vonChristian Ihle & Horst Motor 05.02.2008

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Heute eine handvoll Bands für 2008, die mit ziemlicher Sicherheit dem Herrn Kommerz die Tür weisen würden, käme er noch so schick angezogen und mit einem Blumenbouquet im Arm vorbei, die es aber trotzdem – oder gerade deshalb – verdient haben, von der Welt gehört zu werden.

No Age

Gleich das beste Beispiel zu Beginn. No Age. Los Angeles. Gut, wer wäre je auf die Idee gekommen, dass es möglich ist, Ambient Lofi Punk zu machen?
Das klingt in sich absurd, aber dem Noise-Duo No Age, der bemerkenswertesten Band aus der momentan sehr lebendigen Artpunk-Szene um den The Smell Club in Los Angeles gelingt es mit spielerischer Leichtigkeit.
No Age’ Songs bestehen zumeist aus Geräuschen und unmelodischem Geschrammel, das sich im Laufe von ein, zwei Minuten in Richtung Melodie entwickelt bis urplötzlich die Punkgitarren am Start sind und Texte der Marke „Everybody’s Down!“ oder „Well, I hate you / I hate you / My life’s alright without you“ darüber gebrüllt werden. Kurz: überraschend, faszinierend, unwiderstehlich.

Anhören: Everybody’s Down

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Let’s Wrestle

Es wurde im Popblog schon häufiger bekrittelt dass die letzten 18 Monate ein ziemliches Trauerspiel in der britischen Gitarrenszene darstellten. Eine der wenigen Ausnahmen waren The Cribs, die im Gegensatz zu vieler ihrer Kollegen von Album zu Album besser wurden, und Art Brut, deren größtes Pfund immer noch Eddie Argos Texte und dessen Über-Indie-Sozialisation (von Billy Childish zu Jonathan Richman) sind.
Argos und die Cribs’schen Jarman-Geschwister eint dabei, dass sie sich nicht wie in England sonst üblich inzestuös nur der inseleigenen Vorbilder bedienen, sondern mehr als ein Auge auf den US-amerikanischen Indierock werfen. Let’s Wrestle bedienen sich aus der gleichen Quelle, nicht umsonst heißt der schönste Song „I Wish I Was In Husker Dü“ und ist ihr Sound am besten mit „Eddie Argos zu Cribs-Gitarren“ zu beschreiben.

Anhören: I Wish I Was In Husker Dü

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Screaming Tea Party

An Sonic Youth übt man ja grundsätzlich keine Kritik, aber manchmal, nur manchmal, wäre uns ein Schlecken am Melodietöpfchen seitens der Herren Ranaldo, Moore und Miss Gordon schon nicht unrecht. Screaming Tea Party aus London greifen nun einerseits auf den komplexen Sonic Youth Song zurück bedienen sich aber gleichermaßen am Indie-Pop-Ideal der Mitt-80-er. Jesus & The Mary Chain und die C 86 Klasse kommen ebenso zum Zug wie die New Yorker Avantgardeüberväter.

Anhören: Death Egg

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Broken Records

Bei Broken Records möchte man nicht einmal ausschließen, dass das doch auf einer größeren Ebene funktionieren kann. Vor zwei, drei Jahren noch wäre es die unkommerziellste Musik gewesen, die man sich vorstellen kann, aber nun klingt eine Band, die Arcade Fire anpunkt und mit osteuropäischen Elementen versieht beinahe wie ein logischer Smash-Hit. Gogol Bordello ohne Schnauzbart und Dialekt, Arcade Fire statt in der Kirche um ein Hexenfeuer tanzend, Beirut mit Vollbart, Modest Mouse minus Johnny Marr und Float On…

Anhören: A Good Reason

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Johnny Foreigner

Letztes Jahr hatten wir mit Verve die Los Campesinos! empfohlen.
Durchaus zurecht wie die großartige „Sticking Fingers Into Sockets EP“ Mitte 2007 zeigte. Da die Campesinos in diesem Jahr natürlich nicht schon wieder in dieser Liste aufgeführt werden können, wenden wir uns Johnny Foreigner zu, die im Grunde exakt wie die walisischen Indiepopfanatiker mit dem spanischen Flamenco-Band-Namen klingen – nur etwas weniger Fortune im Zubereiten der Popmelodien haben.

Anhören: Our Bi-Polar Friends

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(alle Texte: Christian Ihle)

Weiteres:
Teil 1: I Predict A Riot 2008: Pop!
Teil 2: I Predict A Riot 2008: Singer & Songwriter
Teil 3: I Predict A Riot 2008: aus deutschen Landen
Teil 4: I Predict A Riot 2008: New Rave et al.
Teil 6: I Predict A Riot 2008: Brit Guitar
Teil 7: I Predict A Riot 2008: Gitarren All Over The World

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