vonChristian Ihle 11.10.2011

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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KOLLEKTIV-POP Die österreichische Band Ja, Panik arbeitet an der Repolitisierung von Indierock und setzt zum Sprung über die bisherige Nischenkultur an – es gilt nach wie vor, die Welt zu zerstören

VON CHRISTIAN IHLE

Von mir aus sollen sie Bomben hintragen zu der grauslichen Bagage
ich werde nicht daran denken, eine Träne zu zerdrücken
nicht für Angela und erst recht nicht für Nicolas…

…heißt es im Titelsong des aktuellen Albums „DMD KIU LIDT“ von Ja, Panik, und man ist erstaunt, dass diese fünf so harmlos aussehenden Mittzwanziger Politik in den Indie-Rock zurückbringen. Auch wenn man ihrer Absage an Pazifismus nicht zustimmen mag, allein die Tatsache, dass sich überhaupt wieder eine Indieband mit mehr als den eigenen Befindlichkeiten befasst, ist schon bemerkenswert.

Zuletzt war in den 90ern dank des Diskurs-Pop der Hamburger Schule im deutschsprachigen Indierock auch politisch Stellung bezogen worden. Doch so einfach als deren Nachfolger sind Ja, Panik auch wieder nicht zu fassen, weichen sie doch beispielsweise vom recht vagen Ansatz der Hamburger-Schule-Überleber Tocotronic ab, die sich auf ihren letzten Platten immer mehr in einem romantisierten Zauberwald verloren haben, sondern sind vor allem im Titelstück ihrer neuesten Platte schmerzlich konkret.

Die Gruppe ist zunächst gemeinsam vom Burgenland nach Wien und dann nach Berlin gezogen. Die Band wohnt seit Beginn zusammen, veröffentlicht auf dem kleinen Berliner Independent-Label Staatsakt ihre Musik und sieht sich darüber hinaus auch als kollektives Projekt, wie Sänger und Songschreiber Andreas Spechtl erläutert: „Die Band soll eine Möglichkeit sein, den Mund aufzumachen, viele Leute zu erreichen – sonst könnte ich mich auch in mein Wohnzimmer setzen und dort alleine Gitarre spielen.“

Die Musik von Ja, Panik ist stark von der Gitarre getragen, aber im Vergleich zu ihren beiden früheren Alben sind die Songs auf „DMD KIU LIDT“ abwechslungsreicher arrangiert. „Run From The Ones“, der Höhepunkt ihres neuen Albums, setzt auf Handclaps statt Schlagzeug und lebt von einer trockenen Funkyness, die tatsächlich an einen anderen österreichischen Popstar, Falco, denken lässt. Auf ihrer jüngst erschienenen Single „Nevermind“ glänzen sie mit einem minimalistischen Arrangement und auch an anderer Stelle des Albums ist immer deutlicher der Wille zu Reduktion und Repetition herauszuhören.

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=4o8fXW2vhGY[/youtube]
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Nachdem ihre zweite Platte „The Taste and the Money“ die Österreicher auch in Deutschland bekannt gemacht hatte, wurde nun mit dem 2011er Album „DMD KIU LIDT“ ein weiterer Schritt vollzogen: „Wir haben bei Konzerten gemerkt, dass wir aus der Indie-Nische heraus sind und unser Publikum nun von 18 bis 48 reicht.“ An diesem Punkt stellt sich für Bands aber auch immer das Problem, wie weit ein – laut Spechtl – „antikommerzielles Projekt“ sich den Verwertungszwängen des Musikbusiness unterwerfen muss, wenn der Anspruch kommt, eben nicht nur das eigene intellektuelle Ghetto zu bedienen, sondern seine Botschaften auch außerhalb des vertrauten Kreises an die Hörer zu bringen.

Es ist interessant zu sehen, wie Ja, Panik auch in ihren Stücken diesen Widerspruch thematisieren. Wie sie einerseits Kommunikationsplattform für ihre Slogans sein wollen, wie sie das umstrittene linksradikale Manifest von „Der kommende Aufstand“ wieder und wieder in ihre Texte einweben, aber im gleichen Moment auch darüber singen, dass das Politische im Pop keinen Platz habe.

Deutlich wird diese Gleichzeitigkeit aus Mitteilungsdrang und dem Hinterfragen der Möglichkeiten im anfangs zitierten Song, der das aggressivste, politischste Statement der Bandgeschichte ist, sich aber wenige Zeilen später zu einem Abgesang auf die Möglichkeit, Politik in der Popkultur zu transportieren, wandelt: „Nur, dass ich finde, es wär an der Zeit, aufzuhören / Das bisschen Klingbim, das bisschen Lalala für so wichtig zu halten / Gilt es doch nach wie vor, eine Welt zu zerstören.“

