vonDetlef Berentzen 13.12.2018

Dr. Feelgood

Detlef Berentzen, Ex-tazler, Autor für Funk und Print, verbreitet hier „News“ der anderen Art. Gute zum Beispiel. Macht die Welt hör-und lesbar.

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Lächelnd scheidet der Tyrann
denn er weiß nach seinem Tode
wechselt Willkür nur die Hände
und die Knechtschaft kennt kein Ende
(Heinrich Heine)

Ich bin in den letzten Monaten immer wieder in dieses vielzitierte 68er-Jahr zurückgegangen. Habe mir in den Archiven der Bewegung, gerade auch in Berlin und Freiburg, Erinnerungen gemacht. Mich wochenlang nur von Flugblättern, Briefen, Pamphleten, Träumen und Hoffnungen, von Wut und Aufbruch ernährt. Es geht um Dokumente, Originale, die heute noch bewegen, nicht um die Inflation des ewig Nacherzählten, des Immergleichen, das ohne Atem daher kommt und nur Grabsteine setzt. All diese Fundsachen – viele von ihnen selten genug oder nie zitiert – habe ich eingewoben in mein Rebellarium. Auch spannende O-Töne aus den Archiven der ARD. Das Material spricht die Sprache einer Zeit, die auch die unsere war. Doch all die Bilder, all die Sätze mussten zuvor durch meinen alten Kopf. Daher das Libretto. Es folgt dem Sound des Materials. Und setzt sich in Bezug.

 

 

Wir wären gut, anstatt so roh – doch die Verhältnisse sind nicht so!

„Nazi Kiesinger, Nazi Kiesinger…!“ (Sprechchor, wird lauter)

(November 1968)Ich habe Bundeskanzler Kiesinger geohrfeigt, weil ich der öffentlichen Meinung in der ganzen Welt beweisen wollte, daß ein Teil des deutschen Volkes, ganz besonders aber seine Jugend, sich dagegen auflehnt, daß ein Nazi an der Spitze der Bundesregierung steht.“  Beate Klarsfeld gibt dem amtierenden Kanzler in Berlin eine Maulschelle und bekommt dafür umgehend ein Jahr Gefängnis ohne Bewährung. Die junge Frau macht per EigenArt darauf aufmerksam, wieviel einstige Mitglieder der NSDAP inzwischen wieder in Amt und angeblichen Würden sind, ob nun als Richter oder Staatssekretäre. Eine Nazi-Vergangenheit scheint vielen längst kein Makel mehr. Aber nicht allen.

Der Postfaschismus hatte selbst im oberschwäbischen Biberach eine kunterbunte APO auf den Plan gerufen, die bereits im Frühjahr 68 anläßlich einer Wahlkundgebung gegen Bundeskanzler Kiesinger protestierte und sich rabiate Händel mit den anwesenden CDU-Mitgliedern lieferte, die „Häuptling Silberlocke“ tatkräftig in Schutz nahmen: Meine Güte, stöhnten die Ehemaligen, Kurt Georg Kiesinger war eben ein „Parteigenosse“ der Nazis und stellvertretender Leiter der „Rundfunkpolitischen Abteilung“ im Reichsaußenministerium mit den nötigen Kontakten zur Propagandamaschine von Joseph Goebbels. Na und ? Na und? Na und?

 


Die gemeine Öffentlichkeit der versammelten Spießer sieht den Satus Quo gefährdet. Das Schweigegebot, ja die ganze Ordnung von „AfterWar“ und „AfterNazi“ steht auf dem Spiel – Kommunen, Demonstrationen, SDS, antiautoritäre Rebellion: plötzlich zeigen Junge mit schmutzigen Fingern auf saubere alte Nazigrößen, rennen demonstrierend mit Kindertrompeten, Konfetti und Luftschlangen durch die Städte, propagieren respektlos Sex, Fun und Rock’nRoll. „Eine Revolution, die Spaß macht!“, loben Röhl und die anderen in der barbusig-linken „Konkret“. Ja doch, da war auch Lachen, ja doch, aber dieses: „Genossinnen, Genossen!“ von damals, wer kann das heute noch hören, ohne dabei Staub zu schlucken?

