vonPeter Strack 17.04.2026

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Am 19. April 2022 vor vier Jahren starb nach langjährer Inhaftierung und Folter der ehemalige Direktor des Fonds für indigene Völker von Bolivien. Die damals regierende „Bewegung zum Sozialismus“ (MAS) hat Marco Aramayo nie verziehen, dass er die Korruption in dem Fonds angezeigt und die Verantwortlichen beim Namen genannt hatte. Recherchiert und öffentlich bekannt gemacht hat den Fall die Journalistin Claudia Soruco. Im Folgenden berichtet sie für Latin@rama darüber, wie sie zum Journalismus gekommen ist, was sie im Fall Aramayo erlebt hat, welche Schwierigkeiten es in Bolivien für eine unabhängige Presse gibt und was ihr Hoffnung macht, mit ihren Reportagen trotzdem Veränderungen bewirken zu können.

Von Claudia Soruco

Ich bin im schönen Irupana geboren, einem kleinen bolivianischen Ort in der Andenfussregion von La Paz.

Mit dem Vater in Irupana, Foto: Privat

Unsere Familie baut dort seit jeher Kaffee an. Irupana ist mein Leben. Dort wird noch rustikale kleinbäuerliche Landwirtschaft betrieben. Neben Kaffee auch Zitrusfrüchte. Dabei ist man der Trockenheit, den Regenfällen, den Schädlingen ausgeliefert. Ich habe in Irupana intensive Jahre mit meiner Familie verbracht und bin immer wieder dort gewesen um mitzuarbeiten. Ich bin auch kein Stadtmensch. Zu meinem Vater hatte ich ein sehr nahes Verhältnis hatte und ihm versprochen zurück zu kommen. Ich wollte mich ganz dem Kaffeeanbau und der Honigproduktion widmen, um mit ihm zusammen zu sein. Es war ein harter Schlag für mich, als er vor einem Jahr gestorben ist. Aber noch ist die Idee einer Rückkehr lebendig. Wir Geschwister fühlen uns verpflichtet, das Erbe unseres Vaters mit dem Kaffeeanbau weiterzuführen. Das Leben dort ist gesünder.

Aber das Schreiben hat mir auch immer Freude gemacht. So ist mein Herz gespalten. Mit etwa neun Jahren bin ich mit meinen Geschwistern wegen des Schulbesuchs nach La Paz gezogen. Später habe ich dort Kommunikationswissenschaften an der staatlichen Universität San Andrés studiert. In meinem dritten Jahr habe ich begonnen, Reportagen zu Menschenrechts- und Umweltthemen für die Universität zu verfassen.

Foto: Privat

Vom Studium zur Universität des Lebens

Seit bald 17 Jahren arbeite ich nun als Journalistin. 2008 hatte ich mich noch als Studentin bei der Tageszeitung La Razón beworben. Die gehörte damals zur spanischen PRISA-Unternehmensgruppe und war noch unabhängig von der Regierung. Sie nahmen mich wie alle Neuen zunächst für Berichte aus dem Alltag und über das nächtliche Geschehen unter Vertrag. Zwischen sieben Uhr abends und drei Uhr nachts berichtete ich von Überfällen, Polizei-Razzien, Unfällen, Morden… Nach ein paar Monaten kam ich in die Abteilung für investigativen Journalismus. Auf den habe ich mich spezialisiert. Eine meiner ersten Reportagen für La Razón handelte von der Umleitung des Flusses Mauri für Bewässerung nach Peru. Sie wurde preisgekrönt und hat auch viel in Bewegung gebracht. Der damalige Außenminister David Choquehuanca ordnete eine Prüfkommission vor Ort an. Das Thema hatte ich mir selbst ausgesucht, so wie eigentlich immer. Ich lese viel. Manchmal tauchen dabei neue Themen in einem Nebensatz auf. Im gleichen Jahr habe ich noch einen weiteren Preis für Menschenrechtsjournalismus bekommen. Es ging um die erste formaljuristische Anerkennung einer Trans-Person in Bolivien. Darauf bin ich in den sozialen Netzwerken gestoßen. Er wollte eigentlich keine Interviews geben. Die Medien fänden nicht die richtigen Worte. Und die Gesellschaft war damals noch sehr konservativ. Doch dann hat er akzeptiert.
Wenn man nur das Mikrofon hinhält und die Menschen von oben herab behandelt, dann bekommt man keine relevanten Informationen. Ich baue immer erst Vertrauen auf. Das habe ich nicht im Studium gelernt. Dort habe ich Schreiben gelernt, aber die journalistischen Herausforderungen zu bestehen, lernt man an der Universität des Lebens.

