vonPeter Strack 18.08.2026

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Schon vor seiner Veröffentlichung provozierte die Essay-Sammlung „Santa Cruz S.A.“ heftige Kritik im bolivianischen Tiefland. Sie präsentiere Meinungen statt Fakten, sei eine von ausländischen NRO finanzierte Kampfschrift gegen die erfolgreiche Region oder eine Hexenjagd gegen ihre Protagonisten. Eine Woche nach der offiziellen Vorstellung war die erste Auflage bereits ausverkauft. Es geht um die Kritik am agroindustriellen „Entwicklungsmodell von Santa Cruz“. Das preisen die dortigen Wirtschaftseliten gerne als Erfolgsrezept für ganz Bolivien. Das die Autorinnen und Autoren sowohl die Zusammensetzung der Eliten als auch die Entwicklung von Identitäten zu statisch betrachten, wo tatsächlich diverse, dynamische Veränderungen im Gange sind, ist jedoch wenig hilfreich für die Vermittlung ihres Anliegens.

Das Buch „Santa Cruz $.A.“ beginnt mit dem Rückgriff auf eine Rede, in der der marxistische frühere Vizepräsident Boliviens Alvaro García Linera sich vor Unternehmer*innen mit Bezug auf die Lehren Lenins damit brüstet, es sei seine Regierung der „Bewegung zum Sozialismus“ (MAS) gewesen, die im Laufe der Geschichte die meisten Gesetze und Maßnahmen zugunsten der Agroindustrie der Tieflandregion Santa Cruz ergriffen habe. Weniger prosaisch geht es tatsächlich um Subventionen, Steuererleichterungen, Kredite unter Vorzugskonditionen oder die Amnestie für illegale Abholzungen oder Landnahmen. Die Autor*innen halten nicht nur deshalb das „Entwicklungsmodell von Santa Cruz“ für einen Mythos. Und sie bezweifeln, dass die Agroexportindustrie ein wichtiger Faktor zur Überwindung der aktuellen Wirtschaftskrise sein könnte, würde man sie noch weiter von zentralstaatlichen gesetzlichen Regulierungen befreien. So wie mit dem im ersten Anlauf gescheiterten Versuch der neuen Regierung von Rodrigo Paz Anfang des Jahres zu erlauben, kleinbäuerliches Land unbürokratisch in kapitalistische Betriebe umwandeln zu können. Oder mit dem Wunsch, vermehrt gentechnisch verändertes Saatgut oder Agrargifte einsetzen zu dürfen. Es überrascht daher nicht, dass es auf Facebook schon vor der Veröffentlichung heftige Kritik an dem Sammelband und an der Tatsache gab, dass die Autor*innen vom Cochabambiner Centro de Estudios Populares durchweg nicht aus der Region sind. Die beklagten, dass nur einen Tag vor der Buchvorstellung die Stadtverwaltung von Santa Cruz die dafür vereinbarten Räumlichkeiten gekündigt habe und dass die Massenmedien sie totschweigen würden. Das allerdings hat sich durch die Polemik tatsächlich schnell ins Gegenteil verkehrt.

Grosses Interesse bei der Buchvorstellung, die kurzfristig in das Kulturzentrum der Patiño-Stiftung in Santa Cruz verlegt werden musste, Foto: CEESP

Der Mythos vom ungenutzten Land

Im ersten Kapitel erinnert José Antonio Orsag Molina daran, dass schon bei den Modernisierungs- und Siedlungsprojekten im 20. Jahrhundert unterschlagen wurde, dass die für wirtschaftliche Nutzung zu erschließenden Regionen bereits von indigenen Völkern besiedelt waren. Im vorherigen Jahrhundert war es sogar explitzit darum gegangen, die „Wilden“ zurückzudrängen. Sei es mit militärischen Mitteln, mit Missionssiedlungen, Assimilierung oder durch ausländische Siedler oder Unternehmen. So sollte die zentralstaatliche Kontrolle über die Territorien gesichert werden. Nach der Nationalen Revolution kamen 1953 japanische Familien, 1954 die ersten Mennoniten. Kostengünstiger war aber die Ansiedlung von Quechua und Aymara aus dem Hochland, auch wenn die wie die Japaner auch – so Orsag Molina – auf rassistisch motivierte Vorbehalte bei den Eliten aus Santa Cruz stießen. Dabei seien es gerade sie gewesen, die trotz geringerer staatlicher Zuwendungen zu einer zunehmenden Selbstversorgung Boliviens mit Reis und Zucker beigetragen hätten.