 

Da Sie der Aufforderung nicht gefolgt sind, sehen wir uns gezwungen, wieder die Wasserwerfer und evtl. den Schlagstock einzusetzen …!

Ob nun Dylans Nasaltenor , die Stand-Pauken von Kellerkind Wolfgang Neuss oder die Flugblätter der Barrikadendichter, sie liefern, neben dem hart-rockenden Zeitgeist, den radikalpoetischen Soundtrack für die Rebellion der 68er: „Nicht auf den Kopf zielen, sondern ins Zentrum!“ Doch das Zentrum für den Bürger ist der Spießer selbst. Und der schreibt eine Menge Briefe in diesen Jahren. Macht sich Luft. Wer sich bremst, dem quietscht die Seele.

 

Martha Rosler und Erró lassen die Schrecken des Vietnamkriegs in die Wohnzimmer ein. Der „American Way of Life“ wird von Kriegshandlungen gestört. Edward Kienholz stellt ein ganzes Wohnzimmer nach, in dem der Fernseher, der die täglichen Todesmeldungen sendet, zum Grabstein aus Beton wird.Der Filmemacher Harun Farocki zeigt unter dem Titel „Nicht löschbares Feuer“ einen Nachrichtensprecher, der während der Zeugenaussage eines Vietnamesen eine Zigarette auf seinem Arm ausdrückt – „Eine Zigarette brennt mit etwa 500 Grad Celsius, Napalm dagegen mit 4000 Grad Celsius“, sagt die Stimme im Off. (Kunsthalle Bielefeld)

Die Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg gehen weiter, obwohl mancher im SDS bereits „das Feuer der Opposition“ erloschen sieht. Dabei sind Proteste bitter und notwendig. Nach Lyndon B. Johnson wird im November der Republikaner Richard Nixon zum US-Präsidenten gewählt . Ein schwitzender Konservativer, der paranoid den Krieg in Vietnam ausweiten und so verlängern wird. In Tübingen schlägt das Studentenparlament deshalb schon mal vorsichtshalber Alarm und verlangt, daß die „Stimme Amerikas zum Schweigen“ gebracht wird:
Den propagandistischen Bemühungen des von den USA in Tübingen betriebenen Amerika-Hauses wird jegliche Unterstützung versagt. Es ist ein offenes Geheimnis, daß diese Propagandainstitute die Aufgabe haben, nachrichtendienstlich tätig zu sein. Wir müssen endlich mit der Zerschlagung der Amerikahäuser beginnen!

 


Noch lange Zeit werden diese Amerikahäuser, angebliche „Kulturzentren“ der USA, Ziel von Demonstrationen sein. Nur sind es längst nicht mehr nur Anti-Autoritäre, die dort protestieren. Der SDS beginnt sich zu wandeln, …jener SDS, den die Staatssicherheit der DDR in ihren Papieren gern als „terroristische Organisation“ denunziert. Der vor Jahren noch muntere Haufen wird weniger bunt, versucht sich zunehmend in Grautönen und Dogmatismus – plötzlich gelten die wilden Bunten des Vereins manchen als „kleinbürgerliche Abweichler“, „ Arbeiterverräter“ oder „Anarchisten“. Überall werden Schubladen aufgezogen, man beginnt sich ideologisch zu sortieren, ordnet sich der „richtigen Linie“ in Peking, Moskau oder sonstwo zu. Komplett absurde Parteigründungen stehen vor der Tür, die sich auf Flugblättern ankündigen, deren Headline ausgerechnet die Köpfe von Mao-Tse-Tung und auch der von Stalin zieren. Und dazu der immergleiche kotzüble Nonsense: Ohne eine revolutionäre Partei ist es unmöglich, die Arbeiterklasse und die breiten Volksmassen zum Sieg über den Imperialismus und seine Lakaien zu führen. Es leben die siegreichen Ideen Mao-Tse-Tungs!