Universität des Lebens, Foto: privat

Die Tageszeitung La Razón wird zum Sprachrohr der Regierung

Von 2008 bis 2010 war ich bei La Razón, bis sich deren Ausrichtung änderte. Ständig wurde das Gesicht von Evo Morales gezeigt. Es hieß, die Zeitung sei von jemandem gekauft worden, der der Regierung sehr nahe stehen würde. Das Personal forderte von der Geschäftsleitung Aufklärung. Ich hatte gerade mein Studium beendet und bewarb mich auf eine Ausschreibung der Nachrichtenagentur Reuters. Noch während des Auswahlverfahrens tauchte dann der venezolanische Unternehmer Carlos Gil als neuer Eigentümer von La Razón auf. Er machte klar, dass La Razón ein Medium auf Regierungslinie werde. Nach ein paar Jahren bei Reuters legte ich eine Pause ein, um meine Abschlussarbeit für die Universität zu schreiben. Mein Thema: Der Richtungswechsel bei La Razón nach deren Aufkauf. Dann bekam ich den Anruf des Herausgebers der (2010 gegründeten) Tageszeitung Página Siete, um dort in der Rechercheabteilung zu arbeiten.

Evo Morales verkündete in einer Pressekonferenz, dass nur noch zehn Prozent der Medien oppositionell seien. Página Siete war damals eines der wenigen unabhängigen Medien. Nie bekam die Zeitung auch nur einen Cent für Anzeigen von der Regierung oder den Staatsunternehmen. Sie kam gerade so mit Anzeigeneinnahmen von kleineren oder mittleren Unternehmen und dem ein oder anderen Bürgermeisteramt über die Runden. Diejenigen, die Anzeigen bei Página Siete schalten wollten, wurden von der Regierung mit der Drohung erpresst, dann keine Staatsgelder mehr zu bekommen. Die Chefredaktion wurde permanent belästigt und im Falle von Raul Peñaranda sogar zum Rücktritt gezwungen.

Der Korruptionsskandal im Fonds für indigene Völker

An seine Stelle trat Juan Carlos Salazar. Unter seiner Ägide deckte ich 2014 den Korruptionsskandal beim Fonds für indigene Völker und Kleinbauerngemeinden (FONDIOC) auf. Eine Vertrauensperson hatte Salazar fünf Seiten mit Listen von Projekten des Fonds kopiert: Maßnahmen, Orte, Beträge, Empfänger*innen der Überweisungen… Uns machten die hohen Summen stutzig und auch die Regierungsnähe derjenigen, die die Gelder bekamen: Der Dachverband der Ayllus und Markas del Qollasuyu (CONAMAQ), die Organisationen der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, die sogenannten Interkulturellen (Siedler), der Dachverband der Tieflandvölker CIDOB. Nach dem erfolgreichen Marsch gegen die Planungen zum Bau der Überlandstraße durch das Indigene Territorium und Naturschutzgebiet Isiboro Sécure (TIPNIS) hatte die Regierung die CIDOB und die CONAMAQ gespalten. Wer sich auf die Seite der Regierung schlug, bekam Geld aus dem FONDIOC.

Juan Carlos Salazar gab mir den Auftrag, die Projekte vor Ort zu besuchen. Die Recherche war mein Spezialgebiet in der Zeitung und ich reiste auch sehr gern. Und solange man nicht verheiratet ist und keine Kinder hat, sind auch die Risiken geringer, andere mit hineinzuziehen. Traust du dir das zu, fragten sie mich? Selbstverständlich! Zwei Wochen lang besuchte ich jeden Morgen die Büros des FONDIOC, um die Abläufe zu beobachten. Damals war bereits Marco Aramayo der Direktor. Ich redete mit Angestellten des Fonds und die stachen dann irgendwann Informationen durch. Seiten um Seiten! Das Erstaunlichste war, dass ohne irgendeinen Zwischenbericht über Fortschritte bei der Umsetzung Gelder komplett ausgezahlt worden waren.

