vonMesut Bayraktar 15.07.2020

Stil-Bruch

Blog über Literatur, Theater, Philosophie im AnBruch, DurchBruch, UmBruch.

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Eingreifendes Denken ist rezeptionsästhetisches Ziel von eingreifender Kunst. Doch was heißt das? Wo beginnt eingreifende Kunst und wo endet sie? Hat sie überhaupt ein Ende oder ist das Ende nicht vielmehr das Unfertige, das zum Fertigmachen auffordert? 

Ausgangspunkt der eingreifenden Kunst, wie sie Brecht formuliert hat, ist der berühmte Verfremdungseffekt. Verfremdet kann aber nur werden, was entfremdet ist. Der Schlüssel der Verfremdungstechnik ist also die auf Privateigentum beruhende Entfremdung des Menschen vom Menschen. Insofern ist das, was heutzutage inflationär als Verfremdungseffekt verkauft wird, bloße Reklame für schlechte Kunst und in der Tat nichts anderes als der Einbruch des Realen in den sinnliche Reflexionsgenuss durch Kunst. Zum Beispiel ist ein planmäßiges Textvergessen des Schauspielers auf der Bühne noch lange nicht ein Verfremdungseffekt, ebenso wenig ein plötzlicher Journaleinschub in einen literarischen Text, der signalisieren soll: „Schau Leser, das, was ich erzähle, ist wirklich geschehen“. Was heute unter Verfremdungseffekt firmiert, sollte daher doppelte Skepsis wecken, zum einen, weil es sich meist als Einbruch des Realen entpuppt und zum anderen, weil es Brechts Technik epigonal konsumiert und unsäglichen Unsinn verbreitet.

Entscheidend ist also zunächst die Entfremdung, von der für die Verfremdungstechnik zur Entschlüsselung der falschen Wirklichkeit auszugehen notwendig ist. Das setzt voraus, dass man die Gesellschaft als das auffasst, was sie ist: eine von Klassenwidersprüchen zerrissene. Erst dann kann Kunst eingreifend sein. Solche Kunst produziert einen Schein, mit dem es die Entfremdung verhandelt. Sie schafft mit Bezug auf ihre Eigengesetzlichkeit eine zweite scheinbare Realität gegenüber der ersten wirklichen Realität. Das hat Kunst schon immer getan und das tut Kunst, indem sie eine Dialektik zwischen Darstellung (=Form) und Dargestelltem (=Inhalt) entwickelt. Diese Dialektik ist unerlässlich für die Lebendigkeit eines Kunstwerks. Sie eröffnet den Raum, in dem sich Poesie entfaltet. Von Verfremdungseffekt ist erst dann zu sprechen, wenn das Poetische diese im Kunstwerk wirkende Dialektik durch geschickte Mittel, die mannigfaltig sein können, zum Vorschein bringt. So konfrontiert das Kunstwerk sich mit sich (Form/Inhalt) und desweiteren ebnet es eine Konfrontation zwischen der zweiten scheinbaren Realität mit der ersten wirklichen Realität. Damit gibt das Kunstwerk sein Geheimnis preis, ohne aber sich als Kunstwerk aufzugeben (Avantgardismus, z.B. »Fountain« von Marcel Duchamp) und ohne zugleich das Geheimnis des Kunstwerks zu verhüllen (Illusionismus, z.B. »Mondnacht« von Joseph von Eichendorff). Das ist eine schwere Aufgabe.

Das Preisgeben des eigenen Geheimnisses eines Kunstwerks durch es selbst – seine In-Werk-seiende Dialektik zu sehen – zeigt, dass es eine Aussage über den Weltzustand trifft und eine Haltung zu der Welt einnimmt, wie sie ist und nicht sein muss. Solche Kunst ist realistisch. Sie zeigt also eine Lüge, um Wahrheit erkennen zu lassen und die Voraussetzung dafür, Bekanntes zu erkennen, ist, es zunächst unbekannt machen. Mit anderen Worten: Die zweite scheinbare Realität wird im Wege der Verfremdung mit ihrer eigenen Form-Inhalt-Dialektik konfrontiert, sodass eine dritte Realität entsteht, die eine sinnliche Reflexion im Verhältnis zur ersten wirklichen Realität unter dem in der zweiten Realität vermittelten und verdichteten Zusammenhang erlaubt. Dieser Moment der dritten reflexiven Realität ist der Bereich des Eingreifenden. Er tritt in einem eingreifenden Kunstwerk öfter oder nur einmal auf, aber immer nur singulär, nicht durchgehend. Er ist nicht anhaltend, sondern plötzlich. Unter diesem Gesichtspunkt kann ein Kunstwerk wirklicher als die wirkliche Realität sein, weil das Kunstwerk durch sinnliche Wahrnehmung zu erfahren erlaubt, was die Realität der unmittelbaren Wahrnehmung entzieht: die sinnliche Erfahrung eines Gesamtzusammenhangs des behandelten Inhalts. Es geht dann nicht darum, dass zwei plus zwei fünf ergibt, sondern darum, warum zwei plus zwei vier ergibt.

Daraus folgt Grundsätzliches. Denn hierdurch wird dem Leser oder Zuschauer die Bedingung für die Möglichkeit des Gebrauchs seiner Urteilskraft geschaffen, ohne das Kunstwerk mit einem Einbruch des Realen zu zerstören und den sinnlichen Genuss zu unterbrechen und ohne das Kunstwerk im Sinne eines L’art pour l’art zu mystifizieren. Ersteres fällt vermittlungslos in die erste Realität zurück und Letzteres baut sich eine Welt in der zweiten Realität, um die erste gänzlich zu vergessen. Sie lügt um der Lüge willen. Die Verfremdungstechnik von Brecht aber eröffnet den politischen Horizont eines Kunstwerks, sodass die erste Realität in einer die Konflikte bemeisterbaren Weise erkannt wird. Insofern ist das Poetische, mit dem Brecht die Welt vom Kopf auf die Füße zu stellen wusste, revolutionär. Es ist die Macht, die die Ausweglosigkeit des Bestehenden in das Bestehen von Auswegen überführt – die Macht der künstlerischer Konfrontation. Darin erschallt das Echo von Brechts Forderung nach eingreifender Kunst, die wir wie folgt ins Hier und Jetzt übersetzen müssten: Wir haben nicht ein anderes Denken im Sinn, sondern das Andere des Denkens, das konfrontative Literatur als eingreifbar verdeutlicht.
So vermittelt eingreifende Kunst die Kunst eingreifenden Denkens in die Welt.

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