 

Endlich!! Die Zeitschrift für Schüler ist da! Radikalinski schimpft sie sich. Scheissname, aber was Besseres fiel uns nicht ein. Was wir wollen? Ist Unruhe stiften, senile Pauker aufschrecken und den Scheissautoritären heimleuchten! Sexuelle Bedürfnisse aus dem Untergrund ans Licht befördern! Das ist es!!! Vögeln!! Jetzt seid ihr geil – was? (Radikalinski)

Mir war damals schon schlecht: Da manifestierte sich der Glaube, man könne das System stürzen, die „Systemfrage“ stellen, entweder durch Agitation der „Arbeiterklasse“ oder durch gewaltsame Aktionen, irgendeine straff organisierte, revolutionäre Organisation würde schon im unerträglichen deutschen Land die Macht übernehmen – manche träumen tatsächlich so. Andere werfen derweil bei Richtern und Staatsanwälten die Scheiben ein oder kündigen Ehefrauen von Universitätsprofessoren per Telefon den Witwenstatus an. Es ist verdammt viel verzweifelte, gewalttätige, auch gefährliche Wut unterwegs.

 

Im Jahr 1968 begehrt eine größere Zahl von Frauen gegen die männlich dominierte Kunstwelt auf. Yoko Ono dreht einen 80minütigen Film, auf dem nur Hinterteile zu sehen sind. Louise Bourgeois schafft eine Vielzahl phallischer Skulpturen und sagt über eines dieser Objekte frech, es sei ein Selbstporträt. Yayoi Kusama befreit sich in Nackt-Happenings und Orgien von gesellschaftlichen Normen und Tabus, die auf den Körper gelegt waren. Auch Eva Hesse, Rebecca Horn, Gina Paner und Nancy Spero sorgen dafür, dass die Frauen in der Kunst den herkömmlichen Status als Randfiguren verlieren. (Kunsthalle Bielefeld)

 

Rezept: Koche Grass in kuhwarmer (nicht homogenisierter) Milch, danach den Rahm abschöpfen und zu Butter verarbeiten.Diese Butter wurde in Indien als Betäubungsmittel verwendet. Man kann auch Grass einige Stunden lang in einer Mischung aus Milch und Butter kochen, die Mischung durchsieben, und, nachdem sie abgekühlt ist, die Butter an der Obefläche abschöpfen. Ausführlichere Anweisungen für diesen Vorgang im Rezept für weiße Kekse. (Linkeck: Das Heilige Chee oder Bahng Butter )

 

Keine Parteilinie mehr!

Überhaupt keine Linie mehr!

Entsagt jeder Linie und kämpft fortan nur noch auf dem Strich!

Popoisten aller Länder vereinigt Euch!

Doch noch ist nicht alles zu spät. Es gibt sie noch die Spaßguerilla, auch die „Vereinigten Popoisten“, die Widerspruch gegen all die autoritären und zwanghaften Trends liefern. Und es gibt natürlich auch jene Spießer, die ob all der Rebellion des Jahres 1968 längst keinen Spaß mehr verstehen und im Dezember wieder anonyme Postkarten an den Heidelberger AstA schicken.
Ihr Lumpen gehört alle aufgehängt, wir Arbeiter werden nie mit Euch zusammengehen. Genauso muss mit den Studentenhuren gehandelt werden. Wir haben Euch alle gefilmt, nun könnt ihr euch nicht mehr ausreden.

