Nach Jahren der Spaltung und Instrumentalisierung der Basisorganisationen und dem Regierungswechsel, ist der Dachverband der Indigenen Völker des bolivianischen Tieflands CIDOB wieder vereint. Latin@rama sprach im März mit ihrem frisch gewählten Präsidenten Lino Itoshi Illimuri Apana. Der 36jährige wurde in einem der aktuellen Hotspots der Land- und Umweltkonflikte Boliviens geboren.
Können sie bitte etwas zu ihrer Person sagen?
Ich komme aus San José de Uchupiamonas. Das liegt mitten im Madidi, einem der artenreichsten Nationalparks der Welt. Es ist eine alte Ansiedlung der Uchupiamonas am Ufer des Tuichi. Wir wurden im Jahr 1616 von den Spaniern entdeckt, evangelisiert und kolonisiert. Seitdem feiern wir auch immer am 1. Mai unser Dorffest.

In den 1980er Jahren kam es zu Abwanderung. An die 40 Familien sind aufgrund extremer Armut damals weiter flussabwärts nach San Buenaventura und Rurrenabaque gezogen. In den 1990er Jahren begann dann der Tourismus-Boom, nachdem der Israeli Yossi Ghinsberg im Urwald verloren gegangen war und später darüber ein Buch veröffentlicht hatte. Da kamen viele Israelis oder Franzosen durch unseren Ort. Das konnten wir nicht verhindern. Denn unser Territorium war damals noch nicht offiziell anerkannt. Unsere Sprecher*innen entschieden damals jedoch, selbst die Initiative zu ergreifen und mit touristischen Angeboten eigene Einnahmen zu erzielen. 1995 wurde mit Unterstützung der Interamerikanischen Entwicklungsbank die Ecolodge „Chalalan“ gegründet. Der illegale Bergbau ist heute eine Bedrohung für das Projekt und wir werden juristische Maßnahmen ergreifen müssen.

Sie haben einen Berufsabschluss und leben bereits länger in der Stadt. Das ist ein bislang ungewohntes Profil für das Amt des Präsidenten der CIDOB.
Ich habe 2088 in San José mein Abitur gemacht, dann den Militärdienst geleistet und später Betriebswirtschaft studiert. Seit 2011 arbeite ich in sozialen und Umweltprojekten, habe das Ecolodge-Projekt meiner Gemeinde unterstützt und bei der Ausarbeitung des bolivianischen Tourismus-Gesetzes mitgearbeitet. Wir haben das nationale Netzwerk von Gemeindebetrieben und das Netzwerk von 34 Gemeindetourismus-Projekten mit aufgebaut. Seit seit zehn Jahren übe ich auch Führungsfunktionen in der regionalen Organisation der Indigenen im Norden von La Paz (CEPILAP) aus.

Hat sie die Wahl zum Präsidenten des Dachverbandes der Tieflandvölker CIDOB überrascht?
Die Völker haben nach neuen Figuren Ausschau gehalten, die unsere Organisation anders führen. Ich hatte nicht so viel Unterstützung von der Basis erwartet. Aber sie wollen angesichts der Probleme die Arbeitsweise wirklich verändern.
Auf der Generalversammlung haben sich die drei Organisationen, in die die CIDOB aufgespalten war, wieder vereinigt.
Es gab eine CIDOB, die von der Regierung anerkannt war und zu der auch die CEPILAP aus dem Norden von La Paz gehörte, sowie eine CIDOB, die vom internationalen Dachverband der Amazonasvölker (COICA) anerkannt war. Dann gab es noch eine kleine dritte Gruppe, die aber von niemandem anerkannt wurde. Auf der Generalversammlung haben wir die beiden erstgenannten Vertretungen wieder zusammengebracht. Denn wir wollen nicht, dass die Regierung entscheidet, mit wem sie zusammenarbeiten will. Uns reicht es, wenn die indigenen Völker uns rechtlich anerkennen. Wir waren zufrieden, dass die unabhängige CIDOB an der Generalversammlung teilgenommen und entschieden hat, sich anzuschließen. Jetzt gibt es keine zwei CIDOBs mehr. Und wir arbeiten daran, dass es auch in den Regionen an der Basis zur Vereinigung kommt.

