In diesem Jahr blickt die Stiftung Creciendo Unidos auf 50 Jahre Einsatz für arbeitende Kinder in Bogotá und Cúcuta zurück. Schulische Angebote, Werkstätten zur Schaffung von Einkommen unter würdigen Bedingungen und zur Berufsausbildung, psychologische Begleitung oder Verbesserung der Ernährung der Kinder und ihrer Familien gehören zum Angebot. Im Mittelpunkt stand aber immer die Stärkung der Persönlichkeit und soziale und politische Beteiligung der Kinder. Reinel García, selbst früher arbeitendes Kind, leitet die Stiftung seit 1994.
Der gelernte Philosoph hat jüngst eine Doktorarbeit über „würdigen Zorn“ und die vom Guerrilla-Priester und Soziologen Camilo Torres propagierte „wirksame Liebe“ angefertigt. Dafür hat er Personen befragt, deren Werdegang er bei Creciendo Unidos begleitet hat. Eine davon ist Lina Martínez, die in der kolumbianischen Hauptstadt heute ein Café und Backgeschäft mit dem Slogan “Die Macht der Masse” betreibt.
Von Lina Paola Martínez Reyes
Ich bin als Kind in die Stiftung gekommen. Meine Mutter arbeitete in einer Schneiderwerkstatt im Stadtzentrum von Bogotá. Mein Vater war ein fliegender Händler und Schuster. Unser Familienleben spielte sich sozusagen auf der Straße ab. Meine Schwestern verkauften Kleidung und wir halfen uns gegenseitig. Nachmittags gingen wir zur Schule und konnten deshalb selbst meist nicht an den Aktivitäten von Creciendo Unidos teilnehmen. Aber als wir nach der Schule am Reparaturstand meines Vater auf unsere Mutter warteten, erzählten sie uns, dass die Lehrerinnen und Lehrer von Creciendo Unidos da gewesen seien und diese oder jene Aufgabe da gelassen hätten. Da andere Kinder an den spielerischen und Nachhilfe-Aktivitäten teilgenommen hatten, gewannen unsere Eltern ein gewisses Vertrauen.

Es bildete sich eine Art Netzwerk unter den Händlerinnen und Händlern. Die Werkstattschule Creciendo Unidos wurde zu einem Bezugspunkt. Dorthin wurde man zum Kakao-Trinken eingeladen. Meinen Vater überzeugte das. Meine Mutter war etwas zu skeptisch. “Was sind das für Leute? Was wollen sie von uns?” Zumal die Stiftung so aussah, als wäre sie für Kinder von der Straße oder Leute, die betteln. Dazu wollte unsere Mutter nicht gehören. Aber mein Vater folgte den Einladungen – zuerst mit meinem älteren Bruder und meiner älteren Schwester. Ich war neugierig. Aber als die gerade neun Jahre alte kleine Tochter ließ mich meine Mutter nicht mitgehen. Später war ich dann aber an manchen Samstagen doch mit dabei.
Mein erster 1. Mai
Zum Feiern des 1. Mai sind wir dann auch zusammen mit unserer Mutter gegangen. Es war eine Möglichkeit, andere kennen zu lernen und zu schauen, ob Creciendo Unidos etwas Ernsthaftes und Gemeinschaftliches ist. Bei meinem ersten 1. Mai war ich zehn oder elf Jahre alt. Damals war Enrique Peñalosa zum ersten Mal Bürgermeister von Bogotá. Unter ihm gab es 1996 – 1997 Razzien, um die Straßenhändlerinnen und Straßenhändler aus dem Stadtzentrum zu vertreiben. Auch meine Eltern durften dort nicht mehr arbeiten. Mein Vater fand schließlich eine Anstellung. Meine Mutter kümmerte sich erst einmal zu Hause um die Kinder und verkaufte Sonntags Kleidung und andere Waren im Marktviertel Lucero in der Vorstadt Ciudad Bolívar. Da wohnten wir auch. So verloren wir etwas den Kontakt zu Creciendo Unidos und vermissten Zeit, die wir dort verbracht hatten.

Unter würdigen Bedingungen Geld verdienen
Aber die Stiftung nahm telefonisch wieder Kontakt mit meiner Mutter auf. Sie hat dann einen Bruder und einen Cousin, den sie mit aufgezogen hatte, für die Bäckereikurse eingeschrieben. Mich wollte sie erst nicht lassen. Aber als ich dann so um die zwölf, dreizehn Jahre alt war, ging auch ich dorthin, um an Kunstkursen teilzunehmen. Dann produzierten wir Schmuckkarten, die in Europa verkauft wurden. Es war eine schöne Erfahrung, unter würdigen Bedingungen an einem sicheren Ort ein Einkommen zu erwirtschaften. Ich dachte: Endlich bin ich hier angekommen!
