vonmaggie 30.06.2026

Widerhaken

Literaturkritiken. Oder: ein Versuch, nicht den Kopf zu verlieren, zwischen all den Worten die so herumirren in unserer wundervollen Welt.

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Inhalt
In den einzelnen Teilen des Buches folgen wir Natsumi durch ihren Alltag. Sie ist gerade mit ihrem Mann in eine große schicke Wohnung in einem Neubaugebiet am Rand von Tokio gezogen; sie hat zwei Kinder und ihren Beruf aufgegeben. Ihr Leben verläuft repetitiv – Einkaufen, Wäsche, Waschen, Kinder in die Schule bringen, Kochen, und alles wieder von vorn. In regelmäßigen Abständen fallen Dinge für die Schule der Kinder an, Arzttermine, Geschenke für die Eltern und Schwiegereltern und Schwestern und Neffen müssen besorgt werden, Reisen organisiert und Treffen eingehalten werden. Gespräche mit Nachbarinnen, Telefonate mit Freundinnen. Kleine Skandale, die den immergleichen Trott ein wenig aufrütteln könnten, aber schlussendlich doch nichts weiter sind als ein Gespräch, bei dem man froh ist, wenn es vorbei ist.

Natsumi fühlt sich fremdbestimmt. Auch ihr Mann ist kein resonierender Bestandteil ihres Lebens, er ist ganz nett und war der Beste, der damals zur Stelle war. Teilweise ekelt sie sich vor ihm, beispielsweise wenn sie seine Haare mit Klebeband vom Kopfkissen sammelt oder dasselbe Badewasser nutzen soll. Ihre Wäsche waschen sie getrennt. Er interessiert sich wenig führe ihre Nachbarschaftsgeschichten. Aber die Kinder haben ihn lieb, denn er geht mit ihnen ins Restaurant essen, wenn Natsumi an einem Abend nicht da ist.

Natsumi fühlt sich als „geschlechtsloses Wesen mittleren Alters“, identitätslos. Doch natürlich ist sie es nicht, wir erfahren einiges über ihre Familie, über ihre Kindheitsträume, ihre Vorlieben und Abneigungen. Sie wird nicht als passive Leidensfigur dargestellt; sie hat Geschmack, Vorlieben, Urteilskraft und Sinn für Humor. Doch die Form wird ihr verwehrt. Insgesamt führt sie ein gewöhnliches Leben, fast so, dass es jede Frau sein könnte.

Über die Autorin
Mieko Kanai wurde 1947 in Japan geboren und ihre über dreißig Romane und Kurzgeschichten wurden mehrfach in Japan ausgezeichnet. Ihre Essays erscheinen seit über fünfzig Jahre in japanischen Zeitschriften und Zeitungen. „Leichter Schwindel“ ist ihr erster ins Deutsche übersetzter Roman.

Die unsichtbare Frau mit der unsichtbaren Arbeit
Im Nachwort des Romans schreibt Kanai, dass sie absichtlich nicht „den schweren Wahnsinn“ beschreibt, sondern den „leichten Schwindel“. Er macht sich nicht durch dramatische Ereignisse bemerkbar (eher durch ihre Abwesenheit), sondern durch Eintönigkeit. Ein Zustand, indem nichts so einschneidend sein kann, dass es eine Veränderung hervorruft. Und während die Innenwelt fade wird, vergisst die Außenwelt, wer sie ist. Ab und zu gibt es einen Moment, indem sich die Frau wie von außen sieht; als wäre man aus dem eigenen Körper gehoben worden. Die Betrachtung der Szenerie der eigenen Lebensrealität ruft leichten Schwindel hervor. Wie entsteht dieser Zustand?

Die Figur der Hausfrau ist eine relativ moderne Rolle. Vor der Industrialisierung arbeitete der Großteil der Bevölkerung in der Landwirtschaft und damit war „der Haushalt“ untrennbar mit der „Arbeit“ verbunden. Mit der Industrialisierung wurde „Arbeit“ zu „Lohnarbeit“ und der „Arbeitsplatz“ wurde vom „Haushalt“ getrennt. Mit der Verlagerung des Arbeitsbegriffes aus dem häuslichen Bereich heraus, und mit der Kopplung an ein Gehalt, wurde die Hausarbeit unsichtbar – die Arbeit der Frau. Dazu kam die ideologische Erzählung der „braven“ Hausfrau und Mutter, die ihrem Mann die Teilnahme an der Gesellschaft überlässt. Dieses Modell stabilisierte patriarchale Strukturen und entlastete den Staat, da die Care-Arbeit nicht bezahlt werden musste; insbesondere im Bereich Pflege und Kindererziehung. Care-Arbeit geht allerdings über den Begriff der Hausfrau hinaus: denn auch wenn Frauen voll erwerbstätig sind, leisten sie meist weiterhin den großen Teil der unbezahlten und gesellschaftlich unsichtbaren Arbeit. In Japan entstand in der Nachkriegszeit eine neue Mittelschicht, in der Männer dem „salary-man“ und Frauen der „full-time housewife“ Rollenverteilung folgten. Dies galt als „Standard-Familienmodell“ und war ein wichtiges sozio-kulturelles Kennzeichen diese Zeit.

