vonSigrid Deitelhoff 30.07.2018

Prinzenbad-Blog

Freibad-Wetter, gefühlte Wassertemperatur, Gespräche und Gedanken unter der Dusche – der Blog über Deutschlands berühmteste Badeanstalt.

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Die brütende Hitze hat Berlin nun schon seit Wochen fest im Griff. In Brandenburg ist es nicht besser. Wollen wir wirklich bei dieser Hitze nach Zäckericker Loose fahren, um das „Theater am Rand“ zu besuchen? Wahnsinn!

Wir fahren trotzdem – zum Glück. Die szenischen Lesung „Djamila“ mit Thomas Rühmann und Tobias Morgenstern verzaubert uns. Das Theater am Rand gibt es nun schon seit 20 Jahren. Es liegt an der Oder im Landkreis Märkisch-Oderland und gehört zur Gemeinde Oderaue.

Schon oft waren wir an diesem verwunschenen, schon fast  unwirklichen  Ort.  „Das sieht ja hier aus wie in der Toskana“, bemerkt unsere Nachbarin, mit der wir  gemeinsam an der Oder entlang spazieren, während wir auf den Beginn der Theatervorstellung warten.

Alles was wir bisher im „Theater am Rand“ gesehen und gehört haben,  – ob  Jazzkonzerte, Theaterstücke oder Lesungen –  zeichnete sich durch eine hohe Qualität aus. Die Auswahl der Repertoire- und Musikstücke, Bühnenbild und Ausstattung, die Dramaturgie und Regie und auch die Darbietungen der SchauspielerInnen haben uns noch nie enttäuscht. Kunst und Kultur auf hohem Niveau! Besonders interessant ist für mich die Verschränkung von beiden mit der  Landschaft des Oderbruchs.  Ein Theater, fast am Rande der Welt und doch mittendrin.

Dieses mal also die szenische Lesung „Djamila“. Was bedeutet „Djamila“, werden wir gefragt, als wir Freunden gegenüber erwähnen, dass wir einen Theaterbesuch im Oderbruch planen.

Die Frau am kleinen theatereigenen Buchstand erzählt uns, dass fast jeder mit einer DDR-Sozialisation das Buch „Djamila“ von Tschingis Aitmatow kennt. Es gehörte zur Pflichtlektüre in der Schule. Ich bin nicht in der DDR aufgewachsen und erst vor ein paar Jahren – fast zufällig – auf die  Hörbuchfassung von  „Djamila“ gestoßen. Auch schon damals hat mich die Lesung mit Thomas Rühmann und die Musikbegleitung von Tobias Morgenstern gefesselt. Die Lesung – nun live – fesselt uns nicht nur, sondern berauscht auch unsere Sinne. Der Vorhang geht auf und der Blick öffnet sich in die Weite, hin zu den Feldern, die das „Theater am Rand“ umgeben. Das heiße Klima Brandenburgs paßt perfekt zur trockenen Steppe des nordöstlichen Kirgisien, wo die „schönste Liebesgeschichte der Welt“ spielt.

In „Djamila“ geht es um die Liebe, um das Erwachen der Liebe, um Lebensentscheidungen, die jeder von uns im Laufe der Zeit treffen muss. Es geht um das Leben an sich. „Djamila“ ist poetisch, tief und berührend.

Erzählt wird die Liebesgeschichte zwischen Djamila und Danijar während des Zweiten Weltkriegs im fernen Kirgisien, irgendwo im Tal des Kukureuflusses. Djamilas Mann kämpft an der Front, während sie bei den Getreidefuhren den teilinvaliden Frontheimkehrer Danijar kennenlernt. Die beiden verlieben sich ineinander und verlassen zusammen – nach der Heimkehr des Ehemanns von der Front – das Dorf. Damit brechen sie mit der Tradition des Dorfes und der Religionsgemeinschaft. Die Geschichte wird aus der Perspektive des 15-jähriger Said erzählt, der mit großem Erstaunen die Liebe der Beiden beschreibt und gleichzeitig sein künstlerisches Talent entdeckt. Auch er verläßt das Dorf, um seiner Berufung als Maler zu folgen.

Die Lesung, virtuos und wortgewaltig von Thomas Rühmann vorgetragen, wird musikalisch von Tobias Morgenstern begleitet. Nein, nicht nur begleitet, sondern untermalt und somit vervollständigt. Seine Komposition besteht aus einer Mischung digital erzeugter Geräusche, wie z.B. Regen, Sturm, Donner und die Hufschläge der Pferde und seinem wunderbaren Pianospiel. Mal leise, mal laut. Gänsehautfeeling inklusive. Aber Gänsehaut hilft bei  tropischer Hitze.

Einen Besuch im „Theater am Rand“ kann ich Euch nur empfehlen. Die szenische Lesung „Djamila“ findet zwar in den nächsten Monaten nicht mehr statt, aber schaut Euch einfach ein anderes Theaterstück oder eine andere Lesung dort an. Auch die Konzerte sind einen Besuch wert. Es lohnt sich also immer. Besonders empfehenswert ist auch die Besichtigung des Theaters selbst. Es ist mit der Zeit immer weiter gewachsen. Von den Austrittsgeldern wird das Theater weiter entwickelt. Ja, ihr habt richtig gelesen: Austrittsgeld, denn bezahlt wird beim Verlassen des Theaters oder wie es am Ende einer jeden Aufführung heißt:

„Entscheiden Sie selbst, was Ihnen der Theaterabend wert ist. Regulärer Eintritt bei Austritt. Zahlen Sie, was wir brauchen. Wir geben Ihnen eine Empfehlung. Komm, ins Offene. Das freie Spiel trägt weit.“

Das „Theater am Rand“ liegt am Oder-Neiße-Radweg.


Auch erwähnenswert: Es gibt eine Kooperation zwischen dem „Theater am Rand“ und verschiedenen Künstlern, aber auch mit anderen Projekten, die sich um „Randthemen“ wie nachhaltige Landnutzung und Klimaschutz bemühen.

Weitere Blog-Beiträge zum „Theater am Rand“:
Auf dem Weg ins Prinzenbad (27), 29.6.2014
Accordion Mystery, 24.5.2012
Blind-Date im „Theater am Rand“, 16.7.2009

Zur Geschichte des „Theaters am Rand“, 09.06.2018 | 3 Min. | Verfügbar bis 09.06.2019 | Quelle: Rundfunk Berlin-Brandenburg

Das „Theater am Rand“ und die Zollbrücker, Sa 09.06.18 18:30 | 05:53 min | Bis 09.06.19 | Quelle: Rundfunk Berlin-Brandenburg

Proben mit Thomas Rühmann und Tobias Morgenstern, Video der Sendung vom 09.06.2018 18:30 Uhr (9.6.18) | Quelle: Rundfunk Berlin-Brandenburg

Fotos: Sigrid Deitelhoff

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