vonChristian Ihle 28.04.2009

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Die Pet Shop Boys sind zurück! schallte es und in den letzten Wochen und Monaten aus allen möglichen Zeitschriften entgegen. Gerechtfertigte Begeisterung, aber: sie waren doch nie weg? Wenn die Pet Shop Boys in ihrer langen Karriere jemals einen Tiefpunkt zu überwinden hatten, dann liegt dieser auch schon wieder ein Jahrzehnt in der Vergangenheit. Das unausgereifte Album „Nightlife“ ließ für kurze Zeit an Ihrer Unfehlbarkeit zweifeln, doch das damalige Comeback war eine Überraschung. Da die Pet Shop Boys wohl die einzige Band auf der Welt sind, die mehr verkleidet aussehen, wenn sie Jeans und Strickpullover anstelle von orangenen Ganzkörperanzügen mit Kegelhüten tragen, war das Gelingen des Post-„Nightlife“-Albums mit Akustikgitarren namens „Release“ die eigentliche Sensation. Bereits mit „Fundamental“ kehrten Tennant und Lowe 2006 jedoch wieder zum klassischen Pet-Shop-Boys Sound zurück: großer Pop, manchmal reduziert („Minimal“), manchmal überbordend („Integral“), immer gut.

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Auch auf „Yes,“, das wie jedes Pet Shop Boys Album zuvor auch wieder mit einem Artwork besticht, das so schön ist, dass man vor Freude niederknien möchte, wird weiter in Richtung Pop gefahren, so konsequent wie seit „Very“ 1994 nicht mehr. Die Zusammenarbeit mit dem Produzententeam Xenomania hat sich dabei als geschickter Schachzug erwiesen. Seit jener ersten, orangenen Wiedergeburt (die auf das zwar beste, aber nicht unbedingt kommerziell erfolgreichste Album ihrer Karriere, „Behaviour“, folgte) klang kein Pet-Shop-Boys-Album mehr so in sich geschlossen, wie ein einziges großes Statement. Beginnend mit dem an das ewig unterschätzte „Can You Forgive Her“ sich anlehnende „Love Etc“ hören die beiden Briten nicht auf, tadellos produzierten, intelligenten, wunderbar formulierten Hochenergiepopsong an den nächsten zu reihen.

Mit dem Selbstbewusstsein einer Band, die in Zeiten groß geworden ist, in denen die Produktion eines überzeugenden Albums den Ritterschlag für eine Popband bedeutete und die die Angst vor dem Weiterskippen (CD-Ära) oder „kurz mal reinhören“ (mp3-Ära) nicht kennt, packen die Pet Shop Boys folgerichtig die beiden Albenhöhepunkte beinahe ganz an den Schluss. Vor dem Rauswerfer „Legacy“ sitzt mit „The Way It Used To Be“ einer jener bittersüßen Songs über die Liebe, die nur ein Songwriter schreiben kann, der versteht, dass Intelligenz und Pop sich nicht ausschließen: Neil Tennant wechselt mit Leichtigkeit zwischen Allgemeinplätzen und dem aufrichtigen Kampf um seine Gefühle. Er kämpft in erster Linie nicht einmal für Zuneigung, sondern mehr, sich seine eigenen Gefühle zu bewahren – eben noch etwas fühlen zu können, nicht nur eine leere Form zu sein („What is left of love? / Tell me, who will even care?“). Dieses ernüchternde Lied über die Vergänglichkeit von Herzensdingen – und den verzweifelten Versuch, sie festzuhalten versus den mit dem Alter wachsenden Gleichmut – folgt ausgerechnet auf den größten Popsong dieses an großen Popsongs nun wirklich nicht armen Albums, „Pandemonium“. Tennant gelingt es, ein Lied über Kate Moss und Pete Doherty zu schreiben, das nicht nur jede denkbare Peinlichkeit umschifft, sondern tatsächlich die Faszination an dem Mann mit dem Hut in wunderbar prägnante Sätze fasst wie „To tell you the truth, I thought I was shockproof / Until I saw what you get up to / When you think about it, it’s quite an achievement / That after all I still love you“. Manchmal möchte man Pete Doherty sein und sei es nur, um den Hut vor den Pet Shop Boys zu ziehen. (Christian Ihle)

Anhören!
* The Way It Used To Be (hier)
* Pandemonium (hier)
* Vulnerable (hier)
* Love Etc (hier)

Mehr über die Pet Shop Boys im Popblog:
* Pet Shop Boys. 23 Jahre im Pop: Eine Geschichte.
* Die zehn besten Popsongs 2006
* Die zehn besten Live-Acts 2006
* Schmähkritik 167: Neil Tennant über Modedesigner Tom Ford
* Pet Shop Boys meet the Brit Awards

Im Netz:
* Homepage
* Indiepedia

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