vonKieran Thomas 06.09.2020

Utopiensucht

Alltagsbanalität trifft auf sprachliche Vielfalt. Und wie Achtsamkeit der Gegenwart die Socken auszieht.

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Wer erinnert sich noch an den 12.12.2012, als der Weltuntergang überall Thema war? Wie viele meinten das Gerede darüber eigentlich ernst?

Wie hatte ich nochmal das Ganze wahrgenommen?

Da war ich 18. Ich erinnere mich sehr stark, den Eindruck gehabt zu werden, dass das Gesicht der Öffentlichkeit das Szenario als eher fiktiv darstellte, aber der innere Wunsch, es zu diskutieren, war wiederum irgendwie schon ernsthaft. Bei mir ähnlich. Allein schon als Fantasie, die mir irgendeinen Ausweg bot.

An jenem Abend traf ich einen Haufen Freunde und Bekannte in einem Proberaum. Es wurde keine Musik gemacht, nur Karten gespielt, gekifft und Pizza gegessen. So stellten wir uns unser ironisches, letztes Abendmahl, huldigend dem fliegenden, apokalyptischen Spaghetti-Monster, vor. Natürlich glaubte keiner ernsthaft an das Ende. Natürlich. Aber wir wollten trotzdem alle um Mitternacht möglichst bekifft sein, um ein potenzielles Ende der Welt möglichst fern aller sonstigen Probleme, und umgeben von Freunden, erleben zu können.

Als dann plötzlich Mitternacht war, haben glaube ich sogar echt ein paar Leute einen Countdown gezählt. Vielleicht hatte ich sogar Herzklopfen. Vielleicht erzähl ich mir das auch nur im Nachhinein. Unsere Satire des gesunden Menschenverstandes gipfelte natürlich in… Nichts.

Irgendwann ging man einfach nach Hause.

War man jetzt enttäuscht? Was hatte man denn wirklich erwartet? Wäre das ein wünschenswertes Szenario, wenn sich einer der geliebten Endzeit-Hollywood-Filme in die gelebte Wirklichkeit übersetzen würde?

Seit diesem Abend denke ich manchmal, die Menschheit hat eine heimliche Sehnsucht nach dem Untergang – vielleicht auch einfach nur nach einem bisschen Spannung im eigenen Leben. Gegen diese Leere. Rauchen und trinken deswegen immer noch so viele? Ist es eine ungerichtete Suche nach Bedeutung in unserer von Weltkriegen und großen Traumata verschonten Epoche?

Ist das nicht eigentlich etwas verdammt Gutes?

Ist es nicht etwas verdammt Tolles, das Leid der Welt nur noch auf Bildschirmen zu sehen? Das Leid, für das „der Westen“ eigentlich, und gleichzeitig offensichtlich, sich hauptverantwortlich sehen müsste? Und was ist das überhaupt, „der Westen“? Ist das etwas Gutes? Ist das etwas Konstantes? Ist das auch Ostdeutschland? Und Polen? Und Israel?

Ich habe wenig Lust, die zahlreichen, sich gegenseitig ausschließenden Definitionen zu Rate zu ziehen. Der sichere, schöne Westen ist und bleibt ein Konstrukt.

Und in diesem Jahr, wo uns vielleicht doch noch diese generationenprägende Katastrophe erreicht hat, habe ich persönlich plötzlich gar keine Lust mehr auf Untergang. Ich bin ja noch nicht einmal ein ansatzweise bedeutsamer Akteur in diesem schleichenden, so halb real scheinenden Untergansszenario. Und diese pandemische Krise, die die große Krise der ökologischen Zerstörung auch noch medial überschattet, fühlt sich nicht danach an, als würde sie ein Zusammengehörigkeitsgefühl schaffen. Es wird überall darüber geredet. Selbst sexy JoggerInnen, die zu zweit an einem vorbeirennen, quatschen darüber.

Aber kaum einer kann etwas dagegen machen. Außer vielleicht eine Maske zu tragen. Und die neueste, verbindende Idiotologie, eben keine Masken zu tragen, schweißt heute Esoteriker und Neo-Nazis zusammen.

Newsflash:

Der fucking Reichstag wurde „gestürmt“ – und drei Polizisten sind kurz die glorreichen 300 von Sparta?

Die Omas gegen Rechts mit den selbstgenähten Masken stellen sich öffentlich gegen den Sturm.

Und „die Zahlen“ steigen

Und Esoteriker schluchzen nicht mehr nach Normalität und verteilen Flyer gegen Corona-Impfungen, sondern schreien jetzt sogar dafür. Als wäre unser Jammern nach Gestern überhaupt angebracht. Wann waren wir denn bitte das letzte Mal glücklich mit der Normalität? Was ist das gerade für eine Katastrophe, in der (fast) alles stiller geworden ist?