Andreas Spechtl ist ein wandelnder Widerspruch, will er doch einerseits immer mehr sein als ein Sänger, der nur Popsongs schreibt. Andererseits sagt er, dass jede künstlerisch-politische Regung lediglich ein Ersatz für tatsächliches Aufbegehren sei: „Kunst kann dir höchstens das Gefühl geben, etwas ändern zu wollen, wirklich etwas ändern kannst du aber nur auf der Straße oder in anderen politischen Räumen. Und eben nicht, indem ich in einem kleinen Kellerclub: ,I am an antichrist, I am an anarchist‘ singe. So bleibt die Frage, ob es den Herrschenden nicht lieber ist, dass in kleinen, verrauchten Clubs ein paar Musiker singen, dass sie alles zerstören wollen, statt auf die Straße zu gehen.“

Popkultur als Opium für die Massen? „Ja, natürlich. Und das ist genau der Widerspruch, den unsere Musik thematisiert und an dem wir vielleicht früher oder später zerbrechen werden. Oder uns halt eine Eigentumswohnung kaufen.“


Die Band:
Andreas Spechtl, 27, Thomas Schleicher, 25, Stefan Papst, 26, Sebastian Jenata, 24, und Christian Treppo, 26.

Das Album: „DMD KIU LIDT“ (Staatsakt/Rough Trade). Auf ihrer neuen Single „Never Mind“ covern Ja, Panik unter anderem Songs von John Cale und Bob Dylan

Die Tour:
9. Oktober, Regensburg, Alte Mälzerei; 10. Oktober, Pfarrkirchen, Boogaloo; 11. Oktober, Erlangen, E-Werk; 12. Oktober, Jena, Kassablanca; 19. Oktober, Münster, Gleis 22; 20. Oktober, Bielefeld, Forum; 21. Oktober, Hannover, Glocksee; 4. November, Berlin, Festsaal Kreuzberg

Der Text ist ursprünglich letzten Samstag im Feuilleton der Print TAZ erschienen.

(Foto: Ktinka)

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https://blogs.taz.de/popblog/2011/10/11/es_gilt_nach_wie_vor_eine_welt_zu_zerstoeren_ein_ja_panik_-_portrait/

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kommentare

  • […] In manchen Kreisen wird dem letzten Ja, Panik – Album “DMD KIU LIDT” ja eine Stellung wie Blumfelds „L’Etat Et Moi“ zugeordnet und es als Jahrzehnt-Werk betrachtet. Nur: wie folgt man einer Platte, die scheinbar so definitiv die Position einer Band formuliert hat? Die in den Lyrics den revolutionären Gestus mit hedonistischem Anspruch verband und in der Sänger Andreas Spechtl seine Dreisprachigkeit (Deutsch, Englisch, Österreichisch) perfektionierte? Die dazu auf der musikalischen Seite den Ja,Panik-Indierock auslotete und kaum noch Weiterentwicklung zuließ? Man wird einfach eine andere, neue Band. In gewisser Weise beantworten die Österreicher also die Folgeplattenfrage wie damals Blumfeld mit „Old Nobody“ zurückkehrten: andere Bandbesetzung und frische Einflüsse. “Libertatia” will Groove und Funk sein und ist dabei immer Pop: der frühe Prince, die späten Roxy Music und „Sandinista!“ von The Clash statt John Cale und Bob Dylan. Libertatia feuert Ohrwurm auf Ohrwurm auf die Dandytanzfläche und ist geradezu erschreckend catchy, aber dabei – und hier ist der große Unterschied zu Blumfelds „Old Nobody“ – textlich mitnichten ein Rückzug aufs Ich, kein Reiten auf den Wellen der Liebe, sondern noch kämpferischer, politisch klarer, ärger als je zuvor. Kein Song fasst das besser zusammen als „Dance The ECB“ – da ist es wieder, das alte Emma-Goldman-Anarchisten-Bonmot, dass man zur Revolution aber auch bitte schön tanzen möchte! Lediglich die Stoßrichtung verändert sich: war „DMD KIU LIDT“ noch ein apokalyptischer Wutschrei, der alles inklusive Merkel und Sarkozy wegsprengen wollte, ist „Libertatia“ der Glaube an eine Utopie im Hier statt einer Enklave der wenigen Glückseligen. Die Idee, dass ein anderes Leben möglich wäre. (9/10) […]

  • Dankesehr. Dass nicht allzuviel Neues drin steckt, liegt eben auch an der anderen Plattform, wofür der Artikel eigentlich geschrieben wurde. Für den normalen Kulturteil in der Zeitung – Leser musste ich dann eben etwas mehr „Zeichen“ auf eine grundsätzliche „Erklärung“ der Band als auf Weiterführendes verwenden.

    Aber ich habe als Grundlage ein langes Interview mit Andreas Spechtl geführt, das nächste Woche hier im Popblog online geht, da steckt dann auch erheblich mehr Neues drin, denk ich.
    Zum Beispiel verrät er da auch, dass sie das Titelstück auf der Tour spielen werden 😉

  • Auch wenns nicht allzu viele neue Infos sind, ein sehr schöner Artikel. Jetzt wo das Jahr „fast“ zu Ende ist muss ich feststellen,dass DMD KIU LITDT wahrscheinlich das beste Album des Jahres ist. Das Konzert im Frühjahr war ebenfalls genial, umso mehr freu ich mich auf den November. Hoffentlich spielen sie erneut das Titelstück 🙂

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