 


All you need is Dynamite! (anonymous)

 

Der Hass auf die 68er-Rebellen ist weltweit zu finden, denn der Aufbruch gegen die autoritäre Kälte der Nachkriegszeit beschränkt sich längst nicht nur auf Deutschland oder Frankreich. Noch im Dezember wird das „San Francisco State College“ für ein „Black Studies Programme“ bestreikt, überall in der Stadt gibt es Demonstrationen für „schwarze Studiengänge“, …auch hunderte von Verhaftungen. In London ruft Sheila Rowbotham die Frauen qua Manifest zur „Revolte“ auf: „Männer, Ihr habt nichts zu verlieren außer Euren Ketten!“ und in Sizilien werden bei einer Demonstration von Landarbeitern zwei Männer von der Polizei erschossen – Mörderische Antwort auf berechtigte Lohnforderungen! Folge: Über eine Million Demonstranten in ganz Italien.

 

Sexuelle Krüppel lassen sich leichter beherrschen! Damit wir nicht verkrüppelt werden, halten wir es für unerlässlich, unseren Sexualtrieb zu befriedigen und so oft wie möglich auszuleben. Damit andere nicht verkrüppelt werden, halten wir es für unerlässlich, ihnen so gut wie möglich beizustehen, ihnen ihre sexuellen Schuldkomplexe zu nehmen und sie durch Zur-Verfügungstellen von Bummsräumlichkeiten und verbilligtem Pillenverkauf zu unterstützen. (Linkeck: „Happy Coitus to you“)

das politische buch! wer hier bücher klaut, klaut sie genossinnen. kaffee kann man bekommen und revolutionäre reden schwingen! Lietzenburger Strasse 99 (Werbung)

 

 

Der SDS verschickt am 22. Dezember 1968 noch schnell ein Pamphlet an die „Genossinnen und Genossen“, kündigt darin diverse Strategietreffen für 1969 an und erinnert zum Jahreswechsel noch einmal dringend, dass, wer „keinen richtigen politischen Standpunkt“, auch „keine Seele“ hat. Wie unglaublich langweilig. Überhaupt, was ist eigentlich der richtige Standpunkt? Und gibt es tatsächlich nur den einen? Egal: Der SDS wird bereits 1970 Geschichte sein. Hat aber zuvor, mit Hilfe all der jungen unorganisierten Wilden, die deutsche Republik des Jahres 1968 folgenreich bewegt. Was volkt? Mörderische Sackgassen, quicklebendige Bürgerbewegungen, basisorientierte Demokratisierung. Alles mit den bekannten Widersprüchen in Ton und Bild, aber Geschichte ist nicht anders zu haben. Es sei denn, man hockt zum 68er-Weihnachtsfest zugekifft im Weltraum, abstrahiert fröhlich, schaut von oben herab auf den blauen Planeten und weiß es genau:
You can’t always get what you want, but if you try sometimes you just might find: you get what you need! (blenden/fade)

 

man erzählt sich viel von der freiheit
zum beispiel dass sie der welt fremd geworden sei
sie sei nicht dort wo man sie sucht
ihr flaschen die freiheit sitzt entweder im gefängnis
oder liegt gebündelt in brieftaschen
(thorwald proll)

Schlussbild. Der schwarze Vorhang fällt: die Jagd auf den letzten Proletarier ist eröffnet. Henri tritt an den Bühnenrand. Er ist unrasiert. Und trägt eine gelbe Weste. Henri räuspert sich kurz, dann spricht er: “ Seit Jahrzehnten habe ich für Lohnforderungen gekämpft. Ich besitze einen Fernseher, einen Kühlschrank und einen Golf. Insgesamt gesehen ist mein Leben immer beschissen gewesen.“ (Inszeniert nach Raoul Vaneigem)

 

 

Dank an’s „APO-Archiv“ des Universitätsarchivs der Freien Universität Berlin für die großzügige Unterstützung. Und meine tief empfundene Begeisterung für Gerhard Seyfried, der eigens in seine digitalen Archive hinab stieg, um Illustrationen für das Kleine Rebellarium upzuloaden. Merci vielmals auch an die Biberacher Geschichtschreiber vom „Theater ohne Namen“.

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