vonChristian Ihle 08.07.2020

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Parasite

Joon-ho Bong ist mit „Parasite“ eine trotz seiner Zweistundenplus-Laufzeit immer unterhaltsame, oft amüsante und manchmal spannende Groteske über die Auswirkungen des Kapitalismus auf das Individuum gelungen.
Auch visuell ist „Parasite“ auf höchstem Niveau: sowohl die bedrückende Enge der Souterrain-Wohnung der Armen als auch die kühle Eleganz der brutalistischen Reichen-Villa sind beeindruckend.
„Parasite“ ist mit Sicherheit der beste Film in Bongs Laufbahn – und ein überraschender, aber durchaus verdienter Oscar-Gewinner!

Trainer!

Die 2013er Doku von Aljoscha Pause wirft einen Blick in die zweite Reihe der Trainerschar. Damals begleitete Pause die noch recht unbekannten Trainer Frank Schmidt (FC Heidenheim, 3. Liga), Andre Schubert (FC St. Pauli, 2. Liga) und Stephan Schmidt (SC Paderborn, 2. Liga). Schubert sollte später neben seiner Rolle als real life Wallace & Gromit – Double mit Borussia Mönchengladbach in die Champions League einziehen, Stephan Schmidt in der Versenkung verschwinden – und Frank Schmidt jedem Fußballinteressierten spätestens seit dieser Woche als Beinah-Aufstiegs-Trainer von Heidenheim ein Begriff sein. Ein faszinierender Einblick in die Niederungen des Trainergeschäfts.

Armee im Schatten

Jean-Pierre Melville, der Großmeister der kalten französischen Gauner-Filme der 60er und 70er – von Der eiskalte Engel bis Der Rote Kreis – wendet hier seinen kühlen Blick in die Zeit der Resistance und erzählt einen Krimi, der sich zum tragischen Drama steigert, über die Organisation des Widerstands gegen das Nazi-Regime.

Keine halben Sachen

Wenig würde man vermuten, dass sich hinter dieser Mafia-Nachbarschafts-Kriminalkomödie mit Bruce Willis und Matthew „Chandler“ Perry ein solcher Spaß verbirgt, der das Prinzip der Screwball-Komödie in ein Krimi-Setting überträgt! Zwar wurde „The Whole Nine Yards“ (so der Originaltitel) damals nicht überall von der Kritik gut aufgenommen, aber Der Spiegel traf den Nagel auf den Kopf: „Und so nimmt der Handlungsverlauf immer wieder neue, absurde Wendungen, bis man dem Charme des überdrehten Killer-Klamauks entweder völlig erliegt oder – das als Warnung an alle Slapstick-Hasser – vorzeitig entnervt das Kino verlässt. Der Schießwütigkeit, die Keine halben Sachen provozierend beiläufig zelebriert, setzt Regisseur Lynn skurrile, bisweilen kitschig-romantische Verwicklungen entgegen.“

P.S.: Finger weg aber von „Keine halben Sachen 2“, eine leider sehr schreckliche Fortsetzung.

Life

„Life“ ist „Gravity“ goes „Alien“. Eine wenig zielführende, aber mehrminütige überfancy Kamerafahrt durch die Schwerelosigkeit eines Raumschiffs ohne Schnitt steht am Anfang – und eine gewisse naturwissenschaftliche Begeisterung über das Erwecken von Leben aus Bakterien vom Mars folgt. Doch kaum ist das kleine Bazillo groß geworden, steht natürlich Ärger ins Haus. Wer hätt’s gedacht!
Nach seinem also zumindest nicht unoriginellen Beginn wird der Science-Fiction-Film um Jake Gyllenhaal und Ryan Reynolds dann aber doch zu einem klassisch-klaustophobischen Alien-Thriller, dem etwas Eigenständigkeit fehlt.
Nichtsdestotrotz: „Life“ ist tight, „Life“ ist spannend und „Life“ ist unbarmherzig und somit eine willkommene Ergänzung zum immerwachsenden Alienklonkanon. Hat der Ridley Scott von 2017 auch nicht besser hinbekommen…

Der Fuhrmann des Todes

Ein schwedischer Stummfilm von Victor Sjöström, der später in Bergmans „Wilde Erdbeeren“ – in seiner letzten Rolle – den alten Professor gespielt hat.