Sie ist schleichend. Sie ist langweilig. Sie ist ohne leitende Geschichte, ohne leitende Heldenfiguren in den Massenmedien. Sie spaltet die Gesellschaft und sie klammert uns Einzelne aus. Von den Nachbarn und von den Entwicklungsländern, die eigentlich gerade umso mehr Hilfe benötigen.

Aber diese Krise, die man nicht laut ausspucken darf, schafft trotzdem ein nicht greifbares, vielschichtiges, kollektives Trauma. Dabei bin ich als Individuum aber taub, besinnungslos. Und ich will mich wieder betäuben bis um Mitternacht und darüber hinaus, mit meinen Freunden, und Filme gucken. Ist das mein Ausweg? Oder ist das schon die stille Einkehr?

„Eskapismus [das bewusste Suchen von Auswegen aus dem Alltag, Anm.d.A.] kehrt zurück, und zwar big-time!“, sagte der Hollywood-Regisseur Matthew Vaughn in der September-Ausgabe der cinema. Wir gucken also demnächst wieder mehr Komödien, und weiterhin retten Superhelden die fiktiven Welten. Er hat zwei meiner Lieblingsfilme, Kick-Ass mit Nic Cage und Layer Cake mit Daniel Craig, gedreht – der hat bestimmt Ahnung…

Die potenziellen Weltretter auf den rebellierenden Straßen haben jedoch selten allgemein bekannte Gesichter.

Und die deutschen Politiker-Gesichter scheinen auch nicht anders zu können, als trübe zu gucken. Werden von den Medien da die immerfalschen Protagonisten gezeigt? Die, die selbst nur Systemgefangene sind, die nur an den Stellschrauben sind, alles nicht genug besser zu machen?

Mir ist es einfach gar nicht genug, was sich hier verändert. Auch bei mir selbst. Vielleicht in erster Linie bei mir selbst. Ich erinnere mich an Zeiten, an denen ich Sinnvolles gemacht habe. Sinnvolles für Andere und für mich. Die Probleme waren weder rein kollektiv, noch rein individuell. Ich konnte mich identifizieren mit Zielen, die überschaubare Probleme angegangen sind. Ich hatte einen Überblick über mein eigenes Handlungsspektrum.

Und heute suche ich gerade danach. Nach Überblick. Und dabei stagniere ich, da ich schon beim Überblick über meine persönlichen Möglichkeiten ins Straucheln komme.

Ich bin jetzt 26. Und ich fühle mich zwar nicht alt im Gegensatz zu damals 18. Aber ich fühle mich anders, als ich gedacht hatte, mich jetzt zu fühlen. Ich dachte damals so Sachen wie, dass ich mit Mitte Zwanzig das personifizierte Selbstbewusstsein geworden sein müsste, da es bis dato ja immer nur bergauf mit meiner imaginierten Größe ging.

Und jetzt fühle ich mich zwar nicht klein. Aber irgendwie isoliert, oder verlaufen. Bin ich irgendwo falsch abgebogen? Wieso geht eigentlich nur jeder 10te meiner Freunde demonstrieren? Fühlt sich der Rest auch manchmal schwach und fehlgeleitet, wenn er oder sie in den Nachrichten liest, dass wieder irgendwo mutig auf den Straßen demonstriert wird? Die Menschen von Extinction Rebellion, die gerade London blockieren und damit heute sogar kurz die Headlines von BBC beherrschten, ihre Gesichter werden teilweise so nah aufgenommen, während sie gerade von der Polizei abgeführt werden.

Ihre leuchtenden Gesichter, sie strahlen nicht unbedingt Größe aus, eher sogar Schwäche, Sensibilität und gerade darin zittert eine gewaltige Stärke. Unter Hashtags wie #Tellthetruth oder #Freethetruth (Der Kampfbegriff der „Freiheit“ bleibt also doch nicht den Rechten überlassen…) blockieren Menschen Straßen und Presseanstalten gegen den Status quo, der auch mich so überwältigend überfordert.

Und ich sitz zuhause und lese darüber. Ich, der jetzt 26jährige, guck heute Abend in den Sonnenuntergang, auf dem Balkon mit Kaffee in der Hand, und fühle kurz, wie ich mich wirklich fühle. Da ist immer noch ein Haufen Kraft, und tatsächlich kenne ich mich besser als damals. Aber da ist auch Zweifel. Ich muss mir eine Wohnung suchen, und weiß noch nicht einmal, ob in Berlin oder Köln oder doch in Naturnähe.

Gerade bewerbe ich mich auch bei einem Haufen NGOs, auch wenn ich dafür etwas „Unpassendes“ studiert habe. Und bei der Bewerbung bin ich offensichtlich immer einer von sehr vielen, denn ich bekomme bisher nur Absagen. Viele meiner Freunde bewerben sich auch gerade. Auch ähnlich querbeet wie ich. Und sammeln auch größtenteils munter Absagen.

