vonChristian Ihle 24.11.2020

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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„Der Plot der neuen Serie, die der Streamingdienst kurz vor dem deutschen Schicksalstag 9. November freigeschaltet hat, ist denkbar simpel: Ausländer sind ins Land gekommen, mit eigenen Bräuchen, Göttern und Speisen. Die Meeresfrüchtepizza der Tschuschen knofelt ungewohnt durch den teutschen Wald des Jahres 9 nach Christi Geburt, es riecht nach Unterdrückung.

Die Neuankömmlinge sind selbstbewusst und besser angezogen als die heimischen Cherusker, auch muss irgendjemand ihnen kurz vor Drehbeginn die Haare geschnitten haben. Sie nehmen keinerlei Rücksicht auf die Leitkultur (Wildschweineficken, Weitpissen und sonstige Barbareien). Kurzum, sie stören. (…)

Eine Ausnahme inmitten des tobenden Testosteron-GAUs bildet Thusnelda. Die Tochter des verschlagenen Ehrgeizlings Intrigwin Wolfskot, in dessen Hütte es meist nach frischem Röhmputsch riecht, darf sogar mit den Jungs zusammen Römer ärgern. Stets blitzt aus ihrem Kittel neckisch der Brustansatz hervor, aber wer weiß, das hat man vielleicht damals so getragen.

Der Verfasser dieser Zeilen will auch keinen auf prüde machen, er hat überhaupt nichts gegen nackte Frauen, einige seiner besten Freunde sind nackte Frauen. Trotzdem macht es fast wütend, wie einem hier das Alibi-Axthaserl als Speerspitze (sic!) des eisenzeitlichen Feminismus verkauft wird, obwohl diese Lara-Croft-Scheiße im Wildschweingewand doch allzu offensichtlich nur als kundenbindendes Augenzuckerl für streamende alte Säcke mit Germanenfetisch dient: Nazis, Jäger, Geschichtslehrer … (…)

Die männlichen Hauptfiguren wirken, als wären sie selbst zu Besuch: Mit modischem Dutt und Vollbart streifen Gernot Gleitwolf, Thorwarth Torfkopp und wie sie alle heißen auf der Suche nach einem Späti, der nach 23 Uhr noch Met verkauft, durch den Wald. Allen voran legt DJ Ötzi aka Folkwin Wolfsspeer in seinem nonbinären Vintage-Felljäckchen vom Flohmarkt nahe, dass die Gegend szenetechnisch schon vor zweitausend Jahren gut im Kommen war, man hat es vor lauter Bäumen nur noch nicht gesehen.“

(Uli Hannenmann in der TAZ)


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