vonKieran Thomas 12.08.2020

Utopiensucht

Alltagsbanalität trifft auf sprachliche Vielfalt. Und wie Achtsamkeit der Gegenwart die Socken auszieht.

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Mein alter Freund Tim und ich haben eine kleine Kulisse inszeniert, Stühle für uns einander gegenübergestellt und etwas gebacken. Es riecht nach Feinbäckerei.

So sitzen wir nun zusammen am Tische bei Speis und Trank und das Handy zeichnet auf…

 

Tim: Ich hab mein Glas Wasser schon ausgetrunken. (Beide lachen.)

Kieran: Fängt ja schonmal gut an. Falls du sonst austrocknest, willst du lieber noch eins?

Tim: Hast du schon angefangen mit der Aufnahme?

Kieran: Jaja fängt schon an. Ja, hol dir ruhig noch. Ich erzähl schonmal… (Tim holt sich ein neues Glas.)

Ja guten Tag! Wir befinden uns hier in Leipzig-Gohlis. Ich sitz im obersten Stockwerk eines schönen Altbau-Hauses. Man schaut in schönen, blauen Himmel, nachdem es gerade geregnet hat…

Und ich habe zum Interview einen alten Freund von mir eingeladen. Oder vielmehr hat er mich eingeladen zu sich nach Hause und ich interviewe ihn jetzt einfach.

Er heißt Tim, er ist 25, ist Physiotherapeut hier in Leipzig. Und er möchte heute mal nicht über Rückenbeschwerden reden, sondern über eine persönliche Herausforderung, die er sich dieses Jahr gesetzt hat. Es geht heute ums Bücher lesen…

Moin Tim!

Tim: Hallo Kieran!

Kieran: Erzähl doch mal kurz, was du da so gefunden hast, und wie du darauf kamst, dass das zu dir passt!

Tim: Also grundsätzlich hab ich mit dem Einstieg in die 20er Lebensjahre aufgehört, viel zu lesen. Das lag ursprünglich am Studium, wo ich halt 200 Seiten wöchentlich lesen musste und sonst nicht so viel Zeit hatte. Dann hab ich mich dem Youtube-Schauen zugewandt, bestimmt 5, 6 Stunden täglich, was auch seine Vorteile hatte, aber mich am Ende mehr gestört hat.

Und nach meinem Staatsexamen hatte ich plötzlich wieder 5 Stunden mehr Zeit täglich und da fiel mir ein: Ich möchte Bücher lesen! Ganz spezifisch als Auslöser hab ich auch eine Dokumentation über Bill Gates gesehen, der sich täglich eine Stunde Zeit nimmt zum Lesen. Und irgendwie hat mich das so geprägt, dass jetzt der Mann, der wahrscheinlich mit am meisten Geld von allen verdient, sich eine Stunde Zeit nimmt zum Lesen, dass das eine richtig geile Angewohnheit sein muss. Und in dem Sinne wurde ich inspiriert…

Kieran: Von Bill Gates… (schmunzelnd) …aber nicht nur, oder?

Tim: Nur wegen Bill Gates. (schmunzelnd)

Kieran: Okay, nehmen wir so auf. (Tim lacht herzlich.)

Tim: Ja… letztendlich hab ich mir dann auch vorgenommen, jetzt auch täglich eine Stunde zu lesen. Hab mir immer einen Timer gestellt und bin dann halt darauf gestoßen, dass mir das auch so Spaß macht, und ich mich nicht unbedingt an diese Stundenvorgabe halten muss. Aber nachdem ich dann in 2019 in 3 Monaten 8 Bücher gelesen hab, dachte ich mir, okay, das kann man ausbauen.

Ich hatte auch im Internet gelesen, dass jemand in einem Jahr 100 Bücher gelesen hat. Und ich dachte mir: So ein Buch pro Woche, (ergo 50 Bücher. Anmerkung des Autors) das klingt doch irgendwie realistischer…

Kieran: Joa, schon viel, aber gut…

Tim: Und ich habe im Zuge meiner Bücherrecherche halt die Rezensionsplattform Goodreads entdeckt. Und das ist eine App, oder auch eine Website, die man auch auf dem Mobiltelefon nutzen kann, um für eigentlich fast alle Bücher, die es so gibt, eine Rezension zu verfassen. Und da gibt es auch eine viel größere Community als auf Amazon und die inhaltlichen Beiträge sind auch ausgewogener und die Leute nehmen sich wirklich Zeit für eine Rezension. Da kommen teilweise DIN-A4-Seiten zusammen. Also das ist schon eine andere Qualität. Und in dem Sinne, weil Goodreads dann auch noch geschrieben hat: Setzen Sie sich ein Leseziel für 2020! …dachte ich, okay, 50 Bücher… Ich bin ja im Berufsleben und hab nix zu tun, keine Kinder…und dann schaff ich das doch mal eben so.

