erstmalig vollständig mit der vorgesehenen Besetzung dargeboten. Durch Recherchen des Jüdischen Museums Berlin zum Wirken Erich Eisners in Bolivien wurde David Händel, der damalige Chefdirigent des Orquesta Sinfónica Nacional in La Paz, 2003 aufmerksam auf die Kantate, über die in Bolivien niemand mehr etwas wusste. Eine für November 2003 geplante Aufführung scheiterte wie schon 1943 an einer neuerlichen innenpolitischen Krise mit großen Demonstrationen und Straßenblockaden. Im März 2004 erlebt die „Cantata Bolivia“ dann doch ihre Premiere in dem Land, dem sie gewidmet ist. Vom Orquesta Sinfónica Nacional und dem Coro de los Andes liegt auch eine CD-Einspielung des Werks vor.

Es dauerte noch einmal mehr als 20 Jahre, bis es Manfred und Anke Eisner gelang, die notwendigen Künstler*innen zu finden und die erforderlichen finanziellen Mittel zu mobilisieren, um das Hauptwerk des Vaters bzw. Schwiegervaters endlich auch in Deutschland vorzustellen. Anfang 2026 war es dann soweit: Die Aufführung im Lübecker Dom wurde für den 27. Januar, dem „Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust“ (Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee), angesetzt. Das 2018 gegründete Jewish Chamber Orchestra Hamburg, das seinen Schwerpunkt darin sieht, das musikalische jüdische Erbe zu pflegen, bot sich als idealer Klangkörper an.

Großes Interesse in Lübeck
Wer erwartet hatte, ein unbekanntes, in Deutschland bisher nicht aufgeführtes Werk würde nur einige Spezialist*innen anziehen, wurde an jenem denkwürdigen Tag eines Besseren belehrt: Der Lübecker Dom war bis auf den letzten Platz besetzt. Offensichtlich hatten viele Leute das Gefühl, dass an diesem Abend etwas ganz Besonderes in Lübeck stattfinden würde.
Nach einer Begrüßung, in der Dompastor Martin Klatt und Dompastorin Margrit Wegner auf die Notwendigkeit des Erinnerns an den NS-Terror und die Bedeutung des Holocaust-Gedenktages eingingen, las die Schauspielerin Nina Petri das Kapitel „Erich Eisners musikalisches Erbe – Die Cantata Bolivia“ aus den 2024 erschienenen Lebenserinnerungen Manfred Eisners. Anschließend erklang die Cantata Bolivia unter Leitung des jungen Dirigenten Emanuel Meshvinski, der die Musiker*innen des Jewish Chamber Orchestra, den 40-köpfigen Landesjugendchor Schleswig Holstein und die Sänger*innen Stella Motina (Sopan), Genevieve Tschumi (Alt), Gevorg Asperánts (Tenor) und Bruno Vargas (Bass-Bariton) souverän durch das Konzert führte.
Texte von Yolanda Bedregal
Anders als der Name vielleicht suggeriert, steht die „Cantata Bolivia“ in der spätromantischen europäischen Musiktradition, mit deutlichen Bezügen zu dem von Erich Eisner hochverehrten Gustav Mahler. Das bedeutet allerdings nicht, dass sich Eisner nur für die europäische Kunstmusik interessiert hätte. Als engagierten und offenen Musiker faszinierte ihn auch die bolivianische Musiktradition mit deren von Europa so verschiedenen Tonsystemen und Instrumenten. Neben dem Orquesta Sinfónica Nacional leitete er in La Paz auch das Ensemble Orquesta Típica Municipal, das regelmäßig Werke der bolivianischen Volksmusik präsentierte.

Zu dem Konzert im Lübecker Dom hatten die Veranstalter ein sehr schön gestaltetes Programmheft zusammengestellt, das neben Informationen zu Erich Eisner und den Künstler*innen die komplette Textvorlage von Yolanda Bedregal auf Spanisch und mit deutscher Übertragung enthielt. Letztere hatte Manfred Eisner angefertigt. Für ihn ging an dem Abend an lang gehegter Traum in Erfüllung. Aber nicht nur für ihn: Neben dem Sohn des Komponisten war im Lübecker Dom auch die in Hamburg lebende Valentina Holt, eine Enkelin der Autorin Yolanda Bedregal, anwesend. Für diese Beiden und viele mehr wird dieser Abend ein unvergessliches Erlebnis bleiben.
Zum Weiterlesen:
Manfred Eisner: Verhasst-geliebtes Deutschland. Chronik einer deutschen jüdischen Familie, Verlag Hentrich & Hentrich, Leipzig 2024, 262 S., 28,- Euro
Gert Eisenbürger: Ein Symphonieorchester über den Wolken. Der jüdische Emigrant Erich Eisner und das Musikleben in Bolivien, in: Niko Huhle/Theresa Huhle: Die subversive Kraft der Menschenrechte. Rainer Huhle zum radikalen Jubiläum, Paulo Freire Verlag, München 2015, S. 377-390.
Ich kenne eine bolivianische Muskwerkstatt „Canto Sur“ in Sucre, die event. Interesse an dem Musikwerk von Eisner hat und es musikalisch gestalten möchte/könnte und bitte um Kontakte. Gracias, Dr. Diethelm Busse