vonDarius Hamidzadeh Hamudi 10.02.2026

Zylinderkopf-Dichtung

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Sedalia. Scott Joplin flanierte durch die Ohio Street zum Theater. Über ihm kreuzten sich Drähte der Telegrafen-Masten mit den Stromleitungen und bildeten ein loses Geflecht. Es dämmerte. Abends waren weniger Kutschen und Pferdefuhrwerke unterwegs. Ein paar Jugendliche umringten und begleiteten Scott, seine Klavierschüler. Sie waren traurig, denn schon am nächsten Tag würde ihr »Master« Sedalia verlassen und nach St. Louis ziehen, in die Nähe seines neuen Verlegers. Und auch Scott wurde ein bisschen melancholisch. In Sedalia war er im Maple Leaf Club als Entertainer aufgetreten, war mit der Queen City Cornett Band durch die Straßen marschiert, hatte das George R. Smith College besucht und seinen »Maple Leaf Rag« immer weiter verfeinert, bis er schließlich John Stillwell Stark als Verleger gewonnen hatte.

Später erzählte man sich, der große Scott Joplin habe zur Präsentation in Starks Musikgeschäft einen kleinen Jungen mitgebracht, der zum Klavierspiel des Komponisten getanzt habe. Auch wenn der Verkauf nur schleppend anlief – Scott war sicher, dass das Stück ihn berühmt machen würde. Deshalb hatte er sich einen Anwalt gesucht, um einen Vertrag auszuhandeln. Er wollte unbedingt am Erfolg beteiligt werden. Die Rechte an »Original Rags« hatte er noch pauschal für ein paar Dollar verscherbelt. Das würde ihm nicht noch einmal passieren. Und tatsächlich sollte er Recht behalten. Denn über die Jahre würde sich das Notenblatt mehr als eine Million Mal verkaufen. Einen Cent erhielt Scott pro verkauftem Ememplar. Dafür bekam man damals eine Tageszeitung wie die New York Tribune.

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Wie oft war Scott durch die Geschäftsstraße geeilt, ohne sich umzusehen, weil er rechtzeitig irgendwo zu erscheinen hatte. Doch an seinem letzten Abend schritt er beinahe feierlich über die Hauptstraße und freute sich über die vielen bekannten Gesichter. Da waren Mitglieder aus seiner Kirchengemeinde, die er nur flüchtig kannte, und zwei Prostituierte aus Bordellen, in denen er nächtlang Klavier gespielt hatte. Sie alle wussten nicht, dass er fortgehen würde. Und dann kamen ihm ausgerechnet zwei alte Kollegen aus der Queen City Cornett Band entgegen. Was für eine Freude! Die wussten natürlich Bescheid und machten sich einen Spaß daraus, Scott zunächst bewusst zu übersehen, wie es manche Weißen stets zu tun pflegten. Die nachgeholte Begrüßung fiel dann umso herzlicher aus. Zu Scotts Ehren hattte die Queen City Cornett Band den »Maple Leaf Rag« ins Repetoire aufgenommen und dem »Master« versprochen, das Stück auch dann noch zu spielen, wenn er nicht mehr mit seinen Jungs durch die Straßen paradierte. Er hatte sehr viel von ihnen gelernt. Jedes einzelne Bandmitglied war ein brillanter Musiker.

Irgendwann waren sie am Theater angekommen. Scott versprach seinen Schülern, sie eines Tages in Sedalia zu besuchen, und nahm ihnen im Gegenzug das Versprechen ab, weiter fleißig zu üben. Als er ihnen nachblickte, kam ihm auf einmal seine Mutter in den Sinn: Florence Joplin. Sie hatte für ihn Banjo gespielt und gesungen – das waren seine frühesten Erinnerungen. Und dann war da dieser Ohrwurm, der Refrain eines Salonstücks, das er vor Jahren an der Ostküste veröffentlicht hatte: »A Picture of Her Face.« Ein Lied über Dankbarkeit, darüber, wenigstens ein Bild einer Verstorbenen zu besitzen. Der wehmütige Klang des Stücks traf genau seine Stimmung an diesem Abend. Ein Foto seiner Mutter hatte Scott natürlich nie besessen. Sie hatte zu viel gearbeitet und zu wenig verdient, als dass der Gedanke an einen Fotografen je für sie infrage gekommen wäre.

Die Melodie ließ ihn nicht los, als er das schmuckvolle Gebäude betrat und den Aufgang für Schwarze nahm, um seinen Platz auf der Galerie einzunehmen. Parkett und Logen waren weißen Zuschauern vorbehalten, die Schwarzen mussten sich mit den billigen Plätzen auf den Rängen begnügen. Doch obwohl Joplin weit entfernt von der Bühne saß, war er der Musik und der Kunst näher als die gut betuchte weiße Oberschicht in den vorderen Reihen. Die Opernklänge waren getragen und feierlich. Es war die Art von Musik, die sein alter Klavierlehrer Julius Weiß als kulturell hochstehend, aber etwas gestrig bezeichnet hätte. Undenkbar wäre es gewesen, an einem weihevollen Ort wie diesem schwarze Musik, gar Ragtime zu spielen. Wenn eines Tages eine solches Werk an einem Ort wie dem Opera-House in Sedalia erklänge, könnte der Ragtime sein miserables Image als Bordellmusik abstreifen.

Scott entschied, eine Ragtime-Oper zu komponieren.

 

Cover der Sheet-Music-Ausgabe aus dem Jahr 1899 

 

Das Musikstück: »Maple Leaf Rag« (1899)

Scott Joplin hat seinen Maple Leaf Reag auf einer Piano Roll selbst eingespielt. Dabei handelt es sich um eine Lochkarte, die auf einem Pianola-Klavierautomat abgespielt werden kann. In Scott Joplins ehemaligen Wohnhaus in St.Louis/Missouri wurde ein Museum eingerichtet, ein wichtiges Exponat ist ein solcher Klavierautomat. Auf YouTube findet sich ein sehenswerter kurzer Film, der Eindrücke aus dem Scott Joplin-Museum zeigt, während auf dem Klavierautomat Scott Joplins Aufnahme des Maple Leaf Rags erklingt. Hier ist der Link.

Über die Serie: Ragtime Stories – Variationen über Scott Joplin

Ragtime Stories erzählen kurze Episoden aus dem Leben von Scott Joplin. So entsteht nach und nach eine literarische Biografie über den us-amerikanischen Komponisten und seine Zeit. Die einzelnen Folgen tragen Titel von Scott Joplins Musikstücken und ergeben somit auch eine kleine Werkschau des bedeutenden Musikers.

Links und Literatur

  • Cover der Sheet Music Ausgabe (1899), gemeinfrei/ US public domain via Johns Hopkins Sheridan Libraries & University Museums.
  • Link zur Aufnahme aus dem Scott Joplin House State Historic Site in St.Louis/Missouri (YouTube).
  • Edward A. Berlin: King of Ragtime, Oxford University Press 2014, Chapter 3/5.
  • Das Artikelfoto ist eine eigene Bildcollage:
    • Foto von Scott Joplin (1903) in der Wikipedia (gemeinfrei)
    • Seite 1 der Original-Partitur des Maple Leaf Rag via Johns Hopkins Sheridan Libraries & University Museums.
    • Typografie teilweise mit künstlicher Intelligenz generiert.

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