In der Werkstatt begann ich mich einzugewöhnen und während der berufspraktischen Schulung in Austausch mit den anderen Kindern und Jugendlichen zu treten. Aber die Treffen am Freitag ragten heraus. Da setzten sich die Erzieherinnen und Erzieher mit uns auf Augenhöhe zusammen. Es ging um die Analyse der aktuellen Situation. Wir sahen und diskutierten Filme, sangen lateinamerikanische Lieder.
Höhepunkt Freitagstreffen, Foto: Fundación Creciendo Unidos
Da hat es bei mir Klick gemacht: Ich bin nicht nur hier, um zu lernen, wie man Postkarten gestaltet oder Brot backt. Außerdem lernten wir, die Stadt um uns herum besser zu verstehen und unsere eigene Lebensgeschichte in einem positiven Licht zu sehen: Sich nicht zu schämen, dass man arm und ein arbeitendes Kind ist. Anders als in der öffentlichen Schule, wo man deswegen diskriminiert wird. Sondern andere zu treffen, denen es ähnlich geht, mit ihnen ein neues Selbstverständnis zu entwickeln und auch Forderungen zu stellen.
Hoffnungsschimmer einsammeln
Ich denke dabei an die Polizei mit ihrer Übermacht, die dir auf der Straße deine Waren abnimmt, die deinen Vater schlecht behandelt und dir selbst droht, dich in ein Heim zu bringen. Es gab Tage, an denen ich heulend ins Bett gegangen bin. Aber dann gab es die Analysen am Freitag. Bei denen begannen wir zu verstehen, was uns persönlich im Kleinen, aber auch was im ganzen Land geschah. Die ganze Gewalt! Es war Anfang des neuen Jahrtausends, als die Paramilitärs mächtiger wurden und in der Stadt sehr präsent waren. Bei unseren Analysen wurden aber auch Hoffnungsschimmer eingesammelt. Wir haben gesungen, getanzt, Musik gemacht, uns untereinander zugehört und uns gegenseitig beschützt.
Sich gegenseitig beschützen, Foto: Fundación Creciendo Unidos
Creciendo Unidos empfinde ich als eine Schule für das praktische Leben, wo man nicht nur wütend sein darf, sondern diese Wut auch in gute Bahnen lenken kann. Ich habe mich nie gefragt, ob das eine politische Intention hatte. Aber die Tatsache, dass dieselben Kinder später pädagogische Prozesse begleitet und gefördert haben, zeigt zumindest, dass aus der Reflektion Handeln entstanden ist. Man konnte sich nicht damit begnügen, was man gelernt hatte. Und so habe auch ich begonnen, mich zu organisieren und für andere einzutreten. Creciendo Unidos erlaubt das. Es ist kein Ort, wo Kinder nur von den Erzieher*innen lernen. “Du weißt doch schon etwas. Gib es weiter, organisiere eine Aktion, übernimm selbst die Leitung einer Gruppe, denk dir was aus…” Die Idee einer neuen Kultur der Kindheit ist politisch. Und so bin auch ich ehrenamtlich mit den Lehrer*innen der Stiftung auf die Straße gegangen. Ich glaube nicht an Berufung, oder dass das aus einem selbst heraus entsteht. Sondern bei Creciendo Unidos habe ich meine Leidenschaft für Bildungsarbeit erst entwickelt und für die Notwendigkeit, selbst aktiv zu werden.
Als Repräsentantin der Organisation arbeitender Kinder
Die ersten Schritte bei der Bewegung arbeitender Kinder waren noch stark von den Erwachsenen geprägt. Creciendo Unidos hat die Autonomie und die eigene Vertretung der Kinder aber gezielt gefördert. Und ich bin mit der Aufgabe gewachsen. Um 1999 und das Jahr 2000 herum gab es eine Einladung zu einem ökumenischen Treffen in Genf, wo auch die lateinamerikanische Bewegung arbeitender Kinder ihren Ursprung genommen hat. Maria Riaño hat uns als Erzieherin dorthin begleitet. Im Alter von 13 Jahren ins Ausland zu gehen und dort deine kolumbianische Organisation zu vertreten, hat mein Leben verändert. Rausgehen, an Seminaren teilnehmen, Erfahrungen austauschen, die Situation analysieren, im Namen einer Gruppe sprechen, denen du all das wieder zurückvermittelst, das hat meine Jugend geprägt.