„Der Fuhrmann des Todes“ ist ein sehr erstaunlicher, verblüffend guter Film. Faszinierend komplex für die damalige Zeit, mit Rückblenden arbeitend und eingeführte Figuren und ihre Beziehung zueinander erst später dadurch erklärend. Manchmal setzt Sjöström gar Rückblenden innerhalb der Rückblenden ein. Habe ich so noch nicht gesehen bei einem Film aus dieser Frühzeit der Filmgeschichte.

Auch „tricktechnisch“ ein Meisterwerk: der titelgebende Fuhrmann des Todes wurde per Doppelbelichtung so über die normal gefilmten Szenen gelegt, dass er „durchsichtig“ aussieht bzw. durch Wände oder auf Wasser laufen kann. Eine verhältnismäßig einfache Idee, die aber brillant umgesetzt wurde und tatsächlich genau den erwünschten Effekt einer sich über die Realität legenden Geisterwelt erzeugt.

Man muss vielleicht noch dazu sagen, dass trotz seines Titels „Der Fuhrmann des Todes“ kein Horrorfilm ist, sondern ein Drama über die Frage nach Gott, die Vergebung der Sünden, Erlösung, Glück, Armut, Hass, Liebe und die Bitterkeit der Welt, in der wir leben.
Also kein großes Wunder, dass Bergman später mit Sjöström zusammengearbeitet hat…

Einer der besten Filme der frühen Filmgeschichte.

Blindspotting

Das von den beiden Hauptdarstellern Rafael Casal und Daveed Diggs (im Hauptberuf Rapper bei Clipping.) selbst geschriebene Drehbuch zu „Blindspotting“ ist im Gegensatz zu meiner ersten Vermutung nicht ein weiteres Depri-Fest über Rassismus à la „Fruitvale Station“, sondern lakonischer, flashier in seiner Attitude.

So wirkt die erste Hälfte von „Blindspotting“ durchaus wie eine ausgewalzte „Atlanta“-Folge, wodurch zunächst etwas die Schwere fehlt.
An Intensität gewinnt „Blindspotting“ aber in seinem letzten Drittel. Debütregisseur Estrada gelingt in einigen Szenen ein wirklich bemerkenswerter Meta-Kommentar zur Glorifizierung von Gewalt, gerade im Vergleich zu Filmen, die das „Ghetto“ oder Gangster abfeiern.

Nordwand

Ein straightes, spannendes Bergsteigerdrama von Philipp Stölzl, mit Benno Führmann, Florian Lukas, Ulrich Tukur und Johanna Wokalek sehr gut besetzt. „Nordwand“ basiert auf wahren Begebenheiten um den dramatischen Erstbesteigungsversuch der Eiger-Nordwand im Jahr 1936. „Nordwand“ ist angemessen rau und unerbittlich inszeniert, auch wenn die Verhaftung der Geschichte in 1936 und sein Deutscher-Mann-gegen-alle-Widrigkeiten-Narrativ dadurch natürlich auf einem schmalen Grat wandelt.

Crawl

No Bullshit Feature Creature.
Gute Tricks, starke Alligatoren und eine beinah in Echtzeit erzählte Geschichte. Aja gelingt es durchgehend die Spannung hochzuhalten und macht aus dem begrenzten Setting (ein wegen eines Hurricanes mit Wasser voll laufendes Haus, in das die Alligatoren der Farm nebenan eingedrungen sind) einen erstaunlich abwechslungsreichen Film.
Simpel, aber liefert.

