vonChristian Ihle 26.03.2020

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Jim & Andy: The Great Beyond- Featuring a Very Special, Contractually Obligated Mention of Tony Clifton

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Diese Dokumentation über Jim Carrey und die von ihm in „Man On The Moon“ gespielte Meta-Comedian-Legende Andy Kaufman ist äußerst faszinierend und transzendiert bei weitem das „schau mal, was Jim Carrey für kaufmanesque Pranks am Set gemacht hat!“-Ergebnis, das auch bei diesem Ansatz hätte herauskommen können.

Das liegt sicher auch an Carrey selbst, bei dem ich mir immer noch nicht sicher bin, ob alles eine einzige, riesige Performance ist oder er tatsächlich einen mentalen Knacks während dieses Films erlitten hat, den er bis heute nur notdürftig flicken konnte. Er wirkt auf eine ganz seltsame Art wie jemand, der mit sich im Reinen ist, weil er seine eigene Kaputtheit akzeptiert hat. Das geht um einiges tiefer als ich bei diesem Film erwartet hätte.

American Factory

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Ein chinesisches Unternehmen übernimmt eine amerikanische Fabrik, die kurz vor der Schließung steht. Nach und nach prallen die beiden Kulturen – insbesondere hinsichtlich Arbeitsbereitschaft und Arbeiterrechte aufeinander – und als Europäer kommt man nicht umhin sich zu denken: na, das würd erst aussehen, wenn die Chinesen eine Firma in Frankreich übernähmen!

„American Factory“, der doch etwas überraschende Oscar-Gewinner, glänzt durch seinen überraschend direkten Zugang zu allen Beteiligten einschließlich der Sitzungen mit dem chinesischen Vorstand, ist unterhaltsamer als ich erwartet hätte – und erzählt zudem noch eine nachdenklich machende Geschichte über die Arbeitswelt der Gegenwart und der nahenden Zukunft.

Evil Genius: The True Story of America’s Most Diabolical Bank Heist

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Von allen True Crime – Filmen und -Miniserien auf Netflix ist „Evil Genius“ das wohl verrückteste Exemplar. Diese Geschichte hat mehr Volten und Wahnsinnigkeiten als das durchgedrehteste Drehbuch Hollywoods und fesselt in seiner Manie von der ersten bis zur letzten Minute. Auch wer das True Crime – Genre normalerweise nicht abkann wird hier seine Unterhaltung finden!

Casting JonBenet

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Eine formal außergewöhnliche Dokumentation, die vom – bis heute unaufgeklärten – Mord an der sechsjährigen JonBenet Ramsey erzählt. Und zwar in einer Art, wie noch nie ein Film eine True Crime Story thematisiert hat: Regisseurin Kitty Green lädt Bewohner des Heimatortes von JonBenet zu einem Casting für einen angeblichen Film ein. Die Anwärter bewerben sich um die Rolle von JonBenets Bruder, Vater, Mutter – die allesamt der Tat verdächtig sind. Die Teilnehmer erzählen nun im Castingespräch ihre Verbindung zum Verbrechen – und damit auch ihren Blickwinkel auf diese Geschichte – und spielen in fiktionalen Szenen die realen Vorbilder. Dadurch schafft Kitty Green ein faszinierendes Kaleidoskop, das so viel über den Mord erzählt wie über das Filmen und die Wahrheit an sich. Es entsteht ein vielschichtiger Blick auf das Verbrechen, der gleichzeitig gnadenlos die Subjektivität jeder Wahrheit thematisiert – und das völlig unkommentiert, allein durch seine Versuchsanordnung. Faszinierend, spannend, ja sogar amüsant und in jeder Minute mitreissend. Eine große Empfehlung für dieses Kunststück, das formal bestechend ist, aber trotz aller Cleverness immer im Dienst seiner Geschichte und der – zitieren wir ruhig Werner Herzog – ekstatischen Wahrheit bleibt.

