vonPeter Strack 09.05.2026

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Unter dem Titel „MoselbrasilianerInnen“ ist jüngst ein Buch über die Frauen und Männer erschienen, die im 19. Jahrhundert vor der Armut an der Mosel und im Hunsrück geflohen und nach Brasilien ausgewandert sind, darunter die Familie Arns. Ein Ur-Urenkel wurde später Erzbischof und Kardinal in São Paulo und bekannt für sein Menschenrechtsengagement. „Auswandern war nie einfach“ ist die Überschrift des einleitenden Kapitels, das wir mit freundlicher Genehmigung des Rhein-Mosel-Verlages im Folgenden wiedergeben.

Von Gert Eisenbürger und Gaby Küppers (ila)

Gewandert sind Menschen schon immer. Das wissen wir eigentlich schon seit Kindertagen. In der Schule wurden die Völkerwanderungen „durchgenommen“, wie wir damals sagten. Kelten und Römer kommen in den Sinn, Hunnen und selbstredend alle nomadischen Völker. Die Bibel erzählt vom Auszug aus Ägypten. Die Gründe für das Weggehen waren und sind vielfältig. Aber Kriege und Klimakrisen gehörten immer schon in besonderem Maße zu den Auslösern.

So auch heute. Und entsprechend war es im 19. Jahrhundert. „Was für ein Elend. Nur weg!“ Das mögen viele Menschen damals gedacht und von einem in jeder Hinsicht sorgloseren Leben anderswo geträumt haben. In den Regionen, die erst 1871 zum Deutschen Reich politisch zusammengefasst würden, lebten die Menschen zu Anfang des Jahrhunderts in von Schlachten verwüsteten Gegenden. Hunger, Krankheiten und Armut stellten sie täglich vor die Frage: „Wie weiter?“ Dass sich Brasilien als Zufluchtsland erbot, war ein auf den ersten Blick so wunderlicher wie willkommener Zufall.

Auswanderungsvertrag, Foto: Gaby Küppers

Auswanderung als Massenphänomen

Die Auswanderung in jenes südamerikanische Land war im 19. Jahrhundert ein regelrechtes Massenphänomen. In absoluten Zahlen sind sicherlich weit mehr Menschen in die USA ausgewandert. Doch für viele Menschen von Hunsrück und Mosel war die Auswanderung nach Brasilien das attraktivere Ziel, auch wenn die Strecke über den Atlantik in die USA kürzer und billiger war. Die Entscheidung für Brasilien war nicht spontan. Sie wurde von brasilianischer Seite mit verlockenden Argumenten provoziert, organisiert und angeleitet. Man geht davon aus, dass von 1820 bis 1910 knapp 120.000 Menschen aus deutschsprachigen Regionen nach Brasilien auswanderten. In der gleichen Zeit gelangten mehr als fünf Millionen Menschen in die USA. Obwohl sie unter den in Brasilien Eingewanderten keineswegs in der Mehrheit waren, sind die Hunsrücker und Hunsrückerinnen wie die anderen Deutschsprachigen dort bis heute vielfach eine eigene, und auf jeden Fall eine erkennbare Gruppe geblieben, die gern auf ihre Herkunft zu sprechen kommt. Im ländlichen Milieu waren sie mehrere Generationen lang weitgehend unter sich und behielten ihre kulturellen Eigenarten bei. Dazu bildete sich aus dem Dialekt ihrer Heimat eine eigene Sprache, das Riograndenser Hunsriggisch, die mehr und mehr von vielen Deutschsprachigen übernommen wurde und bis heute überlebt hat. In anderen Zielländern wie den USA dagegen war offenbar sehr schnell das Aufgehen in der neuen Gesellschaft weitaus wichtiger als die Beibehaltung der eigenen sprachlichen Tradition.