Ist da gerade kein Platz für uns suchende Menschen? Wieso sind da so wenig Stellen für Veränderung? Für Neuanfänge?

Ich verstehe die Absagen ja auch. Ich hab vielleicht gerade mehr zu lernen, als ich gerade zu geben habe. Aber irgendwo muss man doch anfangen? Auf der Straße? Demonstrierend? Das passt sowas von leider nicht in den traditionellen Lebenslauf!

Ich stagniere. Aber ich verteile meine Zweifel und reflektiere meine Angst vor der Zukunft. Die Sonne geht unter hinter den Baumwipfeln und ich setz mich wieder an den Laptop. Und suche weiter.

Ich lebe inmitten dieser historisch ohnmächtigen und einsamen Epoche vor mich hin und weiß nicht wohin. Die kollektive Krise erlebe ich so individuell. Meine Erwartungen meiner Selbstwirksamkeit sollten theoretisch doch eigentlich hoch sein. Meine Voraussetzungen sind verhältnismäßig gut. Ich befinde mich in einer systemrelevanten Ausbildung und habe tolle familiäre und freundschaftliche Unterstützung. Ich kenn mich mittlerweile gut genug und weiß, dass das gerade einfach wieder eine blöde Phase ist und besser wird bei mir im Kopf. Dass es aber kollektiv besser werden wird, mit der Laune und mit dem Überleben der Natur, da bin ich mir immer unsicherer.

Da hilft sicherlich nur, irgendwo anzufangen. Irgendwo? Da wären wir wieder beim Thema Übersicht.

Ich habe gerade erst zwei Tage allein am See und im Wald verbracht. Einsam fühlte ich mich nicht. Mir war noch nicht einmal langweilig, obwohl ich den ganzen Tag nichts anderes gemacht hab außer schwimmen, spazieren gehen und Bücher lesen. Es konnte aber nicht mehr als ein kleiner Erholungstrip sein. Da sind auch Stellschrauben in meinem Leben, die ich abgehen kann, die ich lange vernachlässigt hab. Und dafür brauch ich gerade leider Internet und Strom…

Und ich glaub, ich fang einfach mal damit an, meinen Keller auszumisten, 9/10 meiner Klamotten zu spenden. Und dann den Leuten zu helfen, die mich auch ohne Fragen nach Lebenslauf oder Geld aufgenommen haben.

So baue ich mir das gerade wackelige Konstrukt meiner Selbstwirksamkeit langsam wieder auf. Die Katastrophe hört schon nicht morgen auf. Kein Stress. Sie war schon immer da und fängt gleichzeitig gerade erst richtig an. Das kann ich auch langsam angehen und mit meinen persönlichen, täglichen Krisen ein bisschen mehr Frieden finden. Klimawissenschaftler wie Kate Marvel werden nach Hoffnung gefragt, aber die Antwort, die angebrachte Haltung, ist vielleicht eher Courage, sagt sie.

Ein bisschen weniger Betäubung und unreflektiertes Ausweg-Suchen helfen vielleicht auch. Mein Leben ist nicht der Film „2012“, in der John Cusack die Welt sicherlich zur knappen Hälfte nur rettet, weil er wieder mit seiner Ex zusammen sein wollte.

Lasst uns realistisch sein. Manche Sachen sind nicht mehr zu retten. Aber einiges schon noch.

Maske tragen hilft.

Darth Vader hat sie das Leben gerettet. (Kein Bock auf echte Referenzen zu diesem offensichtlichen Fakt.) Er hatte sicher einige schlechte Jahre. Einige Jahre der besinnungslosen Aggression. Aber am Ende hat er sich doch für das Gute entschieden. Chapeau!

Ich will damit jetzt nicht sagen, dass das Leben doch wie ein Film sein sollte. Aber die Geschichten, die Analogien, die Botschaften wurden doch von Menschen für Menschen geschaffen, oder? Es gilt die wertvollen Ideen herauszufischen aus dem Ozean der Verblödung, des florierenden Eskapismus und verwandter, weniger subtilen Verschwörungen fern der Vernunft.

Sonst ist in ein paar Jahren alles voller Quallen und …ja was denn sonst noch?

Egal, was da noch kommt, es bleibt defintiv spannend. Eine gemäßigte, den Alltagsrealitäten angepasste Form der Positiven Psychologie könnte helfen. Habe ich gerade gelesen. Und das ist auch genau das, was ich wieder glauben will. Die Cambridge-Psychologin Büttner sagt uns: „Schulen Sie sich in Dankbarkeit!“ Okay. Danke!

Lesen hat heute meinen Tag ruiniert und dann doch wieder gerettet.

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