Das neueste Album von SALÒ kehrt verstärkt zu seinen Punk-Wurzeln zurück und verabschiedet sich doch ziemlich aus der NNDW-Ecke, mit der er früher assoziiert wurde. Dementsprechend ist mit „Hardcore“ auch der Titel gewählt, nach Eigenbezeichnung „ein Album über eine Welt, die permanent eskaliert, während alle so tun, als wäre das normal“.
Eröffnungstrack „Rotten.com“ hat seinen Titel von der berüchtigten Internet-Seite, das einst das 4chan vor 4chan war: „Rot ist das Blut, weiß sind die Knochen“. Großer Höhepunkt der Platte ist „Jello Biafra“, ein Glam-Rock-Smasher, der nach dem Dead Kennedys Frontmann benannt ist, den DK-Song „Lynch The Landlord“ (übersetzt) im Refrain zitiert und gegen Mietwucher wettert.
Wir haben anlässlich des neuen Albums und der Tour mit SALÒ gesprochen:
1) Meinem Empfinden nach bist du in mehreren Szenen unterwegs. Zuerst wurdest du ein wenig in der NNDW-Ecke verortet, gewisse Hip-Hop-Sensibilitäten kann ich auch heraushören, aber gerade wenn man dich live sieht, scheint schon Punk ein wichtiger Einfluss zu sein. Hast du eine „Heimatszene“ oder eine Szene der du dich im Besonderen zugehörig fühlst?
SALÒ: Tatsächlich fühle ich mich keiner bestimmten Szene in Wien wirklich zugehörig. Ich kenne viele Artists vom Hallo-Sagen, aber musikalisch und menschlich gibt es da eher wenig Anknüpfungspunkte. Das Einzige, wofür ich mich wirklich begeistern kann, sind die Musik und die Leute rund um unser Label Phat Penguin. Das ist wahrscheinlich die einzige österreichische „Szene“, mit der ich mich identifizieren
kann. Dort entsteht gerade etwas ganz Neues, eine neue Welle, die wir in der Band augenzwinkernd als Austro-Punk bezeichnen, und da bin ich happy, ein Teil davon sein zu dürfen.
2) Das Thema NNDW: oft ja eine ungeliebte Szenenzuschreibung, deine Landsleute von Low Life Rich Kids haben ja auch einen schönen Hass-Song darüber gemacht. Wie siehst du das?
SALÒ: Ich habe das ganze NNDW-Ding ehrlich gesagt schon fast vergessen – bis mich irgendwann wieder jemand darauf anspricht. Für mich ist das ein völlig ausgelutschtes Thema. Es war ein kurzer musikalischer Hype, der ziemlich schnell wieder in sich zusammengefallen ist, weil er extrem repetitiv war und kaum eine eigene Identität entwickelt hat.
Dass ich damals überhaupt damit in Verbindung gebracht wurde, hatte eigentlich sehr praktische Gründe: Ich hatte zu Beginn noch keine Band und habe Drum Machines benutzt, um die Beats für meine Songs einzutappen. Und Synthesizer fand ich einfach immer schon geil. Aber ich hatte nie den Anspruch, wie die Achtziger oder wie Neue Deutsche Welle zu klingen – das war eher ein zufälliger Nebeneffekt der Mittel, mit denen ich gearbeitet habe.
Mein eigentlicher Zugang war immer ein anderer: Ich wollte rohe, punkige Musik machen und habe einfach mit dem gearbeitet, was mir Ableton und meine Möglichkeiten hergegeben haben. Deshalb ist die Frage nach NNDW für mich heute nichts mehr, womit es sich wirklich auseinanderzusetzen lohnt.
3) Mein Lieblingssong auf dem neuen Album ist nach dem Dead Kennedys Sänger Jello Biafra benannt & arbeitet mit der Übersetzung des DK-Songtitels „Let’s Lynch The Landlord“: „Jello Biafra hat gesagt / Lynch Deinen Vermieter / Miete wird nicht teurer / Miete wird teurer gemacht“. Kurioserweise ist der Song dann aber gar nicht der erwartete 1-2-3-4-Punk, sondern bester Glam-Rock. Erzähl doch mal mehr von der Entstehung des Liedes?
SALÒ: Tatsächlich steckt hinter dem Song eine ziemlich schöne Geschichte: Es war der erste Song, den wir gemeinsam mit unserem heutigen Gitarristen Johnny geschrieben haben. Damals war das zunächst eher als eine kleine musikalische Liaison gedacht. Wir hatten zu der Zeit noch einen anderen Gitarristen, aber beim Songwriting hat es einfach nicht wirklich funktioniert.
