Der Mandelbaum der Chiquitanía (Dipteryx alata), verwandt mit dem Barú-Nussbaum aus Brasilien, wird immer bedeutender für den Trockenwald der Chiquitanía im bolivianischen Tiefland. In der Sprache der Chiquitano heisst er Nókümonísh. Aber der lange Zeit vernachlässigte Baum scheint gegenüber den verheerenden Waldbränden der letzten Jahre besonders resistent gewesen zu sein. Die Nuss gilt als Superfood, für deren Produktion und Vermarktung auch nach Deutschland sich inzwischen zahlreiche Dorfgemeinden und Organisationen interessieren. Im Folgenden der Bericht der online-Zeitschrift Revista Nómadas.
Von Rafael Alberto Sagárnaga López/Revista Nómadas
Vor zwei Jahren war die Sonne in Concepción nur als schwaches rotes Licht zu erkennen, während es Woche um Woche Rußpartikel und Asche regnete. In jenem tragischen 2024 nährten sich die Flammen vom Trockenwald, der den Chaco mit der Amazonasregion verbindet. Die Feuer töteten fast alles auf ihrem Weg. Dagegen standen die Tage vom 13. bis zum 15. August diesen Jahres in der Provinzhauptstadt Concepción unter einem ganz anderen Stern: Sie waren einer Frucht voller Leben und Energie gewidmet: Der Mandel der Chiquitanía.
Nach einer Studie brasilianischer und US-amerikanischer Expert*innen für das Nationale Zentrum für Biotechnologie, zeichnet sich die Nuss durch ihren hohen Gehalt an Nährstoffen aus. Eine „Verbindung von Proteinen, diätetischen Ballaststoffen und vorwiegend ungesättigten Fettsäuren. Hinzu kommen relevante Menge an Kalium, Magnesium, Phosphor, Eisen und Zink.“ Die Hälfte der Fettsäuren entspricht zudem denen des Olivenöls. Und Chiquitano-Mandel ist nahrhafter als die Macandamia, die Paranuss, die Pistazie oder die Erdnuss.
Dieses potentielle Superfood wirft der Baum den Menschen sozusagen vor die Füße. “Der Samen verfügt über die bestmögliche Verpackung“, erklärt Javier Coimbra, Botaniker der Stiftung zur Bewahrung des Waldes der Chiquitanía (FCBC). „Er kann so jahrelang aufbewahrt werden. Ich habe welche nach drei Jahren noch essen können“. Eine Reserve für Katastrophenzeiten.
“Freuden- und Schmerzestränen”
Die Jahre 2019 und 2024 waren in der Tat für die Chiquitano katastrophal. Hunderte Familien aus Monteverde, Makanaté, Palestina und weiteren 28 Dörfern hatten durch die Waldbrände alles oder fast alles verloren. Deshalb wanderten vor allem Männer zeitweise oder auf Dauer in die Städte oder auf abgelegene Agrarbetriebe ab, um dort als Bau- oder Landarbeiter anzuheuern. Auf dem eigenen Land blieben vor allem Frauen und Kinder zurück. Sie kümmerten sich um die Hühner, die Gemüsegärten und was auf dem Feld noch übrig geblieben war. Und dort, wie auf Inseln des Überlebens, standen stark und fest die Mandelbäume und warfen ihre Früchte den Chiquitano zu Füßen.

