vonmaggie 14.06.2026

Widerhaken

Literaturkritiken. Oder: ein Versuch, nicht den Kopf zu verlieren, zwischen all den Worten die so herumirren in unserer wundervollen Welt.

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Inhalt
Am 4. September 1997 sprengten sich drei Selbstmordattentäter mitten auf der Ben-Jehuda-Straße im Zentrum Jerusalems in die Luft. Unter den Toten ist die vierzehnjährige Smadar, die gerade Schulbücher kaufen und sich später für einen Jazzdance-Kurs anmelden wollte. Am 16. Januar 2007 wurde die zehnjährige Abir kurz vor ihrem Schultor von einem israelischen Grenzpolizisten erschossen. Sie war nur schnell zu einem Laden herübergegangen, um sich Süßigkeiten zu kaufen.

„Apeirogon“, erzählt eine wahre Geschichte mit fiktionalen Elementen von Abir und Smadar, vor allem aber von ihren Vätern Bassam und Rami. Bassam ist Palästinenser, Rami ist Israeli und ihre Herkunft müsste sie eigentlich trennen, doch die Trauer um ihre Kinder bringt sie zusammen. Genauso wie viele andere Palästinenser:innen und Israelis im ParentsCircle.

Das Buch besteht aus 1001 Abschnitten, die einen Satz bis einige Seiten umfassen können. In der Mitte des Buches sind Reden von Bassam und Rami wortwörtlich abgedruckt. Es entsteht ein detailreiches Mosaik aus Geschichte und Gegenwart, Hass und Hoffnung, Gegensätzen und Gemeinsamkeiten. Angelehnt ist die Idee an das geometrische Objekt „Apeirogon“ – eine Figur mit zählbar unendlich vielen Seiten. Das Buch ist ein Aufruf zu Frieden und zum Ende der Besatzung, zu Respekt, vor allem aber zum miteinander sprechen und einander zuhören.

Über den Autor
Colum McCann stammt aus Irland und studierte Journalismus am Dublin Institute of Technology. Er arbeitete einige Zeit als Journalist, lebte in den USA und in Japan. Er ist Mitbegründer von Narrative 4, einer international agierenden NGO, die Jugendliche ans kreative Schreiben und Geschichtenerzählen heranführen soll. Seine Werke sind „Ausschnitte“ aus der Wirklichkeit, beruhen teilweise auf wahren Tatschen und zeichnen sich durch eine sehr facettenreiche Betrachtung des Themas und eine tiefe Recherche aus. Er gewann bereits zahlreiche Preise, darunter 2020 den französischen „Prix du Meilleur livre étranger“ für die französische Übersetzung von „Apeirogon“.

Auswahl von Zitaten, aus den im Buch abgedruckten Reden von Rami Elhanan und Bassam Aramin

„Mein Name ist Rami Elhanan. Ich bin der Vater von Smadar. Ich bin siebenundsechzig und Grafikdesigner, Israeli, Jude, Jerusalemer in siebter Generation. Und vielleicht so etwas wie ein Holocaust-Absolvent. Meine Mutter wurde in der Altstadt von Jerusalem geboren, als Tochter einer ultraorthodoxen Familie. Mein Vater kam 1946 her. Er sprach nur selten darüber, was er in den Lagern gesehen hatte, außer mit meiner Tochter Smadar, als sie zehn oder elf war. Ich stamme aus einfachen Verhältnissen – wir waren nicht reich, aber auch nicht arm.“ – Rami Elhanan

„Mein Name ist Bassam Aramin. Ich bin der Vater von Abir. Ich bin Palästinenser, Muslim, Araber. Ich bin achtundvierzig. Ich habe an vielen Orten gelebt – in einer Höhle bei Hebron, sieben Jahre im Gefängnis, danach in einer Wohnung Anata, und jetzt wohne ich in einem Haus mit Garten in Jericho nicht weit vom Toten Meer. Mein Vater hielt in den Bergen Ziegen und anderes Vieh, meine Mutter kümmerte sich um die fünfzehn Kinder. Beide waren in Sa’ir geboren, einem Dorf in der Nähe von Hebron, wie ihre Eltern und auch deren Eltern. Ich wuchs in einer Höhle auf, keine Höhle, wie sie es sich vielleicht vorstellen – es gab Regale voller Bücher, Teppiche an den Wänden, im Sommer war es kühl, im Winter warm, es war immer viel los, das Essen war gut, wir waren glücklich dort, es fehlte uns an nichts.“ – Bassam Aramin

