Ikone, Legende…im Rockstar-Business sind das allzu häufig nur plakativ und inflationär verwendete Überhöhungsbegriffe. Hin und wieder stimmen sie aber, so zum Beispiel, wenn wir über Kim Gordon sprechen. Die Indie-Heroine, die Grand Dame des Noise-Rock und mit 73 Lebensjahren gewissermaßen eine Sonic Mature, gibt im Rahmen ihrer kleinen Tournee durch einige mitteleuropäische Metropolen auch ihr einziges Deutschlandkonzert im Berliner Huxleys.
Gekommen ist sie, um ihr kürzlich erschienenes drittes Solo-Album „PLAY ME“ vorzustellen. Ein Album, über das der Spiegel-Kritiker Andreas Borcholte schreibt, dass so ein Album von Sonic Youth im Jahre 2026 klingen könne. Sonic Youth war die Band, die Kim Gordon im Jahr 1981 mit ihrem späteren (und noch später dann verflossenen) Ehemann Thurston Moore gründete, um ihre Vorstellung von Rockmusik neu zu definieren.
Die Band wurde anfangs dem Umfeld der in New York etablierten No Wave-Bewegung zugerechnet, die sich ihrerseits bewusst von dem nach dem New Wave, der kommerzialisierten Spielart des Punk, abzusetzen versuchte. Die Band arbeitete zunächst nicht mit festen Songkonzepten, verzichtete auf konventionelle Tonalitäten und vertraute stattdessen auf das freie Spiel der kreativen Kräfte ihrer Mitglieder. Mit zunehmender Bekanntheit wurde die Musik gefälliger, was nach dem Wechsel zu einem Major-Label mit der LP „Goo“ sogar zu einer Top-100-Platzierung in den Billboard-Charts führte. Mit dem Ende der Ehe Gordon/Moore im Jahr 2011 endete auch die Geschichte von Sonic Youth. Der Nachhall als eine der einflussreichsten Bands ihres Genres blieb dennoch immer unbestritten.
Kim Gordon widmete sich fortan eigenen künstlerisch-bildenden Ambitionen, kuratierte Ausstellungen, reüssierte als Autorin ihrer Biographie „A Girl in a Band“ oder schauspielerte sich durch kleinere Rollen in Filmen befreundeter Regisseure/innen. Hin und wieder ist sie in Musikprojekten, so mit J Masics (Dinosaur Jr.), Kim Deal (Pixies, Breeders) oder ihrem gitarrenlastigen Experimental-Duo Body/Head, zu hören. Ihre musikalischen Ambitionen unter eigenem Namen hat Kim Gordon dabei nie aus Augen verloren.
In 2019 veröffentlichte Gordon mit „No Home Record“ ihr erstes Solo-Album. Produziert wurde es von Justin L. Raisen, einem New Yorker Produzenten, Multi-Instrumentalisten und Toningenieur, der bislang eher mit HipHop- oder R&B-Größen wie Drake oder Charli xcx zusammengearbeitet hatte. Bereits das Debut war gekennzeichnet von einer Mixtur aus Gordons fordernd-atemlosem Sprechgesang, schroffen Gitarrenriffs und mit dem Synthesizer unterlegten scharfkantigen Beats. Die Zusammenarbeit setzte sich mit dem ähnlich konzipierten, zweifach Grammy-nominiertem 2024er-Album „The Collective“ fort. Im März 2026 schließlich veröffentlichte Gordon, wiederum unter der Ägide von Raisen, das Album „PLAY ME“, dessen 12 Songs auf exakten 30 Minuten bereits durch die durchgängige Großschreibung eine imperative Wirkung erzielen sollen. Mit dieser Scheibe schuf sie ein Destillat, eine Zusammenfassung ihrer letzten Alben, gleichzeitig gelang es ihr, den industriellen Sound noch zu verfeinern und ihrer Wut im Titelsong „PLAY ME“ über die Belanglosigkeiten von Playlists auf Spotify und der kargen Bezahlung der Künstler, über die TechBros Zuckerberg, Musk oder Bezos („DIRTY TECH“) oder den reaktionären Versuchen, die Sprache von unliebsamen Begriffen zu tilgen („BYE BYE 2025“), freien Lauf zu lassen. Einen Gruß aus gemeinsamen Zeiten hinterließ ihr friend for life Dave Grohl an den Drums im Stück „BUSY BEE“.
In guter Tradition, jedes ihrer Soloalben in Berlin vorzustellen, spielt Kim Gordon mit ihrer Begleitband im ausverkauften Huxleys. Die als Vorband gebuchten Frauen von The New Eves werden vom Publikum freundlich durchgewunken, als pünktlich gegen 21.00 Uhr Kim Gordon mit ihrer Band die Bühne betritt. Zuvor hatte ein Bühnenmitarbeiter noch fix einen „Palastine“-Schal an den Mikroständer gebummelt, kaum sichtbar, ohne jede Bezugnahme; irgendwie ein Statement, das nichts kostet, nicht mal Aufmerksamkeit.
