vondieverantwortlichen 13.01.2020

Die Verantwortlichen

Roland Schaeffer fragt sich, warum vieles schief läuft und manches gut. Und wer dafür verantwortlich ist.

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Die Klimakrise ist da. Verursacht in den letzten 100 Jahren, beschleunigt in den vergangenen 50 Jahren, seitdem gegen besseres Wissen. Die materielle Ordnung der Dinge, die unsere Zahl auf 8 Milliarden erhöht, die Lebenserwartung verdoppelt, warme Zimmer und volle Teller garantiert, führte direkt in den Kollaps. Es ist unsere, die Lebensweise eines Teils der heutigen Menschen, die die Katastrophe verursacht.

Nur: Wen können wir verantwortlich machen? Als der Philosoph Karl Jaspers nach der Katastrophe des Dritten Reiches in einer Vorlesung an der Universität Heidelberg und anschließend in einem kleinen Buch[i] fragte, wie die Menschen in Deutschland künftig zusammenleben könnten, die Täter und Unterstützer des Regimes, die zu Verlierern geworden waren  mit den Opfern und den Verfolgten, die aus den KZs kamen und keine Sieger waren, die Flüchtlinge und Ausgebombten mit jenen, die alles ohne große Verluste überstanden hatten, erschienen ihm zwei Dinge wichtig: „Wir wollen lernen, mit einander zu reden“, denn nur dadurch könne man „… die Bereitschaft zum Nachdenken wiederherstellen“. Dabei komme es auf die Haltung der Sprechenden an. Es dürfe keine Beleidigungen oder selbstzufriedene Rechthaberei geben, aber auch „…keine Milde durch Verschweigen, keinen Trost durch Täuschung. Es gibt keine Frage, die nicht gestellt werden dürfte…“. Schließlich sei man gezwungen, „gemeinsam einen Weg zu finden.“ „Wir gehören zusammen, wir müssen unsere gemeinsame Sache fühlen, wenn wir miteinander reden.“.

Die heutige Situation ist grundlegend anders. Die Unterschiede beginnen mit dem „wir“, für das bei der Klimazerstörung letztlich die gesamte Menschheit steht (wenn auch in extrem unterschiedlicher Beteiligung). Dass  wir nicht fähig waren, die wissenschaftlich immer präziser prognostizierten Gefahren zu vermeiden, weil die ungezählten Akteure ebenso zahllose unterschiedliche Interessen verfolgten, ist eine furchtbare Verfehlung. Trotzdem unterscheidet sich diese Ignoranz kategorial  von den Verbrechen des staatliche geplanten und durchgeführten industriellen Massenmords und der Vernichtungskriege. Eigentlich sollte uns also  das Reden leichter fallen, zumal wenn es „die Vermischung von Begriffen und Gesichtspunkten“ (Jaspers) vermeidet.

Nur ist von solcher Leichtigkeit gegenwärtig nichts zu erkennen. Ein Hauptgrund dürfte sein, dass die Klimakrise zwar das Potential hat, vergleichbare Verheerungen und menschliche Tragödien zu verursachen, diese aber noch in den Modellrechnungen der WissenschaftlerInnen verborgen sind. Die gute Nachricht ist: Unser Reden kann noch dazu beitragen, den Gang der Dinge noch verändern. Die schlechte: Umso heftiger wird der Streit um die richtigen Worte, Adressaten, Ziele, Redeweisen, Interessen und Strategien ausgefochten. Auf die Frage nach Handlungsmöglichkeiten werden also noch sehr praktische Antworten gesucht.