Vor Ort sah man nichts von den Projekten

Ich habe solche Projekte mit Summen von zwischen 5 und 20 Millionen Bolivianos (damals umgerechnet zwischen 718.000 und gut 2,8 Millionen US-Dollar) dann vor Ort besucht. In der Chiquitanía, in Teilen von Cochabamba und im Altiplano. Ich wollte sehen, ob damit wirklich Entwicklung für die Gemeinden in Gang gebracht worden war. Drei Wochen war ich unterwegs. Es waren Geisterprojekte. Da gab es 20 Millionen Bolivianos für den Bau eines Ökotourismus-Zentrums auf einem Berg in der Nähe des Titikaka-Sees. Das Geld war komplett ausgezahlt worden. Aber nichts war dort zu sehen! Andere Maßnahmen waren die Förderung der Viehwirtschaft, Rinder- oder Schweinezucht, auch Hühnerproduktion, der Bau von Überdachungen… nichts war vorzufinden, nicht ein Ziegelstein. Ich fragte die örtlichen Bürgermeister und Stadträte nach dem Projekt. Sie wussten nichts davon. Ich zeigte ihnen die Listen der Empfänger des Geldes und sie waren sehr überrascht. Seit Jahren hätte man sie nicht mehr gesehen, hieß es. Es gab Dörfer in der Titikaka-Region, für die Millionen bewilligt worden waren. Und dort gab es weder Trinkwasserversorgung noch Strom.
Das Material wird Aufsehen erregen und eine Veröffentlichung riskant sein, meinte ich nach den Reisen zu meinem Chefredakteur. Der hatte die gleiche Einschätzung. Es war nötig, die Stellungnahme des FONDIOC zu bekommen. Und das war Marco Antonio Aramayo, der damalige Direktor. Doch der war sehr beschäftigt. Ich bat schriftlich um ein Interview. Es wurde abgelehnt. Ich sprach mit der Presseverantwortlichen. Nichts.

Da habe ich mich vor sein Büro gesetzt

Da habe ich mich vor sein Büro gesetzt. Ich sah ihn rein- und rausgehen. Er hatte eine große, kräftige Gestalt, die einschüchtern konnte. Und er war meist umgeben von Aymara-Autoritäten mit ihren Peitschen. Irgendwann sagte ich der Presseverantwortlichen, dass ich jetzt unbedingt in sein Büro müsste. Aramayo war sehr ernst. Ich stellte mich als Journalistin vor und zeigte ihm, was ich herausgefunden hatte. Ich kann mich noch gut an seinen kühlen Blick erinnern. Aber er sah nicht erschrocken aus. „Ja“, sagte er, „es ist wahr. Aber ich brauche Zeit, um mich vorzubereiten“. Tage später gab er mir das Interview. Er saß hinter seinem großen Schreibtisch und hatte Aktenordner der verschiedenen internen Buchprüfungen zur Hand, die er in Auftrag gegeben hatte. „Claudia“, meinte er, „das habe ich selbst bereits angezeigt.“

Ich wusste, daß Aramayo wegen des Interviews Probleme bekommen würde

Das war Ende Septmber, wenige Wochen vor dem Interview mit mir. Kaum im Amt, hatte er Unregelmäßigkeiten aufgedeckt und dem Direktorium des Fonds gemeldet. Es gibt ein Video davon, wo er auch die Verantwortung der Sachbearbeiter erwähnt. Aber Nemesia Achacollo, die damalige Landwirtschaftsministerin und Vorsitzende des Direktoriums, reagierte nicht. Auf der nächsten Sitzung legte Aramayo seine Befunde erneut vor. Und von meinen Interviewpartnern weiß ich, dass er darüber auch mit Luis Arce (damals Wirtschaftsminister) und dem Präsidenten Evo Morales gesprochen hat. Aber sie zogen keine Konsequenzen. Ich wusste, dass Aramayo wegen des Interviews Probleme bekommen würde.
Die erste Reportage erschien am 11. November. Der Skandal war nun öffentlich. Tage später bekam ich morgens live im staatlichen Fernsehen Drohungen von den Ponchos Rojos (Aymara Autoritäten aus der Titikaka-Region). Die Journalistin Soruco sollte sich in Acht nehmen. Und wenn die Aussagen nicht widerrufen würden, würden sie die Zeitung besetzen.