Ich übernahm die Leitung der Schmuckkarten Werkstatt und arbeitete ein anderes Mädchen dort ein. Wir führten politische Schulungen für andere durch und waren auf Gewerkschaftstreffen präsent. Bis zu meinem 18. Lebensjahr war ich Sprecherin der Bewegung arbeitender Kinder. Andere Kinder wollen erwachsen werden, ich wollte das nicht. Ich wollte mein ganzes Leben in der Bewegung verbringen. Ich hatte dabei nicht nur Creciendo Unidos oder mein Viertel kennengelernt sondern mit Unterstützung der erwachsenen Begleiter*innen auch die Wirklichkeit anderer lateinamerikanischer Länder. Dabei sind Freundschaften entstanden, die bis heute andauern.
Organisation, Schule und gleichzeitig Geld verdienen erfordert Disziplin
Als lateinamerikanische Delegierte auf dem II. Welttreffen arbeitender Kinder 2004 in Berlin, Foto: Privat
Alles unter einen Hut zu bringen, war schwierig. Meine Geschwister hatten die Schule verlassen und als ich an der Reihe war, meinte meine Mutter, es sei nutzlos, mich in die Schule zu schicken, zumal das Geld knapp war. “Aber ich will und kann es”, sagte ich zu ihr. Neben der Arbeit in der Schmuckkartenwerkstatt von Creciendo Unidos war ich auch Delegierte in der lateinamerikanischen Bewegung arbeitender Kinder. Es war schwierig, all das in Einklang mit meinem Alltag zu bringen. Nachmittags verdiente ich etwas Geld mit Kinderbetreuung. Das reichte aus, um damit die Kosten für die Schule zu bezahlen. Immer Samstags und Sonntags habe ich gelernt. Das erfordert viel Disziplin. So besuchte ich das achte, neunte, zehnte, elfte Schuljahr bis zum Abitur.
In dieser Zeit haben wir auch unseren Vater verloren. Meine Mutter begann, selbst bei Creciendo Unidos als Küchenhilfe zu arbeiten. Die Stiftung war damals eine große Hilfe für uns vier: Meine Mutter mit zwei heranwachsenden Kindern und einem kleinen Mädchen, für das sie auch noch sorgen musste. Nach der Schule und an den Wochenenden ging ich immer zu Creciendo Unidos, um deren Unterstützung zu spüren. Meine Mutter unterstützte mich auch dabei. “Meine Kleine reist in die Welt”, sagte sie stolz, “sie arbeitet, ist fleißig, hat die Schule beendet und nun kommt die Universität”. Ich begann ein Studium der Sozialwissenschaften an der Distrikt Universität von Bogotá. Ich wollte eine sozial engagierte Lehrerin werden und arbeitende Kinder unterstützen. Jeder meiner Schritte voran war auch ein Geschenk für die Familie. Man konnte sehen, dass es jenseits der Armut möglich ist, sein eigenes Leben zu leben, zu studieren und die eigene Familie zu unterstützen.
Sozialarbeit mit Kindern im eigenen Wohnviertel, Foto: Privat
Bei Creciendo Unidos hat es für mich Klick gemacht. Sie halfen mir, mich selbst als eine Frau mit Rechten zu verstehen, die Welt besser zu verstehen, ein positives Selbstbild zu entwickeln und die eigene Persönlichkeit zu stärken. Egal wo man später landet, kann man sagen, wer man ist, wo man in der Welt steht und welche Träume man träumen will. Auch wenn es große Anstrengungen erfordert. Ich kenne Leute, die mit 20 oder 25 Jahren ihr Studium beenden und dann erst beginnen, die Welt zu verstehen. Sie sind nicht besser oder schlechter, sondern haben einfach eine andere Vorgeschichte. Meine Kommiliton*innen waren offen für Vorschläge und so haben wir zusammen in Ciudad Bolívar Leseförderung organisiert. Später kam ein Studie zur Gewalt im Viertel Arabia, wo es eine Militärstation gibt. Ich nahm sie zu Freiwilligeneinsätzen mit Kindern in einem Marktviertel mit. Damals war ich dafür bei Creciendo Unidos angestellt.