Der Heimatweg in Forquilhinha zeigt die Dorfentwicklung, Foto: Gaby Küppers

Vergehendes Heimweh
„… mancher von uns wäre in der ersten Zeit gerne wieder zu Fuß zurück, wenn der Ocean (sic) Balken hätte“, schrieb Johann Diemer 1889 an einen Freund am Rhein in der Nähe von Worms. Man kann das Heimweh und die Anlaufschwierigkeiten nach einer beschwerlichen Meeresüberquerung gut nachvollziehen. Aber sie währten wohl nicht allzu lang. Johann Diemer notierte den zitierten Rückblick auf die Anfangszeit drei Jahrzehnte nach seiner Überfahrt. Inzwischen wohnte er in São João do Monte Negro (Bundesstaat Rio Grande do Sul). Schon drei oder vier Jahre nach der Ankunft habe er sich nicht mehr zurückgesehnt, fügte Johann Diemer in seinem Schreiben hinzu. Verhältnismäßig wenige Ausgewanderte kehrten tatsächlich in ihre Herkunftsorte zurück.

Plakat zum Gemeindefest „Santa Isabel“, Foto: Gaby Küppers

Man kann verschiedene Phasen der Auswanderung unterscheiden. So beginnt die erste, grob gesagt, 1824. Der Gründungsmythos der deutschsprachigen Kolonien beruft sich auf die Landung einer größeren Gruppe von ausgewanderten Familien im Hafen von Porto Alegre und deren Ansiedlung im Landesinneren, dem späteren São Leopoldo, in jenem Jahr. Ausschlaggebend für die Entscheidung zugunsten des weit entfernten Brasilien war ein gerade begonnenes und von offensichtlich sehr fähigen Mittelsmännern in deutschsprachigen Landen betriebenes Anwerbeprogramm im Namen des brasilianischen Kaisers. Dieses Programm wurde allerdings 1830 durch eine Entscheidung des Parlaments in der Hauptstadt Rio de Janeiro abgebrochen. Damit endete die erste Auswanderungsphase – sicher mit zeitlicher Verzögerung, da eine Nachricht in der damaligen Zeit nicht schneller sein Ziel erreichte, als ein Schiff über den Ozean segelte. Spätestens aber brach sie ab, als Berichte vom so genannten Farrapenkrieg (1835-1845) im Süden Brasiliens in den Regionen eintrafen, wo Auswanderungswillige lebten. Erinnerungen an die schweren Jahre der napoleonischen Kriege in Europa wurden wach. Solche Wirren wollte niemand noch einmal erleben.

Frei vom Druck der Obrigkeit und Nahrungssorgen

Nach dem Ende des Kriegs im Süden Brasiliens setzte ein neuerlicher Auswanderungsschub ein. Dieser hatte neben einer wirtschaftlichen bei manchen auch eine erkennbar politische Motivation, wenn auch oft diffus: „…so lebt man hier doch frei von Druck der Obrigkeit und Nahrungssorgen, denn wer hier arbeitet, wie Doch (sic) noch nicht zu Haus, kann besser eine Haushaltung ernähren, als in zu Haus…“, schrieb Konstantin Simonis 1854 vom brasilianischen Santa Cruz in der damaligen Provinz São Pedro de Rio Grande do Sul an seine Geschwister in Briedel. Die dritte und vierte Phase wird in etwa an der Gründung des Deutschen Reichs 1871 und dem Ersten Weltkrieg (1914-1918) festgemacht, wobei die Periodisierung weniger scharf und in der Forschung bisweilen sogar kontrovers behandelt wird.

Dieses Buch geht ein auf die allgemeine Lage in den deutschsprachigen Auswanderungsgebieten jener Zeit, insbesondere im Hunsrück und an der Mosel, und führt dann hin zu einer Gegend, der Mosel, zwei Orten, Pünderich und Briedel, und einigen Familien, vor allem Arns und Back sowie deren Nachfahren und Nachfahrinnen in Brasilien bis heute. Die Fokussierung gestattet es, um so klarer zu sehen, was warum möglich war und möglich wurde. Hier zeigt sich, dass Menschen, die weggehen, auch irgendwo ankommen und die Zukunft mit aufbauen, wenn man sie lässt. Mit dieser Perspektive enthält das Buch auch Beispiele weiterer Familien und Persönlichkeiten in Brasilien mit Wurzeln an der Mittelmosel.

