Archive for November, 2010

29.11.2010 von Helmut Höge
blogavatar

Regionalkrimis (15): “Shakespeare der Popkultur – Thomas Pynchon” (Die Welt)

von Helmut Höge

Surf-Break am Strand von Malibu


Seltsam:

Es mehren sich die Regionalkrimis, in denen aufs Land gezogene Ehepaare oder einzelne Intelligenzler aus der Stadt – mit Eso-, Bio- und Hippie-Neigungen – einfach ermordet werden. Zu den Opfern gehören nicht selten auch auf dem Land investierende Unternehmer und Aktionen unternehmende  Umweltschützer, die im Zusammenhang eines “Großprojekts” zu Gegnern wurden. Diese Romane könnte man auch zu den “Dorfkrimis” zählen, ein Genre, das  umgekehrt proportional zum “Sterben der Dörfer” anzuschwellen scheint. Oft haben die ermordeten Städter ein Geheimnis, auf das die Ermittler erst einmal kommen müssen – um weiter zu kommen. Und viele  Ermittler kommen selbst aus der Stadt bzw. lassen sich in ihr Heimatdorf abkommandieren, um den dortigen “Fall” zu lösen. Manchmal sind es aber auch einfach die Nachbarn, die intellektuell und neugierig genug, den Täter ermitteln. Wenn sie sich dabei zu blöde anstellen, wird der Leser unmutig. Immer… weiter lesen

24.11.2010 von Helmut Höge
blogavatar

Tatort Buchladen

von Helmut Höge

Passend zu seiner Titelstory über den neuen deutschen Herbst: “Terror-Alarm in Deutschland” bringt das ehemalige Nachrichtenmagazin “Der Spiegel” heute einen langen Nachdruck der schärfsten Stellen aus dem anonymen Bestseller des Nautilus-Verlags: “Der kommende Aufstand”. In der Vorbemerkung heißt es: “‘Der kommende Aufstand’ ruft tatsächlich zu Sabotage, Subversion und auch Gewalt auf”. Die FAZ  sprach von dem “vielleicht wichtigsten revolutionären Buch der letzten Zeit”, ein US-Fernsehkommentator nannte es das “möglicherweise böseste Buch” was er je gelesen habe. Der reichste Mann der Welt, Waren Buffett beruhigte ihn – in seinem Investorenrundbrief: “Wenn Klassenkampf geführt wird, gewinnt meine Klasse klar.” Die taz schätzte das in allen möglichen Sprachen übersetzte Pamphlet “Der kommende Aufstand” als üblen “Revisionismus” ein, gestützt auch noch auf den Naziphilosophen Carl Schmidt, und kritisierte die “elitäre Revoluzzer-Pose” der anonymen Autoren, die sich “unsichtbares Komitee” nennen. In der vergangenen Woche war “Der kommende Aufstand” bereits Thema auf einer Veranstaltung der… weiter lesen

22.11.2010 von Helmut Höge
blogavatar

Networker/Netzarbeiter

von Helmut Höge

Netzwerker – zu Lande

- zu Wasser

- und in der Luft

“Network is a purely conceptual tool,” meint Bruno Latour. So etwas Ähnliches wie “Konzeptkunst”? Oder betreiben wir Projektemacher das Networking konzeptmäßig? Das Netzwerk ist laut Latour “what allows you to trace but it’s not what is traced”.

Zur Genealogie des Begriffs hat unlängst der Siegener Medienprofessor Erhard Schüttpelz Erhellendes beigesteuert:  Ursprünglich waren mit dem “Netzwerk” Infrastrukturen wie die Strom- und Wasserversorgung gemeint – und es ging mit dem Begriff darum, die diesbezügliche Technik zu standardisieren: Von 1900 bis etwa 1930 “ist das makrotechnologische ‘Netzwerk’ nichts als ein materielles ‘Objekt’ der Organisation, das entsprechende ‘Subjekt’ sind große Firmen, Institutionen und vor allem der Betrieb durch ‘Systeme’. Das Eisenbahnnetzwerk etwa, das waren die Schienen, Weichen, Gleise, Bahnhöfe und Signalapparate, aber nicht die Eisenbahngesellschaft.”

Etwa seit dem Zweiten Weltkrieg wird mit dem Begriff “Netzwerk”  aber… weiter lesen

21.11.2010 von Helmut Höge
blogavatar

Sonntag, 21. November

von Helmut Höge

Heute haben wir den UNO-”Welttag des Fernsehens”. Dazu gibt es einen wunderbaren Film über das Berlusconi-Fernsehen in Italien von Erik Gandini: “Videocrazy”. Er müßte demnächst auch auf Arte gezeigt werden.