Die Beschreibung von Care-Arbeit ist schon oft wiederholt worden, doch ist es notwendig, sie immer wieder anzubringen. Nicht nur für Menschen, die sie nicht ausführen, sondern auch für diejenigen, die sie ausführen, sich aber nicht immer darüber bewusst sind. Care-Arbeit sind einerseits die Tätigkeiten, die in einem Haushalt anfallen: Putzen, Wäsche waschen, Einkaufen, Kochen und so weiter. Diese Arbeit ist unbezahlt. Im Vergleich zur Lohnarbeit ist sie zudem unsichtbar, weil sie kein dauerhaft sichtbares Produkt erschafft, sondern zyklisch einen Zustand immer wieder herstellt – ein Zustand, der zudem als „gegeben“ angenommen wird, die Arbeit dahinter unsichtbar. Doch dazu kommen viele weitere Aufgaben: die Allergien und Arzttermine der Kinder, die Hochzeitsgeschenke der Schwiegereltern (und alle anderen Anlässe), die Vorräte, die Essensplanung, die Hilfe bei den Hausaufgaben, das Aufräumen, das Spielen mit den Kindern, die Einhaltung der Routinen, das Durchsetzen von Regeln, das Flicken des neuen Lochs in der Hose, die Beziehung mit dem Partner, die Gespräche mit den Nachbarn, das Besuchen der Familie und so vieles mehr. Damit erzeugt Care-Arbeit auch langfristige Wirkungen, die gesehen werden müssen: soziale Stabilität, Sicherung der Erwerbsfähigkeit anderer, mentale und physische Gesundheit, Bildung. Der Begriff von Care Arbeit lässt sich im Übrigen auch auf andere Bereiche ausweiten, beispielsweise, wenn es immer die Frau im Meeting ist, die das Protokoll führt, oder immer die Frau ist, die Terminerinnerungen rausschicken muss. (Mit genau dem gleichen Stilmittel – mit der endlosen, viel zu detaillierten Aufzählung – arbeitet Kanai übrigens auch in ihrem Buch. Es stellt dar, dass die Aufgaben so vielfältig sind, dass sie nicht leicht subsumiert werden können, bzw. gab es vor „Care Work“ keinen Begriff dafür, der alles mit einschließt.)

Wo bewegen wir uns hin? Obwohl Care-Arbeit heute sichtbarer diskutiert und erforscht wird, ist sie praktisch weiterhin sehr ungleich verteilt. Viele Frauen und andere Menschen arbeiten daran, Care-Arbeit sichtbarer werden zu lassen. Gleichzeitig gibt es natürlich auch Strömungen, die ein idealisiertes, überspitztes Bild der Fünfziger-Jahre-Upperclass-Hausfrau romantisieren und teils in einem politisierenden Kontext einsetzen. Auch wenn eine Frau die Care-Arbeit vollständig ableistet (was im Übrigen völlig in Ordnung ist, solange sie dies wirklich möchte), darf sie nicht darunter leiden. Dazu zählen auch Abhängigkeitsverhältnisse und spätere Folgen wie z. B. geringere Rente, was ein Staat lösen muss, und kein einzelner Haushalt. Solche Veränderungen dauern, denn Staaten sind seit Jahren auf die Ausnutzung von unbezahlter Care-Arbeit ausgelegt (gewesen). Doch schlussendlich profitieren alle von gerecht verteilter Care-Arbeit, auch Staat und Arbeitsmarkt. Vor allem jedoch die Menschen selbst. Besonders Frauen bekommen damit die Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen, ohne dabei zusätzlich die gesamte Care-Arbeit übernehmen zu müssen.

Ich erinnere mich an einen Satz aus Virginia Woolfs Roman „Ein Zimmer für sich allein“: „Wir haben die eintausendsechshundertdreiundzwanzig Millionen Menschen, die laut Statistik derzeit auf der Erde leben, geboren, ernährt, gewaschen und erzogen […]“


Hier gibt es eine Kolumne der taz zum Thema Care Arbeit
ISBN: 978-3-518-22556-1

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