Tödliche Entscheidung

„Before the devil knows you are dead“ (so der weit bessere Originaltitel) beeindruckt durch die Bank mit seinen Darstellerleistungen, im Besonderen seien hier Marisa Tomei und natürlich Philip Seymour Hoffman genannt, die unter Lumets wirklich meisterhafter Regie dem Film sein Herz geben. Hoffman ist schlicht fantastisch.
Lumets Inszenierung ist verschachtelt, aber nie verwirrend, allegorisch und doch immer brutal nah an der Wirklichkeit. Ein sehr dunkler, deprimierender Film. „Before The Devil…“ zeigt die eine falsche Entscheidung, die aus richtig kaputten Leben komplett zerstörte macht.
Großer Film.

Das Rasthaus der grausamen Puppen

Diese Kuriosität aus den späten 60ern ist ein astreiner deutscher Exploitation-Film. Bei dem Filmtitel „Das Rasthaus der grausamen Puppen“ hatte ich eigentlich einen Horrorfilm mit, nun ja, grausamen Puppen erwartet, aber die hier in Rede stehenden „Puppen“ sind lediglich flapsig so benannte Girls, die aus dem Knast ausgebrochen* sind und nun in einem englischen Pub (oder wie wir in den 60ern sagen: Rasthaus) für ordentlich Mayhem sorgen, absichtlicher- wie unabsichtlicherweise.

Ein doch überraschend hoher Bodycount und eine sich ständig selbst überschlagende Story mit etlichen absurden Subplots machen das ganze wie die knorke Beatmusik im Soundtrack doch zu einem überraschend duften Erlebnis.

OSS 117 – Er selbst ist sich genug

Bevor Jean Dujardin mit „The Artist“ zu Weltruhm gelangte, perfektionierte er in den beiden OSS117-Agentenkomödien seine schmieriges-Grinsen-Persona. Dujardins „OSS 117“-Filme nehmen sich die James Bond Filme der 60er zum Vorbild und überhöhen die dortigen Absurditäten leicht, um ihre Pointen zu landen. Bemerkenswert außerdem wie „OSS 117“ mit dem Sexismus der 60er spielt, ihn ausstellt und damit sowohl den Lachern preisgibt als auch kritisiert.

Fraktus

Die Mockumentary über die verlorene deutsche NDW-Band Fraktus ist ein Genistreich von Rocko Schamoni, Jacques Palminger und Heinz Strunk. Eine große Freude sind zudem die Gastauftritte von HP Baxxter bis Stephan Remmler, Höhepunkt aber ein wunderbar selbstironischer Alex Christensen (U96).

Neu im Serienprogramm:

Peaky Blinders

Die britische Serie Peaky Blinders erzählt die Geschichte einer Gangstergang im Birmingham der 20er. Mit fortlaufender Spieldauer verschränkt Peaky Blinders immer mehr die Fiktion mit realen Begebenheiten und führt beispielsweise den britischen Faschistenführer Oswald Mosley in die Geschichte mit ein. Cilian Murphy brilliert in der Hauptrolle und ein Soundtrack zwischen Nick Cave und White Stripes tut sein übriges.

Mad Men

Die vielleicht bestausgestatteste Serie überhaupt, ein Meilenstein des seriellen Erzählens. Ein Hinweis: wer mit Staffel 1 nicht wirklich warm wird, sollte unbedingt „Mad Men“ noch eine Chance geben, ist die Serie um Jon Hamms Don Draper doch der seltene Fall einer Geschichte, die mit ihrem Fortlauf immer besser wird und die Entwicklung Amerikas zwischen konservativer Geisteshaltung und dem Aufkommen der Counter Culture exemplarisch durch die Mitarbeiter einer New Yorker Werbeagentur erzählt.

Weitere Empfehlungen:

Bastille Day
Halloween
JFK
Monster
Short Term 12
Rocketman
Flucht von Alcatraz
Natural Born Killers
World War Z

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kommentare

  • Wem OSS117 gefällt, dem sei auch noch die thematisch ähnliche aber noch etwas absurdere und ironischere Serie „Au Service de la France“ (lief mal bei arte, zur Zeit auf Netflix und YouTube, am besten auf Französisch mit dt. Untertiteln) ans Herz gelegt. Fantastische Besetzung, toller Look, fieser Humor, arrogante Franzosen.

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