Siedlung in den Cochabambiner Tropen, Foto: Veronika Kern

Landkonzentration mit staatlicher Hilfe

Zusammen mit dem Ökonomen Stasiek Czaplicki Cabezas analysiert Orsag Molina im zweiten Kapitel unter der Überschrift „Land ohne Reform“ die Ausweitung des Großgrundbesitzes im Tiefland nach der Nationalen Revolution. Dabei beziehen sie sich vor allem auf Studien, die vor über 40 Jahren von Intelektuellen aus Santa Cruz veröffentlicht wurden. Seit 1953 bis zum Ende der Militärdiktaturen im Jahr 1982 hatte eine den lokalen Eliten zugehörige Gruppe von gerade einmal 19 Personen von der Agrarreformbehörde 48 Grundstücke von insgesamt 477.836 Hektar Staatsland als Privateigentum zugewiesen bekommen. Weitere den Militärs nahestehende Familien bekamen zwischen 1973 und 1981 noch einmal 135.306 Hektar. Die ausländischen Entwicklungskredite nach der Agrarreform seien vor allem in den agroindustriellen Sektor gegangen, Zuckerfabriken inbegriffen. Viele angestammte indigene Kleinbauernfamilien hingegen, aber auch Migranten aus dem Hochland, denen Land zugeteilt worden war, hätten Schwierigkeiten gehabt, Unterstützung zur Verbesserung ihrer Produktion zu bekommen und hätten ihr Land an Großbetriebe verloren. 1984 verfügten 55 Prozent der Betriebe über weniger als 20 Hektar Land, zusammen weniger als 2 Prozent der gesamten Agrarfläche. Dagegen kontrollierten 2,7 Prozent der Betriebe mit jeweils mindestens 1000 Hektar zusammen 82 Prozent des Landes.

Landbesitz dient auch als Garantie für Bankkredite, Foto: P. Strack

Die Ländereien seien auch Türöffner in andere Geschäftsbereiche wie dem Handel oder Bankensektor gewesen. Sie hätten mehr als Garantie für Kredite, denn zur Erhöhung der Narungsmittelproduktion gedient. So wurden in den 1970er Jahren die noch heute wichtigen Banken Ganadero und Santa Cruz gegründet. Das Agrarreformgesetz von 1996 schützte dann zwar erstmals indigene Territorien und untersagte die Vergabe staatlicher Ländereien an ausländische Unternehmen, verbot aber nicht deren Kauf. Mit dem folgenden Soja-Boom um die Jahrtausendwende drang daher immer mehr ausländisches Kapital auf den Markt. Nach der Regierungsübernahme durch Evo Morales Bewegung zum Sozialismus und der Verabschiedung der neuen Verfassung von 2009 wurde der Landbesitz auf maximal 5000 Hektar beschränkt. Doch dies galt nur für neu erworbenes Land. Das konnte auch über verschiedene Eigentümer der selben Familie geschehen, um die Fläche auszuweiten. In der Praxis reichte es nachzuweisen, dass auf dem Land produziert wurde, um es auch bei immensen Flächen behalten zu können. Die Autoren nennen es einen „verdeckten Großgrundbesitz“.

