vonChristian Ihle & Horst Motor 25.09.2007

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Manu Chao – La Radiolina

Welche absurden Wellen der persönliche kommerzielle Erfolg schlagen kann, beweist Manu Chao Ende der 90er Jahre. Der als Weltmusiker gefeierte, sozialistische Dauerreisende Chao wurde schlagartig auch außerhalb Lateinamerikas bekannt. Mit „Bongo Bong“, einem ziemlich simplen, aber effektiven Song. Da hatte er sie plötzlich alle: die Peru-Begeisterten Soziologie-Studentinnen aus Weimar, den sakko-tragenden Sparkassenangestellten mit Kassengestell und den ewigen Revoluzzer mit obligatorischen Rastas. „Bongo Bong“ und das dazugehörige Album „Clandestino“ wurden zu Welthits. Das verstanden einige gar nicht mehr: die französische Punkband Les Wampas, Ex-Mitglieder des Kollektivs Mano Negra (unter Federführung Manu Chaos), polterten in mehreren Songs gegen den kommerziellen Erfolg des Sängers und meinten spießbürgerlich anfügen zu müssen, Manu Chao habe „das System akzeptiert.“

Gottseidank kümmern die ewig gleichen, automatisch abgefeuerten Reflexe der Linken herzlich wenig. Schließlich ist Manu Chao weiterhin ein Musiker mit einer weltumarmenden Herzlichkeit. Der Sänger und Gitarrist galicischer Abstammung versteht es bis ins Detail, sich als postmodernen Weltmusiker zu inszenieren, der zwar lateinamerikanisches Kommunismus-Verständnis getankt, dabei aber nie den Song vergessen hat. Auch bei „La Radiolina“ nicht. Auf das Album mussten Fans nun schon einige Jahre warten. Jetzt ist es veröffentlicht, und wieder präsentiert sich manu Chao als Manu Chao. Pottenhässliches Cover trifft auf Rock,
Rap, Ska, Reggae, französische Chansons, Salsa und Flamenco. „Rainin In Paradize“, die erste Single, ist auch gleich mal wieder ein zackiger Clubhit, gewohnt kritisch gegenüber dem Imperialismus der großen Industriestaaten und sensibel gegenüber den Nöten der auf ewig verlorenen Armen dieser Erde. Das funktioniert zumindest musikalisch hervorragend. Allein: der monotone Sprechsingsang Chaos nervt bisweilen. Und auch der linke Ideologie-Kitsch geht streckenweise durch Stolperfallen. Aber das ist eben Manu Chao. Der einzige wirkliche Weltmusiker, der sich so nennen darf. (Robert Heldner)

Anhören!
*Rainin in Paradize

Im Netz:
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Turbostaat – Vormann Leiss

Jetzt ausgerechnet mir Deutsch-Punk vorlegen. Ein Genre, dass bei mir durch das unregelmäßige Abhören der Werke von Gruppen wie Die Ärzte (vor der Trennung), Tomte und Boxhamsters abgedeckt ist. Natürlich ist mir Jens Rachut ein Begriff und seine Bands Dackelblut, Angeschissen, Blumen am Arsch der Hölle, Oma Hans und Kommando Sonne-nmlich. Genau der Rachut, Exzentriker, Miesepeter, Narr und großartiger Texter, veröffentlichte alle seine Bands bei Schiffen Records. Und genau dieses Label veröffentlichte als einzige Nicht-Rachut-Band eben auch die ersten beiden Turbostaat-Alben. Jetzt macht das Label Schaffenspause („Wir machen keine Platten mehr, weil wir nicht mehr wollen und nicht, weil wir nicht mehr können.“) und Turbostaat landeten bei Warner. Dreimal darfste raten, was auf so eine Entscheidung in der Punk-Szene folgt!
Aus! Ende! Ausverkauf! Natürlich.

„Vormann Leiss“ ist nicht weniger Punk als Turbostaat es immer waren. Und sind. Mit Hauruck-Punk´n´Proll hatten die Flensburger/Husumer ja nie was am Hut und auf die „Kampftrinker Stimmungshits“-Kompilation wird man es auch nie schaffen. Autoren-Punk ist das. Wunderbare Weltbetrachtung, herausgeschrieen. Jens Rachuts (und vielleicht auch ein wenig Peter Heins) Alltagsbetrachtungen im Geiste und Musiker, die ihre Instrumente auch spielen (Bier-damit-aufmachen können sie aber bestimmt trotzdem).

Vielleicht die beste Punk-Platte des Jahres. Vielleicht weil auch meine einzige heuer. (Säm)

Anhören!
*Haubentaucherwelpen (mp3)
*Harm Rochel
*Bei Fugbaums

Im Netz:
* Homepage
* MySpace
* Indiepedia

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https://blogs.taz.de/popblog/2007/09/25/im-plattenladen-im-august-2-manu-chao-turbostaat/

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kommentare

  • […] Album des Monats Januar / Platz 1: Pascow – Nächster Halt Gefliester Boden Im Booklet der neuen CD der Punkband Pascow steht in großen Lettern „Meine Macht für Niemand“ geschrieben und so weiß man gleich, wohin der Hase läuft: hier wird einerseits die Faust stolz gen Revolutionshimmel gereckt und gleichzeitig mit der anderen Hand ganz tief im Referenzkasten der Popkultur gewühlt. Und kann man etwas Besseres mit seinen zwei Händen machen als Revolution anpacken und Popkultur verwursten? Mit „Letzter Halt gefliester Boden“ haben die Saarländer dabei eines der besten Punkalben der letzten Jahre geschrieben – und das trotz Turbostaat, Captain Planet oder Muff Potter. […]

  • […] Man bedenke, es gab durchaus Konkurrenz dieses Jahr. Muff Potter, Jupiter Jones, Turbostaat und wie sie alle heißen. Sie veröffentlichten durch die Bank gute Alben. Nur Captain Planet toppen all das mühelos. Weil sie dringlicher sind. Weil sie in Worte fassen, was eigentlich nicht in Worte zu fassen ist. Die schier unerträgliche Schönheit des alltäglichen Kampfs gegen den Wahnsinn, der sich Leben nennt. Wenn Sänger Arne gegen seine eigene Gitarre anschreit, dann mit einer Energie, dass man sich kaum vorstellen kann, wie ihm auf der Bühne nicht die Puste ausgehen könnte. Captain Planet schaffen es, rauer zu sein als die Konkurrenz und doch Melodien für Millionen zu schreiben. Dazu sind die Texte fernab aller Klischees. Das Ergebnis: Intelligenter Emopunk, der einen schneller die Faust in die Luft recken lässt, als die Band es sich wahrscheinlich in ihren kühnsten Träumen ersehnt hat. […]

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