30.03.2011 von Imma-Luise Harms
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Das Meer liegt flach ausgebreitet vor der Bucht. Die Felsblöcke im Hafen sind feucht und grün, und die Kaimauer auch. Es kommt Ada so vor, als ob immer Ebbe wäre, jedenfalls immer, wenn sie kommt. Sind die Gezeiten jeden Tag eine halbe Stunde vor oder zurück? Ada hat es vergessen. Es lässt sich wahrscheinlich an den Mondphasen ausrechnen. Wenn sie weiter um diese Zeit kommt, müsste in vierzehn Tagen jedenfalls Flut sein.
Die Stege im Hafen sinken mit dem Wasser ab, und mit ihnen die Schiffe, die daran festgemacht sind. Es sind Segelboote, Motorboote und richtig große Jachten. Für die Fischkutter gibt es eine Extra-Rampe aus Beton, die entlang der Kaimauer schräg hinunter ins Wasser führt.
Am Ufer gehen Rentnerpaare spazieren. Manche haben einen Hund. Weiter hinten ist eine große Fläche planiert. Sie ist von großen aufgehäuften Felsbrocken umgeben. Es sieht so aus, als ob das Hafenbecken bis dahin… weiter lesen
06.03.2011 von Imma-Luise Harms
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Die S-Bahn ist voll. Ich stehe im Gang neben einem Vierer-Abteil. Draußen ist es kalt. Die Menschen stecken in ihren Vermummungen aus Wolle, Vlies und Fell. Ihre Augen sind nach draußen oder in das Dickicht ihrer eigenen Gedanken gerichtet.
Es gibt Blicke, die flüchtig oder verstohlen hin und her wandern. Die Frau, die am Fenster sitzt, beugt sich vor; vielleicht will sie aussteigen und ich kann ihren Platz haben. Nein, sie hat nur etwas aus ihrer Tasche genommen. Ich kann es nicht erkennen, die Sicht auf ihre Hände ist mir verdeckt.
Ich betrachte ihren Kopf von der Seite. Das glatte schwarze Haar ist kupferbraun überfärbt; es ist auf dem Kopf zu einem Pferdeschwanz zusammen gekämmt. Der sich aufspreizende, schwankende Haarbusch ist von einem schwarzen Spitzenband umschlossen, an dem eine große, silberne Rose befestigt ist. Eine Haarlocke ist ausgespart und fällt über das Ohr bis auf den Kragen aus… weiter lesen
03.03.2011 von Imma-Luise Harms

so richtig gut kann man es hier nicht sehen: Da ist (gegenüber dem Bürgermeisterbüro der Stadt Beaufort) ein Stück veputzte Mauer – in der Gegend der jahrhundertealten Natursteinwände eine Seltenheit. Es lässt sich gut darauf kleben und darauf schreiben. Schwach ist noch zu erkennen, dass da “défence d’afficher” stand – Plakate ankleben verboten.
Verbote sind ein Zeichen dafür, dass es eigenmächtige Handlungen gab. Das Verbot wurde nicht beachtet. Der alte Bürgermeister hat noch abkratzen lassen. Der neue Bürgermeister ist ein Liberaler und Internet-sozialisiert: Eigenmächtigkeiten verbietet man nicht, man kanalisiert sie und weiß sie zu nutzen. Die Plakatierungsfläche wird in numerierte Boxen aufgeteilt, die einzeln zu vermieten sind. Das neu und höher angebrachte “Défence d’afficher” heißt jetzt nur noch: erst gegenüber bezahlen.
Aber jetzt bleibt die Wand leer. Zu schlau gedacht vom neuen Bürgermeister. Auch das weiß man aus dem Internet: Bezahlt wird nicht!
25.02.2011 von Imma-Luise Harms
Ich komme an einem Weinfeld vorbei, einem von vielen hier in der Languedoc.
Verwundert sehe ich, dass die Reihen sternförmig von meiner Betrachterinnen-Position in die Weite des Feldes hineingebaut sind. Wie Tortenstücke, vom mittleren Sahnehäubchen aus betrachtet.

Ich gehe weiter und sehe wieder diese Tortenstücke oder: Alleen von Weinstöcken, die direkt auf mich zulaufen.

