vonChristian Ihle 20.04.2022

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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1. The Velvet Underground & Nico von The Velvet Underground & Nico

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Nicht nur mein Album des Jahres 1967, sondern schlicht die beste und wichtigste Platte überhaupt.

Kurz bevor die Flower-Power-Zeit ihrem Ende zugeht, nehmen The Velvet Underground mit ihrem Debüt den Niedergang bereits vorweg. Die spätere Ablehnung der Hippies durch den Punk ist in diesem Album schon angelegt.

Lou Reed erzählt die ärgsten Geschichten aus dem Untergrund von New York – und zwar ohne seine Charaktere zur Schau zu stellen oder sie zu glorifizieren, sondern spricht vom Leben in den Straßen – und ist damit Autoren wie dem drogensüchtigen Situationisten Alexander Trocchi näher als irgendeinem Rock-Lyricisten seiner Zeit.
Lou singt über das Drogendealen („Waiting for my man“), die Prostitution („There She Goes Again“), seine Heroinsucht („Heroin“: „Heroin, be the death of me / Heroin, it’s my wife and it’s my life“…“And I feel just like Jesus‘ son“) oder S/M („Venus In Furs“) und hat die Band, die seine Themen in angemessen verstörender Weise auf die Bühne bringt.

Ob das stoische Drumming von Mo Tucker oder der avangardistische Einsatz der Viola durch John Cale, ob Lous eigene, fast mehr gesprochene als gesungene Vocals oder Nicos tieftönende deutsche Stimme. Keine Platte klang jemals zuvor auch nur annähernd wie „The Velvet Underground & Nico“. Nimm noch das Artwork von Andy Warhol dazu, die mythenumrankten Liveauftritte, die völlige Erfolgslosigkeit im Moment des Erscheinens und das Songwriting, das hinter all diesem Lärm und Krach ein minimalistisches Pop-Nugget nach dem nächsten versteckt und die Frage nach dem einflussreichsten Album der Geschichte ist beantwortet, bevor wir überhaupt darauf eingehen müssen, dass eine handvoll Genres nicht mal existieren würden ohne „The Velvet Underground & Nico“: von Dream-Pop über Drone-Rock, von Indie (die Verzerrung) über Kraut-Rock (die Motorik) bis – natürlich – Punk (die Kompromisslosigkeit) kann man so vieles auf diesen Moment in 1967 zurückführen.

Trotz nur 30.000 verkaufter Platten bis in die Mitt70er und einer besten Hitparadenplatzierung von Rang 182 (!) in den Billboard-Charts ist Brian Enos Bonmot deshalb mehr als nur ein smarter Satz, sondern fängt die Wichtigkeit von „Velvet Underground & Nico“ treffend ein: „everyone who bought one of those 30,000 copies started a band!“.

Ich habe zwar nie eine Band gegründet, aber seit ich mit 17 erstmals in Kontakt mit dieser Platte kam, ist sie nicht nur über die Jahre stetig besser geworden, sondern hat dank ihrer Vielseitigkeit auch mit jedem Jahrzehnt anders zu mir gesprochen:
Es steckt eine ganze Welt, eine dunkle Welt, in dieser einen Scheibe Vinyl.

2. Songs Of Leonard Cohen von Leonard Cohen

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33 Jahre war Leonard Cohen bereits alt, als er sein Debütalbum „Songs Of Leonard Cohen“ veröffentlichte. Während Dylan 1967 nach einigen Exkursionen bereits wieder beim klassischen Folk angekommen war, startete Cohen also erst mit diesem Album voller reduzierter Folk-Songs, mit denen er kaum weniger als Dylan für die kommenden Jahrzehnte definierte, wie „Singer/Songwriter“-Musik zu klingen hat.