Unterbelichtet: Die Rolle der neuen Eliten der MAS

In der Zeit der MAS werden massive Unterstützung der Regierung für Siedler, aber auch Spekulanten aus dem Hochland zunehmend wichtiger bei der Urbarmachung, dem späteren Verkauf und der Akkumulierung von Land durch große Agrarbetriebe. Dieser Aspekt bleibt bei den Autoren jedoch ebenso im Hintergrund wie die Entwicklung, dass Mitglieder der Regierungselite der MAS mit dem bevorzugten Zugang zur Agrarreformbehörde und zum Teil mit Korruptionsgewinnen sich selbst in die Agroindustrie des Tieflandes einkaufen und mit den traditionellen Eliten konkurrieren oder gar kooperieren. Immerhin zeigen Czaplicki und Orsag, dass die Agrarreformbehörde ihre Funktion nicht erfüllt. Von den durch die indigenen Gemeinden beantragten 2,2 Millionen Hektar angestammten Landes in Guarayos waren bis zum Jahr 2021 nur 1,3 Millionen Hektar zugesprochen worden, schreiben sie. Fast 226.000 Hektar wurden anderen Akteuren irregulär überschrieben. Ein Teil nach der Verschuldung kleinbäuerlicher Einheiten, obwohl deren Land laut noch geltender Rechtsprechung eigentlich nicht verpfändet werden darf. Leider ist die Sprache nicht immer präzise. So bleibt offen, ob dazu auch Land aus dem dortigen indigenen Territorium gehört. (Hier dokumentiert durch eine Video-Reportage von Nelfi Fernández Reyes für das Pullitzer-Center.) 

Verluste trägt die Gemeinschaft, Gewinne werden privat eingestrichen

Den Grundwiderspruch zwischen dem öffentlichem, teilweise separatistischen Diskurs der Unternehmerschaft vom erfolgreichen Cruzeñer Entwicklungsmodell einerseits und der u.a. durch Bergbauabgaben finanzierten zentralstaatlichen Subventionspraxis andererseits präsentiert Stasiek Czaplicki im dritten Kapitel. Es beginnt mit den Krediten der Banzerdiktatur in den 1970er Jahren für den Baumwollsektor. Die Schulden wurden später wegen Zahlungsunfähigkeit vom Staat übernommen. Pro Kopf ging damals weit mehr als das Dreifache der Entwicklungsgelder, die in La Paz ankamen, nach Santa Cruz, heißt es. Später kommt die Expansion der Sojaplantagen und anstelle von Entwicklungsgeldern die Subventionierung des Treibstoffs und die Kanalisierung von Geldern aus dem Rentenfond über günstige Kredite an den Agroindustriellen und Bankensektor von Santa Cruz. Letzterer verbuchte selbst in den Krisen oder gerade aufgrund der Devisenkrise wie im vergangenen Jahr weit überdurchschnittliche Gewinne. Das Prinzip, so Czaplicki: Gewinne werden als Beleg erfolgreicher privatwirtschaftlicher Initiative eingestrichen, Verluste vom Zentralstaat übernommen.

Geschlossene Filiale der Banco Fassil, bei deren Pleite viel Geld aus Pensionsfonds verbrannt wurde, Foto: Peter Strack

Mit dem Sojaboom Anfang des neuen Jahrtausends wurden die Anbauflächen von 218.000 Hektar 1992, über 580.00 Hektar in 1999 auf fast eine Million Hektar im Jahr 2004 erweitert. Dies auch im Zusammenhang mit dem Verlust der Fruchtbarkeit der Böden durch die Monokulturen und Ernteeinbussen aufgrund des Klimawandels. Zunehmend kamen nun auch ausländische, vor allem brasilianische Produzenten ins Land, die 2004 schon über 40 Prozent der Sojaanbauflächen in Santa Cruz bewirtschafteten, wie Czaplicki schreibt. Ein Fünftel der Flächen bearbeiteten Mennoniten, fast 8 Prozent Siedler japanischer Herkunft. Später im Buch erwähnte Zahlen der Fundación Tierra, die Czaplicki zitiert ohne Unterschiede oder Veränderungen zu analysieren, sprechen allerdings für einen starken Rückgang des Anteils brasilianischer Investoren, wenn der nicht vorher schon deutlich geringer war. Die Konzentration im Sektor sei auch nach Regierungsantritt von Evo Morales nicht wesentlich verringert worden. Nur in den ersten Jahren habe es Förderprogramme für kleinere Produzenten von nicht gentechnisch veränderter Soja mit Mitteln aus Chavez‘ Venezuela gegeben. Ab 2010 sei die staatliche Unterstützung mit dem Ausbau der Infrastruktur, vergünstigten Krediten und Dieselsubventionen dann ohnehin dem gesamten Sektor zugute gekommen. Ziel war die Ausweitung der Produktion. Zur Ausweitung der Agrarflächen wurde massiv gerodet. Die Rede ist von jährlich 400.000 Hektar Wald. Andere Zahlen im Buch sprechen eher dafür, dass dieser Umfang erst in den letzten Jahren erreicht wurde.