Und am anderen Feldrand ist es ganz genau dasselbe.

Da stimmt was nicht. Das sind ja dieselben Pflanzen. Sie können sich doch nicht gleichzeitig verschiedenen Betrachtungen in barocker Unterwürfigkeit symmetrisch fügen?
Der Dopplereffekt ist ein physikalisches Phänomen, das man von vorbeifahrenden Feuerwehr-Fahrzeugen kennt. Wenn sie kommen, tönen sie heller, als wenn sie wegfahren. Das liegt daran, dass der Schall mitfährt, also bei dem ersten Wegstück Anschubhilfe hat; beim zweiten Wegstück muss er zurücklaufen, wird also langsamer und der Ton tiefer.
In der Astronomie beobachtet man den Effekt in der Rotverschiebung der Lichtwellen,… weiter lesen
21.12.2010 von Imma-Luise Harms
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Neuerdings kriege ich ein Digi-Abo der taz. Zusätzlich zur papierernen taz, die morgens von Thomas aus der Zeitungsröhre geholt wird.
Mein Heim ist 55 Schritte von Thomas’ Wohnungstür entfernt, und das morgendliche Einholen der Zeitung ist eines seiner Rituale. Es entstand in der Zeit, als Thomas noch davon überzeugt war, das das eigentlich seine taz ist; er hat länger als ich in dem Betrieb gearbeitet und in der Zeit eine Mitarbeiter-taz bezogen. Und die hat man ihm auch nach seinem Ausscheiden – aus Wohlwollen oder aus Versehen – noch Jahre weiter geliefert. Die Zeitungsröhre allerdings hängt vor meiner Tür.
Aus Sorge um den Gummiring
Das separate Frühstück hat Thomas zur Wahrung seiner absolut ungestörten Morgengemütlichkeit durchgesetzt. Und das geht so: Er setzt die Espressokanne auf die Gasflamme. Es dauert ungefähr 3 Minuten, bis das Wasser aufgestiegen und der Kaffee eingelaufen ist. Weitere 3 Minuten vielleicht kann man ihn… weiter lesen
22.11.2010 von Imma-Luise Harms
*(aus Auma Obamas Buch „Das Leben kommt immer dazwischen“, nachträglich eingeschoben von Imma Harms)
Ein feuchter kalter Novembertag auf der Autobahn. Es ist das Jahr 1994. Wir fahren nach Dänemark. Direkt hinter der Grenze liegt die kleine Gemeinde Bov, eine Art Gretna Green, ein Hochzeitsparadies. Ich bin unterwegs, um zu heiraten.
Seit vielen Jahren lebte ich in Deutschland – mit einer auf die Dauer meiner Ausbildung befristeten Aufenthaltserlaubnis. Seit meine langjährige Verbindung mit Karl zu Ende gegangen war, hatte ich keine feste Beziehung mehr. Karl war nicht bereit, mich zu heiraten, um mich vor einer möglichen Ausweisung zu schützen; er hätte nur aus „Liebe“ geheiratet, sagte er mir, die offenbar bei ihm nicht groß genug war. Seit dem schwebte ich immer in der Angst, dass meine Aufenthaltserlaubnis nicht verlängert würde. Ich wollte mein Studium an der Berliner Filmakademie dffb abschließen und hatte zu der Zeit keine Perspektive in meinem Heimatland.
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02.11.2010 von Imma-Luise Harms
Das Oberdeck des 129ers ist hell erleuchtet. Das nächtliche Kreuzberg gleitet draußen schemenhaft vorbei. Zwei Frauenrücken vor mir. Kräftiges, kurz geschnittenes Haar, runde Schultern, die vom wetterfester Mikrofaser bedeckt sind. Das Idiom ist bayrisch. Die beiden Frauen auf der ersten Bank sehen, wenn sie durch die Frontscheibe gucken, vor allem ihr eigenes Spiegelbild. Fröhlich reden sie über Körperfülle im allgemeinen und im besonderen. “Steht ne Frau vor dem Spiegel und fragt: Bin ich schön? Oder bin ich dick? Sagt ihr Mann: Schön dick!”