Nach dem Regierungswechsel im November 2025 wird Claudia Soruco vom Staatsfernsehen zum Tod von Marco Aramayo (links ein eingeblendetes Archivbild) interviewt, Screenshot: Bolivia TV

 

Keine Angst trotz Drohungen

Die Verantwortlichen von Página Siete empfahlen mir, ein paar Tage Urlaub zu nehmen, um mich zu schützen. Ich lehnte ab. Ich hatte keine Angst und wollte, dass auch die beiden anderen vorbereiteten Reportagen veröffentlicht würden, die bereits geprüft und freigegeben waren. Auch andere Medien begannen, Fragen zu stellen und über den FONDIOC zu berichten. Dann erschien mein zweiter Beitrag. Dort stand, dass von 891 analysierten Projekten nur ein einziges umgesetzt worden war. Der Skandal wuchs und Präsident Evo Morales selbst erklärte in einer Pressekonferenz, dass die Anführer der sozialen Organisation die Drohungen beenden sollten. Man habe Unregelmäßigkeiten entdeckt und er habe der Aufsichtsbehörde befohlen, den FONDIOC zu intervenieren. Das war im Dezember, als die dritte Reportage erschien. In der ging es darum, dass mit den Geldern auch viele Aktivitäten finanziert worden waren, die keine sichtbaren Spuren hinterlassen: Fortbildungen, aber auch Wahlkampagnen. Vor allem die Bauersfrauenorganisation „Bartolina Sisa“ erhielt solche Zuwendungen. Im Antrag stand zum Beispiel „Zweistündiger Workshop zur Stärkung der Führungsfähigkeiten von Frauen“. Dafür wurden 2 Millionen Bolivianos bezahlt. Das war nicht glaubwürdig. Anfang 2015 stellte die Finanzaufsicht ihren Bericht vor. Er erfasste aber nur ein halbes Prozent der hinterzogenen Gelder. Sie hatten ein paar Projekte untersucht und dort die Veruntreuung von 18 Millionen Bolivianos nachgewiesen. Das Ganze ging an die Presse. Im Februar wurde der FONDIOC dann interveniert. Wenig später folgten die Festnahmen von Marco Aramayo und vierzig weitere Personen, Mitglieder der Basisorganisationen oder Personal des FONDIOC. Darunter auch die Ex-Ministerin Nemesia Achacollo, die wie die meisten anderen mit der Zeit wieder freigelassen wurde. Immerhin wurde sie jüngst nach den neuen Medienberichten zum Fonds und Aramayo wieder vom Gericht als Angeklagte vorgeladen. Wenn die Justiz unabhängig ist, müsste sie verhaftet werden. Wenn es nur um ein Ablenkungsmanöver geht, wird sie laufen gelassen. Luis Arce Catacora, der in Untersuchungshaft ist, spielte beim FONDIOC nur am Rande eine Rolle. Es fehlt noch die Hauptfigur jener Regierung.

FONDIOC. Von den angeblichen Projektmaßnahmen war nichts zu sehen, Foto: Privat

Manche hatten eher symbolische Geldsummen zurückgegeben, um dem Gefängnis zu entkommen. Aber Marco Aramayo blieb in Haft. Er hatte seine sozialistischen Überzeugungen wie viele in den sozialen Bewegungen, war aber kein Parteimitglied der MAS. Er hatte die Stelle auch nicht deshalb bekommen, sondern weil er ein gestandener Fachmann mit Fortbildungen im Ausland war, der an der Universität unterrichtet und viel Erfahrung in der Erarbeitung von Projekten in indigenen Gemeinden des Tieflandes hatte. Auch von der korrupten Übergangsregierung unter Jeanine Añez kam keine Unterstützung, trotz zahlreicher Briefe Aramayos und Bitten um einen fairen Prozess. Añez hat vielmehr einen der Hauptverantwortlichen für die Veruntreuungen im FONDIOC in ihre Regierung genommen: Rafaél Quispe vom CONAMAQ. Erst war er Vizeminister für Dekolonisierung, und dann Direktor des FONDIOC. In dieser Funktion hätte er den Fall von Aramayo aufklären können. Aber er war ja selbst involviert und hat Aramayo sogar noch zwei weitere Prozesse aufgebrummt.

Soruco interviewt den Psychotherapeuten Andrés Gautier vom ITEI zur Folter von Marco Aramayo, Screenshot: Claudia Soruco Press