Entwaldung für die Agroindustrie wie hier nahe San Ignacio de Velasco, Foto: Revista Nómadas

Auch hier gilt das Prinzip, dass die Umweltfolgen von allen getragen , die Gewinne privat verbucht werden. Dazu beigetragen hätte auch das Personalkarussel. Personen aus dem Unternehmenssektor, die Regierungsämter übernehmen und umgekehrt.

Im Ergebnis wurden im Jahr 2025 auf einem Drittel der landwirtschaftlichen Flächen Boliviens Soja angebaut. Hinzu kommen in geringerem Umfang Zuckerrohr und Sonnenblumen, sowie ein Rinderbestand von etwa 5 Millionen Tieren. Der Exportwert agroindustrieller Produkte betrug etwa anderthalb Milliarden US-Dollar. 88 Prozent davon fiel auf nur sechs Konzerne. An dritter Stelle mit 12 Prozent Anteil Gravetal. Im Buch ist recht allgemein von venezolanisch-bolivianischem Kapital die Rede. Der Haupteigentümer ist ein früherer Abgeordneter der Regierungspartei MAS.

Konsequenzen für die indigene Landbevölkerung

Was das alles für die indigene Landbevölkerung bedeutet, zeigt Czaplicki diesmal mit Co-Autorin Blanca Rivero im nächsten Kapitel am Beispiel der Chiquitana Roxana Guasase aus San Lorenzo. Das Dorf liegt an der Eisenbahnlinie, die Santa Cruz mit dem brasilianischen Mato Grosso verbindet. In ihrer Kindheit lebte die Familie von dem Reis, Mais, Maniok und den Bohnen ihres Ackers. Ein Fluss sorgte rund ums Jahr für das nötige Wasser. Heute ist er ausgetrocknet. Es kam zu großen Bränden. Roxana führe das auf die ungebremste Abholzung und die Wasserbohrungen, sei es von Viehzüchten oder Mennoniten-Siedlungen zurück. Ein Agrarunternehmer hatte zudem den Fluss gestaut und das Wasser zur eigenen Nutzung umgeleitet und weigert sich trotz gegenteiligem Gerichtsbeschlusses bislang, den Wasserlauf wieder freizugeben.

Wasser ist ein entscheidender Produktionsfaktor, dessen Verfügbarkeit durch die Entwaldung massiv reduziert wird, Foto: Katrin Schweiker

Doch Wassermangel ist auch ein Ergebnis der Waldvernichtung. Abholzung und Klimawandel summieren sich. So habe sich die von Wasser bedeckte Fläche in Santa Cruz von 204 Tausend Hektar im Jahr 1985, auf 134 Tausend Hektar im Jahr 2023 reduziert. Bei der Laguna de Concepción, eine See- und Palmenlandschaft im Trockenwald von Chiquitos, sank die Wasseroberfläche im gleichen Zeitraum von 7000 Hektar auf gerade einmal 746 Hektar.

Wer ist schuld an der Zerstörung der Wälder?

Mit dem Argument, dass die Viehwirtschaft für bis zu 25 Prozent der Abholzungen verantwortlich ist, Mennoniten für zwischen 15 und 16 Prozent, sowie Agroindustrielle Betriebe für weitere zehn bis 14 Prozent versuchen Czaplicki und Rivero die zunehmende Kritik an Siedler*innen aus dem Hochland und Landbesetzungen zu entkräften. Doch wenn die von ihnen präsentierten Zahlen stimmen, bleiben 45 Prozent unerklärt. Und während beide die Problematik der viehwirtschaftlichen Erschließung als Vorstufe späterer agroindustrieller Nutzung sehen, blenden sie ähnliche Zusammenhänge durch Ansiedlungen, die von der Regierung gezielt gefördert wurden, sowie durch Landbesetzungen aus, die von der Agrarreformbehörde toleriert wurden und zu späteren Verkäufen auch an Agrar-Unternehmen führen.