Heute begehen wir aber hierzulande erst einmal, wie immer mit eingezogenen Schultern, den “Totensonntag”. Während man in Burma, wo jetzt Vollmond ist, nach oben kuckt – und den Leuten dabei ganz kühl ums Herz wird. Eher heiß geht es dagegen in Saudi-Arabien beim heutigen “Opferfest” zu.  Während am gleichen Tag in Indien der Geburtstag des Gurus Ravidas ziemlich nachdenklich gefeiert wird, zudem auch “nur regional”, wie der Kalender am 21.November hinzufügt.

All dies sieht man auf den vier Pollerphotos aufscheinen, die mir eben  von Anneliese und Peter Grosse geschickt wurden. Ich gehe davon aus, dass sie an diesem sonnigen Novembersonntag einen Tagesausflug mit dem Auto durch die norddeutsche Tiefebene zwischen Dithmarschen,  Bremen und darüberhinaus unternahmen und die Photos ein Teil… weiter lesen

21.11.2010 von Helmut Höge
blogavatar

Integration – ein Kampfbegriff

von Helmut Höge

Demo 1 (Frankreich)

Es ist nicht lustig, dass dieser  lamarckistische Begriff “Integration” jetzt ausgerechnet für darwinistische Politik herhalten muß. Er bezeichnete bei den Lamarckisten (auch “Lamarxisten” in Russland genannt) die Vererbbarkeit  von Lernerfahrungen. Peter Rühmkorf seufzte: “Ach, könnte man doch auch angelesene Eigenschaften vererben!” So etwas geht, braucht aber viel Zeit, deswegen dauern diesbezügliche Zuchtexperimente – mit Amphibien und Reptilien beispielsweise – Jahrzehnte. Ein Musterbeispiel für gelungene Integration bereits in der ersten Generation vermeldete jetzt eine Braunschweiger Internet-Agentur: In der Nähe von Göttingen hatte sich ein junges Wildschwein einer Rinderherde angeschlossen. “Der kleine ‘Freddy’ war der Galloway-Herde zugelaufen. Offenbar hatte er seine Mutter verloren und Anschluss gesucht – und dabei die Rinder von Bauer Bodo Bertsch ausgesucht. Anfangs hatten ihn noch einige Kühe abgewiesen, doch inzwischen ist Freddy in der Herde akzeptiert. Seitdem zieht das kleine Wildschwein mit den Rindern über die Weide, frisst Gras und wird von einer… weiter lesen

19.11.2010 von Helmut Höge
blogavatar

Barrikaden oder Hürden? Bürgerinitiativen

von Helmut Höge

3 Signets von Bürgerinitiativen

“Bürger laßt das Gaffen sein. Springt herunter, reiht euch ein!” riefen die Studenten 1968ff den von Balkonen aus zuschauenden Westberlinern zu. Heute ist es umgekehrt: Die “Bürger” demonstrieren – und die Studenten sind grad noch “solidarisch”. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendwo zwischen Garmisch-Partenkirchen und Flensburg eine neue “Bürger-Initiative” (kurz: BI) gegründet wird – meistens gegen ein sogenanntes “Großprojekt”, das ein “Großinvestor” ihnen vor die Nase knallen will.

Oder sie organisieren sich  umgekehrt  für den Erhalt eines Gebäudeensembles, das einem “Großprojekt” weichen soll bzw. Ferner für wegen “leerer Kassen” von Schließung bedrohte Institutionen – wie die Theater in Flensburg, Hagen und Wuppertal, wo “Tausende gegen die Schließung protestierten”. Anderswo richtet sich der Widerstand  gegen “Schwimmbadschließungen” (in Essen und Dudweiler) oder gegen die Schließung der Hälfte aller Bahnhöfe (in Sachsen-Anhalt z.B.) bzw. gegen ihren Abriß  (wie in Stuttgart). In Berlin möchte… weiter lesen

18.11.2010 von Helmut Höge
blogavatar

Schuld und Bühne

von Helmut Höge

Vergib uns unsere Schulden/Ein Kongreßbericht:

In dem noch von der DDR gegründeten Berliner Zentrum für Literatur- und Kulturforschung (ZfL) wurde das Projekt “Generationen in der Erbengesellschaft” mit einer Tagung über “Transgenerationale Übertragungen”  abgeschlossen. Die Institutsleiterin Sigrid Weigel sprach zuletzt über “Die Schuld der Schulden”. Dabei ging es um die Umwandlung deutscher “Entschädigungen”, die von den Kindern der im nationalsozialistischen Krieg schuldig gewordenen Eltern gezahlt wurden, in die heutige “Staatsverschuldung”, die diese Generation jetzt  gegenüber ihren Kindern und Enkeln schuldig macht. Das ist der Hintergrund der Rede von der  “Generationen-Gerechtigkeit”. Sigrid Weigel sprach von einer “transgenerationalen Ökonomie”. Diese gehe in ihrer heutigen Form auf die Französische Revolution zurück: In Opposition zum Erbrecht des Ancien Régime hieß es 1793 in der “Deklaration der Menschenrechte”: Keine Generation habe das Recht, “eine zukünftige Generation den eigenen Gesetzen zu unterstellen”. Die “Produktion von Zukunft, das Recht der Jugend und das Erbe –… weiter lesen

