31.08.2006 von Helmut Höge
Heute hat mich doch glatt ein Praktikant gesiezt. Das ist eines der vielen Zeichen, dass es mit den alternativen Duz-Betrieben langsam zu Ende geht – d.h. dass das schlechte Ganze langsam nach innen zuwächst, dort, wo man einst die “homogene Welt” aufgerissen hat. Medienbetriebe sind aber wahrscheinlich ganz besonders versucht von dieser Kapitulation – in der sogenannten sich globalisierenden “Informations- und Dienstleistungsgesellschaft”.
Als erstes ging der Radiosender 100,6 perdu, wo viele von uns kostenlos mitgearbeitet hatten: Es gab mehr Autoren als Zuhörer bei diesem Sender. So ähnlich wie beim Kassler Offenen Radio, das uns im Frühjahr 2006 einlud, um über einen lamarckistischen “Anti-Darwinismus” zu diskutieren – wahrscheinlich zur Abwehr jeglichen neodarwinistischen Verschwindens.
Der unangenehmste Mitarbeiter bei Radio 100 – Thomas Thimme – mendelte sich dort irgendwann zum Geschäftsführer heraus – und versuchte, ein Geschäft daraus zu machen. Zuletzt schrieb uns ein Finanzgericht an und fragte, ob wir als Autoren… weiter lesen
30.08.2006 von Helmut Höge
“Man gönnt sich ja sonst nichts,” sagen die alleinstehenden Männer – wie zur Entschuldigung. Dabei sind diese Etablissements über die Feiertage immer besonders öde, vor allem Weihnachten – selbst das gemütliche Landbordell “Casablanca”. Es liegt etwa 20 Kilometer von Birstein entfernt in Richtung Schlitz – abseits der Bundesstraße in einem Wäldchen, weswegen es dort so gut wie keinen Durchgangsverkehr gibt, d.h. es lebt vorwiegend von seinem Stammpublikum. Und das sind in der Mehrzahl Bauern bzw. Nebenerwerbslandwirte. Der Besitzer, Adi, spricht von einem “Insidertreff” , aber das ist Unsinn, denn in Wirklichkeit haben die “Mistbauern”, wie Alice sie nennt, bloß die meisten anderen Gäste vergrault – selbst die wenigen Knechte, die es in der Gegend noch gibt, erst recht die Saisonarbeiter: Polen und Rußlanddeutsche. Die sollen mit ihren Hungerlöhnen nämlich nicht mitbekommen, welche Unsummen die Bauern im Cacablanca verballern – wenn es sie mal wieder “juckt”, wie sie das nennen. Einer,… weiter lesen
29.08.2006 von Helmut Höge
Grad traf ich mich im taz-café mit zwei “Wildcat”-Redakteuren, von denen der eine auf der Suche nach Kollektivierungsprozessen in Ostelbien unterwegs war. Mich wollten sie sprechen, weil ich in der Wende in einer LPG gearbeitet hatte und auch noch lange danach, eigentlich bis heute, mich für das Schicksal der umgewandelten LPGen interessiert habe. Zunächst sprachen wir jedoch über westdeutsche Landkommunen, wobei wir auf den “Vogelsberg” kamen. Dort entstanden in den Siebzigerjahren besonders viele. Es gab in den frühen Achtzigerjahren sogar mal eine Suhrkamp-Studie über die Revitalisierung der hessischen Dörfer – einmal durch reiche Selbständige, die aufs Land zogen und zum anderen durch die gebildete aber eher arme Jugend, die sich dort in Bauernhäuser einmietete. Die hessischen Dorfsoziologen erwarteten sich gerade von dieser “Scene” eine Wiederbelebung der “ländlichen Strukturen”. Damals mußte in jeder Sozialstudie das Wort “Struktur” auftreten, so wie heute das Wort “Projekt”.
Gestern war hier bereits von zwei Vogelsberger… weiter lesen
28.08.2006 von Helmut Höge
Im Vogelsberg wimmelt es nicht nur von Schriftstellern, sondern auch von Künstlern. Im Folgenden erzählen drei, wie sie sich von Auftrag zu Auftrag durch die Region arbeiten:
L.: Ein Auftrag, auf den ich lange hingearbeitet habe, war die Bemalung der Trennwand in der Radmühler Diskothek vom Eier-Schleich. Als ich das erste Mal hinkam, war das da grad so auf der Kippe: dort haben sie noch Foxtrott getanzt und in Frankfurt fingen sie just damit wieder an; so wie man anderswo keine Tramper mehr mitnimmt und in Oberhessen noch nicht. Mit der Zeit bin ich dann mit den drei Töchtern vom Eier-Schleich ins Gespräch gekommen, die machten die drei Theken in der Disko und versuchten ansonsten, alle möglichen Moden und Trends dort reinzuziehen, den Schuppen also modern durchzustylen, aber der Vater behielt zäh die Oberhand, so dass sie sich immer nur punktuell oder in irgendwelchen Ecken, laufend werden neue angebaut, verwirklichen… weiter lesen
27.08.2006 von Helmut Höge
Es gibt wohl kam eine Region in Deutschland, die besser erforscht ist als dieser einst von der Kindersendung “Mischmasch” ermittelte “Mittelpunkt der BRD”, der im Osten an das Fulda Gap grenzt, im Südosten an Peter Engstlers einmal jährlich auf der Jungviehweide stattfindenden Rhönputsch und im Südwesten an Gelnhausen, der malerischen Kleinstadt mit den meisten Geschenkboutiquen Deutschlands.