Cohen singt zwar keine direkten Protestsongs wie Dylan zu Beginn seiner Karriere, aber unpolitisch ist er keineswegs wie „Stories of the Street“ oder „Master Song“ zeigen. Cohen führt aber darüber hinaus eine poetische Initimtät in die Folkmusik ein, die sich in späteren Jahren noch deutlicher zeigen wird. Der bärtige Indie-Singer/Songwriter der Nuller Jahre hätte kein Dach über dem Kopf, ohne das Haus, das Cohen mit „Songs Of…“ gebaut hat.

Mit „Suzanne“, „Sisters of Mercy“, „So Long, Marianne“, „Hey, That’s No Way to Say Goodbye“ und meinem heimlichen Liebling „One of Us Cannot Be Wrong“ ist „Songs Of Leonard Cohen“ randvoll mit unzerstörbaren, ewigen Liedern. Cohens immer klare, aber nie simple Lyrics beeindrucken durch und durch.

3. Something Else By The Kinks von The Kinks

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„Something Else“ markiert einen entscheidenden Punkt in der Karriere der Kinks, die sich davon emanzipierten, eine Singles-Band zu sein und ihr erstes wirklich durch und durch überzeugendes ‚Album-Album‘ veröffentlichten. Dass sie weiterhin eine hervorragende Singles-Band blieben (vielleicht sogar die beste der 60er überhaupt) zeigen „Mister Pleasant“, „Autumn Almanac“ und „Susannah’s Still Alive“, die allesamt nicht einmal auf dieses Album genommen wurden sowie natürlich die beiden von „Something Else“ ausgekoppelten Songs: „Death Of A Clown“ – einer der wenigen Dave-Davies-Songs – und „Waterloo Sunset“, das krönende Statement von Ray Davies‘ großer Songwriting Karriere.

Aber gerade bei „Something Else“ lohnt der Blick an den Singles vorbei: so ist „Harry Rag“ eine typische Kinks’sche Charakterstudie, auf der 25 Jahre später Damon Albarn Blurs Brit-Pop-Karriere gründen würde (und übrigens Pate als Punkname für den Sänger der deutschen Post-Punk-Band S.Y.P.H.), dagegen führt aber „Situation Vacant“ einen überraschenden Dylan-Highway61-Blues in den Kinks-Kosmos ein und „Tin Soldier Man“ verheiratet das ‚Knees-Up‘ der Kinks-Knaller mit Baroque-Pop, als würden Love von einer Marching Band begleitet.

Völlig verrückt, dass dieses beste aller Kinks-Alben den kommerziellen Niedergang der Band einleitete. Während sie in der ersten Hälfte der 60er auf Augenhöhe mit den Beatles und den Stones in den Charts spielte, war „Something Else“ ein Flop. Gerade mal #35 im Heimatland und sogar nur #153 in den USA machen die 1967er Platte zur unerfolgreichsten Veröffentlichung der Kinks-Geschichte bis dahin.

4. Younger Than Yesterday von The Byrds

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In vielerlei Hinsicht ein großer Schritt nach vorne für die Byrds, die sich hier dank düster groovigem Rock („So You Want To Be A Rock ‚N‘ Roll Star“) und fernöstlicher Instrumentierung („Mind Gardens“) vom Dylan-Folk-Rock emanzipieren.
Das gesagt, der alles überragende Track auf „Younger Than Yesterday“ ist aber auch diesmal wieder ein Cover von Onkel Bob: „My Back Pages“, das wie schon „Mr Tambourine Man“ erneut aus einer guten Dylan-Vorlage einen herausragenden Byrds-Song macht, weil sie daran erinnern, welches Melodiewunder Dylan sein kann, was man bei seinem eigenen Vortrag manchmal durchaus vergisst…

Mit dem von Bassist Chris Hillman geschriebenem „Have You Seen Her Face“ ist auch gleich noch ein zweiter prototypischer Byrds-Song enthalten und als Kontrapunkt zu den gen Himmel strebenden Harmonien aus eben „…Face“ und „My Back Pages“ bringt David Crosby den Downer schlechthin ein: „Everybody’s been burned before“ („…Everybody knows the pain“), was sich im Übrigen die Charlatans gut ein Vierteljahrhundert später als Refrain zu ihrem Madchester-Über-Klassiker „The only one I know“ ausgeliehen haben.

