Barbara Lodens „Wanda“ (1970) ist ein eindrucksvoller und ergreifender Film, der aus der Reihe tanzt. Vielleicht gerade auch deswegen, weil seine Protagonistin Wanda ihrerseits wenig tut, um die Handlung voranzutreiben. Sie läßt den nach ihr benannten Film vielmehr über sich ergehen. „Wanda“ ist ein Roadmovie über eine einsame Frau, die schlußendlich in einen Banküberfall verwickelt wird und als Täterin übersehen wird – zu sehr scheint sich da ihre Unsichtbarkeit bereits über den Film ausgedehnt zu haben.
Später ist mir aufgefallen, dass die Tragik der Filmes nicht allein in dem Übersehenwerden dieser Figur liegt. Sondern dass es sich ebenfalls um eine merkwürdige Tragik des Erkanntwerdens handelt. Sie beginnt und endet mit einem Foto.
Schlagzeilen.
In den frühen 1970er Jahren findet in einer Kleinstadt in Amerika ein äußerst ungewöhnlicher Gerichtsprozess statt, der die Filmemacherin Barbara Loden zutiefst beschäftigt. Eine Frau ist bei einem Banküberfall gefasst worden. Als sie sich schließlich vor Gericht verantworten muss und dort dem Schuldspruch zu ihrer langjähriger Inhaftierung begegnet, zeigt die Frau keine Spur der Verzweiflung. Stattdessen, so der Artikel, soll sich die Frau beim Richter für das Urteil bedankt haben.
Was war geschehen? Wie können ein gescheiterter Überfall und die darauffolgende Verurteilung in Dankbarkeit enden? Und was erzäht diese Dankbarkeit über die Existenzbedingungen von Frauen, gerade auch außerhalb der Haftanstalten?
Loden konnte den Namen der gefassten Frau zeitlebens nicht in Erfahrung bringen, aber der Vorfall einer weiblichen Affirmation von Strafe, wie sie sich in der Danksagung der Täterin an das Gesetz zeigte, ließ sie in ihrer Tragik und gesellschaftspolitischer Tragweite nicht nicht los. War diese Frau mit ihrem Leben mehr gestraft, als mit ihrer Inhaftierung? War der Schuldspruch eine Form der Erleichterung, ein womöglich lang ersehntes Ankommen in einer “realen” Rolle, die im konventionellen Frausein nicht zu finden war, dort bestenfalls mangelhaft, unzureichend oder als schlichtweg “no good” galt? Es ist anzunehmen, dass Lodon sich diese Fragen im Grunde genommen nicht stellte, sondern sie erstmals in dem Vorfall vor Gericht in einer besonderen Klarheit beantwortet sah. Prison als Erlös aus einer unaushaltbaren Gegenwart, die ihren sinnentleerten Platz mühelos mit dem Weg ins Gefängnis tauscht.
Lodens filmische Antwort auf den Artikel war ihr Film “Wanda”: ein Film über die Geschichte einer Frau, die, wie ihr die Gesellschaft immer wieder aufzeigen wird, nichts ist, nichts sein kann, und schlußendlich auch nichts sein möchte. Denn auch Wanda, die mit nichts als ihrer kleinen Handtasche durch ein Amerika vagabundiert, zu welchem sie keinen Zugang mehr findet, scheint vor allem von einem geleitet: nämlich der tiefen und schmerzvoll erworbenen Erkenntnis, dass die ihr andernfalls zur Verfügung stehenden Rollen weiblicher Existenz noch weniger sinnhaft erscheinen als der freie Fall.
Auch Wanda wird im Verlauf des Filmes dem Kleinkriminellen und zukünftigen Bankräuber Dennis begegnen, dem sie fortan folgt. Doch eine Verurteilung über den ebenfalls scheiternden und für Dennis sogar tödlich endenden Banküberfall bleibt aus. Wanda verpasst den verabredeten Treffpunkt, bringt Dinge durcheinander, verliert Zeit und macht Fehler. Als sie schließlich die Bank erreicht, die längst umstellt ist, ist sie nichts als eine Frau in der Menge. In erschreckender Fortführung der im Film beständig wachsenden Unsichtbarkeit ihrer Person, wird niemand den Vorfall mit ihr in Verbindung bringen. Anders als die erwähnte Bankräuberin aus dem Zeitungsartikel, wird Sie dem Richter am Ende nicht danken können.
Anti-Anti Feminismus
Der “weibliche Ungehorsam”, der mich in diesem Blog interessiert, beginnt mit diesen zweifachen Umstand: Nämlich zu einen dort, wo die verurteilte Bankräuberin aus dem Zeitungsartikel ihre nahende Inhaftierung wie es scheint moralisch über jenes Leben stellt, das sie andernfalls als “freie” Frau erwartet hätte.