Was sind aktuell die Herausforderungen?
Wir sind für fünf Jahre an die Spitze der CIDOB gewählt. Als erstes müssen wir unser Großes Haus in Ordnung bringen. Neben der Vereinigung in den Gemeinden vor Ort ist das vor allem die bessere Verwaltung unserer Zentrale in Santa Cruz, um Programme und Pläne gemäß unserer Strategie zu formulieren: Landnutzungspläne, Projekte für das Leben…
Die neue Regierung ist auf die Generierung von Einnahmen vor allem durch Bergbau und Agroindustrie fokussiert. Was bedeutet das für die indigenen Völker?
Die Verfassung ist in Bezug auf die Achtung der indigenen Rechte meines Erachtens klar. Im Rahmen der geltenden Gesetze wollen wir mit der Regierung zusammen arbeiten. Aber wir werden unsere Rechte mit juristischen Mitteln einfordern, sollte dies nötig sein. Die Vorgänger-Regierung der MAS („Bewegung zum Sozialismus“) hat in den letzten 20 Jahren nicht nur das Parlament, sondern auch die Justiz kontrolliert. Dies ohne Rücksicht auf internationale Abkommen oder die Verfassung. Wir wollen nicht, dass sich das wiederholt. Weder die schlechte Rechtsprechung noch die Spaltung unserer Organisationen aufgrund einer Ideologie. Wir wollen das überwinden und an die Einheit denken. Gemeinsam müssen wir das Schiff in Bewegung und die Entwicklung in den Gemeinden voranbringen.
Was denken Sie über den Vorschlag von manchen Politikern und Agroindustriellen, Gemeindeland individuell aufzuteilen, und über das jüngste Gesetz, das die Umwandlung kleinbäuerlicher in kommerzielle Betriebe möglich machen soll?
Kein Gesetz steht über der Verfassung. Und die indigenen Territorien zumindest sind unteilbar. Mit den Kleinbauern und Siedlern ist das etwas anderes. Die haben Familienbesitz. Die letzte Regierung hat allerdings auch für Kleinbauerngemeinden kollektive Titel vergeben. Auch dort hat niemand individuellen Landbesitz. Und wenn sie nicht bei einer Straßenblockade mitmachen wollten, drohte man ihnen, sie aus der Gemeinde zu vertreiben.
(Aktuelle Anmerkung d. Red.: Für sie brächte eine Individualisierung mehr Freiheit. Aber auch das Risiko, im Falle einer Verschuldung ihre Lebensgrundlage an Banken zu verlieren. Problematisch ist auch, dass Landspekulanten darauf setzen, dass besetztes Land individualisiert und dann zum Verkauf freigegeben wird. Das würde der Agroindustrie oder Bergwerksunternehmen in die Hände spielen. Entsprechend unübersichtlich ist auch die aktuelle Protestbewegung gegen die Gesetzesinitiativen. Mit dem Marsch gegen das ohne vorherige Konsultation im Schnellverfahren beschlossene Gesetz zur möglichen Umwandlung kleinbäuerlichen Besitzes haben sich nicht nur Menschenrechtsorganisationen, sondern zum Beispiel auch Bergbaukooperativen solidarisiert. Andere argumentieren, dass der aus der Zeit der Agrarreform stammende besondere Schutz kleinbäuerlichen Landes nicht mehr zeitgemäß sei und die Kleinbäuerinnen und -bauern bevormunde und es ihnen verwehre, Hypotheken aufnehmen zu können. Die CIDOB-Spitze, die gerade in Verhandlungen mit der Regierung über diese und andere Fragen steht, hat sich vom Marsch, der gerade in La Paz angekommen ist, mit dem Argument distanziert, sich nicht für andere politische Interessen instrumentalisieren lassen zu wollen. Zurück zum Interview:)
Wie ist das Verhältnis zu Alex Villca und Ruth Alipaz von CONTIOCAP, der nationalen Koordination der indigenen Territorien und Naturschutzgebiete, die auch angesichts der Schwäche der indigenen Organisationen in den letzten Jahren eine Schlüsselrolle im Kampf gegen Umweltzerstörung gespielt haben?
Sie kommen auch aus meiner Gemeinde und sind Umweltaktivisten. Wir werden jetzt zusammenarbeiten. Ich selbst lebe ja seit 2014 nicht mehr in meinem Dorf, sondern in Rurrenabaque. Meine Ehefrau ist von dort. Aber wir sind auch häufig vor Ort in San José, etwa wenn Dorfversammlungen sind oder für Gemeinschaftsarbeiten. Meine Mutter und meine Geschwister leben ja auch dort.
Gibt es dort Personen, die vom Quecksilbereinsatz in der Goldgewinnung geschädigt sind?
In San José noch nicht, oder zumindest nicht in alarmierendem Ausmaß. Es gibt den ein oder anderen Fall mit Werten von bis zu 5 oder 6ppm, aber im Durchschnitt sind es nur 1,6 oder 1,7.
Das liegt über dem Wert von 1, den die Weltgesundheitsorganisation als unbedenklich erklärt hat.

Aber es sind nicht alle. Bei den Esse Ejja oder den Chimane, in deren Territorien wir Studien durchgeführt haben, finden wir viel mehr Personen mit extrem erhöhten Werten, manche bis zu dem Zwanzigfachen oder sogar noch mehr.
Wenn sie in fünf Jahren ihr Präsidentenamt der CIDOB wieder abgeben, wie wird die Organisation dann aufgestellt sein?
Wir müssen uns bis dahin konsolidiert haben und fähig sein, Gesetzesvorschläge gegenüber dem Staat einzubringen. Der Staat sollte uns als Bündnispartner betrachten und nicht als eine Organisation, für die die Regierung die Entscheidungen trifft. Ich träume davon, dass unser großes Haus (gemeint ist hier der Sitz und die Organisation) dann offen für alle ist, und alle hier unabhängig von ihren Unterschieden eine Chance bekommen. Der erste Schritt dahin ist die Zurückgewinnung der Einheit in den Dorfgemeinden und Territorien. Damit hat uns die Generalversammlung beauftragt.
Die Leitung der Generalversammlung der CIDOB, Foto: Erwin Melgar
Ich bin sehr dankbar über diese Informationen zur aktuellen Situation der Tieflandbewohner Boliviens und ihrer politischen Vertretung CIDOB.
Ich war mit Dr J. Riester Anfang 2000 in verschiedenen Regionen der Chiquitania und im Isoso unterwegs und habe eine Untersuchung der Schulen im Gran Chaco durchgeführt. Die Ergebnisse liegen in dem Buch „Schule bei den Guaranies in Bolivien- indigene Identität und Zukunftsfähigkeit“ in deutscher und spanischer Sprach vor. Dr. D. Busse dibusse@osnanet.de