Into The Inferno

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Ah, weil wir gerade von Werner Herzog reden – schauen wir mal zu „Into The Inferno“!
Die Abschweifung ist natürlich Prinzip bei Herzog, aber ich muss auch sagen, dass ich bei dieser Vulkan-Doku gern mehr Vulkane und weniger Südseeinseln gesehen hätte.
Die zweite Hälfte von „Into The Inferno“ ist deutlich stärker, insbesondere die Island- und Nordkorea-Episoden, wobei gerade letztere durch Herzogs wie immer ungewöhnlichen Ansatz spannend wird.

Insgesamt gut, aber nicht so beeindruckend wie beispielsweise Herzogs „Lektionen In Finsternis“ (siehe: Amazon Prime), das ja ähnliche Bilder, nur hier von Menschenhand gemacht, bereithält, sich aber wie ein Essay darstellt statt einer Dokumentation.

Fyre

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Erinnert sich noch wer? Vor gut drei Jahren sollte nach großem Ankündigungsbohei ein Luxus-Festival namens „Fyre“ auf einer Insel der Bahamas stattfinden. Hip-Hop-Star Ja Rule war Mitorganisator, die schönsten Topmodels der Welt flanierten neckisch durch den Festival-Trailer, Instagram lief heiß und jeder, der 10.000 Dollar für ein Konzert-Wochenende übrig hatte, wollte dabei sein.

Doch die Macher von Fyre kamen aus der Start-Up-Szene und hatten keinerlei Erfahrung mit Festivalorganisationen, so dass das Wochenende im Desaster endetet. Chaos im Booking, keine Infrastruktur, die VIP-Villen waren in Wirklichkeit von der letzten Hurricane-Warnung übrig geblienene Notzelte einer US-Behörde und statt Kaviar im Catering gabs Wurschtbrot mit Scheiblettenkäs…

Doku-Veteran Chris Smith („Yes Men“, „Jim & Andy“) weiß genau, welches erzählerische Gold er hier filmt und vertraut dem Kern seiner Geschichte. „Fyre“ ist auf den ersten Blick eine sehr konventionelle Dokumentation eines schief gegangenen Geschäfts, aber gerade die einfache Konzentration auf die handelnden Personen erlaubt die Analyse der Gegenwartsstrukturen, die dieses Fiasko beförderten. Zwei Faktoren arbeitet Smith beiläufig und doch deutlich heraus: zum einen das Credo der Start-Up-Welt der Fyre-Gründer sich im Wachstumswahn nicht um Nachhaltigkeit oder gar nur Profitabilität zu scheren. Wenn der Glaubenssatz ist, dass du nur schnell genug wachsen musst, um am Ende ganz im Sinn des „The Winner takes it all“ – Prinzips die Weltherrschaft davonzutragen, dann wird der Aufbau deines Geschäfts sich nicht von alltäglichen Kleinigkeiten wie geregelten Einnahmen, Transparenz von Produktversprechen oder schlicht Vernunft einschränken lassen.

Wenn diese Macher-Perspektive nun auf ein Publikum trifft, das mit dem schönen Schein als allumfassendes Seligkeitsversprechen aufgewachsen ist, wenn die Generation Instagram nur die Bilder will, und dabei den Inhalt nicht denkt, dann entsteht ein sich selbst verstärkender Kreislauf, der in „Fyre“ geradezu exemplarisch herausgestellt wird.

„Fyre“ ist ein Film zwischen Kopfschütteln und Verzweifeln, Schadenfreude und Betroffenheit. 90 Minuten, die mindestens so unterhaltsam wie lehrreich/beängstigend sind. Will die Zukunft einmal diese, unsere Jahre verstehen, kann „Fyre“ als Lehrfilm dienen.