Kieran: Warum glaubst du braucht man eine App dazu? Was gerade an der App interessiert dich so?

Tim: Es interessiert mich tatsächlich insofern, als dass man auch seine eigene Entwicklung so ein bisschen nachvollziehen kann. Also es gibt ja immer eine Momentaufnahme, was einen gerade interessiert, womit man sich beschäftigt.

Ich habe ja immer 8 Bücher, aus denen ich auswählen kann, was ich als nächstes lesen will. Und es ist halt schon der Impuls, was mich jetzt gerade interessenmäßig am meisten umtreibt und womit ich mich beschäftigen kann. Und das kann halt von persönlichen Finanzen zu Spiritualität, Religion und Gesellschaftskritik über Statistik und mathematisches Verständnis der Welt zu allem Möglichen hin und herspringen.

Kieran: Okay, viel dabei. Was ist denn dann deine Lesetechnik? Wo, wann und wie liest du und benutzt du immer den Textmarker oder kommt das vielleicht auch auf das Buch an, was du gerade liest?

Tim: Dazu muss man grundsätzlich sagen, dass ich ein sehr sachbuch-fokussierter Mensch bin und mir Wissen gerne aneigne und auch kein Problem habe, mich durch für andere trockene Texte zu lesen und es als sehr unterhaltsam empfinde, Sachen zu lernen.

Und ich nicht unbedingt einen Actionplot brauche, der mich durch die Handlung zieht und mir irgendwelche Menschen näherbringt. Wenn ich einen Roman lese, lese ich meistens ohne Stift in der Hand.

Aber tatsächlich denke ich, es macht sehr viel Sinn, sich grundsätzlich Zeiten zurechtzulegen, zu denen man lesen will. Ich habe angefangen, mit einer Stunde abends vorm Schlafen gehen und hab das dann gewechselt zu zwei Stunden nach dem Aufstehen vor der Arbeit…

Kieran: Stehst du dann extra früher auf?

Tim: Deswegen stehe ich auch extra früher auf, genau. Und gehe früher ins Bett. (lacht)

Genau, das ist einfach eine schöne Morgenroutine und man fühlt sich so, als hätte man was geschafft und im Zweifel hat man ja auch was Geiles gelesen, was einem so ein bisschen was mitgibt für den Tag. Und man schafft in 2 Stunden ja auch locker ein Kapitel. Das ist eine ganz gute Zeiteinheit…

Deswegen, man sollte sich glaub ich schon Zeitkontingente nehmen, oder wenn man gar kein Leser ist bisher, und man regelmäßig lesen soll…will…möchte, kann man auch einfach sagen, nach dem Duschen les ich jedes Mal 2 Seiten und bin zufrieden.

Und immer, wenn ich Zeit und Bock hab, les ich halt immer ein bisschen mehr. Um halt einfach in die Lesegewohnheit reinzukommen…oder halt nach der Abenddusche.

Kieran: Also glaubst du denn, dass der Charakter dieser persönlichen Challenge dein Leseverhalten ausschließlich positiv beeinflusst?

Tim: Ja also grundsätzlich hab ich zwischendurch schon das Gefühl gehabt, dass 50 Bücher einfach viel ist. Das ist wirklich sehr viel Input und natürlich kann ich mich nicht an alles so klar erinnern, als wenn ich jetzt über das Jahr 10 Bücher gelesen hätte, wo ich mir mehr Zeit für nehme.