Gegenwärtig herrscht in der Öffentlichkeit die Meinung vor, dass „wir alle“ verantwortlich seien. Wir alle seien als KonsumentInnen Verursacher von Emissionen, also müssten wir unseren „Lebensstil“ und uns selbst verändern. So unvermeidlich diese Einsicht ist, so sehr führt sie zugleich in die Irre. Man muss sogar befürchten, dass sie den notwendigen grundlegenden Wandel eher behindert als befördert. Weil sie all jene, die handeln möchten, in eine unendliche Kette von Vermutungen über Zusammenhänge, von Anklagen und Vorwürfen, bis hin zu gegenseitigen Beschuldigungen verstrickt. Da diese unabweisbar immer ein Körnchen Wahrheit enthalten, sind sie umso schmerzhafter.

Wer andere darauf hinweist, dass sie sich klimaschädigend verhalten, formuliert schließlich eine steinharte moralische Anklage: Durch das, was Du tust, durch den Käse, den Du kaufst oder den Skiurlaub, den Du Dir leistest, durch die Heizung, die Du andrehst oder die neue Unterwäsche – also durch all deine Lebensäußerungen erzeugst Du Klimaeffekte und zerstörst die Welt. Du hast Teil an den Fluchtbewegungen in Afrika, Du vernichtest unser aller Zukunft. Je weniger davon du tust, desto besser. Wirklich helfen wird der Verzicht aber auch nicht, wir kennen schließlich noch nicht einmal alle Zusammenhänge. Am Ende wird stehen: Du bist schuldig.

Brauchen wir also wirklich mehr solcher Beschuldigungen, wie sie jetzt überall zu hören sind? Brauchen wir mehr „Mut vor dem Freund“, um ihn oder sie auf seinen falschen Lebensstil aufmerksam zu machen, wie Margarethe Moulin gerade in der TAZ geschrieben hat?[ii] Wäre es, um den Gedanken weiter zu führen, nicht besser, dann auch auf eigene Kinder zu verzichten, wie das die Anti-Natalistin Verena Brunschwiger im Gespräch mit der Zeit-Journalistin Nina Pauer fordert?[iii] Wäre es schließlich am Ende nicht konsequent, sich gleich selbst möglichst ungeschehen zu machen? Und müssen wir wirklich – und all die anderen desgleichen – zu besseren Menschen werden, die stän

dig damit rechnen müssen, dass sie schon wieder jemand bei einem Fehltritt erwischt?

Tatsächlich können wir wissen, dass individuelle Konsumentscheidungen für die große Mehrheit der Gesellschaftsmitglieder nur den kleineren Teil ihres ökologischen Fußabdruckes ausmachen. Selbst wer in Deutschland konsequent klimafreundlich lebt, verursacht noch das Vielfache dessen, was Menschen in ländlichen Gegenden Afrikas oder Indiens verbrauchen oder jedem/jeder Einzelnen bei Einhaltung des 1,5 Grad-Zieles zusteht – weil Emissionen zum großen Teil eben nicht individuell stattfinden, sondern durch gesellschaftliche, politische Entscheidungen und gebaute Infrastrukturen sowie die zugehörigen Normen, Standards und Gewohnheiten verursacht werden, in die alle eingebunden sind und an denen alle teilhaben?

So verständlich die Empörung über bewusste Ignoranz oder dreistes Protzgehabe im Alltag sein mag – die notwendigen Grundsatzentscheidung kommen dadurch nicht voran. Wer persönliche Eigenheiten und Lebensformen zu eigentlichen Thema erklärt, riskiert es, Ressentiments zu mobilisieren, anstatt gesellschaftliche Kooperation und politische Konfliktaustragung zu ermöglichen. Und es gibt weitere Folgen. Durch die Streitereien um Nebensächlichkeiten (nach der Plastiktüte kommt jetzt der Kaffeebecher…) können, ähnlich wie in einer zerstrittenen Großfamilie oder einer schlecht geführten Organisation, all jene Fragen umgangen werden, die schwer lösbar erscheinen oder in die direkte Konfrontation mit Einflussreichen, Mächtigen und Verantwortlichen führen würden (die SystemikerInnen der Familientherapie und Managementberatung hätten ihre heimliche Freude an derartigen Strategien und an der „magischen Koordination“ der Beteiligten bei der „Arbeitsverweigerung“ im Innovationsprozess).