Es gab noch mehr Überraschungen: Nach den Regenfällen wuchsen Sprösslinge des Mandelbaums. Der kann 25 Meter hoch werden und 60 Jahre lang Früchte tragen. Die Legende des Baumnamens in Bésiro (der Chiquitano-Sprache) schien in gewisser Weise lebendig zu werden. Laut einer Dokumentation der Stiftung FCBC war Nókümonísh eine junge Frau, die sich für ihr Volk geopfert hat, das unter Trockenheit gelitten hat. Sie geht einen Pakt mit dem Geist des Lebens ein und verwandelt sich in eine Wolke, deren „Schmerzens- und Freudentränen“ Mandelbäume in den Wald säen. Es gibt zwar keine Studien über frühere Zeiten. Aber Coimbra, einer der Initiatoren des Treffens, versichert, dass die Mandel der Chiquitanía schon in früherer Zeit als gelegentlich konsumiertes eiweißreiches Nahrungsmittel bekannt war. Es werde auch erzählt, dass Nókümonísh zu Medizin gegen Fieber, Allergien oder Verdauungsprobleme zubereitet worden sei. Außerdem sei auch das süße Fruchtfleisch für den Menschen genießbar und werde vom Vieh sehr gerne gefressen. Und deshalb wurde an jenen Tagen im August in Concepción ein Satz immer wiederholt: Nichts landet im Abfall. Es gab Tänze, Musik, Theatervorstellungen, Gedichte, eine Ausstellung der Produkte, ein Symposion und andere Aktivitäten, zu denen die lokalen Autoritäten, Produzent*innen, Unternehmer*innen, Schüler*innen sowie Personen aus Wissenschaft, Gastronomie und Handwerk zusammen gekommen waren. Eine Art Synthese einer gerade aufblühenden Identität.
Pädagogische Erfolge
Was Kultur und Bildung bewirken zeigt sich auch im Colegio Carlos Herrera, der ältesten Schule von Concepción. Vor 14 Jahren startete dort unter Leitung der Direktorin Yudith Cuellar im Rahmen der staatlichen Curriculum-Vorgaben das „sozioproduktive Projekt“ mit dem Mandelbaum. „Wir wussten, dass die Mandeln in geringerem Umfang in San Ignacio de Velasco auf den Markt gebracht wurden“, erklärt Cuellar. „Wir haben uns dann über ihre Eigenschaften informiert, haben Labors und Ärzte kontaktiert. Wir lernten die unterschiedlichen Nutzungsformen kennen und haben dann mit den Eltern und den Autoritäten geredet.“
Heute hat die Erziehung in der Schule Carlos Herrera von der ersten Klasse bis sogar nach dem Abitur Mandelgeschmack. Die Kleinsten lernen mit den Mandeln zum Beispiel rechnen, im naturwissenschaftlichen Unterricht säen sie ihre eigenen Bäume. In den oberen Klassen werden Statistiken zur Mandelproduktion erstellt und werden die biochemischen Eigenschaften und Nährstoffe behandelt. Und ehemalige Schüler*innen kommen zurück, um die Bäume zu besuchen, die sie selbst gepflanzt und benannt haben und wie sie selbst gewachsen sind.
Wertschöpfungsketten
Heute umrahmen Hunderte Mandelbäume das Schulgelände und bedecken weitere Anbauflächen. Dies auch auf privaten Farmen und in Dorfgemeinden. In Concepción haben auch die agrarwirtschaftlichen Studien, Untersuchungen zum Potential der Mandelbäume und möglicher Wertschöpfungsketten zugenommen. Manche davon wurden von Entwicklungsagenturen wie der deutschen Gesellschaft zur internationalen Zusammenarbeit giz gefördert. Auch wurden Ergebnisse von Forschungen mit der Barú-Nuss aus Brasilien genutzt. Absolvent*innen der Universität Gabriel René Moreno haben ihre Abschlussarbeit dazu geschrieben… Auf dem Symposion im August wurde intensiv darüber diskutiert, wer die Bäume am besten pflegt und wer am meisten produziert.