Gleichzeitig ist es natürlich auch ein dichteres Lesen und man vergisst nicht das, was vor 4 Kapiteln berichtet wurde wie bei einem Buch, was man halt mal einen Monat liegen lässt und sich dann fragt, wovon redet er jetzt gerade…

Also es ist dicht, es ist anspruchsvoll, man muss aufpassen, dass man die Sachen nicht einfach so runterschluckt und an sich vorbeiziehen lässt, deshalb nehm ich mir meistens so ein paar durchgeschnittene, zusammengetackerte DIN-A4-Blätter und schreib mir dann immer die wichtigsten Inhaltspunkte auf und versuch das für mich anzuwenden. Und die besten Bücher haben dann auch Praxisanleitungen, wenn es um Verhaltensänderungen geht, wo man sich dann auch selber den Inhalt durcharbeiten kann.

Also, 50 Bücher, das ist für mich tatsächlich der Knackpunkt. Es geht ja nicht darum, wie viele Bücher man schafft, sondern wie viele Bücher einem etwas mitgeben.

Kieran: Und wie stehst du sonst so zu alltäglichen Herausforderungen? Braucht der Mensch vielleicht gerade heutzutage die persönlichen Challenges, weil die natürlichen uns fast komplett obsolet geworden sind?

Tim: Also grundsätzlich: Ja. Ich bin ein Mensch, der für Ziele ist, weil ich denke ohne Ziele gibt man sich selbst auf. Und man kann sich natürlich treiben lassen, aber das ist kein Dauerzustand. Also ich denke man sollte immer irgendetwas vor Augen haben. Man sollte groß träumen, und klein anfangen.

Kieran: Und wir haben ja auch komische Zeiten… Wie lief denn das Lesen, dein Alltag in der Corona-Zeit?

Tim: Ja, ich war ja von meinem Job freigestellt, ich arbeite ja viel mit lungenkranken Patienten und also nach 2 Wochen des Aufkommens der ersten Meldungen, war bei uns dann die Unsicherheit auch so groß… als Kindergärten geschlossen wurden und Schulen… dass wir gesagt haben, im Zweifel sind unsere Maßnahmen auch nicht lebensnotwendig und wenn es sich verbreitet, dann auch bei uns.

In dem Sinne haben wir dann 3 Wochen geschlossen – mit der Aussage, okay, nach Ostern schauen wir weiter. Ich war zu dem Zeitpunkt aber auch erst drei Wochen beschäftigt, also nach 3 Wochen Vollzeit wieder 3 Wochen Urlaub… (lacht)

Kieran: Ja, schönes Timing…

Tim: Naja, das Schöne war, wir hatten ja hier keine Ausgangssperre (Meint er im Gegensatz zu mir, der ich in Frankreich war?! Anm.d.A.) und man konnte Spazieren gehen, was ich dann auch ausgiebig gemacht habe, obwohl ich nie ein Spaziergänger war… Und hab dann halt viele Audiobücher gehört, was ein Segen war, denn dadurch bin ich unter Anderem auf die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär gestoßen und hab mir 2 Bücher von Frank Schätzing angehört.

Kieran: So kommt man dann auch zu den Romanen, wenn man sonst eher auf Sachbücher steht…

Tim: Und so hab ich dann halt auch wahrscheinlich vier bis fünf Stunden täglich entweder auf den Ohren oder am Schreibtisch Bücher konsumiert.

Kieran: Okay, also noch mehr als sonst. Das macht schon was aus.

Tim: Einen gesunden Puffer aufgebaut in der Corona-Zeit…

Kieran: Wie für Winter anspecken…

Tim: Das hat mir natürlich auch die Motivation gehoben, weil ich dachte, okay, jetzt ist es im Rest des Jahres ein bisschen einfacher.

Da hatte ich dann 5, oder 6 Bücher in 3 Wochen gelesen. (Im Hintergrund klirrt die Kuchengabel, die die selbstgemachten Schokobrötchen zerkleinert, und Tim schmatzt genüsslich beim Reden.)

Kieran: Okay, glaubst du, deine Anzahl von 50 Büchern würde sich verändern, wenn du das nochmal machst?

Tim: Also 50 Bücher ist auf jeden Fall ein größeres Commitment für das ich meinen Medienkonsum einschränke…

Kieran: Oder umverlagerst…

Tim: Ja genau, also im Vergleich zu den letzten Jahren schaue ich eigentlich gar kein Youtube mehr. Das heißt von Stunden halt heruntergegangen auf maximal eine halbe Stunde…ich mein ab und zu natürlich schon zwei Stunden… (Das hat er ganz ernst gesagt?! Anm.d.A.)