Wäre es also nicht zunächst über die uns allen gemeinsame, durchaus tragisch zu nennende Verstrickung zu sprechen – und so eine gemeinsame Grundlage zu schaffen? Schließlich könnten wir nur so klären, wer über welche Entscheidungsmacht tatsächlich verfügt, wer also welche Verantwortung tragen muss.

Dann könnte endlich über wirksame Klimapolitik gesprochen werden. Würde man die tatsächliche Emissionsverminderung zugrunde legen, gäbe es höchst konkrete politische Aufgaben: GebäudeeigentümerInnen wären zu veranlassen, endlich einen Teil ihrer Traumrenditen der letzten Jahre in energetische Sanierung zu stecken. Landwirtschaftsindustriellen, ebenfalls für 7,3 % der Emissionen und die Zerstörung der biologischen Vielfalt zuständig, wäre die großzügige Subventionierung zu entziehen. Die fossile Energieerzeugung wäre zu beenden und so den Übergang zur Elektromobilität tatsächlich zu einer klimapolitischen Chance zu machen. Nichts davon würde die Allgemeinheit einen Cent kosten. Und nichts davon ist durch individuelle Konsumentscheidungen Aber es bedürfte großer gesellschaftlicher Anstrengungen – schließlich braucht es qualifizierte HandwerkerInnen, wenn energieeffizient renoviert werden soll. Professionelle Klimaarbeit wird nur durch langfristige politische Strategien möglich.

Am Beispiel der von Deutschland im letzten Jahrhundert politisch verursachten Katastrophe hat Karl Jaspers versucht, die als Individuum individuelle von der politischen, also der gesellschaftlichen und kollektiven Verantwortung zu unterscheiden – und den Zusammenhang zwischen beiden zu klären.

„Es ist das Verhängnis jedes Menschen, verstrickt zu sein in Machtverhältnisse, durch die er lebt. Dieses ist die unausweichliche Schuld aller, die Schuld des Menschseins. Ihr wird entgegengewirkt durch den Einsatz für die Macht, welche das Recht, die Menschenrechte, verwirklicht. Das Unterlassen der Mitarbeit an der Strukturierung der Machtverhältnisse, am Kampf um die Macht im Sinne des Dienstes für das Recht, ist eine politische Grundschuld, die zugleich eine moralische Schuld ist.“

Die ökologische Verantwortung ließe sich ähnlich beschreiben. Jede und jeder Einzelne trägt Verantwortung für die Strukturierung der wirtschaftlichen Machtverhältnisse und die Gestaltung des gesellschaftlichen Stoffwechsels mit der Natur. Das ist seine oder ihre politische Verantwortung. Die private Ökobilanz steht auf einem anderen Blatt. Darüber kann und sollte man mit seinen FreundInnen sprechen, denn, wie Jaspers sagt: „über moralische Schuld kann wahrhaft nur im liebenden Kampfe unter sich solidarischer Menschen gesprochen werden.“

Beschämungsaktionen hingegen tragen zur Spaltung der Gesellschaft entlang von sozialmoralischen Milieugrenzen bei –  eine Spaltung, die von den Gegnern jeder vernünftigen Klimapolitik dankbar politisch genutzt wird.  Und sie lenken ab von jenem offenen Gespräch über die gemeinsame Zukunft, das so unendlich dringend und notwendig ist.

Denn schließlich muss die Wirtschaftsweise, in der 8 Milliarden umweltverträglich leben können, erst erfunden werden.

[i] Karl Jaspers, Die Schuldfrage, Von der politischen Haftung Deutschlands“, Heidelberg, Lambert Schneider 1946.
[ii] „Mut und Feigheit vor dem Freund“, taz vom 4. 1. 20
[iii] https://www.deutschlandfunk.de/nina-pauer-vs-verena-brunschweiger-sind-kinder-klimakiller.2927.de.html?dram:article_id=467625

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