5. Forever Changes von Love

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Als ich damals in meinen frühen Zwanzigern „Forever Changes“ von Love gekauft hatte, weil es ein ständiges Referenzalbum in allen möglichen Musikzeitschriften war, konnte ich nicht ganz die Begeisterung verstehen und hatte immer mehr Bezug zur früheren Garage-Rock Zeit der Band um Arthur Lee gefunden. Beim Wiederhören 20 Jahre später erweist sich „Forever Changes“ aber als ein hervorragend gealtertes Album, das zurecht als Gründungspfeiler dieser seltsamen Musikrichtung Baroque Pop gilt. Zwar gibt es sicher einige Hits wie „Alone Again Or“ und „A House Is Not A Motel“, aber die Stärke von „Forever Changes“ liegt vor allem im ganzheitlichen Soundentwurf und den differenzierten Arrangements.

1967:
* Die besten Alben: #6 – #10
* Die besten Alben: #11 – #18
* Die besten Songs: #1 – #20
* Die besten Songs: #21 – #50
* Die besten Songs: #51 – #100

Die bisherigen Jahre:
* 1966: Alle alles – beste Filme, beste Alben, beste Songs
* 1965: Alle alles – beste Filme, beste Alben, beste Songs

Im Rahmen einer groß angelegten Retrospektive, die auf eine Idee meines Freundes Lassie zurückgeht und in einem der letzten Podcasts mit Horst Motor zur Umsetzung gebracht wurde, blicken wir gemeinsam auf ein Jahr zurück und nominieren die besten Songs, Alben und Filme. Wer die Rankings der beiden ebenfalls lesen will und zudem die schöner aufbereiteten Listings finden will, kann sich hier auf motorhorst.de direkt vergnügen.

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https://blogs.taz.de/popblog/2022/04/20/1967-die-besten-alben-des-jahres-1-5/

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kommentare

  • Ja, kann man so machen. Unter den ersten 20 Alben sind auch etwa 10 die ich nach vorne gestellt hätte.
    VU, Love, die erste Pink Floyd, Satanic majesty. Ich würde noch Grateful Dead und Quicksilver mit aufnehmen. Vielleicht war 1967 das kreativste aller Jahre. Bis dann ab 1976/77!
    „John Savage 1966. The year the decade explode“ hat Recht, dies als Nukleus, als das Jahr der Entdeckung/der Drogen zu sehen, dann 1967, das Jahr, in dem die Ernte eingefahren wird. Klasse!

  • Also ich finde das Velvets-Debüt kann man hervorragend im Ganzen anhören. Da es so viele Genres anreisst/erfindet, ist es ja auch sehr abwechslungsreich und nur in seltenen Momenten wirklich komplett Avantgarde.
    Finde aber dass die Einschätzung auf das folgende „WhiteLight/WhiteHeat“-Album zutrifft, das einerseits fantastische Songs hat (Titellied, Sister Ray…), aber oft auch außerhalb von Pop spielt und deshalb ohne Frage kein durchgängiges „Vergnügen“ bereitet.

  • „WATERLOO SUNSET“ und das ganze Drumherum wirkt im Übrigen wie die Blaupause für Fehlfarben MONARCHIE UND ALLTAG, etymologisch betrachtet.

  • THE VELVET UNDERGROUND & NICO ist sicher die coolste LP aller Zeiten, mit Nico, Warhol, dem Bananen-Cover und dem ganzen Umfeld und „WAITING FOR THE MAN“ als Nukleus von nahezu aller relevanten Musik der nächsten Jahrzehnte.

    Gleichwohl stellt sich die Frage, wie gerne man sich das wirklich von vorne bis hinten anhört. Und da finde ich doch VELVET UNDERGROUND III oder sogar LOADED irgendwie, ich sag mal lebensnäher.

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