Aber ich schaue sehr viel weniger Videos, weniger Filme, ich hör mir auch wenig Musik an. Und ich bin auch zufrieden mit dem Wechsel. Ich denke, dass der Buch-Medienkonsum halt einfach auch tiefgründiger und gehaltvoller ist, weil ein Buch ist ja nun mal ein Medium, an dem die Person, die es schreibt, Jahre lang arbeitet, was bei Zeitungsartikeln nicht der Fall ist, und bei Musik auch nicht.

Kieran: Und als letzte Frage: Welche Bücher sind denn so am allermeisten bei dir hängen geblieben? Welche haben den bleibendsten Eindruck hinterlassen?

Tim (schmatzend): Mhm… also grundsätzlich…

Kieran: Was kannst du empfehlen?

Tim: Meine Buchempfehlungen aus dem, was ich dieses Jahr gelesen habe… (schmatzt besonders laut)

Kieran: …sagte er schmatzend das selbstgebackene Schokobrötchen essend…

Tim: Also auf Platz 1 denke ich, ähm, als einer der wenigen Romane, die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär. Das ist wirklich ein fantastisches Fantasiefeuerwerk. Das kann man jedem ans Herz legen. Sehr unterhaltsam. Und es lässt einen tatsächlich mit offener Kinnlade da und man fragt sich, wie kommt der auf seine Ideen?

Kieran: Der Walter Moers… ja…

Tim: Das zweite wäre wahrscheinlich BrainChains von Theo Compernolle. Ähm… holländischer Psychologe, der verdammt viel gegen SMS schreiben am Steuer hat, aber mir persönlich einfach klar gemacht hat, was es heißt, sich zu fokussieren und inwiefern man kognitive Kosten auf sich nimmt, wenn man zwischen bestimmten Aufgaben hin und herwechselt.

Ähm… im Rahmen dessen auch: Tiny Habits von BJ Fogg. Wirklich sehr interessante und hilfreiche Ideen.

Ähm… für Menschen, die sich mit Religion auseinandersetzen: Das Manifest des evolutionären Humanismus.

Und vielleicht einfach noch: Gutes besser tun. Von William MacAskill. Der halt die Idee des Spendens wieder propagiert und sagt: Wenn jeder (Wahrscheinlich jeder Nicht-Armutsgefährdete!? Anm.d.A.) 10 % seines Einkommens gibt, dann kann er halt auch Empathie für die Welt darstellen und da wir halt begrenzte Ressourcen haben, sollte man sich wirklich sehr kritisch mit den bestehenden Spendenorganisationen auseinandersetzen, ob es da nur um die Produktion emotionaler Fotos geht oder ob die Wirksamkeit wirklich messbar belegt ist.

Kieran: Joa, hört sich interessant an.

Tim: Ähm… Das waren jetzt 5 oder? (Ich hatte dich zwar gar nicht nach deinen Top-5 gefragt, aber gut. Anm.d.A.)

Kieran: Ähm… Um bei dem letzten noch kurz zu bleiben: Geht’s da nur um Materielles und Geld spenden oder auch um andere Arten zu spenden?

Tim: Ne, also grundsätzlich sagt er, Arbeiten um zu geben ist ein legitimer Ansatz. Aber gleichzeitig kann man halt sagen, anstatt zu arbeiten, um zu geben, möchte ich arbeiten, um zu verändern. Und je nachdem, welche Chancen man hat, kann das halt eine gute Rechnung sein.

Kieran: Also auch in Form von persönlicher Aktivität…

Tim: Der Altruismus braucht Talent, damit die Sache auch vorwärts geht.

Kieran: Vielleicht brauchen wir alle unsere persönliche Art und Weise, etwas Produktives zu tun. Für manche ist es auch erfüllt im Lesen. Ich würd die Lesechallenge mit Romanen machen oder vielleicht halb halb. (Wir schmunzeln.)

Ja eine sehr interessante Sache, die Sie uns da vorgestellt haben, Herr Kemmerling. Wieso wechsle ich jetzt auf Sie?!

Danke, Tim! (Wir lachen herzlich.)

Noch irgendwelche letzten Worte? Bevor ich dich umbringe? (Wir lachen.)

Tim: Ähm… (Immer noch schmatzend.) Mach das Fenster zu.

Kieran: Jetzt?

Tim: Wenn du mich rausgestoßen hast.

Kieran: Ja gut, mach ich. Tschau! (Wir lachen…)

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