Aber er beginnt auch damit, wie Barbara Loden mit “Wanda” genau diesen Versuch einer verzweifelten und bald missglückenden Neubewertung der weiblichen Verhältnisse ein weiteres mal bespielt und uns zur Verfügung stellt. Und damit den Film entgegen jeglicher Erwartung des weiblichen Empowerments ausrichtet. Denn Wanda, so wie Loden sie erzählt, hat keine Agenda der Veränderung. Sie ist keine Feministin, die ihrer Zeit heroisch die Stirn bietet. Und sie verläßt die von ihr erwarteten Rollenbilder nicht freiwillig, sondern wird regelrecht von ihrem gesellschaftlichen Umfeld hinausgeworfen. Man will sie nicht mehr haben. Nachdem ihr die Titel der Ehefrau, Mutter oder Arbeiterin schon in den ersten Szenen des Films abgesprochen werden, beginnt ein Prozess zunehmender Orientierungslosigkeit, in welchem Wanda sich immer weiter auflöst. Ihre Kontouren entstehen, mühsam und kurzweilig, in Hotelzimmern, Bargesprächen, oder als Beifahrerin in gestohlenen Wagen, in denen ihr aufgetragen wird, sich besser zu kleiden und weniger zu sprechen. Damit verfolgt Loden eine Form der ungeschönten, weiblichen Bedeutungslosigkeit, die sich selbst feministischen Filmkritikerinnen der Zeit – bis hin zur Bezeichnung einer Kritikerin von Wanda als “slut” – nicht immer in ihrer politischen Wirkungskraft (und gnadenloser Ehrlichkeit gegenüber der Verhältnisse) erschloss.
Gelebt wird kein feministischer Befreiungsschlag und keine Bewegung hin zu einem anderen Wirken, sondern eine Form der radikalen Fortführung, d.h. die gelebte Konsequenz des immer schon Unaushaltbaren, allerdings mit zunehmend weniger Mitteln. Wanda treibt die Handlung des Filmes an keiner Stelle voran. Sie wird von ihm getrieben. Und Wanda, obgleich des Verrats an ihrer Person, der Gewalt und der Abwertung, mit der sie im Verlauf des Filmes immer wieder konfrontiert wird, will nicht zurück, auch wenn sich keineswegs abzeichnet, wohin dann. So auch ihr geheimer Ungehorsam: Lieber nichts sein, als das, was man sein dürfte.
In dem trotzigen Verschleißen der Wege und Auswege für die Figur der Wanda verbirgt sich Lodens radikal-feministische Position, ihrer Zeit weit voraus. Die sich notfalls noch mit Bartleby the Scrivener denken ließe, abzüglich natürlich dessen dennoch wahrnehmbarer Bedeutung, denn sein Nichtstun fällt anderen auf, verärgert und verunsichert. Dagegen wird Wandas Nichtstun, und dies ist das Entscheidende an Lodens Position, bis zuletzt nicht ins Gewicht fallen. Mit Ausnahme einer einzigen Szene.
Mütter ohne Kinder
Es gibt Mütter mit Kindern und solche, denen ihre Kinder abhanden gekommen sind, entzogen oder zurückgelassen, getrennt mit oder ohne Zuspruch, manchmal Kontinente, manchmal nur einen Straßenzug voneinander entfernt. Die Gründe dafür sind vielfältig und dennoch weiterhin ein Mysterium innerhalb des Diskurses. Fehlverhalten, Unangepasstheit und Mängel der mütterlichen Sorge und Fürsorge können ebenso benannt werden, wie ein grobes Vorgehen der Gerichte, patriarchale Wertvorstellungen und Bestrafungsfantasien gegenüber Frauen, die sich außerhalb traditioneller Erwartungsmuster und Verhaltenskodexe bewegen. In beiden Fällen werden Kinder zu Bildern und Fotografien. Sie leben in kleinen Portemonnaies oder auf der Rückseite von Notizbüchern, in der Erinnerung eingefroren und zunehmend zerknittert, während der langsame Verfall des fotografischen Materials die Zeit der Trennung bemisst.
Auch die Figur Wanda in Barbara Lodens gleichnamigen Film ist Besitzerin eine solchen Fotografie. Als ihr zu Beginn des Films in einer der knappsten Szenen aus Lodens Ehe und Kind abgesprochen werden, reicht selbst die fragmentierte Darstellung um ausreichend festzuhalten, dass Wanda nicht beabsichtig, diese zu verteidigen. Es ist ein reine Pflichtveranstaltung, der sie Folge leistet, da es ohnehin an anderen Terminen ermangelt. Eine längst überfällige staatliche Besiegelung einer schon vor langer Zeit zu Ende gegangenen Geschichte der Häuslichkeit.
