vonMesut Bayraktar 06.07.2021

Stil-Bruch

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Vor der Uraufführung mit dem Hamburger Literaturpreis ausgezeichnet zu sein, steigert die Ansprüche. »Paradiesische Bauten«, schon Anfang letzten Jahres geprobt, dann aber auf ein unabsehbares Morgen für ein Publikum vertagt, erfüllt diese spielerisch und souverän. Der »Jungen Regie« vom Thalia Theater am Gauss in Hamburg gilt ein besonderer Dank, an dieser Produktion über ein Jahr beharrlich festgehalten zu haben.

»Paradiesische Bauten« von Peter Thiers, der die Regie seines eigenen Stücks in die Hand nimmt, befasst sich mit dem aktuellen Wohnungsmarkt in den Metropolen. Ein komplexer Stoff. Doch er überführt ihn in eine durchsichtige Fabel, indem er sich auf einen Aspekt konzentriert: auf die Konkurrenz. An sich geht es um die Erfüllung des Grundbedürfnisses nach Obdach. Regie und Ensemble beeindrucken vor allem dadurch, dass »Paradiesische Bauten« vom Grundprinzip aller Dramatik ausgeht: Die Situation, die um mit G.W.F. Hegel zu sprechen, »die Notwendigkeit des Agierens« auslöst. Während die Situation verschiedene Möglichkeiten als Potenz speichert, ist es die Handlung, die diese auf Verwirklichbarkeit prüft – mal tragisch, mal komisch, mal kombiniert wie in diesem Stück und dabei immer dramatisch.

Entsprechend beginnt die Inszenierung mit einer Wohnungsbesichtigung. Der Makler Theo Baldachin, erfrischend und mit Witz gespielt von Tilo Werner, wartet auf Mietinteressenten vor einer ehemaligen Garage, die zu einer Wohneinheit umfrisiert wurde – in der Tat wird in und vor einer Garage im Vorhof des Thalia Gauss unter freiem Himmel inszeniert. Auch Baldachin steht unter Druck. Entweder schließt er in kürzester Zeit einen Vertrag ab oder er verliert seinen Job. In weißem Anzug und pinker Krawatte, schwarzen Lederschuhen mit Cowboy-Absätzen und gebleichten Zähnen stellt er den Konzern Paradise Corporation vor, der die Großfusion von Vonovia mit Deutsche Wohnen vorwegzunehmen scheint. Das fiktive Unternehmen gehört zu einer der führenden börsennotierten Immobiliengesellschaften mit einem Portfolio von über 500 000 Wohneinheiten, verkündet der Makler selbstzufrieden. Das Erfolgsrezept beruht auf der Modernisierung von verlassenen und verwahrlosten Räumlichkeiten, die anschließend zu »attraktiven Konditionen« neu vermietet werden, etwa Garagen. Denn Wohnraum ist nicht per Definition bestimmt und auch nicht per Gesetz. Was Wohnraum ist, wird durch die Not der Bedürftigen bestimmt, im Wechselspiel mit der Macht der Immobilienkonzerne.

Unbestimmte Rechtsbegriffe, wie »Wohnen«, »Attraktive Konditionen« oder »Zuhause«, werden während Baldachins Vortrag von einem Programm, DEA genannt: »Digitale-Eingabe-Assistentin«. Diese Form der Künstlichen Intelligenz verweist auf die Geschäftsbedingungen. »Zuhause« kann zum Beispiel auch »die wärmende Nähe eines geliebten Menschen unter einer trockenen Brücke« sein. Es gibt in diesem Stück drei reale Figuren: den Makler Werner und die Wohungsbewerber Nr 1 und Nr. 2. DEA ist die vierte Figur, auch wenn sie keinen Körper hat. Sie vertritt die allgegenwärtige Geschäftsführung der Paradise Corporation und ist die hintergründige Dirigentin im Stück. Hierzu vergibt sie »Paradise Scores« und zwar nach undurchsichtigen Kriterien, denn sie fallen unter das Geschäftsgeheimnis. Es ist eine Art opakes Social Credit System des Wohnmarktes. Auch DEA verändert sich, sie wirkt zunehmend vermenschlicht. Zu Beginn ist ihr Sprachausgabesystem rein mechanisch, eine rein logische Abfolge von Lauten, die für Menschen Sinn ergibt. Dann lernt sie, ihre Sprache den Menschen besser anzupassen, als wäre sie selbst ein Wesen. Das geht so weit, dass sie zu einem Mieter »Pa-pa« sagt, weil dieser seinen Vor- und Nachnamen jeweils mit der Vorsilbe »Pa« einspricht. Ob Nr. 1 wirklich eine Tochter hat oder sich eine wünscht, um sich einen Sinn in seinem gehetzten Leben zu geben, bleibt offen. Steffen Sigmund schafft es jedenfalls, einen privatistischen Kleinbürger grandios zu verkörpern.