Für „Santa Cruz AG“ ein Randphänomen, das zur pauschalen Diskriminierung benachteiligter Siedlerfamilien verwendet wird, für dieses Opfer einer gewalttätigen Landmafia jedoch brutale Wirklichkeit, Foto aus San Miguel: Erwin Melgar

Auch beim Thema der Waldbrände argumentieren Czaplicki und Rivero gegen einen vorherrschenden Diskurs in den Massenmedien, der sozial benachteiligte Siedler*innen und die sie unterstützende frühere Zentralregierung der MAS als Hauptschuldige darstelle. Dagegen seien es neben den Mennoniten die agroindustriellen Eliten und Viehfarmen, die hinter diesem Diskurs ihre eigene Verantwortung verstecken würden. Die Landmafia, die auch bewaffnet auf Gemeindeland und in Naturschutzgebiete vordringt und auch agroindustrielle Betriebe besetzt, bleibt dagegen unerwähnt. Diese Unterkomplexität der Argumentation ist wenig hilfreich bei der Identifizierung von Verantwortlichkeiten und Lösungen.

Dabei dienen weder die gesetzlichen Erleichterungen für Brandrodung oder die Landnutzungspläne, noch die Gesetze für die Zeit nach den Waldbränden der Vorbeugung neuer Feuer, geschweige denn der Wiederherstellung der Naturlandschaften, kritisieren Rivero und Czaplicki. Sie seien vielmehr ebenfalls auf die Ausweitung landwirtschaftlich nutzbarer Flächen ausgerichtet.

Mit der Förderung der Biotechnologie, die die Agrolobby vehement fordert, um den Produktionsrückgängen auf ausgelaugten Flächen zu begegnen, sind allerdings nicht die naturnahen Formen der Produktion von Dünger und Erhöhung der Bodenfruchtbarkeit gemeint, wie sie etwa von der Nichtregierungsorganisation PROBIOMA in Santa Cruz in den letzten Jahrzehnten erfolgreich entwickelt wurden. Es geht um erweiterte Genehmigungen für die Nutzung gentechnischer veränderten Saatgutes und der dazugehörigen technologischen Pakete. Dabei hätten deren auch widerrechtlicher Einsatz beim Mais nicht einmal zu erhöhter Produktivität geführt: Rivero und Czaplicki zitieren Daten des nationalen Statistik-Instituts, wonach die Ernte von 3,7 Tonnen Mais pro Hektar in den Jahren 2001 bis 2010, in den Folgejahren bis 2011 auf 2,88 Tonnen sogar gesunken sei. Auch bei der Soja, bereits zu 80 Prozent mit gentechnisch verändertem Glifosat-resistenten Saatgut angebaut, habe nur die Importmenge für Pestizide drastisch zugenommen, nicht aber die Produktivität.

Vor allem kleine landwirtschaftliche Betriebe versorgen die Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln, Foto: Veronika Kern

Erzwungenes Kollektivbewusstsein ?