Das Buch mäandert bisweilen wie die Mosel. Es kann, aber muss nicht in der vorgegebenen Reihenfolge von vorne bis hinten gelesen werden. Die einzelnen Kapitel sind so verfasst, dass sie aus sich heraus verständlich sind. Das bedeutet auch, dass manche Informationen sich doppeln. Die ersten Kapitel schlagen das Buch sozusagen auf: Ein Gründungsmythos wird zitiert. Danach geht es um Fragen, die immer wieder gestellt werden: Wie kam es überhaupt zur Auswanderung? Wie sah das Elend an der Mosel aus? Warum wollten die einen weg und die anderen die Wegziehenden in ihr Land holen? Wie ging die Auswanderung vonstatten?

Arbeitskräfte auch für Großgrundbesitzer

Sodann wird genauer beschrieben, wie es zur Anwerbung kam, wer warum nach Brasilien aufbrach und wie sich die ersten Kolonien kleinbäuerlicher Familien im brasilianischen Süden bildeten. Danach finden auch die anderen Ausgewanderten Erwähnung, also diejenigen, die kein Glück haben konnten, da sie die Ausreise mittellos begannen. Großgrundbesitzer in Brasilien horchten auf: Arbeitskräfte aus Europa könnten auf Kaffee- und Zuckerplantagen die im internationalen Kontext überwiegend längst geächtete Arbeit der Versklavten ersetzen. Oder sie könnten in Straßenbau und Stadtentwicklung eingesetzt werden. Was auch geschah. Umgekehrt hatte auch die damals wie heute so gern zur Erfolgsgeschichte aufpolierte deutsche Auswanderungsgeschichte einige dunkle Flecken. Dunkel, weil man nicht gerne darüber sprach und spricht. Dunkel auch, weil der Blick vor allem auf dem weißen, männlichen Auswanderer lag und liegt. Bis in die jüngere Vergangenheit wurde er kaum je auf die anderen gerichtet, auf Frauen, auf Versklavte, auf Indigene.

Neben der hiesigen Sicht auf die Auswanderung darf der brasilianische Blick auf die Einwanderung nicht vergessen werden. Daher wird der Stand der brasilianischen Forschung zum Komplex Migration Deutschsprachiger im 19. Jahrhundert in allen Kapiteln mit einbezogen. Denn dort, und nicht zuletzt in den drei südlichen Bundesstaaten Rio Grande do Sul, Santa Catarina und Paraná, ist das Thema der deutschen Immigration weiterhin lebendig und in seinen unterschiedlichen Facetten Gegenstand zahlreicher Publikationen.

Die Familie Arns

Familie Philipp Arns, Ana Hülse (aufgenommen ca. 1920), Foto: Archiv Gustavo Dal Toé

Wohl die meisten Moselaner und Moselanerinnen gingen nicht mit der ersten Welle in den 1820er-Jahren, sondern erst gut 20 Jahre später aus Pünderich, Briedel, Reil oder Zell weg. Manche noch viel später. Nehmen wir die Familie Arns. Der aus Reil stammende Nikolaus Arns lebte nach seiner Heirat mit Anna Margaretha Simonis in Pünderich. Nach deren Tod heiratete er Maria Elisabeth Klering. 1846 machte das Ehepaar sich mit vier der fünf Kinder aus Arns’ erster Ehe und mehreren Familien aus Briedel, darunter die Familie Back, auf in den Süden der Neuen Welt.

Kardinal Paulo Evaristo Arns, 1982, Foto: Marcel Antonisse / Anefo – Nationaal Archief, CC BY-SA
3.0 nl, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=28836417