Der Vogelsberg ist also nicht, wie Illies Junior und der Weltredaktor meinen, terra incognita, im Gegenteil: Hier kann so gut wie niemand die Tinte halten, wenn der Nordwestwing um die holzverschalten Häuser heult. Mathias Horx siedelte hier, in Bobenhausen II, einst seine ersten utopischen Romane an, östlich davon nahm laut Jörg Schröder die äußerst schriftsatzproduktive westdeutsche Friedensbewegung ihren Anfang, Micky Remann bedichtete dieses Mittelgebirge in seiner “Kammlagenkritik” ebenso wie Albert Sellner , dessen Langpoem Eingang in das bereits erwähnte Rotbuch “Vogelsberg” der Agentur Standard Text fand. Auf der anderen Seite des Hoherodskopfs schrieb derweil… weiter lesen
27.08.2006 von Helmut Höge
Der Schlitzer Limnologe Joachim Illies soll angeblich am Vogelsberger Wasser religiös geworden sein. Das Gegenteil passierte – ebenfalls wegen Wasserproblemen – dem Vogelsberger Maler Karl Möller: er wurde immer aktivistischer – geradezu areligiös. Hier ein Prozeßbericht dazu:
“Vogelsberg nimmermehr, geb’ ich für Geld dich her, laß nicht von dir …” So lautet ein bekanntes Vogelsberg-Lied (wiederabgedruckt in “Menschen am Fluß … wie lange noch?” Hamburg 1985) Weil die Stadt Frankfurt sich seit Jahren ihr Brauchwasser aus dem Vogelsberg rauspumpt und etliche umweltbewußte Vogelsberger sich dagegen – ebenfalls schon seit Jahren – zur Wehr setzen, deswegen wurde der Liedtext mit in das e.e. Buch von Inge Kramer und Günther Zint aufgenommen. Auf Seite 8 heißt es dazu: “Der Kampf um das kostbare Naß wird zuweilen mit harten Bandagen ausgetragen”. Der Text des Vogelsberg-Liedes legt es bereits nahe: Diese oberhessischen Mittelgebirgsbewohner scheinen sich besonders hartnäckig an ihre Scholle zu krallen. Einmal prozessierte… weiter lesen
27.08.2006 von Helmut Höge
In Schlitz war ich nur einmal. Das war, als wir Gisela Brückl von der US-Frankfurter Werbeagentur McCann-Erickson zu einem “Reiterfest” in diese “Perle am Rand des Vogelsbergs” begleiteten, wo sie einen “Funkspot” für “American Express” aufnehmen wollte – mit dem Ehrengast des Festes, den Olympiareiter Fritz Tiedemann. Die alte Gräfin, die dort noch immer im Schloß wohnte, eröffnete die feierliche Angelegenheit: “Willkommen in meinem kleinen Schlitz!” sagte, ja brüllte sie geradezu über das zu laut eingestellte Mikrophon. Wir mußten darüber so lachen, dass Gisela, die schon alles mit Fritz Tiedemann abgesprochen hatte – und gewissermaßen Tonbandgerät bei Fuß stand, uns böse ankuckte, woraufhin wir nur noch leise gniggerten. Jeder American Express Funkspot beginnt mit dem Satz “Hier spricht…” und dann folgt das Statement eines Prominenten, Gisela begann jedoch diesmal – aus Nervosität oder Zerstreutheit – mit dem Satz “Hier spritzt Fritz Tiedemann!” Wieder brachen wir in Lachen aus. Errötend wandte… weiter lesen
25.08.2006 von Helmut Höge
Im Zuge der Geflügelpest-Hysterie, die nur ein kleines Aufschäumen in einer ununterbrochenen Kette von von oben inszenierten Hysterien war – nach Rinderwahnsinn, Sars, 11.9., Anthrax, Saddam-Hitler, Irak-Atombombe und vor den Propangasflaschen-Bombern – kam es in einer Charlottenburger Parkanlage nächtens zur Tötung von drei Schwänen. Wahrscheinlich hatten zwei oder mehr junge Leute unter dem Einfluß von Alkohol sie mit Stöcken erschlagen. Sie verknüpften dabei ihre eigene Gesundheitsvorsorge mit dem Schutz des ganzen Gemeinwesens vor einer tödlichen von Vögeln übertragbaren Seuche. Sie handelten also ebenso gewissenhaft wie nachhaltig. Und das genau machte sie zu kleinen miesen faschistischen Drecksäcken!
Gestern stieß ich beim Spazierengehen am Urbanhafen auf einen toten Schwan, keiner beachtete ihn, ich auch kaum, nur dass ich kurz kuckte, ob auch er erschlagen wurde oder ob er eines quasi natürlichen Todes gestorben war. Die verdummungsfördernde Hysterie hatte sich bereits anderen vermeintlichen “Gefahren” für Volk und Nation zugewandt. Noch vor acht Wochen… weiter lesen