vonChristian Ihle 08.06.2020

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Eine der wildesten Punkbands der ersten Generation waren die Düsseldorferinnen von Östro430 um Frontfrau Martina Weith. Ein paar Samplerbeiträge, eine EP und ein Album – mehr haben Östro430 nie produziert, aber dennoch bleibenden Eindruck hinterlassen. Was vielleicht am ungewöhlichen Setup lag (keine Gitarre – nur Schlagzeug, Bass, Keyboard, Saxophon und Gesang), mit Sicherheit aber am Auftreten der Band, die nicht lange zauderte, sondern sich mit deutlichen Worten ihren Platz holte.

Insbesondere Lyrics, die in Songs wie „Sei lieb“ bis „Sexueller Notstand“ der Selbstbestimmung das Wort redeten und sich dabei auch vor kräftigem Ausdruck nicht scheuten, waren unerhört – und bis Östro430 tatsächlich nie zuvor gehört wie zum Beispiel Christiane Rösinger kürzlich im Deutschlandfunk erzählte: „Ich weiß, dass es mich wie ein Schlag getroffen hat – sowas hatten wir alle noch nie gehört in der Zeit. Wir kannten natürlich andere Bands und Sängerinnen, aber da ging’s immer eher um die Liebe. Aber sowas wie den Song ‚Sexueller Notstand‘ oder ‚Sie wollen mich in die Klapse schicken, denn mein Bett das quietscht beim Ficken‘ – das war unglaublich!“.

Tapete veröffentlicht nun eine überfällige Werkschau mit allen Östro430-Songs. Für Östro-Novizen seien die beiden Songs „S-Bahn“ und „Sei Lieb“ als Einstiegspunkte empfohlen, die auch gut die Idee der Band zwischen Rumpel-Ska-Pop und Provo-Punk abdecken:

* Die drei besten Punksongs/-singles?

„Wardance“ – Killing Joke
„Holiday in Cambodia“ – The Dead Kennedys
„Full Metal Jackoff“ – Jello Biafra & D.O.A.

* Ein Song, der dich immer zum Tanzen bringt?

„Walking in the Neon“ – Waltari

* Der beste Song über Revolte, Aufruhr und Revolution?

„London Calling“ – The Clash

* Die beste „neue“ Band / Künstler?

Ich hab jetzt endlos überlegt, aber da gibt es wirklich nichts & niemanden. Das hat alles entweder keine Eier oder kein Hirn mehr – in den Charts trifft oft sogar beides zu.

* Der beste Film über Musik?

„This is Spinal Tap“ – Rob Reiner 1984

* Der beste Song, den Du je geschrieben / aufgenommen hast?

„Bleib hier“ – II. Invasion

* Die beste deutschsprachige Textstelle in einem Lied?

Immer noch „Es liegt ein Grauschleier über der Stadt, den meine Mutter noch nicht weggewaschen hat“ – Fehlfarben – besser geht’s nicht!

* Hans-A-Plast, Neonbabies oder Bärchen & Die Milchbubis – und warum?

Ich liebe alle Drei:

** Hans-A-Plast: Uns & unserer Mucke am ähnlichsten, viele geile Festivalauftritte zusammen!

** Neonbabies: Mit Inga zusammen mal im Planck-Studio spontan einen super netten Geburtstagssong für unseren Fahrer aufgenommen – so was Nettes!

** Bärchen & Die Milchbubis: Auch viele nette Gigs zusammen, die waren/sind immer super zum Knuddeln & Feiern!

* Der beste Song in diesem (oder letzten) Jahr?

„Ich mach den Abend Kacke“ – Punk Du Arsch

* Die beste deutsche/deutschsprachige Platte?

auch immer noch „Monarchie und Alltag“ – Fehlfarben

* Die beste Platte aller Zeiten?

Da gibt es einige – je nach Gemütsverfassung.

(Antworten: Martina Weith)

„Keine Krise kann mich schocken“, die Sammlung aller Östro430-Songs ist gerade auf Tapete Records erschienen:

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https://blogs.taz.de/popblog/2020/06/08/my-favourite-records-mit-oestro430/

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kommentare

  • ich würd sagen, dass Mania D / Malaria eher so die typisch Berliner Art von Punk war, mehr arty und deutlich stärker in dem, was man in England und New York dann Post-Punk oder No Wave genannt hatte, verankert. Östro haben auf mich eher immer einen harten Street-Eindruck gemacht. Peter Hein hat auch mal in einem Interview angedeutet, dass Martina Weith damals schon eine Persönlichkeit war, die Ansagen gemacht hat 😉

  • Schade, wenn die Künstler sich nicht trauen, eine „Beste Platte aller Zeiten“ in den Ring zu werfen, auch wenn es nur eine Momentaufnahme ist. Das ist doch der Höhepunkt dieses Formates, auf den man sich jedesmal freut.
    Ich erinnere mich noch am Östro430, ich glaube, ich habe die auch mal live gesehen. So eine Art HardCore-Version von Mania D. / Malaria.

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