vonChristian Ihle 03.03.2010

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

Mehr über diesen Blog

Es hatte sich bereits im letzten Jahr angedeutet: Keyboarder Richard von der Schulenburg ist – wohl auch – aus Differenzen über die zukünftige musikalische Richtung ausgestiegen, die EP erschien auf dem Dancelabel Gomma und die Zugaberunden der letzten Livekonzerte waren zehnminütigen kuhglockenflavoured Grooveworkouts gewidmet. Scheinbar war es den Sternen nicht mehr genug, eine gute, aber zunehmend blasser werdende Kopie ihrer Indierock-Identität zu sein. „24/7“ unterstreicht diese Vermutung. Das neue Album ist eindeutig mehr „Fickt das System“ als „Was hat dich bloß so ruiniert?“ – zum ersten Mal seit „Wo Ist Hier“ versuchen die Sterne nun also auf Albumlänge dem Tanz zu huldigen, passend, wenn auch leicht ärgerlich, dass sie dabei die Refrains als Opfergabe dem Gott des Grooves darreichten.

sterne

Denn so erfrischend es ist, eine Band nach so langer Zeit wieder eine neue Stilrichtung einschlagen zu hören, so sehr wurde das Songwriting hinten an gestellt. Die neuen Lieder beruhen im überwiegenden Maße auf Beat und Bass, weniger einer Hookline oder gar einem Refrain. Das funktioniert durchaus an manchen Stellen ganz fabelhaft, wie im Opener „Depressionen aus der Hölle“ oder in „Gib mir die Kraft!“, kann auf Albumlänge aber auch ermüden.

Einzig „Ein Glück“, das noch aus der kurzen Solozwischenphase Spilkers stammt, fällt gänzlich aus der Reihe. Ein zartes Akustikstück über das Ankommenwollen, das jenes Sehnen derb genug via eines „Ficken ohne Kondom“-Refrains ausdrückt. Überhaupt fällt auf, dass die alten Herren der Hamburger Schule nach all der Politik und Sozialkritik eine zunehmende Faszination mit dem Sexuellen entwickeln. Wo von Lowtzow das Hohelied auf die Selbstbefriedigung singt wenn er nicht gerade zwischen Bums und Bi oszillieren möchte, Jochen Distelmeyer a tergo recht knorke findet („Jetzt knie ich hinter dir und halt deine Hüften“), reicht Spilker dagegen schon ungeschützter GV. Er war ja schon immer der genügsamste der Drei.

Am Ende bleibt ein Album, dessen Wagemut man loben möchte, das an einigen Stellen mehr als nur überzeugt, aber auch zu oft der Monotonie den Vorzug gibt. Zugegeben, ein „Album des Monats“ mehr aus Gründen, dass wir die Neuerfindung begrüßen und dem Mut applaudieren, als dass die gleichbleibend hohe Qualität des Songwritings uns atemlos machen würde. (Christian Ihle)

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=sD_Avo_kGJU[/youtube]
.
Anhören:
* Gib mir die Kraft!
* Depressionen aus der Hölle
* Die Stadt der Reichen

Anm.: Kurz vor Veröffentlichung wurde noch einmal die Tracklist umgestellt. „Ein Glück“ ist nun nur noch auf der Limited Edition enthalten, „Life In Quiz“ der Albumopener anstelle von „Depressionen aus der Hölle“

Die Sterne im Popblog:
* My Favourite Records mit Frank Spilker
* Die zehn besten Songs 2006
* Die Sterne beim Immergut 2009

Die Sterne im Netz
* MySpace
* Indiepedia

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/popblog/2010/03/03/album_des_monats_februar_platz_2_die_sterne_-_247/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.