vonChristian Ihle 29.06.2009

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Phantom / Ghost – Thrown out of Drama School phantomghost

Vorneweg: Ich kenne genau drei Menschen, die dieses Album schon vor Release gehört haben. Es war am Tag, an dem die Promos verschickt wurden. Nervös riefen wir uns gegenseitig an. Weil wir wussten: Bei der Vergabe des Titels „Album des Jahres“ muss man heuer gar nicht lange rumfackeln. Wir haben es gerade gehört.

Vielleicht sollte man sich vor dem Abhören von “Thrown out of Drama School” mal wieder das Debütalbum von Phantom/Ghost anhören. Oder dessen Nachfolger „To Damascus“. Diesen Entwurf von elektronischer Discomusik samt zarten Gesang von Dirk von Lowtzow, der in dieser Band (oder nennen wir es Projekt?) vielleicht noch mehr einen literarischen Ansatz verfolgt, als bei seinem Hauptarbeitgeber Tocotronic. Nein, Hauptarbeitgeber und Nebenprojekt, das kann man bei Dirk von Lowtzow vielleicht gar nicht mehr so sagen. Vor drei Zeilen noch, da dachte ich, ich käme in dieser Besprechung völlig ohne die Nennung von Tocotronic aus. Jetzt habe ich sie doch ins Spiel gebracht. Weil sie der wichtigste Punkt in der Vita von Lowtzows sind. Und ein wichtiger Punkt in der Vita meiner Adoleszenz (die vielleicht noch immer andauert). Schließlich war ich es, der irgendwann Mitte der Neunziger in einer Second Hand-Trainingsjacke in der ersten Reihe die Seele zu deren Lieder aus dem Leib geschrieen hat. Und der dann, Anfang des neuen Jahrtausends, begeistert im Second Hand-Jackett dabei zusah, wie Thies Mynther kettenrauchend Tasten bediente, während Dirk von Lowtzow hinter einer Flasche Champagner plötzlich englische Texte ins Mikrofon sang.

Doch Phantom/Ghost überzeugten mich noch mehr mit ihrem dritten Album und vor allem zwei Tracks darauf. „Willow“ und „All is hell“ wurden von Freunden als Mittelalter-Geplänkel verspottet, sie waren aber übermenschliche Hymnen. „Willow“ war weit weg von elektronischer Musik. Nur von Piano und Stimme getragen. Und genau da fängt der Ansatz von „Thrown out of Drama School“ erst an. Juchheirassa!

Phantom / Ghost sind inzwischen näher am Musical als an hedonistischen Clubnächten. Wäre es vermessen, sogar den Begriff „E-Musik“ in die Runde zu werfen?. Wo auch immer die Grenze dazu liegt. Im Spex-Interview bescheinigt Thies Mynther ausgerechnet Hape Kerkeling einen gewissen Einfluss auf die neuen Phantom/Ghost-Songs. Dirk von Lowtzow geht noch weiter, wenn er erklärt, Kerkelings Aufführung von „Hurz“ im andächtigen Provinz-Hochkultur-Konzert war ein „toller E-Musik-Witz. Ich denke, ich darf es aussprechen: Der Haupteinfluss für unser Album war Hape Kerkeling.“

Und wenn ich heute wieder 16 wäre. Ich würde rausrennen und mir Federmäppchen und Schulhefte kaufen. Nur, um auch die neuen Texte von Dirk von Lowtzow darauf zu schreiben. Genauso wie damals. Als digital noch besser war. (Säm Wagner)

Anhören!
* The Process (After Brion Gysin)
* Miami
* Thrown out of Drama School (hier)

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=6n-8-A_W29A[/youtube]

Im Netz:
* MySpace
* Indiepedia

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The Legends – Over And Over

legends

Als Jonas Angergard, Kopf des Labrador Labels aus Stockholm seine erste Vorankündigung für das neue The Legends-Album losschickte, dürfte sich der gemeine Musikhörer erst mal hinter den Schrank versteckt haben. Die Vorabsingle „Seconds away“ war eine Lärmwand. Und ich meine jetzt nicht verzerrten Gitarrensound, der eine Spur zu weit in den Vordergrund gemischt wurde, „Seconds away“ war ein Feedback-Lärm. Und (weit) dahinter im Lärmnebel war ein zuckersüßer Popsong zu hören. Der Popsong alleine wäre vielleicht zu schmierig, um vom Ohr zum Herz durchzurutschen. Mit der Lärmwand bastelte Angergard (The Legends sind seit ihrem zweiten Album nur noch ein Soloprojekt) aus dem Pop-Liedchen ein kleines Kunstwerk mit Ecken und Kanten. Man musste genau hinhören und man konnte sich dran reiben. Dann erkannte man die Größe des Songs.

Und das ist genau die Stärke von „Ober and over“. Blitzsaubere Pop-Liedchen bekommen eine spröde Krachschicht und werden so erst zu dem, was sie sind. Große Noise-Pop-Songs. Düster, übersteuert, schroff, aber mit einem zuckersüßen (Motown-)Kern. (Säm Wagner)

Anhören!
* Always the same
* Dancefloor
* Seconds away

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=xoVAHMWOIoc[/youtube]

Im Netz:
* MySpace

Im Popblog:
10 Jahre Labrador Records

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https://blogs.taz.de/popblog/2009/06/29/im_plattenregal_im_mai_2_phantomghost_the_legends/

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kommentare

  • Mir taugt das P/G-Album auch nicht durchweg – „The beautiful fall“ finde ich irrsinnig schön, vieles vom Rest ist mir zu nah an der Oberstufendiva mit LK-Englisch und billig kopierter Koketterie. Ich nehm’s dem Lotzow keine Sekunde ab, der ist wie Michael Jackson, der auch nur für’s Fernsehen fistelte und sonst normal, fast bassig sprach (wie man liest). Kunstwollen ist ja schön und gut, aber das war gerade bei P/G schon orgineller, orginärer und aufregender.

  • Beziehend auf die PHANTOM/GHOST Kritik finde ich die Formulierung

    „Phantom / Ghost sind inzwischen näher am Musical als an hedonistischen Clubnächten“

    nur wenig zutreffend, denn wirkliche Clubmusik haben die beiden doch noch nie geschafft, ganz im Gegenteil sind Phantom / Ghost von zeitgenössischer Musik dieser Art so weit entfernt wie beispielsweise Jessica Schwarz vom Gewinn eines Oscars.
    Ein immer wieder gern gemachter Fehler ELEKTRONISCHE Musik mit CLUB Musik zu verwechseln.

    Ansonsten schliesse ich mich bei der Beurteilung von PHANTOM/GHOST ausnahmsweise dem eitlen Kläffer Jens Balzer an: „eine verblüffend öde, schwung- und lendenlose Kantate“

    (http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2009/0522/feuilleton/0018/index.html)

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