Menschenrechtsbildung im Anwaltskollektiv
Später habe ich mich beim Anwaltskollektiv “José Alvear Restrepo” beworben. Sie haben mich als Projektassistentin eingestellt, nachdem ich als fachliche Probe einen Logframe ausarbeiten sollte. Das hatte ich bei Creciendo Unidos schon gelernt. Es ist auch nicht nur etwas für Expert*innen. Alle können Prozesse planen und ein Projekt formulieren. Natürlich hatte ich als Projektassistentin ziemlich viel Verantwortung gegenüber den Geldgebern. Aber sie begannen auch, meine pädagogischen Fähigkeiten zu schätzen. So begann ich mit Kursen für Indigene in der Sierra Nevada über ihre sozialen und kulturellen Rechte. Die Anwälte waren etwas langweilig. Ich sagte ihnen “So kann man das nicht machen. Sie haben eine andere Kultur.” Es hat Freude gemacht, den Anwält*innen methodische Vorschläge zu unterbreiten. Ich denke, bei Creciendo Unidos sind sie stolz darauf, dass ihre Schüler*innen sich anderswo bewähren.
Menschenrechtskurse, Foto: Privat
Dann wurde ich pädogische Koordinatorin des Anwaltskollektivs. Da habe ich Menschenrechtskurse durchgeführt für Opfer staatlicher Gewalt und des bewaffneten Konflikts, für Angehörige von Verschwundenen und gezielt Ermordeten, für Vertriebene und Menschen, den man ihr Land geraubt hat. Dabei ging es auch darum, dass sie sich organisieren, um ihre Rechte verteidigen zu können. Dabei habe ich all das an Methoden der Gemeindearbeit eingesetzt, was ich bei Creciendo Unidos gelernt hatte. Und mit der Arbeit konnte ich meiner Mutter helfen, ein Haus zu bauen. Ich war glücklich, dass sie endlich einen würdigen Platz zum leben hatte.
Diese Lebensgeschichte wird Faden für Faden geknüpft. Mit dem wenigen oder dem vielen, was man von jedem einzelnen Ort mitnimmt, knüpft man einen Stoff voller Farben und Geschichten. Die Arbeit im Feld mit Opfern des bewaffneten Konfliktes und politischer Verfolgung im Anwaltskollektiv ist schön, aber sie ist auch heftig, schmerzt und belastet einen sehr. Nach dem Tod meines Neffen habe ich damit erst einmal für eine Zeit aufgehört.
Studium in Ecuador und mit den Peace Brigades in Guatemala
Mit den Friedensbrigaden in Guatemala, Foto: Privat
Ich bewarb mich auf ein Stipendium an der Andinen Universität Simón Bolívar. Das bekam ich dann auch und zog deshalb nach Ecuador, um dort einen Master in Geschichtswissenschaften zu absolvieren. Meine Abschlussarbeit analysierte die Sicherheitspolitik des kolumbianischen Staates in den 1950er Jahren. Im Jahr 2019 kam ich zurück nach Kolumbien, um für die Arbeit mit den Friedensbrigaden (Peace Brigades International) bald weiter nach Guatemala zu ziehen. Die Organisation begleitet gefährdete Menschenrechtsaktivist*innen.
Mit dem Beginn der COVID-Pandemie kehrte ich wieder nach Kolumbien zurück, weil meine Familie Unterstützung benötigte. Mein Bruder hatte seine Anstellung als Brotbäcker in einer großen Hotelkette verloren. Mit dieser Arbeit hatte er unsere Familie in der Zeit unterhalten, als ich im Ausland war. Vom Home-Office aus erstellte ich Recherchen und Beratungsaufträge für die deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (giz).
Suche nach Verschwundenen
Ende 2020 wurde ich dann von der “Unidad de Búsqueda de Personas Desaparecidas” eingeladen, für sie als Ermittlerin zu arbeiten. Diese staatliche Einrichtung wurde im Rahmen des Friedensprozesses geschaffen für die Suche nach Tausenden Personen, die im Kontext des bewaffneten Konfliktes verschwunden waren, der Kolumbien seit den 1950er Jahren heimsucht. Ich zog dafür nach Cali um.
Suche nach den Resten der gewaltsam Verschwundenen, Foto: Privat
Fünf Jahre habe ich dort gearbeitet und dabei viele Menschen bei der Suche nach ihren Angehörigen begleitet. Auf dem Land, in den Bergen, auf Friedhöfen, in Flüssen… um den Familien die menschlichen Überreste übergeben zu können.