Get Me Roger Stone

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Diese Dokumentation über einen der Meister der politischen Dark Arts ist ziemlich unterhaltsam und bestätigt wirklich alle schlimmen Vermutungen über die Hinterzimmerstrategen der US-Politik – und im Besonderen der „Anti Establishment Politik“ aus dem Establishment (aka Trump & Co).
Filmisch lebt „Get Me Roger Stone“ im Grunde von zwei Sachen: einmal dem Zeitraffer des real life Wahnsinns der tatsächlichen Trump-Wahl, die einem zum Zeitpunkt des Filmdrehs (2016/17) aus der Perspektive des „jetzt gerade passierenden“ noch gespenstischer vorkommt, weil man weiß dass alles noch viel, viel schlimmer kommen wird.
Und zum zweiten, so schwer’s fällt, das zuzugeben, in der nun wirklich irren und irre faszinierenden Figur von Roger Stone. Ein bodybuildender, gruppensexzugeneigter Dandy, der pro Gay Marriage, pro Abtreibung und für die Marihuana-Freigabe ist, aber eben auch eine tatsächlich intelligente Version von Donald Trump in allem anderen ist.
Ich denke allerdings man könnte über Roger Stone auch einen *noch* interessanteren Film als „Get Me…“ drehen, der sich mehr mit Stone selbst beschäftigt als auf Nebenschauplätzen auszuweichen.

The Edge Of Democracy

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Eine sehr persönliche gefärbte Dokumentation über die Politklasse Brasiliens und das Impeachment-Verfahren gegen Dilma Rousseff sowie die Verurteilung von Lula Da Silva.
Durch den subjektiven Blick wird die Doku mehr zu einem Essay-Film über die Unausweichlichkeit eines broken systems und wie dieses korrupte System immer wieder seine eigenen korrupten Kinder gebiert.

Unbesehen der tatsächlichen – oder womöglichen – Mauscheleien von Rousseff und Lula stellt Regisseurin und Autorin Petra Costa zu Recht die Frage, warum die beiden wegen Lappalien mit dem härtestmöglichen Schwert bekämpft wurden, wohingegen die allumfassende, tiefgreifende Korruption im Parlament sonst oft unangetastet blieb.

Im Blick auf Bolsonaro als Nachfolger und neuem Präsidenten, der ja eine Art Right-Wing-Trump ist, hätte ich mir aber doch mehr Einblick in dessen Wahl gewünscht und vor allem gern die Frage besser beleuchtet gesehen, was denn nun diese Volksmassen gegen Rousseff auf die Straßen trieb und für Bolsonera schreien ließ.

Roll Red Roll

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Dokumentation über den berüchtigten Steubenville/Ohio-Skandal, als zwei High-School-Football-Spieler eine 16jährige vergewaltigten und die Tat via SMS, Instagram und Twitter nachgewiesen werden konnte – insbesondere dadurch dass sich Anonymous einschaltete und ein Video postete, in dem die Gruppe Jugendlicher sich über die Vergewaltigung auch noch lustig machte.
Hat man den damaligen Fall aus dem Augenwinkel verfolgt, fügt die Dokumentation wenig fundamental neues bei, bleibt aber ein interessanter Blick auf „rape culture“, gerade weil es sich hier nicht um einen singulären Einzelfall eines Psychopathen, sondern um eine von der Stadtgesellschaft mehr oder weniger als Kavaliersdelikt abgenickte Gewalttat handelt, die aus ihrer Mitte heraus begangen wurde.
Die Nachzeichnung der Nacht über die sozialen Medien und SMS-Verläufe fügt „Roll Red Roll“ ebenso eine zusätzliche Dimension bei wie die Breitenwirkung, die dieses Schlaglicht auf „Rape Culture“ dank der Einmischung von Anonymous bekam und hebt „Roll Red Roll“ damit über das übliche Netflix’sche True-Crime-Niveau.

I Am Not Your Negro

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Raoul Pecks Essay über James Baldwin ist weniger Dokumentation als Collage, die Leben & Wirken des großen Literaten auch in Bildern alter Filme spiegelt (was ja auch in Baldwins Werk selbst begründet ist, der viel über Film geschrieben hat).
Wer von Baldwin bisher keine Ahnung hat, wird allerdings eher ein Gefühl mitnehmen als seine Geschichte zu verstehen, ist Pecks Ansatz doch recht assoziativ, manchmal gar abstrakt.
Im Original spricht – sehr passend – Samuel L Jackson den Off-Kommentar.
Auf deutsch? Samy Deluxe. Kein Scherz.

Mehr?
* 10 für Netflix: Drama
* 10 für Netflix: Thriller
* 10 für Netflix: Science-Fiction

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