Anfang der 90er gründete Brezel Göring mit der leider viel zu früh verstorbenen Françoise Cactus die Band Sigmund Freud Experience, die sich später in Stereo Total umbenannte. Brezel Göring, bürgerlich Hartmut Richard Friedrich Ziegler, ist aber auch ein Multitalent aus dem DIY-Geist. Er veröffentlichte etliche Hörspiele, betreibt ein eigenes Indie-Label (Verboten in Deutschland), hat ein Buch mit „Schultheaterstücken“ geschrieben („Unbehagen in der Mittelstufe“) und Theateraufführungen inszeniert.
Keine Frage, dass nun noch ein Kinofilm im Repertoire gefehlt hat! Mit „Für immer 18“ verfilmt Göring die Buchvorlage seiner Stereo-Total-Partnerin Françoise Cactus auf Super-8 mit u.a. Lilith Stangenberg in der Hauptrolle, die auch in Görings hervorragender aktuellen Band spielt.
* Dein liebster Film im letzten Jahr?
Ich weiß nicht, ob dieser Film neu ist. Wahrscheinlich nicht. Es war eine Einladung in ein ganz schickes Kino am Kudamm. Zur Begrüßung haben wir auch noch einen Cocktail bekommen! Also, der Film: Zu Beginn hielt der Moderator eine sehr informative Rede. Darüber, dass wir bei der Unfallszene, in welcher der Lastwagen umstürzt, genau hinsehen sollten: das wäre nämlich ein echtes Unglück gewesen und die Menschen, die losrennen um die Fahrerin zu retten, sei die entsetzte Filmcrew. Er hatte uns eine „Orgie der Gewalt“ versprochen und die bekamen wir auch: ein nicht enden wollender Convoy aus Lastwagen formiert sich als Protestdemo gegen Polizeigewalt. Hochaktuelles Thema! Bemerkenswert war auch die nicht endenwollende Kneipenschlägerei, die von fröhlicher Banjomusik unterlegt war. Wie dieser Film hieß? Keine Ahnung! Aber diese Einladung zählt zu meinen liebsten Kinoerlebnissen des letzten Jahres.
(Anmerkung/Vermutung: Das kann nur “Convoy” aus dem Jahr 1978 sein)
* Dein liebster Film der 70er?
„Minnie und Moskowitz“ von John Cassavetes. Sehr lustig finde ich die Szene, in welcher die beiden ihre Mütter eingeladen haben, um sie über die bevorstehende Hochzeit zu informieren und seine Mutter unentwegt die Braut fragt, warum sie – eine Frau mit Klasse – so einen Versager wie ihren Sohn heiraten will.
* Dein liebster Film über Musik?
„The Pink Floyd and Syd Barrett Story“: Dieser Film stellt Syd Barrett nicht als Verrückten dar, sondern als einen gut gelaunten Sonderling, der zum richtigen Zeitpunkt eine musikalische Welt verläßt, die ihm nicht mehr gefällt, die ihm als idiotisch, begrenzt und repetitiv erscheint. Er geht zu Fuß von London zurück nach Cambridge und zieht wieder in das Haus seiner Mutter ein (lustigerweise gibt es davon einen fröhlichen Super8-Film), wo er fortan zurückgezogen lebt und überläßt seine abgefahrene Psychedelic-Band den farblosen Mitmusikern (abfällig als „Architekturstudenten“ beschrieben), die in der Folge daraus eine (kommerziell sehr erfolgreiche) schwerfällige Dinosaurier-Rockband machen.
* Deine liebste Dokumentation?
„S/he is still her/e“ Das ist eine Dokumentation über die Transformation von Genesis P. Orridge, die mir sehr lebhaft im Gedächtnis geblieben ist. Mein liebstes Detail: seine Tochter trägt im Interview ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Thank god for abortion“. Zum Schreien ist auch die Geschichte, die sie lachend erzählt: wie sie als Kind, wenn sie schlecht geträumt hatte und ihr Vater kam, um sie zu trösten, das klappernde Geräusch seiner „Hardware“ als beruhigend empfunden habe (sie meint damit seine verschwenderisch große Zahl von metallenen Genitalpiercings).
* Welcher Film hat (zuletzt) dein Leben verändert und warum?
„Bildnis einer Trinkerin“ von Ulrike Ottinger: Irgendwie gibt es diesen Film nicht so oft zu sehen, aber als ich ihn wiedersah, war ich völlig von den Socken: die Farben, die Kostüme, die Dialoge… alles ist in hohem Maße ungewöhnlich und vollkommen hysterisch.
* Mit welcher SchauspielerIn würdest du am liebsten einmal filmen?
Haha, am liebsten mit diesen beiden Frauen aus „What ever happened to Baby Jane“. Die sollen sich in den Drehpausen unentwegt gestritten haben. Und dann hat auch noch die eine, zum großen Ärger der anderen, einen Filmpreis für ihr Spiel gewonnen.
* Dein liebster Film übers Schauspielen?
„The Killing of Sister George“. Dieser Film zeigt das turbulente Privatleben einer Schauspielerin, die im Fernsehen die überaus beliebte Nonne Schwester George in einer spießigen, religiösen Serie spielt. Sie säuft, ist cholerisch, bumst mit Legionen von Frauen und hat eine sadomasochistische Beziehung zu ihrer jungen Freundin.
* Klaus Lemke, Rainer Werner Fassbinder oder Werner Herzog – und warum?
Schwierig! Ich würde sagen Jörg Buttgereit.
* Der beste deutsche Film aller Zeiten?
„Nekromantik“ und „Die Bettwurst“: diese beiden epochalen Filme bearbeiten dasselbe Thema aus völlig unterschiedlichen Blickwinkeln: wie schwierig es ist, sich unter den gegebenen Umständen zu amüsieren!
· Der beste Film aller Zeiten?
Brezel: Auf jeden Fall „Pink Flamingos“: der Film ist ein philosophisches Essay über die Umkehrung aller Werte (hässlich ist schön, schlecht ist gut). Und das fünf Jahre vor Punk! Außerdem ist es ein ungeheuerlicher Ausbruch von Postmoderne (wie die 50er Jahre dargestellt werden, mit Leopardenmustern…), er ist politisch und er hat einen fantastischen Soundtrack. Und er war ein riesiges Wagnis in einer Zeit, als solche Dinge wirklich noch gewagt waren. Desweiteren kann ich viele Lehren über das Filmemachen aus diesem Streifen ziehen.
FÜR IMMER 16, der neue Film von Lilith Stangenberg unter der Regie von Brezel Göring (Stereo Total), startet am 27.08. in den Kinos
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