01.10.2008 von Benjamin Kiersch
Heute morgen, M29, Haltestelle Glogauer Straße. Verträumt halte ich dem Fahrer einen 10 Euro Schein hin – und warte auf mein Wechselgeld. Auch der wartet, ungefähr fünf Sekunden, und fängt an zu berlinern: „Und, wat soll dit werden – Kurzstrecke, Normal oder Tageskarte oder wat? Wennse nüscht sagen, such’ ick mir wat aus.“

Die Fahrscheinvielfalt in Berlin ist für Bolivianer verwirrend. In Cochabamba gibt’s nur einen Tarif in jedem Bus, den man beim Einsteigen bezahlt. Fahrkarten oder gar Abos gibt’s nicht. Jeder bolivianische Busfahrer ist ein Kleinunternehmer, und die Arbeitsbedingungen sind hart. Jeden Tag muss der Fahrer eine Festmiete an den Busbesitzer zahlen, die ungefähr dem Erlös eines Dreiviertelarbeitstages entspricht. Alles, was er darüber hinaus kassiert, ist sein Tagesverdienst. Gibt’s an einem Tag wenig Fahrgäste, kann es sein, dass er den ganzen Tag für lau fährt. Und wenn der Bus kaputt geht, was häufiger vorkommt, gibt es… weiter lesen
13.09.2008 von Benjamin Kiersch
Gestern besuchte ich die nette Dame beim Umzugsunternehmen, das gegenwärtig meine Blockflötenkollektion und anderes Hab und Gut von Cochabamba nach Berlin transportiert, um die letzte offene Rechnung zu begleichen. Beim Abschied sagte sie mir: „Herr Kiersch, ich gebe ihnen noch meine Handynummer, falls Sie noch Fragen haben“. „Nicht nötig, die habe ich doch“, antwortete ich. „Nein, ich habe ab nächste Woche eine neue Nummer – die Firma wechselt von ENTEL zu einem anderen Anbieter.“ Und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: „Wir sind schließlich keine masistas“.

Plünderung des ENTEL-Gebäudes letzten Mittwoch in Santa Cruz: Foto: El Deber
Die Büros der Telefongesellschaft ENTEL – die Evo Morales im Mai diesen Jahres per Dekret verstaatlicht hatte – waren in den letzten Tagen wiederholt das Ziel von Attacken gewalttätiger Gruppen gewesen. In Santa Cruz plünderte der Mob die ENTEL-Zentrale, setzte das… weiter lesen
27.08.2008 von Benjamin Kiersch
Es ist ein kurioses Spektakel, das jedes Jahr zu unterschiedlichen Zeiten an verschiedenen Orten Boliviens stattfindet – diese Woche ist es in Quillacollo zu besichtigen: der Alasitas-Markt. Auf einer Tradition der Aymara beruhend, werden auf dem Markt Miniaturen aller Art feilgeboten: so kann man für ein paar Bolivianos ein Haus, ein Uni-Diplom, ein Auto, Geldbündel oder einen Frisörsalon erstehen. Das Objekt der Begierde wird dann einer Ch’alla unterzogen: mit Kokablättern drapiert, mit Bier Wein oder am besten reinem Alkohol besprenkelt, ein paar brennende Zigaretten und Räucherstäbchen dazugelegt… und schon sind, dank des Gottes Ekeko, der von den Aymara verehrt wird, weil er Reichtum, Fruchtbarkeit und Glück bringt, im nächsten Jahr die Chancen gut, dass sich die Mini-Apotheke in eine echte wandelt.
A propos Fruchtbarkeit: wer eine Familie gründen will, kann im Alasitas-Standesamt schon mal zur Probe heiraten und kriegt eine… weiter lesen
23.08.2008 von Benjamin Kiersch
Es hörte sich nach einem fantastischen Angebot an: Im Juli suchte die Baufirma Cidenbol aus Cochabamba Arbeiter für Bauprojekte einer Partnerfirma – im russischen Rostow am Don. Für nur 5000 US-Dollar, so versprach die Firma, könnten Interessierte einen Reisepass, ein Arbeitsvisum in Russland und ein Ticket nach Rostow bekommen. Dort angekommen, könnten sie für die Arbeit auf der Baustelle 1500-2000 US-Dollar im Monat verdienen, bei freier Kost und Logis.
So machten sich 240 Arbeiter am 20. Juli auf die lange Reise von Cochabamba nach Rostow am Don; viele, nachdem sie einen Kredit aufgenommen hatten, um die Reisekosten aufzubringen.
Die Realität in Rostow freilich sah anders aus als das, was der Geschäftsführer von Cidenbol seinen Mitarbeitern bzw. Opfern versprochen hatte: die Arbeiter aus Cochabamba wurden in einem Haus untergebracht, das nach Aussage von einigen Arbeitern, die mit Familienangehörigen telefonieren konnten, mehr ein Gefängnis als eine würdige Behausung war: jedem wurde eine… weiter lesen