Inhalt
Österreich, 1937. Franz Huchel verlässt sein Heimatort in Nußdorf am Attersee im Salzkammergut und geht nach Wien, um zu arbeiten. Bei einem Freund seiner Mutter beginnt er eine Lehre in der Trafik. Dort lernt er die Zigaretten, Zigarren und Zigarillos auseinander zu halten. Und natürlich fängt er auch an, Tag für Tag all die Zeitungen zu lesen. Eines Tages begegnet ihm Sigmund Freud, sie freunden sich an. Außerdem verliebt sich Franz in die Varietétänzerin Anezka. Doch die Zeiten stehen schlecht für Wien und seine Bevölkerung. Der Roman beschreibt die Übernahme der Nationalsozialisten über die Stadt detailreich und eindrücklich in scheinbar alltäglichen Situationen. Die Veränderung des Klimas der Stadt ist aus der Luft zu greifen. Für Franz bedeutet das eine Veränderung in all einen Beziehungen – zu Anezka, zu Freud aber auch zur Trafik selbst.
Über den Autor
Robert Seethaler wurde 1966 in eine Arbeiterfamilie in Wien geboren. Er hat eine angeborene Sehbeeinträchtigung, weswegen er mehrmals in jungen Jahren operiert wurde. Zunächst übte er verschiedenste Tätigkeiten aus, bis er schließlich die Schauspielschule am Wiener Volkstheater besuchte und in verschiedenen Filmen und Aufführungen zu sehen war. Aus einem ausgezeichneten Drehbuch ergab sich sein erster Roman. Es folgten weitere Romane. „Der Trafikant“ steht seit 2017 auf der Liste der Pflichtlektüre für das Abitur in Baden-Württemberg und Nordreim-Westfalen. Einige seiner Bücher wurden wiederum für das Theater adaptiert. Heute lebt Seethaler in Wien und Berlin.
Hyperlokaler Einzelhandel
Ein besonderer Reiz des Romans liegt im Handlungsort: der Trafik, ein Fachgeschäft für Tabakwaren und Presse. Ein Ladenformat, das außerhalb von Österreich wohl kaum existieren dürfte. Das Format geht auf Kaiser Josef II. zurück, der das Tabakmonopol verstaatlichte und die Verkaufsstellen gezielt an Kriegsveteranen und Kriegswitwen vergab. Auch heute noch werden die Trafiken vorsätzlich an Menschen mit Behinderung vergeben, um Menschen die größere Hürde am Arbeitsmarkt haben, eine stabile Lebensgrundlage ermöglichen zu können.
Regionalspezifische Formen des Einzelhandels gibt es allerdings auch noch in anderen Ländern. Ein Beispiel dafür sind Sari-Sari-Shops in den Philippinen, die als endemisch bezeichnet werden und Mikro-Einzelhandel für akuten Bedarf und sozialen Treffpunkt darstellen. Diese Arten von hyperlokalen, familiär geführten Läden, die oft direkt ans Wohnhaus angebunden sind, gibt es in ähnlicher Form in vielen Ländern der Welt. Auch in Deutschland gab es mal etwas Vergleichbares: den Tante-Emma-Laden. Festzuhalten bleibt an dieser Stelle, dass gerade in diesen lokalen Spielräumen weit mehr verhandelt wird als Ware: Es geht um Nähe, Vertrauen, Information und Zugehörigkeit. Und genau das wird in „Der Trafikant“ sichtbar.
Einen weiterführenden Artikel zu wo es um den Einfluss des Sozialkapitals von lokalem Einzelhandel gibt es hier (englisch).
ISBN: 978-3-0369-5909-2