Marco Aramayo, der die Korruption angezeigt hatte, blieb und starb in Haft

Mit Marco Aramayo habe ich im Gefängnis dann noch drei Interviews geführt. Mein Mobiltelefon oder Aufnahmegerät durfte ich natürlich nicht mit hineinnehmen. Ich musste alles aus der Erinnerung aufschreiben. Zweimal hat er mir aber auch handschriftliche Briefe geschickt. Minister und andere Amtsträger versuchten, ihn zu einem Schuldgeständnis zu überreden. Dann würden sie ihn aus dem Gefängnis holen und ins Ausland bringen. Sogar Geld hat man ihm angeboten, erzählte er mir. Aber bis zu seinem letzten Tag hat er seine Unschuld beteuert. Nie hat er uns Journalist*innen gegenüber Schwäche gezeigt oder geweint. Selbst wenn er krank war, saß er mutig vor uns. Ich habe sehr gelitten, als er dann im April 2022 eine Woche nach meinem letzten Interview mit ihm gestorben ist. Ähnlich ging es auch Andrés Gomez und Beatriz Layme, wirklich gestandene Journalisten. Ich weiß, dass man die journalistische Distanz wahren soll. Aber bei soviel Ungerechtigkeit! Wir wussten, dass er unschuldig ist. Er war ein politischer Gefangener. Weil er der Regierung der MAS Probleme gemacht hat, und sie nicht von der Verantwortung freigesprochen sondern die Wahrheit gesagt hat, hat man ihn im Gefängnis zugrunde gerichtet. Es wird solange ein politischer brisanter Fall bleiben, bis die Justiz seine Unschuld bestätigt und die Familie angemessen entschädigt worden ist. Ich habe zumindest die Hoffnung, dass die Menschenrechtskommission des Parlaments, die jüngst Aramayo posthum geehrt hat, diese Sache voran bringt. Sie haben Berichte von den Justizbehörden angefordert und darum gebeten, die Prozesse zu prüfen. Noch wichtiger wäre es, die Ursachen seines Todes aufzuklären. Sein Körper konnte der Folter nicht mehr widerstehen. Und die Familie hat noch weitere Aspekte wie eine mögliche Vergiftung angezeigt.

Claudia Soruco bei ihrer Ansprache während der posthumen Ehrung von Marco Aramayo Ende Januar diesen Jahres im Parlament, Foto: Peter Strack

2015 hatte ich Página Siete verlassen, noch bevor die Zeitung geschlossen wurde. So habe ich meinen Beitrag über Aramayos Tod damals bei der Nachrichtenagentur FIDES und (dem online-Medium von Raúl Peñaranda) Brújula Digital veröffentlicht. 2019 hatte ich als Dozentin an der Universität angefangen, aber den Fall als freie Journalistin weiter verfolgt.

Man hat uns alle Türen verschlossen.

In den Massenmedien wurden uns alle Türen verschlossen. Aber trotzdem haben sowohl Andrés Gomez (der wegen politischem Druck die Radiokette ERBOL verlassen musste), als auch ich 2022 den Nationalen Journalismus-Preis gewonnen. Er mit einem Kommentar zu Marco Aramayo, ich für eine Chronik der Ereignisse von 2013 bis zu seinem Tod. Die Preisverleihung war eine eher symbolische Geste. Denn in dieser Zeit verloren zahlreiche der besten Journalist*innen in Bolivien ihre Arbeit. Während diejenigen, die den Skandal im FONDIOC zu vertuschen versuchten, gute Stellungen in der Regierung oder in staatlichen Betrieben bekamen. Es ist nicht einfach, unabhängigen Journalismus in Bolivien zu machen und davon zu leben. Es gibt auch keine Versicherung und keinen Schutz für journalistische Tätigkeit. Wenn Landbesetzer wie in Las Londras in Guarayos auf Journalisten schießen, dann ist niemand da, um ihnen zu helfen. Als die Täter gefasst wurden, wurden sie schnell wieder freigelassen. Die Journalisten dagegen lebten weiter in Angst. Und ich glaube nicht, dass sich das unter der neuen Regierung ändert. Medien wie Journalist*innen unterwerfen sich der staatlichen Macht. Sie leben von den Anzeigen der Regierung und der Staatsbetriebe.

Foto: Privat

Der Journalismus in Bolivien ist in der Krise

Selbst die privaten Anzeigenkunden haben Angst vor der Regierung. Ich veröffentliche seit Jahren ohne Bezahlung, weil mir die Arbeit gefällt. Ich lebe von meiner Tätigkeit als Dozentin an der Universität. Jüngst haben sie mir eine Stelle in einem Staatsmedium angeboten. Das habe ich abgelehnt. Denn tatsächlich sind es keine staatlichen, sondern Regierungsmedien. Die wollen mir nur den Mund verbieten. Der bolivianische Journalismus ist in der Krise. Die Menschen informieren sich weit mehr aus Quellen, die nicht die Wahrheit sagen. Oder sie beschäftigen sich damit, dass Bad Bunny beim Super Bowl Bolivien erwähnt hat, aber nicht mit der Folter, unter der Marco Aramayo gelitten hat. Da ist die bolivianische Gesellschaft genauso wie andere. In Bolivien wird Tik Tok schon als Journalismus angesehen. Und manche Medien geben den Protagonist*innen dann vielleicht sogar eigene Sendezeit. Parteien stellen sie bei Wahlen als Kandidat*innen auf. Aber die wirklichen Journalist*innen sind bei der Recherche auf der Straße und wühlen im Dreck. Oft unter Gefahren. Ihre Arbeit wird in Bolivien nicht geschätzt.