1970 wurde Paulo Evaristo Arns, der Ur-Urenkel jenes Nikolaus und seiner ersten, vermutlich 1835 verstorbenen Frau Anna Margaretha Simonis Erzbischof von São Paulo. 1973 wurde er zum Kardinal ernannt und wurde auf zwei Ebenen außergewöhnlich wichtig: als bedeutender Vertreter der Befreiungstheologie und als entschiedener Widersacher der brasilianischen Militärdiktatur. Seinem Leben und Wirken ist ein längeres Kapitel gewidmet, das gleichzeitig viel von der Geschichte Brasiliens im 20. Jahrhundert erklärt. Eine seiner Schwestern, die Medizinerin Zilda Arns Neumann, wurde berühmt als Gründerin der Kinderpastoral, des wichtigsten Kinderhilfswerks Südamerikas (1983). Zildas Arbeit macht deutlich, dass Frauen einen Platz jenseits der üblichen Frauenrolle einnehmen können, dass dies aber nie einfach ist. Einer von Doutora Zildas Söhnen, der Arzt Nelson Arns Neumann, stand zeit ihres Lebens an ihrer Seite in der Pastoral und kennt die geschlechtsspezifischen Probleme, wie im Buch zu lesen ist. Ein kurzes Portrait von Nelsons Cousin Clóvis Arns da Cunha zeigt ihn als Vorsitzenden des brasilianischen Infektologenverbands (SBI), der während der Corona-Pandemie maßgeblich dazu beitrug, unzählige Menschenleben zu retten. Stellvertretend für die herausragende Stellung so vieler Mitglieder der Arns-Familie sei Paulo Evaristo Arns’ Großneffe Leonardo Ulrich Steiner genannt, seit 2020 Erzbischof von Manaus und seit 2022 Kardinal.

Maibaum in Aguas Mornas mit den Namenstafeln der eingewanderten Familien, Foto: Gaby Küppers

Gegen Ende des Buchs kommen dann auch weitere Nachfahren der von der Mittelmosel Ausgewanderten zum Zuge. Dazu gehörten João Edmundo Bohn, Sproß einer Familie, die einst aus Zell auswanderte und dessen Betrieb in ganz Brasilien für qualitativ hochstehenden Harmonium- und Orgelbau stand. Oder Aloys Friederichs, einem Gründer der Brasilianischen Turnerschaften, der aus Merl auswanderte.
Dass die Geschichte(n) der Moselaner und Moselanerinnen nicht dargestellt werden kann und können, ohne sie vor dem Hintergrund der Geschichte Brasiliens im 19. und 20. Jahrhundert zu beleuchten, versteht sich von selbst.

Kleine Orte längs der Mosel machen Weltgeschichte

Wenn heute die Ur-Ur-Urenkel und -enkelinnen der damals ausgewanderten Familien den umgekehrten Weg machen und von Brasilien nach Deutschland kommen, oft auf der Suche nach ihren Wurzeln, sprechen viele von ihnen deutsch, besser gesagt „deitsch“, „hunsriggisch“ oder „hunsriqueano“. Wie es kam, dass einer der Dialekte der damals für immer Weggewanderten heute in Brasilien eine Sprache ist, die mehr Menschen sprechen als auf dem Hunsrück leben, davon handelt das letzte Kapitel des Buchs.

Quellen aus der Zeit der Auswanderung gibt es nicht wenige, von behördlichen Akten über Kirchenbücher bis zu Briefen. Viele sind indessen nur verstehbar, wenn sie in einem Kontext eingebettet werden können, der den Zeitgenossen und -genossinnen, ihren Bedürfnissen, Ängsten und auch sprachlichen Eigenheiten gerecht wird. Auch später entstandene Schriften sind keine objektiven Faktensammlungen, sondern transportieren ein- wie uneingestanden ebenfalls Absichten und Wertungen.

Ein Fazit: Die Auswanderung war in der Regel keine fröhliche Angelegenheit. Die Einwanderung in Brasilien wurde indessen immer zu einer Bereicherung in vielerlei Hinsicht. Kleine Orte längs der Mosel wie Pünderich, Briedel, Reil und Zell machten in gewisser Weise Weltgeschichte.

Gert Eisenbürger, Gaby Küppers, „MoselbrasilianerInnen“, Migration: Weggehen, Ankommen, Gestalten, ist 2026 im Rhein-Mosel-Verlag, Bullay, erschienen. 262 Seiten, 19,80 EUR, ISBN 978-3-89801-494-6

Für Portugiesisch sprechende gibt es auch eine brasilianische Web-Seite mit ausführlichen Materialien.

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