„Und dann sah ich diese Frau, ganz in Schwarz, in einem traditionellen palästinischen Kleid mit Kopftuch – eine Frau, die ich an einem anderen Ort vielleicht für die Mutter eines der Mörder meines Kindes gehalten hätte. Sie stieg aus dem Bus, kam langsam und würdevoll auf mich zu. Und dann sah ich es, sie hielt ein Foto ihrer Tochter vor der Brust. Sie ging an mir vorbei. Ich war wie vom Donner gerührt: Diese Frau hatte auch ihr Kind verloren. Das klingt vielleicht wie eine ganz simple Einsicht, aber so war es nicht. Ich hatte in einer Art Sarg gelebt und auf einmal sprang der Deckel auf. Der Schmerz dieser Frau unterschied sich in nichts von meinem Schmerz.“ – Rami Elhanan

„Ich war also plötzlich ein Mann, dessen Tochter von denen ermordet wurde, mit denen er Frieden schließen wollte.“ – Bassam Aramin

„Und wie Bassam immer sagt, wir fliehen von unserem Schmerz in unseren Schmerz.“ – Rami Elhanan

„Was ich mache, hat nichts mit Kollaboration zu tun, nichts mit Normalisierung, es ist einfach pure Trauer und deren Macht ist, wie Rami immer sagt, atomar.“ – Bassam Aramin

„Die Lebenden müssen die Toten begraben. Ich zahle den Preis, und manchmal verzage ich, aber was bleibt uns anderes übrig, als hoffnungsvoll zu sein?“ – Rami Elhanan

„Doch im Gefängnis fing ich an, über unser Leben nachzudenken, über unsere Identität, was es bedeutet, Araber zu sein, und das brachte mich dazu, mich auch mit den Juden auseinander zu setzen.“ – Bassam Aramin

„Aber ich bin Jude. Ich liebe meine Kultur und mein Volk sehr, und ich weiß, dass es nicht jüdisch ist, Länder zu besetzten, andere zu beherrschen und zu unterdrücken. Jüdisch sein bedeutet, Recht und Anstand zu achten. Kein Volk darf ein anderes unterdrücken und selbst in Sicherheit und Frieden leben. Die Besatzung ist weder gerecht noch tragbar.“ – Rami Elhanan

„Ja, ein israelischer Grenzpolizist hatte meine Tochter getötet, aber hundert ehemalige israelische Soldaten waren nach Anata gekommen, um einen Spielplatz für sie zu bauen. Dazu müssen sie verstehen, wie riskant es für sie war, dorthin zu kommen. Ich musste dafür sorgen, dass ihnen nichts passierte.“ – Bassam Aramin

„Trotzdem müssen wir uns klarmachen, dass eine Seite, die Palästinenser, vollständig im Abseits steht. Sie besitzen keine Macht. Was sie tun, geschieht aus unsäglicher Wut, Frustration und Erniedrigung. Ihr Land wurde ihnen weggenommen.“ – Rami Elhanan

„Wir, die Palästinenser, wurden zu den Opfern der Opfer. Ich wollte mehr verstehen. Warum war das so? Im Gefängnis lernte ich Hebräisch und sogar ein paar Worte Jiddisch. Und schon bald unterhielt ich mich mit einem der Wärter.“ – Bassam Aramin

„Manche Leute haben ein Interesse daran, das Schweigen zu wahren. Andere haben ein Interesse daran, mit Angst Hass zu sähen. Mit Angst lässt sich Profit machen, Angst schafft Gesetze, Angst stiehlt Land, baut Siedlungen und bringt Leute zum Schweigen.“ – Rami Elhanan

„Wir begriffen, dass wir einander aus denselben Gründen töten wollten: Sicherheit und Frieden. Stellen Sie sich das vor, welche Ironie, das ist doch verrückt. Wir saßen im Everest Hotel und sprachen darüber, die Besatzung zu beenden. Allein das Wort Besatzung bringt die meisten Israelis in Rage. Natürlich hatten wir unterschiedliche Standpunkte – sie sind die Besatzer, wir die Besetzten, also sehen sie vieles anders. Aber letzten Endes wurde auf beiden Seiten gestorben, wir brachten uns gegenseitig um, wieder und immer wieder. Um dem ein Ende zu bereiten, mussten wir einander kennenlernen.“ – Bassam Aramin

„Ich weiß, das es erst vorbei sein wird, wenn wir miteinander reden.“ – Rami Elhanan

„Aber Frieden ist eine Tatsache. Eine Frage der Zeit.“ – Bassam Aramin


Weiterführende Links: Combatants for Peace, Parents Circle, Parents Circle Friends Deutschland

ISBN: 978-3-499-27187-8

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