Als Mutter ohne Kinder verlässt Wanda den Gerichtssaal mit der Familienfotografie in der kleinen Tasche, die sie im weiteren, wie Loden den Betrachter*innen des Filmes erst viel später verrät – durch den gesamten Film begleitet. Und die sie letzten Endes, für einen einzigen Augenblick im Film, in den Augen ihrer Umgebung “erkennbar” macht.
Das Foto
Als Betrachterin des folgenden Road-Movies, der Wanda an der Seite ihres dubiosen Komplizen mit nichts als einer kleinen Handtasche und ihrem bildbestückten Portemonnaie durch ein Amerika der Vororte und Kleinstädte schickt, wäre man kaum überrascht, wenn das Gerichtsverfahren in Wirklichkeit noch kürzer gedauert hätte, als die Summe der wenigen Ausschnitte dazu im Film ergeben – so entrückt scheint der Zugriff auf eine Struktur, aus der die Bilder urtümlich stammen, so ereignislos der Wechsel von Mutter und Ehefrau zu ‚just‘ female.
Ziellos streift Wanda durch die Straßen, wird in einem spanischen Walk-In Kino bestohlen, die Fotografien ihrer Kinder bleiben rätselhafterweise erhalten. Immer wieder gehen ihr die Bilder verloren und kommen zu ihr zurück. Später vergisst sie ein weiteres Mal achtlos ihr Portemonnaie mit den Bildern auf dem Boden eines heruntergekommenen Motels, wo sie Dennis entdeckt und betrachtet. Genauer gesagt, wo auch wir, wie Loden es gezielt herbeiführt, zum ersten Mal die Bilder entdecken und betrachten. Was mich zu der folgenden Besonderheit dieser Szene führt, die auch Lodens feministische Position ein weiteres mal verschärft.
Dennis ist kein Mann der Worte. Er unterbindet die Gespräche, stellt keine Fragen und will auch keine hören, beschränkt sich auf Befehligungen und vor allem darauf, immer wieder Wandas Bedeutungslosigkeit zu unterstreichen, indem er sie etwa zu geheimen Treffen mitnimmt, da selbst ihre etwaige Zeugenschaft keine ernstzunehmende Gefahr für ihn darzustellen scheint. Wanda bleibt ein nobody, gebunden an den Weg eines anderen. Bis ihm das Foto im Hotel in die Hände fällt.
Ein Bild wie viele andere. Eine Erinnerung aus einer Zeit, die längst abgeschlossen ist. Und doch kaum zufällig genau der Moment, in welchem der zentralste Satz des Filmes, gleich zweimal, geäußert wird. “I am no good” erwidert Wanda auf Dennis unerwartetes Nachfragen zur Bewandtnis des Fotos. “I am just no good”. Ein erbarmungsloser Satz, der es bis in den Trailer des Filmes schaffen soll.
Die Auflösung der Ordnung
Dass Dennis die Kinderfotos, und allein diese im gesamten Verlauf des Filmes zum Anlass nimmt, Wanda zu befragen, ist nicht allein trivial und noch weniger Ausdruck von Interesse, wie sein daraufhin ausgeführter Wurf des Portemonnaies in den nächsten Mülleimer zeigt.
Vielmehr ist die plötzliche Unterbrechung von Dennis vornehmlich lückenlosem Schweigen (derweilen auch seinen heftigen Migräneattacken geschuldet…) auch dahingehend zu betrachten, mit welcher Vehemenz sich hier ein Bild über einen Film legt, der sich eigentlich nichts anderem als der Wirkungslosigkeit seiner Protagonistin verschrieben hat. Die Frage nach der Mutterschaft scheint für einen Moment der Ordnung des Filmes zu trotzen, ihn aus dem Ruder zu bringen. Wie kann dieser Anteil an Weiblichkeit, nachdem jeglicher andere Handlungsspielraum für Wanda längst negiert ist, auf einmal ein neues, obgleich kurzweiliges Zentrum im Film für sich beanspruchen? Für einen Moment scheint es, als spräche nicht Dennis noch Wanda, sondern eine übergeordnete gesellschaftliche Instanz in den Film hinein, ein Lehrstück, sich der Münder seiner Darsteller*innen bedienend.
Dennis ist ein Outlaw fernab jeglicher gesellschaftlicher Norm, der in dieser Szene einer Erwartungsnorm folgt, die ihm eigentlich grundsätzlich widerspräche. Was den Moment seiner Befragung von Wanda und dem Verbleib ihrer Kinder besonders schmerzlich macht. Denn deutlich wird, wie auch Dennis das vermeintliche Scheitern von Mutterschaft an die Spitze der Strafbarkeit stellt – und damit für einen Augenblick über sich selbst.