Auf der Nachbarbank lässt eine junge Frau ihr Buch sinken. Eine dicke Schwarte, so ein nachhaltiger Roman. “Sie müssen sich mal das Buch ‘Denk dich schlank!’ kaufen”, sagt sie. Die Frau ist schwarz angezogen, das blond gefärbte Haar steht strohig vom Kopf. Ein funkelndes Piercing in der Oberlippe. Schwarz umrandete Augen. “Ja, glooben Se mir, das hilft wirklich!”
Die beiden Touristinnen schauen irritiert zu… weiter lesen
14.08.2010 von Imma-Luise Harms
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Nachdem ich die Küchentür repariert und gestrichen habe, baue ich einen baumelnden Mückenschutz ein. Man muss die Tür ja mal auflassen können, auch am Abend, wenn das Licht brennt und das Haus zum Leuchtturm wird, der den Mücken den Weg zum Blute zeigt.
Ich habe die Großaufnahme einer saugenden Mücke gesehen. Wie sie über der angestochenen Haut kniet, ihren meterlangen Rüssel ins Bohrloch einführt, immer tiefer und tiefer versenkt, ekliges Gift einspritzt und dann mit der ganzen Kraft ihres zähen, elastischen Körpers das Blut hochpumpt. Mein Blut.
Auch im Schlafzimmerfenster habe ich ein Netz in den Fensterrahmen gespannt. Unterm Moskitonetz zu schlafen, ist lästig. Bücher oder Getränke vom Nachttisch muss man irgendwie drunter durchfummeln. Nachts muss man sich zum Klogang raustüddeln. Dann ist man nicht sicher, ob es wieder richtig zu ist. Die Mücke summt am Kopf. Ist sie diesseits oder jenseits vom Stoff? Besser nachgucken. Licht… weiter lesen
07.08.2010 von Imma-Luise Harms
Auch allein sollte man die Form waren, am Tisch speisen und nicht vor der Kühlschranktür. Halb acht. Abendbrot. Rest Nudelsalat, Rest grüner Salat, Spiegelei. Glas Rotwein. Platz nehmen. Auf dem Teppich unterm Tisch ertasten meine Füße etwas Weiches. Eine tote Maus.
Ich habe eine Phobie vor toten Tieren. Messer, Gabel, sämtliche Haare stellen sich senkrecht. Schreiend fahre ich hoch. Renne aus der Küche, hole Hilfe beim Nachbarn – Thomas ist verreist. Eine tote Maus unter meinem Tisch! St. grinst: „Ach, fängt Jule noch Mäuse? Ist doch gut!“ Jule ist unsere Katze. St. beugt sich unter den Tisch. Ich stehe in der Ecke, halte mir die Hände vors Gesicht und wimmere. Durch die gespreizten Finger sehe ich, wie die Maus am eigenen Schwanz nach draußen schaukelt und im Bogen ins Gebüsch fliegt. Und ich hab fast draufgetreten!
Das Essen schmeckt mir am Tisch nicht mehr. Ich nehme Teller und… weiter lesen
25.02.2010 von Imma-Luise Harms
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Einer der Umstände, die das Leben auf dem Land so angenehm machen, ist die Fülle an Bedeutungslosigkeit. Die Wolken ziehen dahin, wie von ungefähr. Auf den Feldern liegt eine weiße Schneedecke, die das Auge zum Horizont gleiten lässt. Die Häuser stehen auf ihrem Platz; da verändert sich wenig.
Der große Reichtum an Bedeutungslosigkeit – informationstheoretisch Rauschen genannt – lädt zur inneren Einkehr ein. Man kann spazieren gehen oder einfach dasitzen und in die Landschaft schauen, ohne dass einen etwas behelligt. Deshalb kommen die Städter zur Erholung so gern aufs Land.
Nun muss ich präziser werden. Nur für die Stadt-gegerbten BesucherInnen ist das Land bedeutungslos. Die Wolkenformen deuten auf einen Wetterwechsel, der Wind steht auf süd-südwest. Durch die Schneedecke schaut der Winterweizen; es wird Zeit, dass der Schnee schmilzt. Schulzes haben anscheinend doch eine Baugenehmigung für ihren Dachausbau bekommen.
Das Rauschen ist eine subjektive Kategorie. Wer die… weiter lesen