vonSigrid Deitelhoff 31.08.2018

Prinzenbad-Blog

Freibad-Wetter, gefühlte Wassertemperatur, Gespräche und Gedanken unter der Dusche – der Blog über Deutschlands berühmteste Badeanstalt.

Mehr über diesen Blog

Politische Ökonomie steht zur Zeit ja nicht gerade hoch im Kurs, schon gar nicht deren Kritik. Daher müssen diese Anmerkungen eben auf einen Schwimmbad-Blog ausweichen. Die Frage, zu deren Beantwortung hier beigetragen werden soll, lautet: Soll man seine Badehose oder seinen Bikini beim US-Hersteller Nike kaufen?

Das Zeug ist ja nicht schlecht, aber dagegen spricht zumindest, dass Nike in Deutschland fast keine Steuern zahlt. Wenn mehr Geld in die Staatskasse fließen würde, dann könnten die öffentlichen Bäder, wie eben das Prinzenbad, noch prächtiger werden. Wie macht Nike das? Die Firma in Deutschland vermittelt nur einen Kauf, die Badehose kommt in Wirklichkeit aus den Niederlanden, dem neuen Niedrigsteuerland in Europa. Haben die Niederländer deswegen prächtigere Bäder als wir? Nein, leider auch nicht, denn die Firma in den Niederlanden zahlt zum ohnehin geringen Steuersatz auch sehr wenig. Sie hat immense Ausgaben, die an die Niederlassung der Firma Nike auf den Bermudas gehen, und zwar für die Nutzung des Logos. Und da die Menschen auf den Bermudas ja den schönen Ozean vor der Tür haben, kann es ihnen egal sein, ob sie Steuergelder für öffenliche Bäder haben oder nicht. Daher kann der US-Hersteller Nike seine Gewinne mehr oder weniger behalten.

Wer mehr Details nachlesen möchte, kann dies in den Paradise Papers tun. Alles veröffentlicht und frei zugänglich, auf dem Server der Süddeutschen im Netz nachzulesen. Aber dies stört anscheinend niemand, gesellschaftlich bleibt es ohne Folgen, wie die nächste Geschichte zeigt.

Damit die Gewinne der Firma Nike auch in Zukunft so bleiben, sollen vor allem junge Menschen an die Marke gebunden werden. Das Alter des Zielpublikums liegt bei 14 bis 21 Jahren, das ist die offizielle Firmenstrategie. Diese Marge wurde vor ein paar Jahren nach unten korrigiert. Ich kenne Kollegen, die, seit sie das vierzigste Lebensjahr überschritten haben, keinen Auftrag mehr bei Nike bekommen. Bei diesem jungen Publikum sind althergebrachte Sportarten wie Schwimmen oder Leichtathletik nicht unbedingt angesagt, daher wurde offenbar der Vertrag mit der LG Nike Berlin, der erfolgreichsten deutschen Leichtathletik-Startgemeinschaft, von Nike aufgekündigt, und das Prinzenbad kann realtiv beruhigt sein: Es ist in naher Zukunft keine feindliche oder freundliche Übernahme zu befürchten.

Angesagt dagegen sind Cross Fit, hier gilt es den Konkurrenten Reebok zu verdrängen, oder auch Basketball, und da kann Nike punkten mit dem unter Vertrag stehenden LeBron James. Kein schlechter Mann, mehrfacher MVP der NBA (wenn sie das nicht verstehen, gehören sie wie der Autor offenbar nicht zum Zielpublikum von Nike) und immerhin jemand, dem Donald Trump auf Twitter nahelegte, das Land zu verlassen.

Dieser berühmte Basketballspieler kommt nun am Wochenende nach Berlin, riesige Veranstaltung von Nike, Eintritt frei, aber nur für die Menschen, die die offizielle Nike App auf ihrem Smartphone installieren, einen Platz reservieren, und am Eingang vorzeigen. Wenn James am Dienstag wieder in die USA zurückkehrt, werden Tausende Menschen mehr die Nike App auf ihrem Smartphone haben, und Nike deren Daten. So geht Kundenbindung heute.

Doch damit nicht genug. Es wird gemunkelt, der Mann hat auch noch einen Auftritt an einer Berliner Schule am Montag. Da staunt man dann doch: Eine öffentliche Institution bietet diesem ganzen Treiben eine Plattform? Da werden sie zusammengesessen haben in der Marketingabteilung von Nike und sich überlegt haben: Wo finden wir denn die 14-21 Jahre alten Neukunden? Genau, in der Schule. Deswegen taucht LeBron James am Montag dort vermutlich auf. Natürlich ist das keine Werbeveranstaltung, der Mann ist ja Philantroph, gründete eine eigene Schule und spendet, wo er nur kann. Es wird ganz rührselig werden. Aber Zufall ist das alles nicht. Der Berliner Schulsenator, oder Wirtschaftssenator, oder wer auch immer, der hier Halt ruft, auf den wartet man freilich vergebens.

Wie schön, dass es das Prinzenbad gibt. Würde Herr Trump am Montag mit Badehose von Nike erscheinen – ich bin sicher, der Einlass würde ihm verweigert werden.

Foto oben: ©Fanny Cathrin Melle (www.fcmelle.de)
Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/prinzenbad/2018/08/31/politische-oekonomie-der-badehose/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.