vonChristian Ihle 13.01.2019

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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„Bereits im Januar 1997 kündigte das englische Trendmagazin The Face „Die Wahrheit über die 90er“ an und titelte ausführlich, über dem Foto einer so verstrahlt wie nachdenklich guckenden, obenrum nackten jungen Frau: „Mit dem Raven aufgehört, Wodka getrunken und davon high geworden, verliebt, mit dem besten Freund geschlafen, in Clubs Pogo getanzt, nach Aliens gesucht, in Ibiza ausgerastet, beim Glastonbury Festival Gott gefunden – und wie geht’s jetzt weiter?““

In seinem Buch „Zu geil für diese Welt: Die 90er – Euphorie und Drama eines Jahrzehnts“ zeichnet Joachim Hentschel die 90er nach. Die quietschbunten, feierwütigen, hedonistischen 90er nehmen – durchaus auch aus subjektiver Perspektive – natürlich großen Raum ein, Hentschel vergisst aber auch Hoyerswerda oder Rostock nicht, die eben genauso zu den 90ern gehören. Eine interessante Betrachtung ist auch, inwieweit die 90er das letzte Jahrzehnt waren, in dem die Hoffnung auf Besseres noch Vorrang vor der Angst vor dem Schlimmeren hatte, ein Jahrzehnt, in dem sich Grenzen öffneten und nicht schlossen.

Mit Joachim Hentschel durch die 90er:

* Die drei besten Punksongs/-singles der 90er?

Goldene Zitronen – „Das bisschen Totschlag“ (1994)
Ich hätte vorher nie geglaubt, dass so etwas Punkrock sein könnte, mit dieser Orgel, diesem Sprechgesang und all diesen Wörtern. Aber die Welt war halt plötzlich zu kompliziert für Slogans, und ausgerechnet die einst großen Sloganeure von den Goldenen Zitronen hatten’s gemerkt.

Daisy Chainsaw – „Pink Flower“ (1992)
Immer wenn sie auf MTV liefen, bekam ich schreckliche Angst. Sie wirkten wie eine eigentlich als süßer Charts-Act gecastete Band, die aus irgendeinem verheerenden Grund völlig außer Kontrolle geraten war. Böse, zerstörerische Fantasie, natürlich grandios.

Sultans Of Ping FC – „Stupid Kid“ (1992)
Gnadenlos behämmerte irische Band, die hier einen weiteren (eigentlich nicht mehr nötigen) Beweis lieferte, dass Fun-Punk wirklich richtig lustig sein kann. (Toll auch ihr Song über das Problem, in der Disco seinen Pulli nicht mehr wiederzufinden: „Where’s Me Jumper?“)

* Ein 90er-Song, der Dich immer zum Tanzen bringt?


Cornershop – „Jullandar Shere (Jeh Jeh Mix)“ (1995)
Einer dieser völlig typischen Mittneunziger-Remixe, bei denen irgendwer (ich weiß nicht mal, wer) ein Fatboy-Slim-artiges Bumm-Batsch-Loop unter einen eigentlich delikaten Song gelegt hat – und ein Beispiel, wie herrlich das funktionieren kann. Als Studentenparty-DJ hab ich damit selbst die übelste BWLer-Meute aus der Ruhe gebracht.

* Ein 90er-Song zum Trinken? Wein, Bier oder was passt dazu?

The Notorious B.I.G. – „Hypnotize“ (1997)
Die Leute oben in den Logen sollen hierzu mit ihren Juwelen klimpern, die Leute auf den billigen Plätzen mit den Eiswürfeln in ihren Gläsern. Whiskey-Cola würde ich vorschlagen, auch wenn das kein richtiger 90er-Drink ist, fürchte ich.

* Die eine definierende Band/Künstler der 90er ist?

Beastie Boys
Weil sie sowas wie die Popkultur-Fähnlein-Fieselschweif der 90er waren. Die, die am schnellsten kapiert hatten, was man plötzlich alles verbasteln und zitieren und sich trauen durfte, welche grenzgängerischen Freiheiten es gab, wie man selbst mit uralten Versatzstücken stilistisch drei Schritte voraus sein und als HipHop-Gruppe mit einem Instrumentalstück irre viel sagen konnte. Nirvana und Rage Against The Machine empfanden wir damals zwar als stärkere Sprachrohre, aber rückblickend waren die Beastie Boys die Größten.

* Der beste Grunge-Song der 90er?

Hole – „Violet“

Schmerz (Opfer) und Verachtung (Subjekt) in dialektischer, unfassbarer Intensität.

* Der beste Britpop-Song der 90er?

Suede – „Trash“
Damals hielt man sie für Kasperletheater, heute weiß man, dass sie eher grandios-groß produzierter Shakespeare waren/sind.

* Der beste Eurodisco-Song der 90er?

The Prodigy – „Out of Space“
In ihrem ersten Leben machten sie Autoscooter-Musik, und zwar die grimmigste, unironischste, die es je gab.

* Der beste Hamburger-Schule-Song der 90er?

Die Lassie Singers – „Hamburg“
Zählt wahrscheinlich nicht als Hamburger Schule, aber dieser Song erzählt ganz wunderbar und gar nicht mal so unintellektuell, wo diese ganze Musik damals eigentlich herkam.

* Deine liebste deutschsprachige Textstelle aus den 90ern?

„Du bist sehr schön/ But we haven’t been introduced.“

(Blur: „Boys and Girls“)

Deutsch als erste Fremdsprache in der sexuell grenzüberschreitend vereinten EU. Schöner wurde die europäische Zollunion nicht mehr.

* Der beste Song über Revolte, Aufruhr und Revolution der 90er?

Björk – „Army of me“
Wenn das Private politisch wird, kann und muss man auch resolute Protestsongs über zwischenmenschliche Missstände singen. Ich kenne nicht viele Beispiele für sowas, das ist ein großartiges.

* Die schlechteste Platte der 90er?

Pearl Jam – „Ten“

Mir ist völlig klar, dass man mit dieser Nennung eine Legion an super-redlichen Fans betrübt. Aber was eigentlich der Unterschied zwischen „I’m still alive!“ und dem Haar-und-Lederarmband-Rock der 80er ist, hat mir noch keiner von ihnen zufriedenstellend erklärt.

* Die beste deutsche/deutschsprachige Platte der 90er?

Blumfeld – „L’Etat et moi“
Das war wie ein Weckruf, obwohl wir gar nicht wussten, dass wir schliefen. Noch heute funktioniert diese Platte als 1-A-Mittel gegen jede Art von Lethargie. Lyrik und Stimme und Unmittelbarkeit sind bei den Blumfeld dieser Zeit absolut einzigartig, eine völlig neue, originäre Pose, die niemand jemals sonst so hingekriegt hat.

* Die beste Platte der 90er überhaupt?

Smashing Pumpkins: „Siamese Dream“
Das Album (im Sinne von Poesie-/Fotoalbum) eines Narren – genau in dem einen, kurzen Moment, in dem alles tiefen, weltumspannenden Sinn zu ergeben scheint, was er tut und sagt. Eine seltene, seltsame Perle.

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Am Montag, 14. Januar, findet in der Cohen+Dobernigg Buchhandel in Hamburg eine Lesung statt.
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Das Buch „Zu geil für diese Welt“ von Joachim Hentschel ist im Piper Verlag erschienen und kann hier bestellt werden.

“Zu geil für diese Welt”. Den Untertitel des Buchs über die 90er habe ich mit meiner Mark‘ Oh – CD-Singles-Sammlung nachgestellt
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