vonPhilipp Rhensius 07.06.2022

Reality Glitch

Alltagsszenen anhalten, während sie passieren. Sie neu zusammensetzen. Mal poetisch, mal hyperreal, mal wtf!?

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20.37 Uhr, auf einer Straße in East Brooklyn, direkt unter den Gleisen der Subway-Linie J Train, die von Manhattan bis Queens führt und oberirdisch verläuft. Alle zwei Minuten lassen die durchfahrenden Züge den Asphalt beben. Ich laufe die Straße auf und ab, suche die richtige Adresse für das Appartement Konzert. Geng Grizzly, Musiker und Macher des New Yorker Labels PTP Records, hatte mir vor ein paar Stunden den Standort per SMS geschickt. Nach einer Viertelstunde entdecke ich zwischen einem Cornershop und einem von Tags und Plakaten übersäten Waschcenter eine Tür. Sie ist offen, Im Flur Richtung zweiter Stock schiebe ich mich an herumlungernden Typen vorbei. Oben riecht es nach Weed, es tönen Kaskaden geloopter Sounds.

Ein großer, heruntergekommener Raum, von dem sich später herausstellt, dass es die Wohnung eines linken Kollektivs ist. Die Wände bespritzt mit Farbe wie ein Gemälde von Jackson Pollock. Eine warme Atmosphäre, Aufkleber an den Wänden, einer mit dem Slogan „Abolish the Police“ mit dem Hinweis, in Notfällen sich auf die Community zu verlassen, statt die Cops zu rufen.

Dieser Typ ist Dope

Eine Stimme am Mikrofon. Alle mal herhören, „Dieser Typ ist dope, also aufgehorcht!“. Ruft Geng, mit der Verve einer Saturday Night Show, aber in cool. Vier Fünftel der Anwesenden sind Schwarz. Als Kartoffel solche Information in einer rassistischen Welt zu verschweigen, wäre voll daneben. Der nächste Liveact beginnt.

Desde BK – PSA

Album-Sleeve für „An Unknown Infinite“ von Amani & King Vision Ultra, New York 2020

Ein Mann Mitte 20, zakhele, sitzt auf einem runden Teppich im Schneidersitz vor einem Sampler, sendet verschwommene Beats in den Raum, kurze abstrakte Entwürfe von etwas wie Melancholie vielleicht, gelegentlich unterbrochen von einem sonischen Arschtritt: plötzliches weißes Rauschen oder ein Feedback, das die Ohren strapaziert. Ich quetsche mich hinter ein Sofa und öffne vorsichtig meine Seltzer-Dose, going native in die gemeinsame utopische Zone der Sonic Fiction.

Mein Oberkörper wabert nach vorne und zurück wie dürre Bäume im lauen Wind. Alle Shows sind alle nicht länger als 20 Minuten. Es spielen noch 0120, eine junge Schwarze Rapperin aus Harlem, der New Yorker Rapper und Producer Kuya, Mary Sue aus Singapur, das Duo Morivivi, bestehend aus den beiden Schwarzen Rapperinnen Desde und KAYA, der Schwarze Rapper Lord Kayso sowie Still Vision Ensemble, ein Drone-Duo, bestehend aus King Vision Ultra und Amani.

An Unknown Infinite by AMANI + KING VISION ULTRA

Hey Du!

Wow, diese Energie, und das ohne großes Soundsystem. Ich glaube, die Musik wirkt deshalb so auf den Körper, weil er in dieser Stadt ständig strapaziert wird. Nicht nur auf den Straßen, auch in Cafés, selbst im bürgerlichen Restaurant, das ich vor ein paar Tagen besucht hatte, herrschte der durchschnittlicher Lautstärkepegel eines mittelgroßen Rockkonzerts. Ständig ist man gezwungen, sich zu verhalten, wird angesprochen, angebrüllt, angemacht oder von allen möglichen Schildern auf irgendwas hingewiesen. Ich werde ständig daran erinnert, eine Person zu sein.

Der Philosoph Louis Althusser prägte dafür mal den Begriff der „Interpellation“. Ein alltägliches Instrument, mit dem das Individuum daran erinnert wird, Subjekt, also „unterworfen“, zu sein. Der Schwarze Autor Fred-Moten beschreibt es als den Moment, an dem eine Polizist*in auf der Straße eine Person ruft: „Hey Du“. Sobald sie sich umdreht, wird sie zum Subjekt. Weil sie plötzlich auf eine größere soziale Ordnung trifft und mit einem Außen konfrontiert wird. Es ist das Instrument einer Ideologie, die das Subjekt so lange interpelliert, bis es die Ideologie, die ja immer gemacht ist, für „natürlich“ hält.

Könnte das ständige gefragtwerden, die ständig als Frage formulierte Begrüßung „how are you“, das ständige erinnert werden an den Subjekt-Status, der Grund sein, warum mich hier weniger einsam fühle?

Und: Ist Musik die einzige Möglichkeit, der stetigen Interpellation, zu entkommen?

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