Mit meiner Initiative „Claudia.Soruco.Press“ will ich junge Journalistinnen und Journalisten zu einer guten, unabhängigen Berichterstattung motivieren. Sie sind fit in der Nutzung sozialer Medien. Kaum haben sie etwas entdeckt, ist es auch schon verbreitet. Allerdings fehlt dieser schnellen Reaktion die Tiefe, die Sichtweise der Gegenseite. Unter meinen Student*innen gibt es aber auch sehr aufgeweckte Persönlichkeiten, die für die Recherche geboren zu sein scheinen. Und dann funktioniert auch das journalistische Gespür besser. Aber es bleibt das Problem, dass Journalismus in Bolivien sehr schlecht bezahlt wird und in den meisten Medien die Themen vorgegeben werden. Warum über das verunreinigte Benzin reden? Schreibe lieber über die erfolgreichen ersten drei Monate der neuen Regierung! Aber ich bin zuversichtlich, dass manche der Studierenden meinen Weg gehen. Dass sie Journalismus aus Leidenschaft betreiben und damit trotzdem auch ein Einkommen erzielen.

Foto: Privat

Ich bin zuversichtlich, dass sich in diesem Land etwas verändert

Ich selbst habe auf Facebook und Youtube inzwischen an die 2700 Follower, auf X sind es 19.000, auch bei TikTok nehmen die Zahlen zu. Mich interessiert daran, dass wie im Fall Aramayo andere Medien Informationen oder Interviewauszüge von mir übernehmen. Bei den Menschenrechtsthemen mag es zwar zunächst nur ein kleiner Zirkel Interessierter sein, frühere oder derzeitige Politiker*innen, Wissenschaftler*innen oder Kommentator*innen. Aber die spielen eine Rolle in der Meinungsbildung. So wird der Gefahr vorgebeugt, dass all das unter den Tisch gekehrt wird.

Ich erinnere mich an eine Reportage, als illegale brasilianische Holzhändler im Beni in eine Tacana-Gemeinde eingedrungen waren, Häuser zerstört, Frauen vergewaltigt und herumgeschossen hatten, bevor sie das Weite suchten. Mit einem Fotografen fuhren wir nach Riberalta und von dort aus noch einmal drei Stunden auf dem Motorrad. Die Patronenhülsen waren noch frisch, wir redeten mit den Frauen. Und nur wenige Tage nach der Veröffentlichung der Reportage kamen internationale Medien und eine Delegation der Vereinten Nationen.

Oder der Fall einer Dreizehnjährigen, die zunächst aus der Schule, dann nach öffentlicher Bestrafung aus der Gemeinde Chuma verstoßen wurde, nur weil sie schwanger war. Bei meinen Recherchen vor Ort stellte ich fest, dass es einer Mitschülerin ähnlich ergangen war. Während die Kindesväter weiter zur Schule gingen. Nach Veröffentlichung der Reportage erließ der Erziehungsminister ein Gesetz. Es verbot fortan, schwangeren Mädchen das Recht auf Bildung zu verwehren.

Interview mit Pastor Carvajal aus Seque Jahuira zur Wasserverschmutzung in Viacha, Screenshot: Claudia Soruco Press

Letztens habe ich das Thema der Wasserverschmutzung durch den Bergbau in Viacha in der Nähe von La Paz recherchiert. Ich habe die Anwohner*innen begleitet, wir haben Informationsworkshops organisiert. Auch für diese Reportage habe ich einen Preis bekommen. Und andere Medien haben das Thema aufgegriffen. Wichtig war, dass den Menschen klar wird, dass sie vergiftetes Wasser trinken. Auch wenn der Bergbau dort weiter aktiv ist, konnten wenigstens einige illegale Betriebe geschlossen werden.

Der Text basiert auf einem Gespräch, das Peter Strack für Latinorama mit Claudia Soruco im Februar in La Paz geführt, übersetzt und bearbeitet hat.

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https://blogs.taz.de/latinorama/investigativ-journalismus-in-der-krise/

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