Die Bühne bleibt während des gesamten Auftritts in lilafarbenes Halbdunkel getaucht. Allerdings bietet die hinterrücks aufgestellte Videowand eine visuelle Abwechslung. Auf ihr läuft in Dauerschleife eine Installation des befreundeten New Yorker Künstlers Alex Hubbard. Abstrakte Formen in lila/gelb wabern und blubbern unablässig durchs Bild und verleihen dem Auftritt eine zusätzliche performative, fast psychedelische Atmosphäre.
In selten strenger Choreografie zieht Gordon ihr Programm durch. Im ersten Teil der Show wird das komplette neue Album in exakt gleicher Reihenfolge der Songs abgespielt. Selbst die Laufzeit wird gespenstisch genau eingehalten, die spärlichen Ansagen von der Bühne (ein „Thank you“ nach jedem Applaus) kosten nicht viel Zeit. Woran liegt diese Exaktheit? Mutmaßlich daran, dass die Samples der Platte in einem Halbplayback auch für die Bühnenperformance verwendet werden. Der Algorithmus wird zum Rhythmus, im besten Fall sogar tanzbar. Die Samples werden von der „Soundmeisterin“ Sarah Register eingespielt. Ihr und der übrigen Band obliegt es, die Klangstrukturen in ein bühnentaugliches, musikalisches Kunstwerk zu erweitern als Grundlage für die Performance ihrer Chefin. Um es kurz zu machen, die Band ist hervorragend. Den vielleicht schwersten Part hat der Schlagzeuger Mardi Vogt erwischt. Er muss den unberechenbaren Retorten-Beats folgen, harmonisieren und gleichzeitig sein eigenes Schlagzeugspiel durchsetzen, was ihm auf kantig-knackige Art und Weise gelingt, wenngleich sein Spiel offenbar noch elektronisch „nachbearbeitet“ wird. Aber dennoch ist es ein Genuss, ihm zuzuschauen und zuzuhören. Der Bassistin Emily Retsas fällt die anspruchsvolle Aufgabe zu, in einer Band zu spielen, der mit Kim Gordon eben die ehemalige Bassistin einer der angesehensten Gruppen vorsteht, was ihr aber tadellos gelingt. Schließlich Sarah Register: Sie spielt Gitarre und setzt die elektronischen Soundakzente durch die Samples. Mit Gordon hat sie schon auf der Vorgängerplatte zusammengearbeitet und ist bestens auf deren Erwartung an die Performance eingestellt. Heraus kommt ein unfassbar dichtes Soundgebilde, das nur darauf wartet, verfeinert zu werden. Und das besorgt Kim Gordon höchstpersönlich. Während des gesamten Konzerts greift sie nur in wenigen vier Songs selbst in die Saiten ihrer Fender Jazzmaster, sie hat ja eine großartige Band im Rücken. Meist steht sie mit ihrem Handmikrophon an einem Notenpult oder gestikulierend im vorderen Bühnenbereich. Von dort singt, spricht, schreit sie ihre Texte heraus. Mal laut und heavy, mal subtil und zurückgenommen, aber immer beeindruckend.
Der zweite Teil ist im Grunde ein identisches Abbild des ersten Teils, auffällig auch hier die rückwärts-chronologische Abarbeitung der beiden vorherigen Soloplatten. Es folgen fünf Songs aus „The Collective“, darunter das unnachgiebig vorgetragene „I’m a Man“, ein harter Groove über Männer in der Krise, oder „Psychedelic Orgasm“, das seine im wahrsten Sinne unüberhörbare Dramatik aus einem anschwellenden Getöse bezieht. Schließlich gibt’s noch was von ihrem Solo-Erstling „No Home Record“, die Songs „Cookie Butter“ und „Paprika Pony“. Mit diesen Songs deutet sich auch gleichzeitig das Ende der Show an, Gordon und ihre Band geben noch einmal alles. Bei „Cookie Butter“ malträtiert die Gitarristin Register die Saiten mit einem metallischen Gegenstand, was zu einem infernalischen Wall of Sound anwächst.
Nach etwas mehr als einer Stunde soll es dann mal gut sein. Von Reminiszenzen an Sonic Youth war wenig zu hören. Oder vielleicht doch in der Zugabe? Ein unveröffentlichter Song namens „Cigarette“, er muss aus der Zeit stammen, als das noch ein opportuner Titel war. Für dieses Stück greift Kim Gordon selbst zur Gitarre. Die Dramaturgie des Songs erfordert ein eingängiges Auftaktspiel und wird nach hinten raus in einem Feedback-Feuerwerk noch mal so richtig abgefackelt. Ob dieser Einspieler allerdings ausreicht, die gewagte These zu untermauern, Kim Gordons Musik von heute entspräche der fiktiven Weiterentwicklung ihrer alten Band, ist mehr als fraglich. Wie dem auch sei, ein großes Konzert war es allemal.
Text: Gero Riekenbrauck
Fotos: Martin von den Driesch