“Bor ist ein Schlüssel zur Entwicklung der Mandel und es ist wichtig, es richtig zu dosieren“, erklärt Reynaldo Flores, Techniker des Privatbetriebes Arizona, der über 90 Hektar mit Mandelbäumen verfügt. “Die Formen der kombinierten Wald- und Weidewirtschaft der Dorfgemeinden erlauben organischere Anbauformen“, betont dagegen Arturo Revollo. Er berät die Vereinigung der Dorfgemeinden von Concepción. Und auch andere diskutieren freundlich mit ihren jeweiligen abweichenden Einschätzungen mit. “Derzeit gibt es nur eine Schlussfolgerung“, meint Javier Coimbra: “Es gibt unterschiedliche Anbaumethoden, aber alle funktionieren und produzieren. Es gibt auch diverse Untersuchungsmethoden. Sie wurden aber noch nicht vergleichend ausgewertet. Man sollte dazu mal eine gesonderte Debatte organisieren.“ Das Wichtigste sei jedoch: „Wenn der Mandelbaum bewahrt wird, dann bleiben auch die Wälder erhalten.“
Laut Register der FCBC und des landwirtschaftlichen Forschungszentrums CITES jedenfalls haben die diversen Initiativen zu einer Steigerung der Produktion geführt: Vor 2011 wurden weniger als eine Tonne Mandeln produziert. Innerhalb jenen Jahres wurde die Produktion auf vier Tonnen gesteigert, 2018 waren es bereits 9 Tonnen und im Jahr 2023 ganze 30 Tonnen, die in Bolivien und im Ausland auf den Markt gebracht wurden.
Auf dem Hauptplatz von Concepción zeigen die Aussteller*innen (vorwiegend Frauen) die praktische Seite. Ungefähr 30 Organisationen haben ihren eigenen Stand, auf dem sie aus der Nókümonish verarbeitete Produkte präsentieren. In den Behältern finden sich rohe, geröstete oder mit Geschmacksstoffen ergänzte Mandeln. Es gibt Mehl, Eis, Süßigkeiten, aber auch Kosmetikprodukte und medizinische Cremes. Alle wurden in der Region von Concepción gesammelt, geschält und in den diversen Zentren weiterverarbeitet.

Gastronomisches Potential
Manche der lokalen Kleinproduzent*innen wollen darüber hinaus gehen. “Die Kommerzialisierung läuft allgemein sehr gut,“ erklärt Widen Abastoflor, Direktor der Nichtregierungsorganisation CEPAC (Zentrum zur landwirtschaftlichen und Gemeindeentwicklung). „Es besteht jedoch die Gefahr, dass die traditionellen indigenen Gemeinden davon ausgeschlossen bleiben“. Deshalb habe man über solidarische Märkte und mit Initiativen zur Unternehmensverantwortung die lokalen Initiativen in größere Vermarktungsketten einbezogen.
Das Kochen mit der Chiquitano-Mandel ist ein Kapitel für sich. Mindestens sieben Restaurants und Cafés von Concepción sind bereits Teil eines gastronomischen Netzwerks. Die Tapera del Iñauma hat Maisgetränk, gestampfte Maniok und Mandelschokolade im Angebot. Carmencita verkauft gestampftes Maniok mit Mandel, die Junte de los Chiquitanos Mandelsuppe, Buen Gusto Mandelpüree. Die Cafés El viejo rubio und Makanaté bieten unterschiedliche Gebäcke mit Nókümonísh. “Es ist dringend, alle diese Köstlichkeiten bekannt zu machen, insbesondere bei den nachwachsenden Generationen“, erklärt Javier Libera, ein Chef des bekannten Restaurants El Aljibe in Santa Cruz. Er stach bei dem Treffen nicht nur wegen seines Vortrags, sondern auch wegen eines innovativen Keperí hervor, bei dem ein Stück Fleisch mit einer Chiquitano-Mandelsoße serviert wird.
Exportmöglichkeiten
So kommt es, dass auf die Nókümonísh in diesen Jahren Fachorganisationen mehr als nur aufmerksam geworden sind. “2021 waren wir auf der ANUGA in Deutschland, der wichtigsten Nahrungsmittelmesse der Welt“, erinnert sich Martín Rapp vom Unternehmen Chiquitanía Novel Foods. „Wir wollten sehen, ob es dort irgendeinen Interessenten gab, und es waren dann ganze 79. Interessanterweise kamen viele aus arabischen Staaten. Sie sagten uns, wir sollten zusehen, dass der Name geschützt wird. Damit nicht das gleiche geschähe wie mit der Paranuss, die unter ihrem brasilianischen Namen auf dem Markt ist. Sichert die Qualität und untersucht, wie die Produktivität verbessert werden kann.“
Denn auch wenn Nókümonísh ein ähnliches Produkt wie die brasilianisch Barú-Nuss ist, ist die Dipteryx alata eine Sorte besonders hoher Qualität. „Das haben selbst die Brasilianer bestätigt und anerkannt“, erklärt Coimbra. Die brasilianische-US-amerikanische Firma Baruka erwähnt sie auf ihrer Webseite als „Chiquitania Premium Variety’”.