Dann beschloss ich, mir eine Pause zu gönnen, um mich wieder mit mir selbst zu treffen und Dinge zu tun, die ich aufgeschoben hatte. Etwa an der Universität, oder einfach mal raus zu gehen. Trotzdem hat das eigene Engagement nie Pause. Denn man ist weiter wütend, man fühlt sich hilflos gegenüber dem Schmerz, mit dem man konfrontiert ist, mit all dem, was im Land und was einem selbst geschehen ist. So versuche ich gerade, all das zu verdauen, den Dingen einen Namen zu geben und sie akademisch zu verarbeiten.
Lina (links) mit der Mutter und Verwandten vor ihrem Café, Foto: Privat
Nachdem ich letztes Jahr bei der Unidad de Búsqueda gekündigt hatte, bin ich wieder nach Bogotá zurückgekehrt. Zusammen mit meinem Bruder, der ebenfalls bei Creciendo Unidos das Bäckerhandwerk gelernt hat, haben wir ein Café und Backladen im Stadtzentrum von Bogotá eröffnet. Dafür habe ich auch einen Kurs als Barista absolviert, um Kaffeespezialitäten zuzubereiten. Mein Bruder stellt mit Sauerteig Brot und Gebäck her. Wir verkaufen auch Torten. Wir haben diese Initiative “Semillas Nómadas – El poder de las masas” genannt (auf deutsch etwa: Nomadische Saat – Die Macht der (Teig-) Massen). Wir sind jetzt ein Jahr dabei und es läuft sehr gut. Wir sind zufrieden, etwas Eigenes zu haben, mit dem wir auch zum Unterhalt der ganzen Familie beitragen können. Neben der Arbeit im Café führe ich auch noch einzelne Auftragsarbeiten und Recherchen für Opferorganisationen und den Schutz von Menschenrechtsaktivist*innen durch.
Ich weiß, dass das unter dem Strich etwas zu individualistisch klingen mag. Aber wie es heißt: Wenn du eine Revolution machen willst, dann schau dich erst einmal bei dir zu Hause und deiner Familie um. Man muss damit beginnen, wie man ausgehend von dem, was man empfindet, das Leben verändern kann. Deiner Mutter das zurückgeben, was sie für ihre Kinder getan hat. Das ist für mich sehr konkret. Es geht darum, andere Formen der Beziehung zu pflegen, mit Respekt vor dem anderen und ohne Gewalt, nachdem Generationen innerfamiliäre Gewalt und Patriarchat erlebt haben. Und das kann man dann in den Beruf, in die eigene Paarbeziehung, in die Beziehungen zu deinen Freunden und deinen Chefs übertragen: Bist du mein Patron oder sind wir Gefährten in einem gemeinsamen Kampf?
Gefährtinnen im gemeinsamen Kampf, Lina (Mitte) vor ihrem Café, Foto: Privat
Creciendo Unidos bedeutet “Gemeinsam aufwachsen”
Wenn ich nicht bei Creciendo Unidos gelandet wäre, wäre ich nicht die, die ich heute bin. Ich hätte ein Mädchen aus einem Randviertel mit einem gewalttätigen Mann und drei Kindern ohne Schulabschluss werden können. Weil mich niemand herausgefordert hätte: Kannst du und willst du selbst etwas beitragen? Ich bin überzeugt davon, dass Creciendo Unidos Persönlichkeiten formt und Leben verändert. Auch wenn nicht alle später eine erfolgreiche berufliche Karriere eingeschlagen haben. Creciendo Unidos ist wie eine Familie, ein soziales Netzwerk, das mir geblieben ist. Es sind meine Freunde und Freundinnen und meine Kompliz*innen für das Leben. Das ist sehr schön!
Latin@rama bedankt sich bei Reinel García für das Zurverfügungstellen der Interviewmitschrift, die von Peter Strack stark gekürzt und übersetzt wurde. Herzlichen Dank auch an Lina Martinez, die den Text für die Veröffentlichung aktualisiert hat.
Gründungsjahre: Arbeitende Kinder am Friedhof, Foto: Fundación Creciendo Unidos
Transparenzhinweis: Peter Strack hat Lina Martinez und Reinel García bei seiner früheren Arbeit für Terre des Hommes kennen gelernt. Der deutsche Zweig der Kinderrechtsorganisation hat ebenso wie Brot für die Welt die Arbeit der Stiftung Creciendo Unidos viele Jahre unterstützt.