Im fünften Kapitel „Erzwungenes Cruzeñertum“ beschreibt Suzanne Kruyt Disziplinierungsmechanismen und Gewalt bei der Schaffung eines Kollektivbewusstseins im Dienste der Eliten. Dabei stellt Kruyt die rassistische Gewalt gegen indigene und vor allem Migrant*innen aus dem Hochland in den Mittelpunkt, während die Gewalt in umgekehrter Richtung unerwähnt bleiben. Etwa der Marsch bewaffneter MAS-Anhänger aus dem Hochland auf Santa Cruz während dem Konflikt 2008 oder die Scharfschützen, die 2019 Cruzeñer Zivilisten getötet haben. Es ist eine Unterkomplexität, die vermutlich wenig zur Lösung der Konflikte beiträgt und die Kruyt selbst bei den Gründungsmythen einer angeblich weitgehend friedlichen Begegnung der angestammten Völker mit eingewanderten Weißen und bei der Verklärung von Abhängigkeit, Ausbeutung oder gar sexualisierter Gewalt durch das Bild des „Guten Patrons“ kritisiert. Dabei wundert sich die Autorin darüber, dass eine Sprecherin der Chiquitano statt von Kampf davon redet, dass die Chiquitano religiös und friedfertig seien. Doch statt nachzufragen, erklärt Kruyt das mit dem sozialen Druck, und dass solche Identitäten immer auch die Abgrenzung zum Anderen beinhalten. Im Fall von Santa Cruz sei das die Bevölkerung des Hochlandes und der Zentralstaat, die mit dem Regierungsantritt von Evo Morales zu einem einzigen Gegenpol verschmelzen. Der wird vor allem mit den Siedler*innen aus dem Hochland identifiziert. Kruyt nennt die Probleme, die der angestammten indigenen Bevölkerung vor allem durch die illegalen Landnahmen entstehen, kritisiert aber die Unterscheidung von „schlechten“ und „guten“ Migrant*innen, die sich integrieren, gute Arbeiter*innen sind, den Unternehmergeist von Santa Cruz annehmen, vielleicht sogar in radikale regionalistische Gruppen wie die Union Juvenil Cruceñista eintreten. Kruyt interpretiert das als erzwungene Assimilierung an eine neoliberale, kapitalistische Identität. Die hat sich allerdings bekanntlich auch im Hochland, insbesondere in El Alto und dort mit einem andinen Gesicht breit gemacht. Das sollte eigentlich das Argument stärken, dass eine regionale Identität die Klassenkonflikte und Interessen der wirtschaftlichen Elite verdeckt, nur dass es dann keine Besonderheit von Santa Cruz wäre, wie es das Buch nahelegt: Nur dort würden solche rassistischen und gewalttätigen Übergriffe genutzt, um regionale Mythen zu stärken.

Der Mythos vom feindlichen Zentralstaat

Darunter den Mythos eines Zentralstaates, der die Region vernachlässigt habe. Es ist Thema des letzten von Blanca Rivero und Huascar Salazar verfassten Kapitels. Vor 1952 sei die angebliche Vernachlässigung vor allem ein Freibrief für die Kontrolle der regionalen Eliten über das Territorium und die indigene Bevölkerung gewesen. Die sei nämlich im Hochland wie im Tiefland die vernachlässigte Mehrheit gewesen.

Erzwungene Identität? Chiquitano vor seinem Haus in Quituquiña, Foto: Ana Diaz

Selbst die Agrarreform nach der Nationalen Revolution habe den Großgrundbesitz im Tiefland nicht eingeschränkt. Vielmehr wurden fortan zentralstaatliche Ressourcen ebenso wie externe Gelder vermehrt in Richtung der Eliten von Santa Cruz kanalisiert. Und während nach dem Zyklus der Militärdiktaturen offiziell neoliberale Prinzipien proklamiert und Tausende Bergarbeiter arbeitslos und in die Kolonisationsgebiete im Tiefland getrieben wurden, sei die Agroindustrie im Tiefland gleichzeitig subventioniert worden. Die Bevorzugung der agroindustriellen Tieflandzonen sei auch unter der Regierung MAS fortgeführt worden. Bis mit Oscar Mario Justiniano ein Vertreter der agroindustriellen Elite von Santa Cruz unter dem aktuellen Präsidenten Paz Pereira direkt zum Minister für produktive Entwicklung ernannt und damit die Prioriäten deutlich wurden. Zwar wurden inzwischen die Treibstoffsubventionen gestrichen, doch die mageren 2 Prozent des Umsatzes, die die Agroindustrie an Steuern zahlt, rechtfertigen immer noch nicht den Mythos der Benachteiligung von Santa Cruz. Er diene dazu, die Problematik der sozialen Ungleichheit zu verdecken und eigenen Forderungen Nachdruck zu verleihen. „Der Regionalismus von Santa Cruz schützt nicht die Region vor dem Zentralismus“, endet das Kapitel, „er schützt die Eliten gegenüber jedem Versuch, sie in Frage zu stellen.“ Auch wenn das Buch als Studie einige Wünsche offen lässt, hat es als Essay allemal sein Ziel erreicht: Debatten anzustoßen.

Debatten angestoßen: Buchpräsentation in Santa Cruz, Foto: CEESP

Stasiek Czaplicki Cabezas, Suzanne Kruyt, Jose Octavio Orsag Molina, Blanca Rivero Lobo, Huascar Salazar Lohman (Hrsg.), Santa Cruz S.A., Agronegocio y mito empresarial, Santa Cruz de la Sierra, Dum Dum editora, 2026.

 

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