Die Vermenschlichung der DEA hat etwas mit den beiden zu bloßen Nummern gewordenen Mietinteressenten zu tun. Die Rolle der Nr. 2 übernimmt Lisa-Maria Sommerfeld, die mit fantastischer Selbstironie zeigt, dass philanthropische Moral und ein die existentielle Not ausnutzender Kapitalismus sich gut zusammenfügen lassen. Nr. 2 ist arbeitslos und kommt vom Land, wo die Farm ihrer Eltern von Immobilienkapitalisten enteignet wurde.

Da weder sie noch Nr. 1 die »Wohnung« genannte Garage bekommt, überredet sie Nr. 1 zur Besetzung derselben. »Wir setzen hier ein Zeichen«, ruft sie mit dem Impetus der Revolte, nachdem der Makler verjagt wurde und seinen Job mangels eines Vertragsabschlusses verliert. »Dann lass uns alles in Zeichen verwandeln, jede Tür, jeder Stuhl, jedes Bettgestell nur noch ein Zeichen«, entgegnet Nr. 1 und fügt frustriert hinzu, »In einem Zeichen kann meine Tochter nicht wohnen.«

Und plötzlich scheint das Problem vieler Akteure sozialer Bewegungen von heute auf, die oft emanzipatorische Praktiken mit dem symbolischen Sprechen darüber verwechseln. Thiers und sein Ensemble sezieren diese Irrtümer präzise und lustig, mit ernster Anteilnahme und ohne Spott.

Die Besetzung der Garage ist in der Tat ein Zeichen. Damit ließe sich die Öffentlichkeit aufrütteln und empören, glaubt Nr. 2. Doch dem DEA dem zuvor. DEA erkennt, dass sie die moralische Klage in ihr Geschäftsmodell integrieren kann, nämlich durch Unternehmensethik. Sie heuert Nr. 2 an, für sie als Maklerin zu arbeiten, ist sie doch arbeitslos. Nr. 2 lässt sich hierzu von den Überredungskünsten Baldachins, der damit wieder seinen Job erhält, beeinflussen. Sie nimmt das Angebot unter bestimmten Bedingungen an, etwa dass nicht nur verwahrloste Räumlichkeiten in Wohnräume verwandelt werden, sondern dass auch verwahrloste Menschen Wohnräume erhalten sollen. Nr. 2 möchte die Situation auf dem Wohnungsmarkt verändern. DEA ist einverstanden, denn »Innovation ist Fortschritt« und innovativer Fortschritt bewahrt den status quo. Als neue Maklerin vergibt Nr. 2 die Garage unverzüglich an Nr. 1 und schafft damit, was dem Raubtier-Maklertypus Baldachin nicht gelang. Mit einem schelmischen Grinsen verbindet Lisa-Maria Sommerfeld die rebellische Aktivistin mit der Opportunistin, die von sich denkt, Revolutionärin zu sein. Gewinner ist und bleibt Paradise Corporation.

Die moralische Handlung scheitert. Doch dass es überhaupt um eine Handlung ging, ist lobenswert. Denn Handlung ist Störfaktor, ist Übergang, ist Bruch und Widerstand gegenüber der Gleichförmigkeit eines Zustands, der seine eigene Negation hervorruft. Wer mit Situationen arbeitet, fragt nach Handlungen, geht von den Stärken des Theaters aus. Er befasst sich mit sozialen Praktiken: mit Welt. Gerade das macht Thiers. Es geht um dramatischen Situationen im Theater. Diese Inszenierung ist ein kluger Beitrag zur Enteignungsdebatte.


Hinweis: Der Text erschien erstmals in der Tageszeitung »Neues Deutschland« in der Ausgabe vom 22.06.2021. Mit freundlichem Einverständnis ist der Text auf taz.stil-bruch zu lesen.

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