Auf Grundlage der von Dennis vermuteten Schwere von Wandas Vergehen – dem Verlust ihrer Kinder – stellt sich der Eindruck ein, Dennis nehme die Frau, der es nirgends gelingt, eine Kontour zu gewinnen, zum ersten Mal “ernst”. Wanda ist nichts, wie sie nicht müde wird zu beteuern, aber für Dennis hat sie sich kurzweilig zu einer Mutter (ohne Kinder) erhoben. Ist Wanda am Ende noch “krimineller”, noch gefährlicher als er selbst?
Was sich daraufhin einstellt ist eine merkwürdige Form von Suspense. Wanda bleibt Dennis in ihrer Verlorenheit fremd, er kennt auch keine weiblichen Bankräuber. Was ihn letztlich zum Sprechen bringt, ist das Konstrukt “Mutter” – oder anders gesagt, erst das Bild der Mutter verdient seiner Nachfrage. Für einen kurzen Augenblick ist Wanda da, an diesem merkwürdigen Ort, der ihr als Ort des Erkanntwerden angeboten wird. Sie ist, in den Augen von Dennis, in den Augen anderer, wichtig. Als Mutter ohne Kinder, und nur als solche.
Im Gegenzug schließt sich für Wanda eine weiteres Mal der Raum. Dennis Frage bricht zwar für einen Moment das währende Desinteresse an ihrer Person, gibt aber eben genau damit zu verstehen, dass es außerhalb des Gesetztes (zB als Bankräuberin) für sie nichts zu finden gibt. Sie kann, wie die Szene spürbar macht, letztendlich nur als das erkannt werden, was sie nicht mehr ist, aber keine neuen Räume erschließen. Neue Orte hat die Gesellschaft, einschließlich ihre gesetzlosen Vertreter, nicht für sie vorgesehen. Wanda hat sich mit ihrer Unsichtbarkeit arrangiert, die Tragik der Szene beruht nicht im Verschwinden, sondern darin, trotzdem erkannt zu werden. Es reicht nicht, wie sich für Wanda zeigt, nicht zu existieren. Auch in der Nichtexistenz ist die Gefahr eines Aufscheinens im lange Verlorenen immer noch nicht gebannt.
Dennis Frage nach den Hintergründen zu Wandas Fotos bringt für einen Moment das Hierarchiegefüge zwischen den beiden ins Wanken. Und stellt sich erst wieder her, als Wanda auf ihr blosses Unvermögen, “I am just no good” insistiert. Sie kann nur als “Dumme” der Zuschreibung wieder entweichen. Damit schließt sich die Szene unmittelbar, als wäre sie nie geschehen. Wanda ist keine Mutter ohne Kinder mehr, nicht so, wie erwartet wurde. Sie ist einfach nicht da.
Person in der Menge
Vielleicht ist auch vor diesem Hintergrund zu verstehen, wie Wanda schließlich am Fusse der Bank nicht erkannt werden kann. Es macht keinen Unterschied, dass sie versucht, an den Polizisten vorbei einen Blick zu erhaschen, fast schon, sich an ihnen vorbeizudrängen.
Wie Marguerite Duras über Lodens Film “Wanda” bemerkte, ist die Relevanz der Arbeit – so auch Wandas absolutes Verschwinden – aber auch einem anderen, sehr besonderen und wirkungsstarken Umstand geschuldet: Loden spielte die Rolle der Wanda selbst. Und spielte damit, Duras Beobachtung nach, eben keine “Rolle”. Sie schrieb die Rolle der Wanda nicht für eine ihr unbekannte Frau oder für eine kritische Auseinandersetzung mit weiblichen Erwartungsmustern und Devianz im Amerika ihrer Zeit, sondern in erster Linie für sich selbst. She was Wanda. Der Film wurde zu Loden selbst, Lodens Leben abseits der Kamera zu einer blossen Annäherung an das, was nur in seiner filmischen Variante wirklich Ausdruck finden konnte. Ein Körper der, je mehr er unternimmt, immer mehr verschwindet, und nur dort für andere erkannt werden kann, wo er längst nicht mehr ist.
Thank you for nothing
Loden hat Wanda den Weg vors Gericht gespart. Das heisst womöglich auch, nicht gegönnt. Sie wird keinem Richter vorgeführt werden und sich auch bei keinem Richter bedanken können. Es ist kein Freischlag. Am Ende wird sie selbst zu einem Foto werden. In irgendeiner Bar schaut sie in der letzten Szene des Filmes mit einer Zigarette hinter dem Ohr kurz nach rechts, dann nach links. Freeze Frame.