Als Reaktion auf die Empfehlung, weitere Untersuchungen anzustellen, entstand nur einen Kilometer entfernt vom Hauptplatz von Concepción jüngst die Initiative zur Einrichtung eines Demonstrations- und Versuchszentrums für die Mandel der Chiquitanía, wie Hermes Justiniano ankündigte: „Es wird ein wissenschaftliches Abenteuer zum Nutzen aller werden.“ Es handelt sich um ein fast sieben Hektar großes Landstück, das Justiniano eigentlich urbanisieren wollte. Doch dann stellte er überrascht fest, dass dort 600 Mandelbäume stehen.

Monokulturen und die Widerstandskraft gegen das Feuer
Es ist zweifellos ein weiteres Beispiel für die Begeisterung und die Dynamik, die der feuer-resistente und in Bezug auf den Boden wenig anspruchsvolle Baum in der Chiquitanía auslöst. Auf dem Symposion wurden allerdings auch die Herausforderungen deutlich, um eine nachhaltige Produktion und Vermarktung der Nókümonísh und seiner weiterverarbeiteten Produkte zu sichern: Vor allem der Aufbau einer strukturierten Lieferkette. “Wir kommen nur voran, wenn wir die ganze Produktionskette einbeziehen. Es gibt keine Einzellösungen“, erklärt Martín Rapp. „Wir müssen uns für die Registrierung und die Marke gegenüber der Regierung und auf den Märkten positionieren, die Mandel bewerben und neue Märkte erschließen. Wir müssen sicherstellen, dass das Produkt mit der Chiquitanía identifiziert und von der Barú-Nuss unterschieden wird. Wir müssen auch die derzeitige Konjunktur nutzen, um mehr Exportquoten sowie Vorteile bei der Finanzierung, der Werbung und den Steuern einfordern. Und schlussendlich die Qualität des Produktes, sowie seine positiven sozialen und Umwelteffekte sicherstellen.“
Einig war man sich auf der Tagung auch in Folgendem: “Die Mandel darf nicht zu einer Monokultur werden“. Denn dieses Wort ist eng verknüpft mit der Tragödie der Waldbrände in dieser Zone. Im Wald wächst jedoch eine Vielzahl von Früchten, die die feuerresistenten Nókümonísh begleiten.
So waren auf der Verkaufsmesse in Concepción auch die Bewohner*innen von Marfil mit dutzenden Produkten aus Waldfrüchten präsent. Ebenso die Produzentinnen von Ölen und Cremes auf der Grundlage der Früchte des Copaiba-Baumes aus der Umgebung von Concepción. Hinzu kamen Kaffee und Kakao aus den Gemeinden Makanaté und Monte Verde. So als würden die Wälder ganz offen den agroindustriellen Betrieben, vor allem der Sojaproduktion, Alternativen aufzeigen. Die drei Tage des Nipiexta Nókümonish, des Mandelbaum-Festes der Chiquitanía, waren ein klarer Kontrapunkt. Vor zwei Jahren gab es herzbewegende Protestdemonstrationen mit der Forderung nach internationaler Unterstützung für die Menschen, die unter den immensen Waldbränden, giftigem Rauch und einem Himmel ohne Sonne litten. Heute feiern diese Menschen eine Hoffnung, dank der Bäume, die wie die Chiquitano-Mandel stehen geblieben sind.
Übersetzung: Peter Strack. Wir bedanken uns bei der Zeitschrift Nómadas sowie dem Autoren für die Genehmigung, den Beitrag auf Latinorama zu veröffentlichen.Rafael Alberto Sagárnaga López ist Linguist und Journalist. Der Originalbeitrag auf Spanisch ist unter diesem Link zu finden.