13.11.2010 von Helmut Höge
blogavatar

Auf metaphorischen Flössen/ Kurzurlaub im Hyperrealen

von Helmut Höge

“Flieht auf leichten Kähnen!” (Georg Trakl)

Lange Zeit hat mich das “Floß” bloß als Metapher tangiert. Bereits in der Volksschule in Bremen bekamen wir eine Broschüre, mit der man uns in Form einer Abenteuergeschichte davor warnen wollte, aus Ölfässern ein Floß zu bauen, um damit die Weser abwärts zu fahren. Die beiden Jugendlichen Protagonisten, die das taten, wären dabei um ein Haar in die Nordsee abgetrieben worden.

Später lernten wir im Englischunterricht anhand der Metapher “Constructing one’s own raft” – Das Floß selber bauen, dass und wie man auf gut Amerikanisch sein eigenes Leben in die Hand nimmt, in den Griff kriegt…

Dann erschien in den Achtzigerjahren das Merve-Buch “Ein Floß in den Bergen” des Antipsychiaters Fernand Deligny und 20 Jahre später im Verlag Peter Engstler: “Ein Leben mit dem Floß” von Delignys Mitarbeiter Jacques Lin. Das waren ganz andere Floßgeschichten: “Chroniken eines Versuchs” mit autistischen Kindern… weiter lesen

12.11.2010 von Helmut Höge
blogavatar

Gemeineigentum/Allmende/Common

von Helmut Höge

Nur durch Poller lassen sich Klassenkämpfe verhindern

Am Samstag fand im “Festsaal Kreuzberg” im Rahmen der “Marx Herbstschule” eine Diskussion mit Stefanie Hürtgen, Robert Kurz und Ricardo Bellofiore statt – zum Thema: ” Klasse und Krise: Wie geht es weiter” Kurz ging von der Kapitallogik aus und setzt weiterhin auf die Krise, er erwartet in absehbarer Zeit eine neue – weltweite: “Wer nicht mehr an die objektive innere Schranke des Kapitals und seiner Akkumulation glaubt, der kapriziert sich nur noch auf die Widersprüche in der Zirkulationssphäre”. In diesem Zusammenhang kritisierte er die “Restlinke”, dass sie nach dem Zusammenbruch des Sozialismus keine systemüberschreitenden Perspektiven mehr wage (zu denken). Stefanie Hürtgen dachte demgegenüber von der Arbeit aus: die “Kontinuitätserfahrung” der Menschen sei aufgrund der anhaltenden Prekarisierungstendenzen in eine Krise geraten und die Linke befände sich in einer Situation der Schwäche, “noch schwächer als vor der Krise”. Es gelte, Ansatzpunkte… weiter lesen

07.11.2010 von Helmut Höge
blogavatar

Pflanzen pflanzen

von Helmut Höge

Der Prinzessinengarten am Moritzplatz in Kreuzberg


“Der Garten, das war das Einzige, was mich vor dem Verrücktwerden
bewahrt hat. (Ludvik Vaculik über die Zeit nach 1968; ähnlich äußerten
sich auch Bohumil Hrabal, Vaclav Havel und Pavel Kohut)

Der Prinzessinnengarten  - ein sozialökonomisches und – ökologisches sowie auch künstlerisches “Projekt” – hat sich in kurzer Zeit zu einem für viele wichtigen Treffpunkt entwickelt. Die Gartengründer verstehen sich weniger als Gärtner, denn als Kuratoren (“curare” – sich um etwas sorgen). Robert Shaw war oder ist Filmemacher und Marco Clausen Historiker. Ersterer lebte zuvor auf Kuba und begeisterte sich dort für die aus der Not geborenen “Stadtgärten”, letzterer arbeitete u.a. in der Gastronomie. 2008 gründeten sie eine gemeinnützige Firma: die “Nomadisch Grün gGmbH”. Durch Vermittlung des Bezirksbürgermeisters und der Firma “Modulor”, die ein “Kreativ-Kaufhaus” am Moritzplatz errrichtet, gelang es ihnen, vom Liegenschaftsfonds der Stadt für 2300… weiter lesen