Mehr als der Facebook-Daumen
Blogs können für die Musikkritik das werden, was Punk für den Pop war: die Aufhebung der Schranken zwischen LeserInnen und SchreiberInnen.

Das seit gut zweieinhalb Jahren von mir betriebene Popblog “Monarchie und Alltag” auf taz.de lässt mich zwischen allen Stühlen Platz nehmen: zu meiner Rechten die etablierten Feuilletons und Musikmagazine, auf der anderen Seite privat betriebene Blogs. Zwar wird das taz-Popblog gänzlich autark, also ohne Rückkoppelung mit der Redaktion betrieben, andererseits ist die Außenwirkung wohl doch in erster Linie “taz” und nicht “blog”.
Daraus ergibt sich aber die schöne Möglichkeit, jenseits der Frontlinien Blog versus Presse-Establishment Position zu beziehen und die Grenzen auf der Konfliktlinie Online gegen Print deutlicher zu ziehen. Denn häufiger Fehler aller kulturpessimistischen Analysen über die Blogkultur ist die irreführende Annahme, es gäbe nur den einen Typus des Bloggers oder Blogs.
Was schon für Printredaktionen absurd wäre (oder wer setzt etwa gleiche Erwartungen in ein Süddeutsche-Feuilleton und den “Kultur”-Teil der Bild-Zeitung?), ist aufgrund der nicht vorhandenen Einstiegsschranken in das Bloggertum gänzlich abwegig. So viele Blogs wie Menschen!
Gerade hier bietet sich auch die Chance, den von Sonja Eismann in einer früheren Folge der Debatte zur Zukunft der Musikkritik postulierten Vorwurf zu entkräften, dass Popkritik hauptsächlich aus einer männlichen, weißen, heterosexuellen Perspektive geschrieben würde. Blogs können für die Musikkritik das werden, was Punk für den Pop war: die Aufhebung der Schranken zwischen LeserInnen und SchreiberInnen sowie der Bruch mit allen diktierten Geschmackskriterien.
Das tägliche Klick-und-Häppchentexttraining
Ein viel klareres Unterscheidungskriterium als das zwischen Bloggern und Redakteuren bieten die benutzten Medien an. Allein aufgrund des täglichen Klick-und-Häppchentexttrainings im Netz scheint es im Onlinebereich erheblich schwieriger zu sein, für lange Texte über Bands Leser zu finden. Während bei den Printmedien gute von Schrottpublikationen schon dadurch unterscheidbar sind, ob sie sich in ausreichender Tiefe mit einem Thema beschäftigen, diktiert das Netz Maximallängen. Außerdem ist im Internet durch die direkte Einbindung von Streams oder Downloads die sofortige Überprüfung der gerade gelesenen Kritik – zumindest scheinbar – möglich. Wobei nicht übersehen werden darf: Gerade das kursorische Anhören verhindert, dass komplexere Sounds überhaupt wahrgenommen werden. Ein Klick, ein Don’t-like – im Gegensatz zur ausgiebigen Beschäftigung mit Musik früherer Tage.

We will never again agree on anything as we agreed on Elvis
Der Musikkritik fällt es auf diese Weise im Onlinebereich immer schwerer, Allgemeingültigkeit zu erreichen, die über bloßes Abefeiern des nächsten großen Dings hinausgeht. “We will never again agree on anything as we agreed on Elvis”, schrieb Lester Bangs bereits 1977 und meinte damals noch, dass die Zeiten der alle Schranken übertretenden Künstler vorbei seien – heute liefern sich gerade Musikblogs einen grotesken Wettbewerb, die jeweils neueste Hypeband zu finden und abzufeiern, bis die Künstler schon bei der Veröffentlichung ihres Debütalbums nur noch eine Nachricht von gestern sind. … weiter lesen