Philip, unser Bassist, und ich kannten Johnny bereits über eine andere Band namens Leber, mit der wir einmal gemeinsam auf Tour waren. Also haben wir uns mit ihm in Linz getroffen, wo er herkommt, ursprünglich einfach mit der Idee, dass er uns als Produzent oder kreativer Partner beim Schreiben neuer Songs unterstützt. Und es hat sofort unglaublich gut funktioniert. Schon am ersten Abend saßen Philip
und ich draußen beim Rauchen, während Johnny kurz nicht dabei war, und haben uns schon angesehen und gewusst: Okay, wir müssen diesen Typen in die Band holen. Wir brauchen diesen Rock’n’Roll-Jesus.
Der Song selbst hat dann auch genau diese Energie bekommen – etwas Glamouröses, Rockiges, aber 100% SALÒ.
4) Deine bisherigen drei (?) volle Alben wurden jeweils auf unterschiedlichen Labels veröffentlicht: Mom I made it, ein österreichisches Tochterlabel von Universal, dann Vertigo (ebenfalls Universal) und nun Phat Penguin, ein österreichisches Indie-Label. Wie kam’s dazu, dass du so früh bei Universal gelandet bist – jetzt aber bei Phat Penguin veröffentlichst?
SALÒ: Ich glaube, der Grund, warum ich damals so schnell gesignt wurde, war, dass es 2019/20 in Österreich einfach wenig wirklich eigenständige oder interessante Musik gab. Vieles klang – und klingt für mich bis heute – sehr ähnlich, fast nach einer bestimmten Schablone oder diesem typischen Radio FM4-Charakter.
Ich hatte damals zur ersten Single ‚Tränen zu Wein‘ ein relativ aufwändiges Musikvideo produziert, obwohl der Song komplett independent erschienen ist. Ich glaube, genau dieses Video hat schließlich die Aufmerksamkeit eines A&Rs von Mom I Made It auf mich gezogen.
Dort habe ich dann meine erste größere Veröffentlichung herausgebracht, die ‚Rabatt‘-EP, auf der auch Songs wie ‚Apollonia sitzt bei Edeka an der Kassa’ waren. Danach folgte noch das Album ‚Subjektiv betrachtet‘. Kurz darauf wurde der Universal Austria leider der Geldhahn für lokales A&R abgedreht, wodurch ich schließlich bei Universal Germany beziehungsweise Vertigo gelandet bin. Dort erschien dann das Album ‚Problemzone Mensch‘. Das hat kommerziell beziehungsweise streamingtechnisch nicht die Erwartungen erfüllt, weshalb ich dort relativ schnell wieder raus war – letztlich ein ziemlich klassischer Major-Label-Werdegang.
Seitdem bin ich beim Indie-Label Phat Penguin, das gleichzeitig auch unser Management ist.
5) Phat Penguin hat generell eine spannende Bandbreite an Künstlern, neben dir ja auch noch mit Anda Morts, Leftovers & Julia Effekt gleich drei weitere Bands, die sich irgendwie Punk anfühlen, aber andererseits auch Melodien können. Eine persönliche Empfehlung deinerseits aus dem Backcatalog von Phat Penguin und warum gerade die Platte?
SALÒ: Das ist jetzt zwar kein Punk, vielleicht ist es Öko-Anti-Atomkraft-Barfuß-Punk, aber meine Empfehlung ist „Spring bevor du fällst“ von Buntspecht. Und zwar Romans Elefanten-Sax-Solo aus „Die Göttin des Übergangs“:
Mehr von SALÒ:
* My Favourite Records mit SALÒ
Lieblingsplatten von Goldene Zitronen & Snõõper über Efeu & Bilderbuch zu International Music & Element Of Crime
Die neue Platte „Hardcore“ ist gerade erschienen.
Auf der Bühne:
12.05.2026 Freiburg – Waldsee
13.05.2026 Nürnberg – Hirsch
14.05.2026 München – Strom (Zusatztermin)
15.05.2026 München – Strom (ausverkauft)
20.05.2026 Graz – PPC
21.05.2026 Linz – Posthof
22.05.2026 Wien – WUK
23.05.2026 Wien – WUK
27.05.2026 Salzburg – Rockhouse
28.05.2026 Innsbruck – Bäckerei
30.05.2026 Dornbirn – Dynamo Festival
08.11.2026 Dresden – GrooveStation
09.11.2026 Rostock – Peter Weiss Haus
11.11.2026 Flensburg – Kühlhaus
12.11.2026 Kiel – Pumpe Roter Salon
13.11.2026 Braunschweig – Eule
14.11.2026 Münster – Gleis22
16.11.2026 Dortmund – FZW Club
17.11.2026 Jena – Kassablanca
18.11.2026 Fulda – Kulturkeller
19.11.2026 Ulm – Roxy Cafébar
20.11.2026 Augsburg – Kantine